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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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15.

»Ist dein Vater nicht gescheut?« – Eine so reichhaltige Frage, daß ich gewiß so viel darüber sagen könnte, als jemals über eine Frage de possibili gesagt worden ist! Vor der Hand aber will ich weiter nichts, als eine Erzählung von den dabei vorkommenden Umständen, ihrer Veranlassung und ihren Folgen, eine kurze, kurze Betrachtung darüber und eine damit zusammenhängende lange, lange Erzählung versprechen. Viel zu schreiben und doch immer wenig zu lesen!

»Ist dein Vater nicht gescheut?« – so rief die Mutter meines Helden, an die eine Pfoste der Hintertür mit dem Rücken gelehnt, das Gesicht nach dem Orte zugekehrt, wo Tobias unter der Beihülfe seines Vaters ein prächtiges Lustschloß baute; so rief sie, aber mit einem Tone, mit einem so epischen Tone, daß er sich in Prose gar nicht beschreiben läßt,

– wie neun-, zehntausend gewaffnete Krieger,
Wenn der Kampf des Mavors beginnt;

oder

– wie Kraniche mit wildtönendem Fluge,
Wenn sie den Winter und dicht herniederströmenden Regen
Fliehen, über des Ozeans Wogen hineilen. Sie tragen,
Mit dem Verderben und Tod der Pygmäer bewaffnet, die Lüfte
Hoch durchschwebend, traurige Streite mit sich hernieder;

oder

– wie um des Kaystrius Ström', auf der asischen Wiese,
Zahlreiche Scharen geflügelter Vögel, Scharen von Gänsen
Oder Kranichen und langhalsichten Schwänen, die Flügel
Schlagend, sich schnell hin und wieder bewegen und schreiend sich Sitze
Auf dem Boden erwählen – und weit erschallet die Wiese;

oder

Wie fünfzig Ochsen wohlgemut,
Wenn sie um eine Kuh sich zanken
Und keiner unter ihnen ruht,
Bis neunundvierzig wanken;
Sie brüllen all und insgemein,
Was muß das für ein Brüllen sein!Der Herr Verfasser.

Kurz, die Frau Knaut sagte es mit einem Tone, der so stark war, als alle das Geschrei und der Lärm zusammen genommen, den Homer, Virgil, Milton, Glover, Klopstock, Tasso und die übrigen sogenannten Heldendichter in ihren sämtlichen Epopeen Menschen und Vieh haben machen lassen und die Dichter künftiger Zeiten und Nationen werden machen lassen, und gleichwohl würde unter diesem gewiß nicht kleinen Lärme ein musikalisches Ohr die Stimme der Frau Knaut noch deutlich unterschieden haben;

– und mit einer Miene! – Diese war zu original und vielleicht seit der Schöpfung der Welt niemals in einem menschlichen Gesichte gewesen; kein Wunder also, wenn sie kein Dichter vor mir geschildert hat – mit einer Miene!

Aber wenn ich sie recht schildern soll, so muß ich die Sache anders anfangen. Also – jeder Ausdruck eines Affekts im Gesichte besteht in gewissen und jeder Empfindung eignen Zusammenziehungen oder Ausdehnungen der äußern Haut, die durch besondre Bewegungen der Muskeln hervorgebracht werden, folglich ist das Gesicht nichts anders als eine papierne Laterne, durch welche die Empfindungen hell oder düster durchschimmern, nachdem das Papier ausgedehnt oder stark zusammengefaltet ist. Nun –ja, da sitz ich! weiter geht's nicht.

Also anders! Man denke sich das Gesicht der Frau Knaut als ein Gemälde von einem Gebäude mit drei Stockwerken: Das unterste endigt sich mit dem Rande der Oberlippe; das zweite geht bis an die Öffnung der Nasenlöcher, und das dritte hört mit den Grenzen des Kopfs auf. In jedem wohnt eine besondre Empfindung, und sieht – sozusagen! – zum Fenster heraus. Aus dem untersten Stockwerke guckt die Verwundrung, aber nur mit dem halben Kopfe und lauschend hinter der Freude, die sie wegdrängt, um sich bis an die Brust herauszulegen. Die Freude ist ein wildes, tückisches Mädchen, mit zerstreuten Haaren und einer frechen, schadenfrohen Miene, die Verwunderung ein altes, runzlichtes Mütterchen mit stieren Augen und halbgeöffnetem Munde, der zwei Reihen Brandstellen von verwüsteten Zähnen sehen läßt. In dem zweiten zeigt sich die Scham, als ein schüchternes Mädchen an der Seite des Fensters hinter dem Vorhange lauschend; mit der einen Hand öffnet sie zitternd das Fenster, doch kaum eine Viertelspanne weit, mit der andern zieht sie den Vorhang vor das halbbedeckte Gesicht. In dem dritten sind alle zwei Flügel offen, und bis an die Mitte des Leibes hervorragend, liegt der Zorn da, den Kopf auf die eine Hand gestützt; die andre schlägt er geballt an die knirschenden Zähne: ein finstrer, glühender, schrecklicher Riese, mit emporstrebenden Haaren und aufgeblasenen Naselöchern. Das Haus selbst ist ein modernes Gebäude im gotischen Geschmack, unregelmäßig, mit etlichen schönen Zieraten, die der unschickliche Ort und die Gesellschaft von mehrern schlechten zu Häßlichkeiten macht.

Ist dies Gemälde nicht einer ebenso weitläufigen Erklärung wert als das Gemälde des Cebes? Nichts davon zu sagen, daß es weit weniger einem Maler schwerfiele, es zu malen, da die Komposition dieses Philosophen unter den geschicktesten Händen ein elendes Geklecke werden würde. Meines braucht keinen Dietrich, keinen Mengs, nur einen – – –Dem Leser wird die Erlaubnis gegeben, nach seiner Bekanntschaft und nach seinen Kenntnissen diese Lücke mit einem beliebigen Namen auszufüllen. . Außerdem hat es das Verdienst, daß es die Vorderseite von dem Kopfe der Frau Knaut natürlicher und sinnlicher vorstellt, als jemals eine Allegorie getan hat.

Erklärung: Das Haus ist, wie gesagt, der Kopf der Frau Knaut, der dem Zuschauer die Vorderseite zukehrt.

Aus dem untersten: Die erste Empfindung der Frau Knaut, als sie ihren Mann mit ihrem Sohne Leimenhäuser bauen sah, war Verwundrung, einen so bärtigen Mann bei solchen Beschäftigungen zu finden und ihn seit ihrer Bekanntschaft zum ersten Male dabei zu finden. Diese Empfindung herrschte kaum drei Tertien, als sie eine tückische, schadenfrohe Freude wegstieß, eine Freude, mit dem armen Manne abermals zanken und ihm mit Anschein des Rechtes einen derben, wochenlangen Verweis geben zu können; eine Freude, daß sie während des Verweises eine Woche lang für klüger erkannt werden mußte als ihr Mann, wobei ihre Selbstliebe sich ein herrliches Fest versprach.

In dem zweiten: Eine Sekunde darauf überfiel sie Scham, da sie bedachte, daß dieses so kindische, sich so erniedrigende Geschöpf ihr Mann war und sie also selbst einen Teil der Schande tragen mußte. Doch diese Empfindung dauerte kaum den sechzigsten Teil einer Tertie, und sie wollte eben das Fenster öffnen, als der Zorn in dem Stockwerke über ihr zu lärmen anfing; husch! – lief sie davon. Daß ihr Stockwerk besonders klein gegen die übrigen ist, daran ist die Bauart des Kopfes schuld. Auf die Scham war bei der Frau Knaut gleich bei der ersten Anlage sehr wenig gerechnet worden, und zuletzt mußte das arme schüchterne Ding gar aus dem Hause ziehn.

In dem dritten:

– 3 Tert. die Verwundrung,

1 Sek. – die schadenfrohe Freude,

1/60 Tert. die Scham.

Summe 1 Sek. – 3 1/60 Tert.

– also 1 Sek. 3 1/60 Tertien; nachdem sie sich in die Hoftür gestellt und ihren Mann bei dem Leimhaufen erblickt hatte, schwellte der Zorn die Muskeln ihres Gesichts auf

Zur verwilderten Miene. Den schwarzen Busen erfüllte
Zornige Wut, das Auge blitzte gleich lodernden Flammen.
Drohend blitzt' es zuerst auf Tobias, und also begonn sie:
»Ist dein Vater nicht gescheut!«
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