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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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14.

Was für eine hübsche Sache wäre es doch um das Schriftstellerhandwerk, wenn wir die Ideen unsrer Leser so zu regieren wüßten, wie die Marionettenspieler ihre Puppen! Wenn wir nur an einem Faden ziehen dürften, und siehe! – gleich ständ in ihrem Kopfe die Idee, die wir gerade itzt brauchten, in ihrem völligen Schmucke da, mit ihrem ganzen Gefolge von Ideen, das ihnen so nötig ist als den Theaterkönigen das ihrige, um völlig für das gehalten zu werden, was sie sein sollen! Aber so mögen wir armen Leute uns den Hals wund schreien und unsre Federn tagelang noch so gravitätisch auf dem Papiere herumwandeln lassen – umsonst! der Leser denkt, was er kann, und niemals, was er soll. Keine von den Ideen, die wir durch den Arm in die Feder, durch die Feder auf Schreibepapier, von dem Schreibepapiere durch die Hand des Setzers und Druckers auf Druckpapier und von dem Druckpapiere in die Köpfe unsrer Leser übergehen lassen; unter allen diesen, sage ich, kömmt keine einzige unverändert an ihrem bestimmten Orte an, keine einzige mit der nämlichen Gesichtsfarbe, der nämlichen Kleidung, und, was noch wichtiger ist, keine bringt alle und die nämlichen Gefährten mit sich, die sie in unserm Kopfe umgaben und durch ihre Gesellschaft der Hauptidee ebendie Dienste taten, die die Charitinnen der Venus tun – ohne sie wäre Venus eine schöne Frau; aber in ihrer Gesellschaft, mit ihnen verglichen, ist sie Venus. Weit, sehr weit ist allerdings der Weg, den eine solche Idee gehen muß, und wenn sie ja ohne sonderliche Zufälle ankömmt, so findet sie einen andern Schauplatz, andre Dekorationen, andre Mitspieler. Wie ist es nun möglich, daß sie völlig in dem Glanze, völlig in dem vorteilhaften Lichte erscheinen kann, in welchem sie sich zuerst dem Schriftsteller zeigte? Oder, ganz deutlich gesagt, wie kann der Leser bei den Worten des Schriftstellers völlig das in seinem ganzen Umfange denken, was dieser selbst dabei dachte, wenn sie nicht beide einen Kopf, einen Vorrat von Ideen, eine Empfindungskraft haben?

Also bleibt es dabei, jeder Schriftsteller müßte ein ebenso guter Marionettenspieler sein, als die meisten von uns Taschenspieler sind. Wieviel sollte mir es itzt helfen, wenn ich diese Kunst wüßte! Gleich in der Sekunde, als der Leser den letzten Buchstaben von dem vorigen Absatze angesehn hatte, mußte in seinem Kopfe der Gedanke hervortreten: Aber wozu gibt uns der Mann solche elende Dorfgeschichtchen, Auftritte aus der Schulmeisterküche zu lesen? Wenn er uns über ein komisches Spiel will lachen lassen, warum läßt er uns nicht lieber über eine Komödie aus der feinern Welt lachen? Warum müssen die Personen so niedrig und die Begebenheiten so gering sein? – Hierauf träte dann meine Antwort in der Gestalt eines muntern, lebhaften Greises hinter der Szene hervor. Ihr guten Leute, sprach er, das menschliche Leben ist eine, ist dieselbe Komödie. Nichts ist verschieden als der Schauplatz, die Dekoration, die Namen und der Anzug der handelnden Personen. Räumt in dem vorigen Absätze die Küche aus! Schafft das Tellerbrett, die alte Bank, den Herd hinaus! Behängt die Wände mit seidnen Tapeten, haute oder basse lice, wie ihr wollt, setzt ein Kanapee, sechs Krüppelstühle hinein und auf jeden eine Dame im Fischbeinrocke! Glaubt ihr denn, daß ihr etwas Bessers hören werdet? – Ebendieselbe Küchenszene, in einem Visitenzimmer gespielt! – Lernt, ihr, die ihr euch andre Menschen zu sein dünkt, weil ihr andre Kleider tragt, daß ihr und die Geringsten eurer Mitgeschöpfe durch mehr nicht unterschieden seid als durch – nichtsDamit junge Kunstrichter des neunzehnten und der folgenden Jahrhunderte ohne alle kritische Gewissensskrupel zu Werke gehen können, wenn sie etwa gesonnen wären, in einer Einleitung in die schönen Wissenschaften, in einem Cours des belles lettres, einer Theorie oder einer andern Aftergeburt des Witzes und der Philosophie, die alsdann nach der Mode sein mag, dieses Werk zu zergliedern – aus dieser Ursache sei es der späten Nachwelt in dieser Anmerkung gesagt, daß dieser ganze 14. Absatz weder aus dem Kopfe noch aus der Feder des H. Verfassers geflossen ist, sondern daß er ganz von seiner geistreichen Muhme, die eben, als er den letzten Punkt zum vorhergehenden Absatze aus der Feder tröpfeln ließ, ihren Anfall von Schriftstellerlaune bekam, sich hastig des Papiers bemächtigte und mit glühender Stirne den ganzen Absatz hinschrieb, ohne daß sie durch Nachdenken eine sekundenlange Pause machte. Zur Erläuterung der so männlichen Moral, die sie darinnen predigt, muß man wissen, daß Tages vorher eine ihrer Gönnerinnen ihren sehr tiefen Reverenz nur mit einem seichten Kopfnicken beantwortet hatte. – Wie viele gute Satiren auf fremde Fehler haben wir schon einem seichten Komplimente zu verdanken gehabt! .

Vielleicht ist einigen von meinen Lesern der Einwurf, aber ohne die Antwort, schon bei dem ersten Blatte eingefallen; aber damals war es zu zeitig; bis hieher wenigstens mußten sie warten, und dann – ein Einwurf ohne Antwort ist weniger nütze als gar keiner.

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