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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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–   – orbitur ab ovo.
Horat.

1.

In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer von seinen Urgroßvätern die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte, solang er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete; und von der sogenannten großen Welt war ihm auch weiter nichts bekannt, als was er aus einem sehr nahen Umgange mit gewissen Herren wußte, denen er bei dem Monarchen des Dorfs, in dessen Diensten er fünfzehn mühselige Jahre zubrachte, auf einem zinnernen Teller zu essen und zu trinken überreicht hatte. Doch ein ziemlich glückliches Nervensystem, die kurzweiligen Übungen, wodurch seine Kameraden seinen Verstand und die Gegenwart seines Geistes oft auf eine sehr harte Probe stellten, ein paar abgelebte Bücher, in welchen unter einem Haufen Unsinn doch hin und wieder Spuren anzutreffen waren, aus welchen sich vermuten ließ, daß sie ein Mensch geschrieben haben möchte, und endlich die nachdrücklichen Zurechtweisungen seines gebietenden Herrn hatten ihm so etwas von dem zweideutigen Dinge verschafft, das man gemeinen Menschenverstand zu nennen pflegt. Außerdem hatte er sich noch, ich weiß nicht, wie, so viele Geschicklichkeiten im Lesen und Schreiben erworben, daß sein Herr, der Patron des Kirchspiels, kein Bedenken trug, ihm zu Belohnung der großen Geduld, womit er Ohrfeigen und Ribbenstöße in seinen Diensten ertragen hatte, von den ganzen Nachkommen des Dorfes die eine Hälfte der Seele – denn die andre gehörte dem Herrn Pfarr – und den ganzen Körper anzuvertrauen. Die Orgel konnte er zwar nicht spielen, und überhaupt hatte ihn die Natur in Ansehung der musikalischen Gaben am meisten vergessen; allein die glänzendsten Talente eines Bachs würden an ihm verschwendet gewesen sein, weil das Kirchspiel keine Orgel hatte, und obgleich seit dem Ende des Sukzessionkriegs an allen vier Bußtagen ansehnliche Kollekten dazu gesammelt worden waren, so hatte doch das gesammelte Kapital in den Händen der Kassierer so viele Unglücksfälle erlitten, daß die Gemeine sich noch immer begnügen mußte, sich mit ihrem andächtigen Geschrei nach den Bewegungen zu richten, die sich in dem Gesichte des Schulmeisters und des gnädigen Herrn von Zeit zu Zeit äußerten; denn unter vielen andern Wundergaben hatte zur Beförderung des Gottesdienstes der Himmel diesem lieben Herrn auch einen betäubenden Baß verliehen. Ohne Zweifel aus dieser Ursache hatte das Schicksal, das vielleicht zuweilen weniger, doch selten mehr Fähigkeiten gibt, als man braucht, außer dem Talente zur Musik unserm Herrn Knaut auch die Stimme versagt, und man darf sich daher nicht wundern, wenn für ihn das Leben seines Patrons wichtiger war als für irgendein andres Mitglied der Gemeine. Eine Einnahme von dreißig Gülden war freilich kein reichlicher Ersatz für den Abgang an Kräften, den sein Arm und seine Lunge bei seiner Berufsarbeit täglich erlitt, und ohne die Wunderhülfe eines Kobolds oder andern dienstfertigen Geistes scheint es nicht sehr begreiflich, wie er nebst einem zahlreichen Ehesegen von neun Kindern nicht verhungern mußte. Inzwischen war durch eine frühzeitige Übung in Beschwerlichkeiten über die Werkzeuge seiner Empfindung eine so starke Rinde gewachsen, daß ein Unglück sehr ungestüm hätte sein müssen, um sich bis an sein Herz durchzudrängen. Er befand sich meistenteils so ziemlich in dem Zustande einer Schnecke: Sturm und Ungewitter mag um dieses stoische Tier her alles in Bewegung und Furcht setzen, es kriecht deswegen weder geschwinder noch langsamer seinen Baum hinauf und kriecht gelassen immer fort, bis der Baum von dem Sturme fällt, und alsdenn fällt es mit, versteckt sich in seine Schale; und nun schlage, werfe man es, so lange man will, es bleibt ruhig, man müßte denn unverschämterweise seinen Panzer zerquetschen. Wenn die Bosheit der Menschen unsern lieben Knaut plagen wollte, so zog er die Hörner ein, und wenn dieses noch nicht genug war, so zog er sich hinter seine Unempfindlichkeit zurück und tat weiter nichts, als was in dergleichen Fällen sein Sinnbild tut – er schwitzte. Man kann leicht vermuten, daß also die Freude keinen größern Reiz für ihn hatte: im Grunde hatte er ihrer wenig zu genießen; aber auch selbst die wenigen, die ihm das Schicksal unachtsamerweise zuweilen zuwarf, ließ er, ohne daß sein Blut in die geringste Bewegung gesetzt wurde, so ungerührt vor sich vorbeifliegen, daß er nicht einmal die Arme nach ihnen ausstreckte. Wenn seine anvertraute Schulherde eine Exekution notwendig machte – und in dieser Notwendigkeit glaubte er sehr oft sich zu befinden –, so strafte er zwar nachdrücklich, aber so kaltblütig als ein Richter, der, unbekümmert, wer recht hat, bloß um seinem Amte ein Gnüge zu tun und den Streit zu endigen, bestraft. Wenn nach überstandner Schulfröne der Aufwand seines sehr mäßigen Tisches ihm noch Zeit genug zu einer Pfeife stinkenden Tobak und einem Glase verdünnten Biere übrigließ, so waren seine Wünsche und seine Bedürfnisse befriedigt; und wenn er beides, ausgestreckt auf seiner Bank, ohne die Gegenwart seiner Frau genießen konnte, so beschämte er den Diogenes in seinem Fasse. – Man sagt auch, daß er einzig in diesen Fällen etwas der Zufriedenheit ähnliches sowie in den entgegengesetzten eine Art von Betrübnis zu fühlen geglaubt habe. Seine Frau, die er dreizehn Jahre vor dem Anfange dieser Geschichte heiratete, hatte ihn in den Besitz eines Reichtums von fünfzig Gülden gesetzt; allein in einer Zeit von zween bis drei Monaten hatte dieser Schatz schon eine weite Reise durch den Kramladen des Dorfes in die nächste Stadt und von da wer weiß wie weit getan; und nun, da es unmöglich war, ihn wieder zurückzuholen, hatte sich es seine unbillige Frau zur Pflicht gemacht, es ihm jeden Tag in dem hämischsten Tone zu sagen, wie gut sie itzo leben könnten, wenn sie in den ersten zween Monaten ihrer Ehe mehr gehungert hätten. Doch mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit wies er sie damit von sich, daß es einerlei wäre, ob sie vor dreizehn Jahren gehungert hätten oder nachher.

Seine Frau – denn nachdem meine Leser den Charakter des Mannes kennen, so können sie nicht anders als neugierig sein, ob der Himmel seine guten Eigenschaften mit einer würdigen Gattin belohnt hat –, seine Frau also gehörte unter diejenigen Damen, die der künftige Held dieser Geschichte, als sein Verstand durch die große Welt aufgeklärt worden war, Aprilweiber zu nennen pflegte; genug, sie war eine von denen, bei welchen der scharfsinnigste Beobachtungsgeist und die ausgebreiteste Kenntnis des weiblichen Herzens nicht zureicht, um die Regeln, nach welchen sie empfinden, denken und handeln, zu entdecken. Zuweilen sprang sie mit einem lächelnden oder vielmehr grinsenden Gesichte des Morgens aus dem Bette und überhäufte ihren Ehegatten mit den süßesten Namen und den zärtlichsten Liebkosungen, die er gemeiniglich, hingelehnt auf den Tisch, stumm und mit der gleichgültigen Miene eines Vornehmen annahm, dem der Arme ein Geschenk bringt; doch lieber entbehrte er sie ganz, weil er sich unglücklicherweise etlichemal so sehr vergessen und einen minutenlangen Wohlgefallen dabei empfunden hatte und darüber seine Pfeife ausgelöscht war. Mitten unter diesen Liebkosungen fuhren plötzlich alle ausgetrocknete Muskeln ihres Gesichts in die abscheulichste Wut zusammen, und nun hörte Herr Knaut mit der nämlichen Kälte ein ganzes Lexikon von Schimpfwörtern und Schmähungen aus ebendem Munde, der ihn vor einem Augenblicke durch die verbindlichsten Schmeicheleien beinahe aus seiner Unempfindlichkeit herausgeschwatzt hatte. Wenn der Paroxysmus zu lange dauerte, so legte er die Pfeife nieder und ging zu seinen Zuhörern, die ihm meistenteils ihre Gegenwart durch Lärmen und Schreien schon längst angekündigt hatten. Ebensooft stund sie mürrischer als ein Kater auf, der seine Nebenbuhler belauscht, und ebensoschnell wurde sie die gefälligste und feurigste Liebhaberin. Man will einmal in einem Vormittage sechsundvierzigmal eine solche Veränderung des Horizonts in ihrem Gesichte wahrgenommen haben. Ihre Kinder liebte sie niemals zärtlicher, als wenn sie, in einen hölzernen Kasten wohl eingepackt, auf den Kirchhof gebracht werden sollten, wo einmal ihre Liebe in so heftige Aufwallungen geriet, daß sie die Träger, als sie die Bezahlung für ihren Transport foderten, mit Faustschlägen von sich wies, weil sie nach ihrem Vorgeben nicht gesonnen wäre, die Grausamkeit, die sie an ihrem mütterlichen Herzen durch die Entfernung ihres Kindes ausgeübt hätten, zu belohnen, wiewohl das Publikum des Dorfs damals eine andre Ursache von diesem Eifer angab. Wenn sie befahl, so zitterte alles außer dem Herrn des Hauses; und selbst die unvernünftigen Tiere hatten eine so heilige Furcht vor ihr, daß sie lieber noch einen Tag länger hungerten, als das Futter von ihren Händen annahmen.

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