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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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17.

Der Pflicht des Geschichtschreibers habe ich also Genüge getan; mein Held ist glücklich aus dem Wetter in Sicherheit gebracht. Gegenwärtig ist nichts wichtiger für mich, als der Pflicht des Schriftstellers Genüge zu tun und die Wißbegierde meiner Leser zu befriedigen.

Eigentlich könnte ein scharfsinniger Kopf bei der vorhergehenden Erzählung sehr viele Fragen aufwerfen: zum Exempel auf welchen Backen hat der Schulmeister seine Frau geschlagen? aus welchem Auge tröpfelte die erste Träne? schlug er mit der geballten Faust oder mit der flachen Hand? welches von beiden würde weher getan haben? Und endlich würde man in ein so weites Feld hineingeraten sein wie jener ehrliche Mann – Strephon hieß er, ich kann es wohl sagen –, der einer untröstlichen Witwe beweisen wollte, daß nichts Gescheuteres im Unglück wäre, als sich zu trösten, und, nachdem er ein Blatt mit Trostgründen angefüllt hatte, den Rest von zween Bogen dazu anwandte, daß er scharfsinnig untersuchte, ob der Mensch Mensch sein könnte, wenn er statt zwei Augen nur eins hätte, und endlich mit einer Widerlegung des Leibnizischen Satzes vom determinierenden Grunde beschloß. – Aber wer kann so viel antworten, als scharfsinnige Leute fragen können?

Wir wollen daher unsre ganze Erörterung auf zwo Fragen einschränken: 1. Wie kam Herr Knaut auf den Einfall, Leimhäuser mit seinem Sohne zu bauen? 2. Wie ließ er sich's einkommen, die Frage seiner Frau so sehr übelzunehmen?

Zween Tage vor dieser Begebenheit, nämlich am Tage Allerheiligen, hatte dem Herkommen nach der gnädige Patron des Kirchspiels, der Herr Pfarr, beide sitzend, der Herr Schulmeister und zween Kirchenväter, alle drei stehend, die leeren Büchsen des Kirchenvermögens visitiert oder Kirchrechnung gehalten, das heißt, eigentlich zu reden, sie bezeugten alle schriftlich, daß sie in allen Geldbehältnissen der Kirche keinen Pfennig gefunden hätten und also Einnahme und Ausgabe einander in diesem Jahre völlig gleich gewesen sein müßte. Nachdem dergestalt die Rechnungen richtig befunden worden waren, so mußte die Kirche diesen redlichen Kuratoren ihres Vermögens aus Dankbarkeit einen Schmaus geben, bei welchem der Schulmeister mit den zween Kirchvätern an einer besondern Tafel so viel aß und trank, als wenn er bis zur Kirchrechnung künftigen Jahres davon zehren müßte. Besonders überschwemmte er seinen Magen mit einer unendlichen Menge schlechten Landweine, bei dem die Säure die Stelle des Geistes vertrat; mit einem Worte, Herr Knaut wurde berauscht, so berauscht, als wenn er aus dem Becher der Circe getrunken hätte, denn er sprach und handelte wie ein Schwein – so berauscht, daß er fühllos und beinahe leblos nach Hause getragen, ins Bette gelegt, von seiner Frau gescholten wurde, ohne daß er sich dessen mehr bewußt war als das Bette, das er bespie.

Wissen Sie sich nicht mehr zu besinnen, meine Herren, wie Ihnen den zweiten Tag nach einem Rausche war? oder überhaupt, wie Ihnen den zweiten Tag nach jedem lebhaften Vergnügen ist, das Sie seit langer Zeit nicht genossen haben? oder, wenn Sie das noch nicht finden können, wie Ihnen überhaupt nach jedem Vergnügen ist? – Ich sehe wohl, Sie sind schlechte Beobachter; ich bin nicht dabei gewesen und will Ihnen doch alles haarklein erzählen. – Fühlten Sie nicht, wenn Sie zum ersten Male darauf ausgeschlafen hatten, in dem Körper eine Mattigkeit, eine Untüchtigkeit zu allen Verrichtungen? Gegen die Hälfte des Tages hatte diese Trägheit allmählich abgenommen? Es war immer noch ein Grad davon da; aber die Lebensgeister fingen an, ungestüm durch den Kopf hin und her zu laufen? Ihre Einbildungskraft stellte Ihnen alle Szenen des gestrigen Vergnügens untereinandergeworfen vor? Sie dachten, Sie redten nichts anders als davon, solange Sie denken und reden konnten? Sie schliefen zum zweiten Male aus; Sie setzten sich an Ihren Tisch; Sie wollten Akten lesen, ein Programm schreiben, Spitzen stricken oder so was – zwo Zeilen, noch eine – eine halbe – ah, ah, gähnten Sie – noch sechs Zeilen – und nun gar eine Seite – weg mit den Akten! – Sie gingen in der Stube spazieren; Sie wollten gern etwas tun, aber Sie wußten nicht was, denn Langeweile hatten Sie. Kurz, es ging in Ihrem Kopfe zu wie in Ihrem Magen. Beide hatten verdaut, beide waren leer, beide waren durch Überladung in eine zu große Beweglichkeit versetzt worden, die immer in beiden noch fortdauerte, und da sie nichts mehr zu verdauen fanden, so nagten sie an sich selber. In diesem Zustande stellten Sie sich ans Fenster; Sie sahn eine Viertelstunde die Leute die Gasse auf und nieder gehen, Sie drehten Papierchen, Sie drehten Ihren Barbet beim Schwanze. Sie setzten sich zu Tische – pfui! wie das schmeckt! – Der Wein ist schal! – Ihre Nerven waren überspannt; keine Speise, die nicht den schon vorhandnen Grad von Anspannung erfoderte, um eine angenehme Empfindung hervorzubringen, war reizend genug für sie; die Nerve gab also gar keinen Ton. Ebenso ging es Ihrer Seele! Ihre Lebensgeister hatten sich einmal einen gewissen Weg gemacht, eine große, breite Landstraße, und nichts war imstande, sie durch einen Ausweg auf die ehmalige Straße zurückzubringen, bis sie endlich sich von selbst wieder dahin verirrten. In einem solchen Zustande konnte der Doktor Ergastulus,

– – dies große Licht der Welt,
Der jedermann für dumm, sich nur für weise hält,

dieser erleuchtete Philosoph, der mehr Bücher gelesen, als meine Leser und ich gesehn haben, dieser große Mann, sage ich, konnte in einem solchen Zustande Gellerts Fabeln oder wohl gar Gleims Liederchen in die Hand nehmen und gähnend sie von einem Ende bis zum andern durchblättern. Noch itzt pflegt Longimanus, der größte Staatsmann, den ein Pferd jemals getragen hat, in einer solchen Verfassung, in welcher er sich doch wöchentlich wenigstens einmal befindet, sich auf das Kanapee zu setzen und Mendelsohns »Phädon« vor sich zu legen und, wenn ihn dieser Anblick ermüdet, vor das Thor zu reiten und – nach Sperlingen zu schießen.

Schon wieder ertappe ich hier unsre Philosophen auf einer Nachlässigkeit. Man suche in allen Systemen in Quart und Oktav; umsonst! da ist kein Name für diesen Zustand zu finden, wenigstens kein allgemeiner. Jede Art von Menschen hat sich zwar für diejenige Gattung des Zustandes, in die sie nach ihren Umständen oft geraten kann und die alle unter dem obengenannten Zustande, in welchem sich ein Mensch den zweiten Tag nach einem Rausche befindet, wie unter ihrem Geschlechte begriffen sind, eigne Benennungen ersonnen; aber wozu nützt uns das? – In der Mönchsphilosophie heißt er der Zustand der Kontemplation oder auch zuweilen Regungen des Fleisches und Blutes; die Bigotten nennen ihn die geistliche Nüchternheit, die geistliche Armut, die Erwachung des alten Adams; die Freigeister den Sieg der Vernunft über die Religion; Leute vom Handwerke nennen ihn den blauen Montag, den gelben Dienstag usw. und ernsthafte, gesetzte Leute – Faulheit. – Alles Gattungen von demjenigen Zustande, für welchen ich einen generellen Namen vermisse! Könnte man ihn nicht statum evacuititatis nennen? – Es wäre doch ein Name!

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