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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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22.

Der Herr von L., ohne eben die besten Augen zum Beobachten zu haben, sähe auch wirklich durch die Miene seiner Schwägerin in ihr ganzes Herz hinein; doch so leicht ihm dieses wurde, ebenso undurchdringlich war für ihn das Betragen des Grafen. Nach dem Gemälde, das meinen Lesern von diesem gemacht worden ist, und da jener ihn nur aus gewissen schimmernden Handlungen beurteilen konnte, war es keine Schande für den Herrn v. L., daß er den Charakter des Grafen ganz und gar mißkannte. Er schätzte ihn aufrichtig ebensosehr, als ihn dieser zu schätzen vorgab, und es ist schwer zu bestimmen, welcher dem andern mehr Höflichkeit erzeigte: der Herr v. L. als ein bewundernder, redlicher Freund? oder der Graf S++ als ein verachtender, verstellter Betrüger?

Nur die Frau v. L. hatte die Kurzsichtigkeit guter Menschen, die, mehr mit ihren und andern guten Handlungen als Fehlern beschäftigt, gar nicht auf den Einfall kommen, böse Leute in der Welt zu vermuten; die niemanden eher zutrauen, daß er stoßen kann, als bis er sie zu Boden wirft, und alsdenn noch, wenn es sich tun läßt, lieber sich einbilden, daß er unversehens als mit Vorsatz an sie angerennt sei; dieser wenigen auserwählten guten Seelen, die aus dem kindischen Alter der Welt noch übriggeblieben sind, die für eine Welt wie die unsrige zu viel stille Größe, zu viel naive Schönheit haben und denen ich gerne mit meinen Händen eine eigne Welt bauen wollte, wenn ich Welten schaffen könnte. – Oft muß ich eurer noch in meinem Buche gedenken, ihr Edlen! ihr, die ihr allein durch euer Dasein den Schöpfer gegen die Anklagen der Menschheit rechtfertigt! Und könnte ich euch ein daurendes Denkmal stiften, wäre es auch nur ein Leimhaufen – alle Werke eines Angelo, eines Donatello oder noch erhabnerer Künstler würden mir dagegen sein, was diese Werke gegen die Werke der Natur sind.

Nach der Denkungsart dieser Gutgesinnten, qui, cum ipsi sint boni, alios ex sua natura finguntCic. pro Rosc. Am. , sähe die Fr. v. L. das fremde Betragen ihrer Schwester gegen sie als eine Folge ihrer frühzeitigen Trennung, jeden plötzlichen Ausbruch einer gezwungnen Freundlichkeit als eine Bemühung an, sich von dem Zwange loszumachen, in welchem gewisse Leute bei einer neuen Bekanntschaft mit Verwandten von einem höhern Range sich befinden, denn die Frau v. L. war durch das Amt und den Titel ihres Gemahls weit über ihre Schwester, die Gräfin S++, erhoben; sie sähe endlich ihre mürrische Unfreundlichkeit, ihre Sorgfalt, sie zu vermeiden, ihre zuweilen hämischen Reden und Gebärden als Wirkungen teils dieses Zwanges, teils ihres Temperamentes und ihrer Erziehung an; kurz, die Fr. v. L. hielt die Gräfin für unschuldiger, als diese sich selbst in ihren eignen Augen schien.

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