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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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21.

Geschichte des wiedergefundenen Sohns

Der Herr von L. heiratete das Fräulein O-r und mit ihr ein Vermögen von sechsundvierzigtausend Talern, wovon, vermöge der väterlichen Verordnung, im Falle, wenn sie ohne Sohn starb, drei Teile an ihre Schwester und der vierte an den Herrn von L. verfallen sollte. Ihr Tod war also das Glück ihrer Schwester, die kurz vor ihrer Verheiratung mit dem Herrn von L. mit dem Grafen S++ vermählt war, der sie nahm, um mit ihr die Anwartschaft auf die sechsundvierzigtausend Taler ihrer Schwester zu heiraten, da ihm diese ihre Hand und also auch den Besitz ihrer sechsundvierzigtausend Taler abgeschlagen hatte. Eltern sind allzeit doppelt strafbar, die durch eine grillenhafte Aufteilung ihres Vermögens den schwachen, selbstsüchtigen menschlichen Herzen ihrer Kinder die schwesterliche und brüderliche Liebe schwermachen; höchst strafbar sind sie, wenn sie durch eine Anwartschaft den Tod des einen für das andre wünschenswürdig werden lassen, und sie müssen für die Bosheiten und Verbrechen leiden, die ein solches Verhältnis ihrer Kinder veranlaßt.

Wäre es auch an sich möglich, daß zwo Familien, worunter eine so offenbar ihren Vorteil aus dem Untergange der andern erwachsen sieht, ebenso aufrichtige Freundschaft gegeneinander haben könnten, als wenn ihr Eigennutz ganz uninteressiert wäre, so würde es doch in dem gegenwärtigen Falle bloß deswegen schlechterdings unmöglich gewesen sein, weil der Graf S++ – Graf S++ war. Er hatte dem Anscheine nach den besten und im Grunde den schlechtesten Charakter; er war der gewissenhafteste, der untrüglichste Mann in Kleinigkeiten, bei der Aussicht auf große, erhebliche Vorteile der gewissenloseste, der treuloseste Bösewicht. Er war der freundlichste, der liebreichste, der gefälligste Mann; er konnte zum besten seiner Freunde und Lieblinge Summen von seinem Vermögen anwenden, ohne die geringste Hoffnung eines Ersatzes und mit einer so großen Aufopferung seiner selbst, daß er oft sehr mäßig leben mußte, wenn andre, die durch ihn glücklich geworden waren, nach Maßgebung ihrer ehemaligen Umstände im Überflusse lebten. Alle seine anscheinenden guten Handlungen waren Wirkungen seines Stolzes, und er hätte bei den nämlichen Gelegenheiten ebenso viele böse begangen, wenn sie ohne Verletzung desselben möglich gewesen wären; sooft sich der Eigennutz mit diesem abfinden konnte, so war keine Maschine so verächtlich, so sträflich, die nicht zur Erreichung seiner Absicht in Gang gesetzt wurde.

Seine Gemahlin war in Jahren mit ihm verheiratet worden, wo der Charakter schon einen zu starken festgewachsenen Stamm hat, um eine ganz neue Krümmung anzunehmen, aber doch immer noch Biegsamkeit genug, daß einzelne Äste und Zweige anders gezogen werden können. Wenn sie daher gleich selbst nicht Böses genug tat, selbst nicht Plane und Entwürfe zu unerlaubten Endzwecken machte, so war ihr doch ihres Mannes Art zu handeln so gewöhnlich geworden, daß sie seine Maßregeln niemals, auch geheim nicht, mißbilligte, und daß sie nicht geradeso handelte wie er, daran war nichts als die Eingeschränktheit ihres Kopfes schuld. Sie war bei einer Verwandtin von ihrem vierten Jahre an erzogen worden, bei einer Verwandtin, die einen so kleinen Vorrat von Begriffen sich in ihrem ganzen Leben gesammelt hatte, daß sie alle in dem Arbeitsbeutel Platz genug hatten. Unter dieser Aufsicht hatte sie bis in ihr neunzehntes Jahr nichts getan, als daß sie mit ihrer Aufseherin am Tische saß und – nach dem gewöhnlichen Ausdrucke – arbeitete, sich mit ihr in ein paar Häuser von Menschen oder Tieren transportieren ließ, Verbeugungen machte, Komplimente herlispelte, eine halbe Stunde, wie auf den Stuhl gepfropft, dasaß, von Zeit zu Zeit durch Verbeugungen zu erkennen gab, daß sie noch lebte, dann aufstund, wieder Verbeugungen machte, wieder Komplimente sagte und nach Hause an ihren Arbeitstisch wieder zurück reiste. Bei einer solchen Kultur kann der fruchtbarste Boden höchstens nichts als langes Gras und Binsen tragen. Und wer kann sich noch wundern, daß es ihrer Seele nicht besser ging, daß diese eigentlich ein ganz leeres Blatt blieb, wie es aus der Fabrik der Natur gekommen war, und an allen ihren Geschicklichkeiten gar keinen, sondern der Mechanismus des Körpers allein allen Anteil hatte, daß sie nicht Verstand genug hatte, so original boshaft zu sein wie ihr Gemahl, sondern allenfalls nur zu einer Maschine bei seinen Unternehmungen zu dienen? Ebensowenig kann man sich wundern, daß sie nach der wenigen Wirksamkeit, in welche sie in ihren ersten Jahren gesetzt wurde, und der wenigen Erfahrung, die sie daher machen konnte, eigentlich gar keinen Charakter mit in ihren Ehestand brachte, das heißt, keine Grundsätze, keine Regeln, die sie in ihren Handlungen bestimmten und leiteten – nein, sie folgte dem jedesmaligen Antriebe der Ideen, die zufälligerweise in ihr, durch irgendeine von den bekannten Ursachen der Ideen, entstanden. Am allerwenigsten wird man sich endlich wundern, daß bei einer so frühzeitigen Entfernung und beständigen Abwesenheit von ihrer Schwester ihre schwesterliche Liebe in keine helle Flamme, sondern kaum ins Glimmen hatte geraten können. Nun setzte sich vollends der Eigennutz in das Herz hinein neben das glimmende Fünkchen der Schwesterliebe und fachte wie ein Alchimist mit aufgeblasenen Backen sein Feuer auf seinem Herde an, und ehe man sich's versah – weg war das bißchen Schwesterliebe! Ganz von dem Dampfe des größern Feuers erstickt! Nichts als ein halbrauchender Brand! Und im kurzen rauchte und knisterte er auch nicht einmal mehr! ohne daß die Natur euch zu Gefallen, ihr Weltweisen, die ihr schwesterliche und brüderliche Liebe auf ihre Rechnung schreibt, nur mit einem einzigen Hauche dem erlöschenden Fünkchen wieder aufhelfen wollte – oder blies sie vielleicht erst, da es schon aus war? –Ja, das war zu spät!

Und auch nicht ein Fünkchen blieb davon übrig! Ihr Gemahl, der Graf, für dessen Herz Liebe und Freundschaft eine fremde, nie gefühlte Empfindung war, hatte im Grunde für seine Schwägerin, die Frau von L. nicht einen Gran mehr Liebe als seine Gemahlin und hätte lieber über ihren Tod sich die Augen rot geweint, als ihr zu ihrer Vermählung Glück gewünscht; doch durch eine mehr als gewöhnliche Verstellung wußte er diese Gesinnung so zu verbergen, unter Gefälligkeiten, Dienstfertigkeit, Freundlichkeit, hinter einem Schwall von feinen und nichts weniger als übertriebenen Komplimenten so zu verstecken, daß man wenigstens halb allwissend sein mußte, um die Betrügerei wahrzunehmen. Hingegen seine Gemahlin, sosehr sie Frauenzimmer war, konnte diese Kunst nicht zur Hälfte so gut. Sie vermied sorgfältig jede Gelegenheit, ihre Schwester und ihren Gemahl zu sehen, und wenn sie genötigt war, sie zu sehen, so hatte ihre Sprache, ihre Gebärden und ihr ganzes Betragen einen so gezwungnen, frostigen Ton, daß – nicht viel Scharfsinn erfodert wurde, um die Uneinigkeit ihres Herzens und ihrer Miene wahrzunehmen. Wenn ihre Nerven gerade eine starke Spannung vertragen konnten, so glänzte ihr Gesicht von Freundlichkeit, als wenn es mit ihr wie mit einem Firnis dicht überzogen wäre; aber der Firnis war zu stark aufgetragen, und dann – wie bald wird eine Nerve schlaff! Bei einem zweistündigen Besuche hielten die ihrigen höchstens eine halbe Stunde die gewaltsame Anspannung aus, und sogleich mußten Migräne, Vapeurs, Kopfweh und andre dergleichen Übel, die dem schönen Geschlechte in jedem Notfalle auf einen Wink zu Diensten sind, zu Hülfe gerufen werden, um den Mißton nicht merken zu lassen, der notwendig entstehen mußte, da sich die Saiten heruntergezogen hatten.

Überhaupt vergrößere man die Verstellungskunst des weiblichen Geschlechts, sosehr man will, mit einer satirischen oder ernsthaften Miene – ich schüttle den Kopf! Man kann ihre Grade nach dem Thermometer abmessen. Solange ihr Blut den Grad der natürlichen Lebenswärme oder der gemäßigten Hitze nicht übersteigt, so buchstabiere und lese man ihre Gesichter ganze Tage durch, umsonst! sie bleiben unerklärliche Inschriften, wozu man das Alphabet noch nicht gefunden hat, besonders wenn gar eine andre Neigung oder Empfindung dazukömmt und wie ein scharfer Wind das Blut abkühlt und den Merkurius im Wetterglase niederdrückt. Aber nur fünf Linien steige die Hitze über jenen Grad, welches in einer so veränderlichen Atmosphäre wie die weibliche sehr leicht geschehen kann, und das ganze Herz ist in ihrer Miene, und jede Bewegung wird an ihnen zum Verräter. – Allerdings haben Frauenzimmer beweglichere, geschmeidigere Nerven, die sie selbst schnell und zu einem hohen Tone anspannen und leicht in eine Bebung versetzen können; aber sie sind dünne, sehr fein! Ebenso leicht ermüden sie! Die Haut, die ihr Gesicht bedeckt, nimmt leicht und schnell jede Falte, jede Gestalt an; aber sie ist zu fein, zu durchsichtig, und wer nur leidlich gute Augen hat, wie leicht kann der durchsehen!

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