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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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26.

So unglücklich das erste Stratagem abgelaufen war, so glücklich ging das gegenwärtige vonstatten. Während der Betäubung der Fr. v. L. erschien ein Sohn, der, der Verabredung gemäß, nach – – – zu einer Soldatenfrau gebracht wurde, die ihn säugte und ihn für ihr Kind ausgab, das, ich weiß nicht, wie lange vorher, ohne daß es jemand wußte, auf dem Marsche sich verloren hatte. Es gehört ohne Zweifel mit unter die Rechte und Freiheiten des Kriegs – der damals sich auch über diese Gegenden erstreckte –, daß Soldatenweiber auch ohne das Bewußtsein ihrer Männer die Familie vermehren oder vermindern können; wenigstens wollten einige ihrer Neiderinnen insgeheim versichern, daß sie ihr vermeintlich gestorbnes Kind im freien Felde gelassen und – man weiß nicht! Genug, sie blieb zurück, als das Regiment den Quartierstand veränderte, vergaß Mann und Liebhaber und mietete sich sechs Meilen über der Grenze in einer Stadt ein; eine Entfernung, die man für weit genug hielt, um nicht entdeckt zu werden, und für nahe genug, um ihr, der Pflegemutter, die nötigen Unkosten des Unterhalts bequem überliefern zu können; wiewohl dieser letzte Einfall bloß ein Einfall der Soldatenfrau war, welchen der Graf im Herzen für den schlechtesten bei der ganzen Unternehmung hielt, weil er lieber gesehn hätte, daß das Weib nach Empfange einer Belohnung mit der Armee und dem Kinde auf ewig fortgegangen wäre und ihm die fernern Unkosten, es zu erhalten, erspart hätte. Die Frau hingegen hatte ein gar zu starkes Interesse bei dieser Entweichung von ihrem Manne und dem Regimente, wo eine Nebenbuhlerin sie um ihren ganzen Beifall gebracht hatte, als daß sie nicht durch Bekanntmachung der wenigen Umstände, die sie wußte, eine boshafte Rache ausgeübt haben würde, wenn man ihren Einfall gemißbilligt hätte. – Was für ein abhängiger Sklave doch der Stolzeste, wenn er einen bösen Plan auszuführen sucht, von den schlechtesten, niederträchtigsten Geschöpfen ist!

Nach der Entfernung des Kindes, als die Fr. v. L. von ihrem Schlummer zurückkam, wurde ihr und ihrem Gemahle gemeldet, daß es ihr unrichtig gegangen wäre und daß man die hervorgekommne, unvollkommne Frucht auf Befehl der Gräfin sogleich weggeschafft habe, um das mütterliche Herz der Fr. v. L., wenn sie vielleicht eher wieder zu sich gekommen wäre, nicht durch den Anblick zu kränken. Man dankte für diese Vorsorge; aber mit welcher Empfindung! – Hätte der Herr v. L. von einem Tyrannen, unter Bedrohung der ausgesuchtesten Qualen, den Befehl erhalten, seine Gemahlin augenblicklich zu durchstoßen, seine Verwirrung, seine Betrübnis hätte kaum größer sein können als bei dieser Nachricht. Die Fr. v. L. hatte außer der Bekümmernis über diesen unerwarteten Vorfall noch mit einem heftigen Anfalle von körperlichen Schmerzen zu kämpfen, und diese traurige Situation beider machte es der Gräfin um soviel leichter, mehrere Umstände auszusinnen, um die Unverdächtigkeit und Wahrscheinlichkeit der Begebenheit zu vermehren.

Man müßte in der Tat ein Menschenfeind sein, wenn man glauben wollte, daß der Eigennutz oder eine Mißgunst gegen den Grafen an dieser so lebhaften Betrübnis des Herrn und der Fr. v. L. über ihre vereitelte Hoffnung den größten Anteil gehabt hätte. Die Betrübnis des Eigennutzes, des Neids entsteht niemals so plötzlich, ohne daß er nicht, sich unbewußt, einen hämischen Blick auf den Gegenstand wirft, dem die Vereitelung seiner Erwartungen eine glückliche Aussicht eröffnet: Auch die klügste Verstellung, die wirklich nicht das Talent des H. v. L. war, kömmt hier zu kurz, wie bei jeder plötzlichen, unerwarteten Empfindung; eripitur persona, manet res. Aber die Betrübnis des H. v. L. war eine stumme Niedergeschlagenheit, die, nach einigen Augenblicken Erholung, mit vielen Freundschaftsbezeugungen gegen die Gräfin und Zärtlichkeiten gegen seine Gemahlin abwechselten. Dafür bin ich freilich nicht gut, daß nicht während diesen Freundlichkeiten in ihm der Gedanke aufsteigen konnte: Sie kömmt durch meine fehlgeschlagne Erwartung ihrem Glücke näher! oder so etwas; aber das waren unwillkürliche Zusammensetzungen der Einbildungskraft, Spiele des Gehirns, die von keiner mißgünstigen oder unwilligen Regung im Herzen begleitet waren. Noch mehr! Der H. v. L. hatte den Graf und die Gräfin schon sechs Jahre lang in dem Verhältnisse gegen sich, als einen Mann, dessen Hoffnung mit seiner eignen in beständiger Kollision steht, angesehen; die Empfindlichkeit darüber war geschwächt und beinahe gedämpft; ihre beiderseitige Freundschaftlichkeit war durch die Länge der Zeit mehr in die Grenzen des Ungezwungnen, des Natürlichen zurückgewichen und konnte schon aus diesem Grunde ungeheuchelt geworden sein, weil zween Leute, die sich lange Zeit, äußerlich Freunde zu scheinen, zwingen, endlich, ohne daß sie es wissen, wirklich Freunde werden; war gleich die Vorstellung von seinem Verhältnisse gegen den Grafen bei dem Herrn v. L. durch die Erneurung seiner Erwartung wieder lebhafter und empfindlicher geworden, so war doch dieser überhaupt von einem viel zu sanften, ruhigen und nichts weniger als stark genug empfindenden Gemüte, um durch das Andenken an die vermehrte Hoffnung des Grafen, da ihm seine eigne fehlgeschlagen war, so plötzlich und in eine so starke Bewegung versetzt zu werden.

Ich würde diese Apologie nicht unternommen haben, wenn nicht etliche Leute bemüht wären, alle sanfte, edle Empfindungen des menschlichen Herzens verdächtig zu machen und jede unter ihnen als die Wirkung eines Rades zu betrachten, das seine Bewegung unmittelbar oder mittelbar von dem Perpendikel des Eigennutzes empfängt. Itzt bin ich zu warm noch von meiner Apologie, um mit ihnen zu reden; aber ich komme gewiß und bald wieder zu ihnen zurück – aber mit einer freundlichen Miene – zanken kann ich nicht – und dann wollen wir sehen, ob wir am Ende der Disputation einander nicht freundschaftlich die Hände geben werden, ohne daß eine Partie den Verdruß hat, von der andern überwunden worden zu sein. Itzt müssen sie indessen meine Gründe den H. v. L. in ihren Augen rechtfertigen lassen. Käme aber jemand, der die Fr. v. L. kännte, gar auf den Einfall, seine Theorie vom Eigennutze auf sie anzuwenden – nein, gewiß, mit dem zankte ich – oder wenn ich das nicht könnte, so redte ich doch kein Wort mit ihm und beklagte in meinem Herzen, daß

– ihm das Geschick Verstand und Kenntnis schenkte,
Licht, Einsicht – alles, nur – kein Herz!

Nichts war es als die plötzliche Dämpfung einer Freude, die diese beiden edlen Seelen über ein Glück gefühlt hatten, das für erhabne Gemüter das süßeste, das himmlischste ist, dessen Gewißheit ihnen so unwidersprechlich als ihre eigne Existenz schien; nichts als die plötzliche Dämpfung dieser Freude war es, die das mütterliche und väterliche Herz so sehr niederschlugen als der Verlust eines erwachsnen, hoffnungvollen Kindes. So beseufzt auf

Dem düstern Pappelast, voll Traurens, Philomele
Die Kinder, die vom Nest, noch unbefiedert, ihr
Der harte Landmann stahl; sie gießt die kleine Kehle
In laute Klagen aus; die Nacht verweint sie hier,
Und nimmer unterbricht die Ruh die Trauerlieder,
Und ringsum schallt das Tal von ihren Klagen wieder.
Kein Gatte, keine Lust kann ihren Gram zerstreun,
Sie ist des Grames Raub – sie will es sein.Virg. Georg. 4.
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