Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Karl Wezel >

Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

16.

Wer wundert sich noch, daß alles dieses so geschwind zuging? Das Gewitter war nahe; also Blitz und Schlag war eins. Kaum war der erste fürchterliche Ton durch die Lippen der Frau Schulmeisterin hindurchgefahren, als der Vater erschrocken den Kopf über die Schultern herumwarf, um sich nach dem Stande des Gewitters umzusehen, in ebendem Augenblicke sich unbewußt aufsprang, sich unbewußt den Leimenklumpen aus den Händen fallen ließ und, wie vom Donner gerührt, mit offnem Munde starr dastand. Zu gleicher Zeit oder vielleicht einige Augenblicke eher, als der Vater diese Wirkungen spürte, stürzte Tobias gerade vor sich hin – patsch! mit dem Gesichte in sein Lustschloß hinein. Korinthische, dorische, römische Säulen, Kälberzähne, Triglyphen, Gesimse, alles wurde durch diesen plötzlichen Fall in die Höhe geprellt und fiel als ein unförmlicher Klumpen auf und neben den hingestreckten Baumeister herab.

Alle Zugänge, wodurch Ideen in einen menschlichen Kopf hineinkommen können, waren von der eindringenden sehr nassen Baumaterie verstopft; Augen und Ohren waren wie die Häuser einer belagerten Stadt mit Mist und Unflat verlegt. Also war eine Antwort auf eine so gewaltige Frage unmöglich, wenn sie auch nicht halb so bedenklich zu beantworten gewesen wäre und ihre Beantwortung nicht halb so viel Gegenwart des Geistes erfodert hätte. Sie blieb dann unbeantwortet, denn Tobias hatte sie vor Schrecken gar nicht verstanden. Allein den Vater, dessen Verstand sie in Zweifel zog, war sie in ihrer völligen Stärke, mit der völligen Kraft ihrer Bedeutung, bis in das große allgemeine Behältnis der Ideen hineingedrungen, hatte von der Büchse, in welcher die Ideen des Stolzes und der Eigenliebe verwahrt lagen, den Stöpsel verrückt, und gleich sprangen alle wie die cartesianischen Teufelchen in die Höhe, zogen an dem Faden, an welchem der rechte Arm regiert wird, und siehe! – der rechte Arm hub sich in die Höhe, bewegte sich in gerader Linie rückwärts und fuhr alsdann wie ein Blitz auf den Backen der Frau Knaut los, wo die sämtlichen Finger der Hand, deutlich in Kot ausgedrückt, ihre Fußtapfen zurückließen. Die arme Frau, die eher den Tod ihres Mannes als diesen heroischen Streich von ihm vermutet hätte, war – nicht aus den Wolken gefallen; nein, das wäre viel zu wenig! – von der äußersten Grenze des Empyreums, wo es sich in das Nichts verliert, bis in den untersten Pfuhl des Tartarus, in den großen Berg hinein, woraus Milton seine Teufel Kanonen gießen läßt,

Tausendmal tausend Sonnenmeilen herab.

Das heißt aber, menschlicherweise zu reden, weiter nichts gesagt als: Die Frau Knaut war im höchsten Grade erstaunt. Wie konnte es auch anders sein? Gewohnt, über den Kopf ihres Mannes zu tyrannisieren und ihn mit oder ohne Beulen und blaue Flecken nach eignem Willkür gehen zu lassen, wie konnte sie anders als argwohnen, daß die ganze Herzhaftigkeit ihres Mannes sich wider sie verschworen habe, ihr die Beulen alle mit Wucher wieder zu ersetzen, die sie ausgeteilt hatte? daß sie ihr Mann unrecht verstanden und das für ein geliehenes Kapital angesehn habe, was sie doch für ein freiwilliges Geschenk gehalten wissen wollte? – Eine traurige Aussicht! besonders da die Schuld groß war. – War nun diese Betrachtung oder bloß der körperliche Schmerz die Ursache davon, genug, der Schlag versetzte sie in eine so wehmütige Empfindung, daß gleich nach dem Empfange desselben die Tränen häufig die Backen herabrollten; anfangs einzeln, wie die Regentropfen bei einem stillen Gewitter, das sich nur erst durch einen fürchterlichen Schlag angekündigt hat – aber in großen, großen Tropfen; doch kurz darauf fing es an, stromweise zu regnen wie ein Wolkenbruch – und zu donnern! aus dem Munde der gemißhandelten Ehefrau! – Das war ein Wetter!

»Willst du mich umbringen? Willst du auch ein Mörder werden wie deine Schwester, du –?« und so weiter. – Meine Leser werden ohne Zweifel kein Vergnügen daran finden, diesem fürchterlichen Schloßenwetter länger zuzusehn; geschwind wollen wir also davon weglaufen, und bis es vorüber ist, will ich unterdessen mein Versprechen halten und ihnen die Veranlassung oder den ersten Ursprung dieser tragisch-komischen oder komisch-tragischen Szene aufrichtig erzählen. Aber vorher werden sie mir erlauben, daß ich meinen Held rette, daß ich ihn – freilich voll Schmutz, das ist nun einmal nicht zu ändern – aus den Trümmern seines zerstörten Gebäudes aufstehn, heimlich zur Tür hineinschleichen und sich in das Bette verstecken lasse. Ohne Zweifel mochte ihn das ungestüme Lärmschlagen der Mutter aus der ersten Betäubung erweckt haben, und um völlig bei diesem Kriege neutral bleiben zu können, so hatte er kein besseres Mittel finden können als zu fliehen und sich zu verstecken, wo man ihn am wenigsten vermutete.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.