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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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18.

Gewiß ist auch hier eine Unterscheidung nötig; denn Herr Knaut befand sich den ersten Tag nach seinem Kirchrechnungsschmause in einer ganz andern Verfassung als Sie, meine Herren, wie ich Sie im vorhergehenden Absatze erinnerte. Er schlief den ganzen Tag, taumelte gegen Abend aus dem Bette, um sich zu verwundern, daß es schon Tag wäre, schlief zum zweiten Male aus, und den andern Tag ging es ihm natürlich wie Ihnen. Kopf und Magen hatten verdaut; was zu tun? Ernsthafte Schulbeschäftigungen wären ihm eine Pein gewesen; außerdem waren auch Ferien. Hätte er sich noch einmal betrinken können, so wäre er nicht in diese Verlegenheit gekommen; aber so schleppte er sich verdrossen von einem Orte zum andern, bis er durch eine fatale Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen in den Hof geriet, seinen Tobias Lustschlösser bauen sah, und weil etwas tun für das unruhige Ding, die Seele, besser ist als nichts tun, so setzte er sich zu ihm und half den Lustschloßbau vollenden. War das ein Verbrechen? Tat der ehrliche Mann etwas anders, rief meine Muhme mit hypochondrischem keuchendem Tone, als was Weise, was Reiche, Vornehme und überhaupt Leute, die nach der gewöhnlichen Sprache in guten Umständen sind, besonders in großen Städten, alle Tage tun? Sie haben nichts zu tun; sie wollen nichts tun; sie können nichts tun; aber etwas muß doch getan sein. Diese Leute sind wohl daran in dergleichen Verlegenheiten – sie spielen, sie schwatzen, sie – was weiß ich, was sie alles tun? Aber ein elender Landschulmeister, wozu soll der seine Zuflucht nehmen, wenn ihn die Langeweile beschleicht, als – daß er Leimhäuser baut?

Die erste Frage ist beantwortet, und ich hoffe zur Befriedigung meiner Leser. Um völlig methodisch zu verfahren, schreite ich nunmehr zur andern: Wie ließ sich Herr Knaut einfallen, die Frage seiner Frau übelzunehmen? oder, wie man die Frage näher bestimmen könnte, warum schlug er seine Frau itzt, da sie doch sonst allein dieses Vorrecht gehabt hatte? oder, am allernähesten bestimmt, warum war ihm eine so gelinde Anfrage empfindlich, da er doch sonst Unverschämtheiten und Schläge geduldig ertragen hatte?

Sehr viele Hypothesen ließen sich zur Auflösung dieser Fragen machen, und Gelehrsamkeit ließe sich in Menge dabei auskramen. Von entscheidenden, determinierenden, wirkenden, Final-, Kausal-, Existentialursachen könnte ich meinen Lesern sehr viel mitteilen, zumal da ich ihnen seit dem zwölften Absätze keine Minute Ruhe vergönnt habe. Doch für diesesmal mag es um den Ruhm der Gelehrsamkeit sein! – und auch um Ihren Schlaf!

Unter allen möglichen Ursachen war keine natürlicher, als daß in seinen Nerven noch ein Rest von der Tätigkeit war, in welche seine Lebensgeister durch den vorgestern getrunknen Wein gesetzt worden waren. In einem Winkel seines Kopfs lauschte überdies wie im Hinterhalte das Andenken an die ausgestandnen Beleidigungen, ohne daß sich der gute Knaut selber davon bewußt war. – Bei jedem andern Zustande des Körpers würde es nicht eine Linie aus seinem Winkel hervorgekrochen sein; doch itzt, da der Arm schon durch seine eigne Lebhaftigkeit ohne Zutun der Seele nach dem Backen der Frau Knaut seinen Weg nahm, so gab ihm jener verborgne Feind noch den letzten Stoß. Der Arm fuhr wie ein Donnerkeil in seiner Richtung fort, und Knaut, dessen Arm es doch eigentlich war, glaubte selbst mit der festesten Überzeugung, daß ihn nichts als die gegenwärtige Beleidigung in diese Richtungslinie gesetzt habe.

Ging es Alexandern, Caesarn, Augustus, dem Helden +, dem Helden ++, dem Helden +++ anders? Die guten Leute glaubten insgesamt ihren Feinden vergeben zu haben, ihre Beleidigungen längst vergessen zu haben; aber wie sich doch große Leute irren können! Augustus, als er für den Cicero zu bitten unterließ, dachte in dem Augenblicke an nichts weniger, als daß die Umstände es nicht erlaubten, daß eine fatale Notwendigkeit ihn zwänge – Kann sein! Aber ohne sein Wissen lag ganz hinten in einer Ecke des Kopfs, wo es niemand gesucht hätte, das tollendus est, wie ein Stück alter, verdorbner Sauerteig und hatte noch Schärfe genug, die ganze Masse seiner Bewegungsgründe zu durchsäuern, und wenn die Notwendigkeit vorher schwer zu übersteigen war, so wurde sie nun unübersteiglich.

Würde Caesar – aber wozu so alte Beispiele? – Warum ließ in dem Kriege vom Jahre 1+++ der große Held * die Stadt * beschießen? eine Stadt, für deren Einwohner er wider jeden Feind zu fechten versprach, als er seinem Fürsten und seinem Vaterlande den Eid der Treue schwor! Warum mußten viele hundert seiner Mitbürger von Bomben zerquetscht, von dem Schutt ihrer einstürzenden Häuser erstickt werden? Warum ebenso viele die Belohnungen ihrer Arbeit, die Früchte ihrer Industrie von den Flammen verheeren sehen und mit Not durch die Flucht ihr Leben retten, um von den Händen ihrer Feinde ein dürftiges Almosen zu bitten, das ihre Beschützer ihnen unentbehrlich gemacht hatten? – Es war unvermeidlich! Der Feind hatte die Stadt besetzt; eine der größten Städte im Lande war in seinen Händen. Mußte man sie ihm nicht entreißen? Besonders da ihre Einwohner treuloserweise mit ihren einquartierten Feinden so zufrieden waren, daß sie mit ihnen aßen, tranken, spielten, tanzten? Strafbar war es, daß sie ihre Eroberer als freundliche Gäste und ihre Beschützer als überlästige Verwüster ansahen. – Dieses und nicht eine Silbe mehr war in dem Kopfe des Belagerers, als er die erste Kanone nach dem Stadtturme richten ließ; aber in seinem Blute lag noch eine alte Beleidigung – ein Bewillkommungskompliment, das ihm der Stadtmagistrat bei seiner Durchreise vor acht Jahren nicht abgestattet hatte. Bei dieser Gelegenheit fing es von neuem an in seinem Blute zu gären; er glaubte seine Mitbürger als Rebellen zu strafen und strafte sie – wegen einer Unhöflichkeit.

Franziska –
– nam sic magnis componere parva soles nam
Stultus ego –

Franziska, dies weinerliche winselnde Geschöpfchen, so voll von romanhaften Empfindungen, daß sie ungern auf einen Grashalm tritt, aus Furcht, ihn zu zerdrücken – die Kammerjungfer der Frau Xrätin dort in dem meergrünen Hause – dies liebe Kind wurde ebenso von sich selbst hintergangen. Unbarmherzig prügelte sie mit ihren Feenhänden den dicken Hannibal, den Haushund, weil der gute Narr sich über die Ankunft der Frau vom Hause so herzlich gefreut und diese Freude eine so heftige Wirkung in seine Glieder gehabt hatte, daß er sich vergaß und ihr das schöne kirschfarbne Kleid von Batavia mit der teuren Spitzenfrisierung unflätigerweise – besudelte. Die Zofe stritt freilich pro aris et focis; sie mußte bei dergleichen Vorfällen die Gerechtigkeit handhaben; aber gewiß hätte das einfältige Tier, der Hund, sich unter zwölf Schlägen zehn ersparen können, wenn er nicht unbedachtsamerweise vor dem Jahre, den dritten Pfingsttag, nachts vierzig Minuten auf zwölfe gebollen hätte, gerade als der Sekretär des Herrn ++ aus dem Hinterhause kam und Franziska in ihrer Stube besuchen wollte. Der Kammerdiener, ihr Neider, entdeckte die verliebte Zusammenkunft, und nun war es so gut, als hätte sie das ganze Haus entdeckt. Dieser Gedanke lag wie ein kleiner Cupido in ihrem Herzen, und der Patriotismus für das Kleid ihrer gnädigen Frau war nur der Bolzen, den der rachsüchtige Bube von seinem Armbruste in ihren Kopf schoß; aber Franziska hörte weder die Saite vom Armbruste noch den Bolzen rauschen, als er losgeschossen wurde.

Als eine episodische Frage könnte noch untersucht werden, warum die Frau Knaut sich mit ihren Bedenklichkeiten über den Verstand ihres Ehemannes nicht unmittelbar an ihn selbst, sondern an den unmündigen Tobias wandte; allein dieser Punkt soll in meiner Pneumatologie als ein Beispiel zu dem Kapitel von den verlorengegangnen Bewegungsgründen der menschlichen Handlungen deutlich und umständlich in das Licht gesetzt werden, und um diesem Kapitel nicht seine Neuheit zu benehmen, lasse ich hier den Faden dieser Untersuchung aus den Händen fallen.

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