Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Karl Wezel >

Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 141
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

33.

In diesem einzigen Falle hielt der Mann sein Versprechen, und zwar mit einer Eilfertigkeit, in welche ihn noch kein einziges versetzt hatte. Emilie flog mit Freude und Zufriedenheit in das Kabinett der ehmaligen Fr. Adelheid, die itzt Faustine hieß, tat ihr im Namen und mit Zutun des Bevollmächtigten die förmlichste Liebeserklärung und setzte gar noch großmütig hinzu, daß sie zu Erleichterung der nötigen Unkosten ihr eine Mitgift von ihrem eignen Vermögen mitteilen wolle. Faustine war im Herzen und Gesichte über den Antrag und die Annäherung der Ehe erfreut; desto ungebärdiger und abgeneigter stellte sie sich. Emilie verstund sich auf das weibliche Herz und konnte besonders sehr fertig weibliche Mienen und Gebärden lesen und auslegen; sie verstund daher jene heftige Weigerung als ein deutliches vernehmliches Ja, fuhr einige Zeit fort, in sie zu dringen, und brach endlich plötzlich ab, da Faustines Weigerung immer höher stieg. Sie fing bald von selbst an, diese Materie des Gesprächs wieder hervorzusuchen; Emilie hörte kaum darauf; jene erschrak über diese Kaltblütigkeit und ließ sich in der Besorgnis, daß ihre Anwartschaft zum ehelichen Leben wieder ganz verlorengehen möchte, das Geständnis entwischen, daß sie ihre verschämte Weigerung herzlich gern und gewiß endlich einstellen würde, wenn nur ihr Liebhaber Geduld genug hätte, den Roman einige Zeit mit ihr zu spielen, was sie für unentbehrlich notwendig zu einer guten Ehe erachtete. Kaum hatte dies ihre Aufseherin weggehascht, ohne es weggehascht zu haben zu scheinen, als sie den rechten Weg einschlug, den einzigen, um sie auf der Stelle zur letzten Einwilligung zu nötigen.

»Ihr Liebhaber«, sagte sie mit vertrauendem Tone, »ist ein wahrer Lovelace, wenn ich Ihnen die Wahrheit gestehn soll; ein Mann, der durch seine feinen Listen schon manches Mädchen hintergangen und nur diese finstre philosophische Larve angenommen hat, um Sie, seine Geliebte, gleichfalls zu hintergehen, um eine Clarissa aus Ihnen zu machen.«

Hier funkelte Faustinens ganzes Gesicht von Freude.

»Er kann nicht anders, als mit List bei seiner Liebe zu Werke gehn, keine Frau nehmen, die er nicht durch List gleichsam erkämpft hat; er geht so weit in seiner sonderbaren Laune, daß er keine Frau besitzen will, die er nicht entführt hat.«

»Ach, warum nicht!« rief Faustine mit dem freudigsten Entzücken.

»Werden Sie seine Clarissa! Sie sind dieses Namens würdig. Besser ist es, Sie lassen sich mit Ihrer Einwilligung entführen, als daß Sie mit Gewalt von ihm entführt werden; denn entführt werden Sie gewiß, und, was ich Ihnen im Vertrauen entdecken will – noch diese Nacht!«

»Noch diese Nacht soll ich entführt werden! entführt wie eine Clarissa!«

»Ja, Sie sollen die Heldin eines Romans werden, der die Feder eines Richardson nicht entehren würde! eine Clarissa! und nichts ähnlicher läßt sich denken. Sie sind in dem Hause einer Mistreß Sorling –« (hier holte sie einen Seufzer).

»Und also führt er auch wohl Opium bei sich? Wird auch Feuer geschrien werden? – O ich wollte mich mit der Feuerzange verteidigen! besser als Clarissa! – und der Schlaftrunk –«, verschämt deckte sie ihr Gesicht mit den Händen zu.

Ein Glück war es, daß sie so viele wichtige Fragen zu tun hatte und Emilien hinderte, ihre Vergleichung fortzusetzen, die so gewaltig hinkte, daß sie ohne die größte Gewalttätigkeit nicht einen Schritt weiter zu bringen gewesen wäre. Froh, aus der Verlegenheit sich so gut gerissen zu sehen, versicherte sie ohne Anstand auf Faustinens Anfrage wegen des Schlaftrunks, daß weder er noch sonst etwas aus der Prozeßordnung der Romane vergessen werden sollte.

»So komme er dann!« fuhr Faustine pathetisch auf; »so komme das Ungeheuer, um meine Tugend zu verschlingen! der Räuber der Ehre! Er soll es erfahren, daß Mädchen ihre Keuschheit so gut zu verteidigen wissen, als er sie überlisten kann! Er komme!« rief sie, sah sich nach einer Feuerzange um und wurde in Ermangelung derselben ein Federmesser auf dem Tische gewahr, das sie hastig ergriff und sich mit vorgekehrter Spitze in Schlachtordnung stellte. In der Begeistrung der Tapferkeit hätte sie gewiß ihre Tugend, die sie so oft preisgegeben hatte, wider den mutigsten Lovelace auf das äußerste und in völligem Ernste verteidigt; so wahr ist es, daß eine erhitzte brennbare Phantasie uns alle Tugenden mitteilen kann! – Aber wohl gemerkt! nur auf Augenblicke, nur solange ihr Feuer lodert. Jede Tugend, sie mag in dem Treibhause der Phantasie aufgeschossen oder auf den Stamm des Verstandes gepfropft sein, sie mag aus dem Blute oder sonst woher stammen, muß zwar einem Menschen, der das Wohl der Gesellschaft wünscht, willkommen sein; aber wenn ich unmaßgeblich raten dürfte, so priese ich vorzüglich eine Einpfropfung auf den Verstand an; das ist ein guter, fester Stamm, der zwar keine glänzenden, aber doch reife wohlschmeckende Früchte trägt und sie ordentlich trägt, wenn die von der Phantasie beschleunigten längst abgefallen und verwelkt sind. Clarissa kann viele tugendhafte Schönen gebildet haben, aber nicht mehrere tugendhafte Grimassiererinnen? – Guter gesunder Verstand ist ein solider Boden; die Phantasie bricht leicht unter den Füßen ein. Es ist wahr, alle Sterbliche wandeln und müssen in ihren Zaubergefilden wandeln, wenn sie bis zu einer gewissen vorzüglichen Tätigkeit gestärkt werden sollen, sie müssen von ihren Händen den Kelch der Begeistrung empfangen, der auf ihre Kräfte wie Maslak auf den Mut eines Türken wirkt; aber wehe dem, der allein durch Maslak tapfer oder allein durch die Phantasie tugendhaft wird! Beides ist ein vorbeifliegender Rausch, der die Nerven unsrer Tugend und Tapferkeit desto stärker ermüdet, je stärker er sie anspannt oder vielmehr überspannt.

 << Kapitel 140  Kapitel 142 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.