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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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25.

Die Fr. v. L. nimmt keine Besuche mehr an; sie fährt nicht; sie tanzt nicht; was ist also zu tun?

Man beratschlagt schon über die Wahl einer Wehmutter; Herr Graf, nun ist es Zeit!

Diese Nachricht erhielt der Graf von einem seiner Spione, mittwochs abends siebzehn Minuten auf neun Uhr, als er gerade in seinem Schlafrocke am Schreibetische saß und in Amelots Übersetzung des Tacitus gelesen hatte. Wer sollte glauben, daß diese Nachricht und diese Lektüre durch ihre Zusammenkunft in dem Kopfe des Grafen ein Etwas in dem Augenblicke zur Welt brachten, das die wirkende Ursache von vielen künftigen Begebenheiten, von dem Tode der Fr. v. L., von einem langen Prozesse usw. sein wird? Ein Etwas, das meinen Lesern völlig begreiflich machen wird, wie die Anwartschaftsgeschichte des Grafen S++ ein Kommentar über zwei oder drei unbesonnene Worte der Frau Knaut, Schulmeisterin in – –, sein kann? – Unbegreiflich! und doch ist es nicht anders. »La vraisemblance n'est pas toujours du côté de la vérité«, sagt Bayle, ein Mann, der aus seiner Erfahrung wußte, was Ursachen und Wirkungen in menschlichen Begebenheiten für wunderliche Dinge sind.

Als der Graf noch unter der Anführung eines Pedanten Phrases aus dem Tacitus ziehen und auswendig lernen mußte – dieses Glied will ich meinen Lesern von der Kette der Ursachen und Wirkungen in die Hand geben; wenn ich bis zu den ganz ersten zurückgehen wollte, so würde die Geschichte dieses einzigen Vorfalles so stark als die Geschichte der Menschheit werden und mit dieser von einem Datum anfangen –, zu jener Zeit also schenkte dem Grafen, zu Erleichterung seiner phraseologischen Arbeiten und zu besserm Verständnisse seines Autors, seine gnädige Tante seligen Andenkens des Amelot de la Houssaie Übersetzung des Tacitus.

Aus gerechtem Unwillen über den Tacitus, der dem Grafen die Anzahl seiner unglücklichen Stunden in diesem Leben ansehnlich hätte vermindern können, wenn er nichts geschrieben hätte, beschloß dieser auf der Universität, keine Silbe, keinen Gedanken mehr in seiner Bibliothek zu dulden, von dem er versichert sein könnte, daß er in dem Kopfe des Tacitus gewesen wäre. Amelot sollte daher auch unter vielen noch unschuldigern in die Auktion verwiesen werden, seiner Dienste ungeachtet, die er ehemals geleistet hatte; doch Max, der Bediente, der das ganze Geschäfte besorgte, hatte seit langen Zeiten die Gewohnheit gehabt, abends die Zopfbänder seines Herrn in Amelots übersetzten Tacitus zu legen, um sie von den Runzeln zu kurieren, die sie den Tag über angenommen hatten. Leicht und vielleicht besser hätte manches andre Buch unter dem Vorrate seines Herrn zu diesem Endzwecke gedient; allein da über Köpfe von seiner Klasse die Gewohnheit grausamer tyrannisiert als irgendein orientalischer Despot, so konnte er unmöglich eine Trennung zwischen sich und seinem Amelot geschehen lassen. Ohne Vorwissen seines Herrn behielt er ihn zu dem vorigen Gebrauche zurück, und nie war der Graf neugierig genug, in das Buch, wenn er es sah, hineinzublicken. Ohne fernere Nachfrage war der französische Tacitus, auch da er nach Maxens Entlassung nicht mehr Haarbänder pressen mußte, von einem Orte zum andern mit fortgewandert und hatte zu seiner Sicherheit allzeit den verächtlichsten Posten in dem abgelegensten Winkel des Bücherschrankes erhalten, welches er bloß seinem schlechten Kleide zu danken hatte.

Den Tag vorher, ehe der Graf die obgemeldete Lektüre machte, suchte der Sekretär in der Gegend, wohin Tacitus diesmal hatte flüchten müssen, etliche alte Papiere. Das Buch wollte hartnäckigerweise seinen Platz nicht verlassen, ob es gleich im Wege war; es bekam einen Stoß und fiel, sechs Reihen hoch, aufgeschlagen mit dem Rücken auf den Boden. In der Hitze des Suchens vergaß der geschäftige Sekretär ihm wieder zu seinem eigentümlichen Platze zu verhelfen; es blieb die Nacht liegen.

Morgens darauf fand es das Stubenmädchen, als sie das Zimmer ausfegen wollte, in dem nämlichen Zustande. Sie fand nach ihren weiblichen Begriffen von Ordnung und Reinlichkeit, daß ein auf einem unausgekehrten Fußboden liegendes Buch einen staubichten Fleck bedecke und also, wenn es weggenommen würde, dieser Fleck weniger rein sein und folglich die harmonische Reinlichkeit der Stube gestöret werden müßte; sie hub es auf. Bei dem Aufheben reizte das Titelkupfer ihre Neubegierde; sie sah es an; aber durch lange Zucht gewöhnt, in den Zimmern ihrer Herrschaft Papiere und Bücher gerade in die vorige Lage zu versetzen, wenn sie um der Reinlichkeit willen einen Augenblick aus ihrem alten Orte verrückt werden mußten, hielt sie sich für verbunden, das Buch wieder aufgeschlagen zurückzulegen. In der aufmerksamen Begeisterung über dem Titelkupfer war es verblättert worden, und – mit einem höchst unseligen Griffe trafen ihre zween Daumen gerade bei dem Blatte zusammen, auf welchem die alte Giftmischerin Locusta, unter der Aufsicht des Nero, das Tränkchen kocht, das Ihre Majestät von Dero Bruder, dem Britannicus, befreien sollte. Diese Stelle blieb aufgeschlagen, als das Buch wieder an seinen vorigen Platz kam.

Denselben Tag, abends, um acht Uhr und fünf Minuten setzte sich der Graf, voll gewöhnlicher Unruhe, die wie manche Fieber mit der Dunkelheit zunahm, in einen Lehnstuhl, dem Bücherschranke gegenüber. – Leute – ich weiß nicht gleich, warum, aber gewiß ist es –, Leute, die niemals an einem Buche Vergnügen gefunden oder aus bekannten Ursachen keins finden konnten, greifen doch, wenn sie von einem langen Kummer gequält werden, wie durch einen natürlichen Trieb, nach jedem Buche, das ihnen vorkömmt als nach einer Panazee. Wenn sie auch weiter nichts tun als blättern und zeilenweise lesen, so glauben sie doch mehr Beruhigung dadurch zu erlangen oder erlangen sie wirklich, als bei jeder andern Beschäftigung. Vielleicht geschieht es wirklich auf einen Wink der Natur, die gewöhnlich an dem Orte, wo man sich verwunden kann, auch das Kraut wachsen läßt, daß die Wunde heilt. Jeder neue Gedanke, der von den in unserm Kopfe vorhandnen verschieden ist, bringt unsre Lebensgeister auf einen neuen Gang, das ist bekannt, und aus diesem Grunde können uns Bücher überhaupt schon eine vorübergehende Beruhigung verschaffen. Ist aber dieser neue Gang von dem vorigen zu sehr abgelegen, daß sie zum Beispiel itzt auf die rechte Seite des Kopfs sich drehen sollen, da sie vorher links gegangen waren, so wird der Verdruß, der allzeit in so einem Falle entsteht, eine Vermehrung unsrer unangenehmen Empfindungen – wir werfen das Buch weg. Sobald wir aber eine Idee darinnen erhaschen, die die Lebensgeister von dem Fahrwege nur auf einen nebenher laufenden Fußsteig führen, der mannichmal durch eine Reihe Bäume, zuweilen auch durch einen Graben oder wohl gar durch ein kleines Büschchen von dem Hauptwege abgesondert ist, aber immer wieder zu diesem zurückkömmt; alsdann ist uns das Buch willkommen und wäre es auch ein Staatskalender.

Vermöge dieser Theorie stund der Graf, da Tacitus, der noch auf dem Boden lag, unvermeidlicherweise in seinen Augen das Bild eines Buchs verursachte, nachdem er kaum zwo Minuten gesessen, vom Stuhle auf, nahm ihn, wie er aufgeschlagen dalag, und sahe hinein. Bei der ersten Ansicht erblickte er gerade soviel Worte, als nötig waren, ihm den Inhalt des Blattes interessant zu machen; er las – wandte um – kurz, las die ganze Geschichte. Sein Gedächtnis brachte ihm die fehlenden Umstände, die er anderswo gelesen, zurück; die entfernte Ähnlichkeit zwischen einem Halbbruder, der verdächtig geworden ist, dem andern eine Krone streitig machen zu wollen, welches der Fall im Tacitus war, und einem Vetter, der den Onkel von einer sehnlich gewünschten und bedurften Erbschaft verdrängen will, welches der Fall des Grafen war – die Ähnlichkeit der Erwartungen des Nero und seiner eignen: Denn jener mußte, wenn Britannicus leben blieb, aufhören, Kaiser zu sein, als ein Privatmann, und vielleicht schlecht leben, im Exilium herumwandern; er, der Herr Graf, wenn sein Vetter ins Leben kam, allen seinen Herrlichkeiten entsagen, aufhören, prächtig zu leben, in ein freiwilliges Exilium wandern und entweder niemals oder arm wieder zurückkommen; die Ähnlichkeit der Ruhe und des Wohlseins, in welche Nero nach dem Tode seines Bruders und er nach de – –Das hier fehlende Wort war in dem Kopfe des Grafen nicht bestimmt, sondern nur dunkel ausgedrückt. Vielleicht sollte es Nichtexistenz sein. seines Vetters versetzt zu werden hoffte, Pollio, der Tribunus cohortis praetoriae, der den Plan des Kaisers vollführte, die alte Hexe, Locusta, die die giftige Mixtur zubereitete: alle diese Ideen schwammen in dem Gehirne des Grafen, wie die Trümmern eines verunglückten Schiffs auf dem Meere, herum, stießen zusammen, fuhren wieder auseinander, ohne daß weiter etwas erfolgte. Mitten unter diesem Aufruhre trat Christian ins Zimmer, ein Bedienter des H. v. L., der sich von dem Grafen als Spion bezahlen ließ und darum einen freien Eintritt in das Zimmer des letztern hatte, sooft er Neuigkeiten aus seinem Hause zu berichten wußte. Itzt brachte er, wie schon oben gesagt worden ist, die Nachricht, daß man gegenwärtig über die Wahl einer Kindermutter zu Rate ginge und daß man willens wäre, seine Muhme, Margrete, dazu zu gebrauchen. Kaum hatte er es gesagt, als in dem Kopfe des Grafen der Spion, Christian, mit dem Pollio, tribunus cohortis praetoriae, die Kindermutter Margrete mit der Giftmischerin Locusta zusammenstieß. Aus der Zusammenkunft wurde unter diesen Leuten bald eine genaue Bekanntschaft, eine so genaue Bekanntschaft, daß sie alle viere in dem Kopfe des Grafen ein Projekt zur Welt brachten, dessen Empfängnis und Geburt geschwinder hintereinander folgten als die Empfängnis und Geburt der Minerva im Kopfe des Jupiters. Das Projekt war: Christian sollte bei der so nahen Geburt seines Vetters – Pollio und die Muhme Margrete – Locusta sein. Dieser sollte ein von geschickten Händen zubereiteter Schlaftrunk anvertraut werden, welchen sie bei Annäherung der Geburtsschmerzen der Fr. v. L. beibringen und sie vermittelst einer Wiederholung der nämlichen Dosis so lange in Schlummer und Betäubung erhalten sollte, bis sie sich ihres Kindes entladen hätte. Die Frau Gräfin sollte sich zum Beistande bei der Geburt erbieten; Christian bot eine andre Muhme zur zweiten Beisteherin an, die so arm war, daß sie um einen sehr billigen Preis, um eine Mahlzeit, wie die Einwohner von Gorea, sich selbst mit Leib und Seele verkauft hätte, wenn sich Liebhaber hätten dazu auftreiben lassen, und die also ihr Gewissen um so viel weniger teuer hielt; Christian selbst wollte das Kind sogleich heimlich in einem Korbe bis zur Hintertüre schaffen, wo sein Bruder, der Zollbereuter, warten sollte, um es zu Pferde weiter an einen verabredeten Ort – den ich vergessen habe – fortzubringen. Kam das Kind tot zur Welt oder war es ein Fräulein, so wurde die Geburt nicht verhehlet, und die Eltern hatten völlige Freiheit, darüber zu lachen oder zu weinen. Das Kind umbringen zu lassen, dazu konnte der Graf sich doch so schnell nicht entschließen – ohne Zweifel aus einem Gefühle von Menschlichkeit, das doch bei Leuten, selbst von mittelmäßiger Erziehung, meistenteils wirksam ist und sie von Verbrechen zurückhält, die sie gern begehen möchten – besonders wenn es das erste ist, wozu ihnen ihr Vorteil rät.

Man glaube aber ja nicht, daß das ganze Projekt, so wie es vor den Augen des Lesers daliegt, auf einmal und ganz an das Licht kam: nein, nichts als die prima stamina davon, nichts als die Grundfäden; für den Eintrag und die übrige Arbeit, die die Vollendung des Gewebes erfoderte, sorgte Christian, der sich nicht wenig freute, seine halbe Familie bei dieser Unternehmung ins Brot gebracht zu haben.

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