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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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24.

Tausend Fragen bestürmten ihn von seiten seiner Gemahlin wegen seiner plötzlichen Zurückkunft und der verzweiflungsvollen Miene, mit welcher er sich auf das Kanapee hinstreckte, bis endlich nach vielen Ausweichungen die weibliche Beredsamkeit so sehr über ihn siegte, daß er das ganze Geheimnis, seine Beobachtungen und seine eigne Situation entdeckte. »Was? schwanger?« – rief sie mit einem lauten Gelächter und sank in den gegenüber stehenden Krüppelstuhl. »Meine Schwester schwanger?« – Der Graf schoß einen Blick auf sie, wie ihn ein beleidigter Stolzer zu werfen pflegt. Geschwinde fuhren ihre Muskeln zur ernsthaften, ehrerbietigen Miene zusammen, und ob sie gleich ihrem wild aussehenden Eheherrn den Hauptsatz zugab, so äußerte sie doch über seine Gründe dafür so viele Zweifel, fand so viel daran zu berichtigen, daß sie ihm im Grunde nicht mehr zugestand, als wenn sie geradezu nein gesagt hätte.

Der weise Vater des Tristram Shandy machte unter seinen vielen wahren Anmerkungen einst auch diese: Wenn die Frau in einem Hause niederkömmt, so werden alle weibliche Figuren darinnen um einen Zoll höher. Ohne die Klugheit dieses Mannes tadeln zu wollen, setze ich hinzu: Sobald sie sich für schwanger ausgibt, nimmt dieses Wachstum schon seinen Anfang und erstreckt sich auch auf alle Anverwandtinnen bis in den fünften und sechsten Grad; sogar alle verheiratete Frauenzimmer, die nicht mit ihr verwandt sind, wachsen schon bei der bloßen Erzählung davon um einen halben Zoll, besonders wenn sie aus einem männlichen Munde kömmt, und überhaupt nie sehen verheiratete Frauenzimmer auf Mannspersonen, die nur ein einziges Urteil über eine solche weibliche Angelegenheit wagen, anders als mit der stolzen Selbgenugsamkeit herab, womit ein großer Geist auf einen kleinern herniederblickt, der von einer Sache spricht, wovon er allein zu reden sich berechtigt dünkt.

Durch diese Miene und die vorgebrachten Einwendungen nebst dem häufigen Ritornell, daß Mannspersonen dergleichen Umstände nicht zu beurteilen wüßten, welches der Grund aller Gründe und der Einwurf aller Einwürfe war, wurde die Disputation zuletzt so geendigt, daß der Graf selbst an der Wahrheit der Sache und an der Richtigkeit seiner Beobachtungen zweifelte. Nicht lange! Denn vierzehn Tage darauf erhielt er von dem H. v. L. nach vielen versteckten Ausforschungen die Versicherung, daß er und die Ärzte seine Gemahlin schwanger glaubten und sie sich selbst wegen zuverlässiger Anzeigen dafür hielt.

Gleich einem Missetäter, der sich der zuversichtlichen Hoffnung des Lebens überlassen hat, wenn ihm in der Versammlung, wo er die Ankündigung seiner Befreiung erwartete, sein Todesurteil vorgelesen wird, so und nicht anders stand der Graf bei dieser Versicherung des H. v. L. da.

Freilich war die Lage des Grafen eine der schrecklichsten, in welcher ich mich um eine doppelt so große Erbschaft nicht hätte befinden mögen. Sein eignes, nicht wenig beträchtliches Vermögen hatte er seinem Stolze und seiner Liebe zur Pracht aufgeopfert; in der nahen Aussicht auf die Erbschaft seiner Gemahlin hatte er auf Unkosten vieler dienstfertiger Gläubiger, die sich durch seine großmütigen Reden und Pracht blenden ließen, seinen Aufwand fortgesetzt und beinahe vergrößert. Die Gläubiger, da sie allmählich gewahr wurden, wie groß ihre Anzahl war, besannen sich endlich, daß seine großmütigen Versicherungen sie unmöglich so gut als bares Geld bezahlen könnten; einige darunter, die er auf seine Anwartschaft vertröstet hatte, da sie die Nachricht von der Schwangerschaft der Fr. v. L. erhielten, bliesen Lärm. Das Volk der Gläubiger hat, wie bekannt, ein sehr feines sympathisierendes Gefühl: Nur einer darf einen Hauch in die Trompete tun, und gleich versammelt sich der ganze Schwarm seiner Mitbrüder von allen Enden der Welt in Person und in Vollmacht um ihn her und zieht mit klingendem Spiele wider den armen Schuldner los. Die wenigen, denen die Schwangerschaft der Fr. v. L. so bedenklich geworden war, machten sie den weniger aufmerksamen ebenfalls bedenklich, und so vielen Leuten zu entgehen, die alle voller Bedenklichkeiten waren, fanden sich in dem Kopfe des Grafen nur zween Auswege: Entweder mußte er bezahlen – aber das widerrieten ihm alle Umstände, und vorzüglich der wichtigste unter allen, der Mangel am Gelde, oder mußte er fliehen – itzt in diesem kritischen Zeitpunkte? – sich mit seinen Gläubigern während seiner Entfernung zu vereinigen suchen, seiner Pracht entsagen, Bediente abdanken – ach, der Stolz konnte ihn dies Gemälde niemals auszeichnen lassen, so erschrocken fuhr er vor demselben zurück.

Zween Rettungsmittel waren überhaupt nur möglich, zween wurden verworfen: Folglich blieb nach geschehener Überrechnung 2 − 2 = 0 übrig. Indessen versprach er zu bezahlen, und alle Gläubiger ruhten, nur das Herz des Grafen nicht.

Nach vielen vormittäglichen und nachmittäglichen Überlegungen zwischen ihm und seiner Gemahlin, wovon allzeit das Resultat gewesen war, daß man nicht wüßte, was man tun sollte, ließ sich eines Tages in einer Nachmittagssession beim Kaffee die Gräfin den unschwesterlichen Wunsch entfahren: »Wenn doch meine Schwester nur ...« – »stürbe?« rief der Graf hastig.

»Nein, das wohl nicht; wenigstens umwürfe. So wäre doch der Wechselbalg –« – »Das ist wahr!« – Indem er es noch sagte, sprang er auf, eilte in seine Stube, klingelte dem Laufer, darauf dem Kutscher, kam nach einer halben Stunde wieder zur Gemahlin und sagte: »Der Plan ist gemacht; morgen soll es geschehen« – und so ging er in sein Zimmer zurück.

Eigentlich war der Wunsch der Fr. Gräfin nichts als ein plötzlicher unwillkürlicher Gedanke, an welchem das Herz keinen Anteil hatte, dergleichen sehr oft in den Seelen der Sterblichen, wenn sie von einer angenehmen oder unangenehmen Sache zu sehr angefüllt sind, wie die Dünste aus einem vollgestopften Magen, aufzusteigen pflegen. Wie diese Magendünste bleiben sie zuweilen innerhalb des Leibes und verlieren sich ganz still; aber zuweilen brechen sie mit leisem oder lautem Geräusche durch, die Seelendünste durch den Mund, und .... Auch hatte die Gräfin ihren Wunsch so schnell, als er herausgefahren war, vergessen und konnte um soviel weniger, da sie nicht wieder an ihn dachte, die letzten Reden des Grafen und die darauf erfolgenden Anstalten begreifen. Zwar tausendmal hätte sie sich wieder auf ihn besinnen mögen, ohne in die Seele des Grafen gesehn zu haben, würde ihr alles so unerklärlich wie vorher geblieben sein.

In seinen Kopf hatte das Wort umwürfe eine ganz andre Vorstellung mitgebracht, als in dem Kopfe der Frau Gräfin damit vergesellschaftet war. In ihrem Munde war es nichts als ein pöbelhafter Ausdruck desjenigen, was die Franzosen mit ihrer gewöhnlichen Delikatesse se blesser nennen; genug, sie wünschte ihrer Schwester eine unzeitige Geburt, einen toten Sohn oder so was. In seinem Gehirn hingegen lag der Wunsch so ausgedrückt: Wenn doch meine Schwester mit der Kutsche umwürfe, so ginge es ihr vielleicht unrichtig, so wäre doch der Wechselbalg, den sie zu meinem Unglücke bei sich trägt, vielleicht tot usf. Gleich hinter diesem Gedanken sprang ein andrer auf: Das kann man leicht machen, und denn ein dritter, ein vierter, ein fünfter und immersofort, bis endlich aus der Zusammensetzung aller dies Ganze herauskam: Morgen will ich zu Mittage auf meinem Landhause in W. zu essen geben; die Fr. v. L. soll mit mir in meinem Wagen fahren, das wird leicht dahin zu bringen sein; unterwegs soll mein Kutscher uns umwerfen, ich will auf sie fallen, ich will sie drücken; vielleicht – gleich soll der Laufer die Gesellschaft zusammenbitten.

Nun ist das ganze Rätsel entwickelt, warum dem Laufer und dem Kutscher geklingelt wurde. Letzterer empfing zum voraus zur Belohnung seiner Verschwiegenheit und Geschicklichkeit einen Dukaten, und er versprach wie ein Däuschen umzuwerfen und schon einen Weg zu nehmen, wo umwerfen nicht schwer wäre. – Aber wenn sich die Fr. v. L. nun entschuldigte? – Dafür lasse man die siegende Beredsamkeit des Grafen sorgen.

Die Sache ging vor sich. Der Kutscher fuhr in einen steinichten, bergichten Weg, der vielleicht in ganz Europa der einzige schickliche war, um geborne und ungeborne Menschen ums Leben zu bringen. Man wunderte sich über den ungewöhnlichen Weg; der Graf schimpfte, freilich etwas spät, auf den Kutscher; aber umwenden konnte man nicht. Ohne Beihülfe des Kutschers und eher, als er wünschte, fiel der Wagen um; und auf die Seite des Grafen. Er blutete, die linke Seite war beschunden, die schöne Dose von versteinertem Holze, die er gerade in der Hand hielt, zerschmettert; Fächer, Ohrringe, Perlen, Menschenhände und Menschenfüße, Blonden, Fragmente von Hauben, Hut, Perücke, alles lag wie in einem Chaos durcheinander. Noch zwo andre Damen, die, ohne einen ungebornen Feind des Grafen bei sich zu haben, unverschuldeterweise mit umwerfen mußten, wiewohl sie nach der Absicht des Grafen für eine alte Beleidigung bei einer so bequemen Gelegenheit mitbestraft werden sollten, waren bloß an der Kleidung beschädigt, und die Fr. v. L., der die übrigen alle zur Unterlage gedient hatten, war, den Schrecken ausgenommen, gesund und wohlbehalten. Man kletterte allmählich heraus; der Graf hinkte mit der wütendsten Miene auf den Kutscher los, der Schmerz ließ ihn ganz vergessen, daß der Kutscher seinen Dukaten redlich verdient hatte, und prügelte so gewaltig auf ihn zu, daß dieser in die größte Verlegenheit geriet, ob es nicht vielleicht eine ernstliche Bestrafung sein sollte, weil er seiner Pflicht nicht völlig Genüge getan und das Umwerfen nicht unglücklich genug abgelaufen wäre. Fast war er, um den Fehler wieder gutzumachen, willens, das ganze Schauspiel noch einmal zu wiederholen; aber bald riß ihn ein glücklicher Umstand aus dieser Verlegenheit. Die Fr. v. L. wurde einen Fußsteig gewahr. Die drei Damen gingen zu Fuß, ein Bedienter mußte sie begleiten, der Herr Graf hatte den Fuß verrenkt, er mußte also in den Wagen zurück und ganz allein so viele und so heftige Stöße ausstehen, daß er nun völlig begriff, wie empfindlich es für ein Frauenzimmer sein muß, wenn man es durch Umwerfen und steinichte Wege dahin bringen will, daß es ihr unrichtig geht.

Diese mißlungne Probe und die Verzweiflung, in welche der Graf durch die Scham vor sich selbst versetzt wurde, ersparten der Fr. v. L. auf eine lange Zeit dergleichen gewaltsame Geburtshülfen. Indessen nahm bei ihr die Erwartung einer glücklichen Entbindung immer mehr zu und auf der Seite des Grafen die Hoffnung einer erwarteten Erbschaft verhältnismäßig ab. Jeder Gedanke daran schleppte einen langen Zug von traurigen, schwarzen Vorstellungen hinter sich drein: erst seine Gläubiger, ein jeder einen Arrestbefehl in seinen Händen; dann seine Bedienten, seine Laufer, Heiducken, alle in Trauerkleidern um ihren unbezahlten Lohn und den Verlust ihres Dienstes; darauf der ganze Schwarm von Käufern, die lege auctionis seine Möbeln, Kutschen, Kleider, Service unter sich geteilt hatten. Mit Schaudern sahe der Stolz diese Leichenprozession, die ihn in kurzem in die Gruft begleiten sollte. Er drückte, er rieb an dem Gehirne, um vielleicht ein Mittel herauszupressen, wie diese Leichenbegleitung und also auch sein Tod zu vermeiden wäre; das Gehirn war trocken und brachte auch nicht eine einzige notdürftige Idee zum Vorschein.

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