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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 140
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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32.

Ein einziges Gespräch! sagte ich und sagte recht – ein Gespräch, abends beim Schlafengehen gehalten – war die Ursache jener schnellen Veränderung.

Elmickor bestund bis zur Schlafzeit darauf, daß sein Gefährte die angefangne Liebe ganz aus dem Herze werfen sollte; er hatte auch seinen Zweck schon beinahe erreicht, als die Liebe in meinem Helden, nachdem sie schon die ganze Zeit über unter seinen Gedanken und Empfindungen komplottiert und nichts ausgerichtet hatte, ihr Äußerstes daran wagte, um nicht wie eine Grisette zur Tür hinausgestoßen zu werden; sie hing sich an die Ehrbegierde und ließ mit Bitten, Schwatzen, Betteln und Flehen nicht eher nach, als bis sie auf ihre Seite gebracht war; und dann sannen sie beide zusammen die Kriegslist aus, die Knaut seinem Gefährten vorschlug.

»Könnten wir«, sprach er, als er eben den Fuß in das Bette setzte, »könnten wir nicht ebensowohl Ruhm und Ehre gewinnen, wenn wir uns gleich verheirateten? Die Leute würden uns bewundern, daß wir bei unsern Umständen eine solche Entschließung nehmen konnten; man würde uns für ganz außerordentliche Leute ansehen, da andre Weiber nehmen, um reicher zu werden, und wir, um ärmer zu werden.«

Elmickor hörte es schlummernd; ohne Verwerfung oder Billigung wurde der Vorschlag in sein Gedächtnis niedergelegt, und da der Redner seine Antwort darauf erwartete, schlief er schon fest. In der Nacht führte die Phantasie in seinem Gehirne eine Farce auf, die lustig und possierlich aus den aufgesammelten Bildern des Tags zusammen gesetzt und mit neuen schnurrichten Erfindungen verziert, daß es ein Meisterstück einer Opera buffa für ein italienisches Theater sein könnte, wenn es zu Papiere gebracht würde. Die Hauptszene war natürlich die Liebe, weil die Materialien dazu tags vorher in einem Bordelle geholt worden waren. Er träumte so süß als kaum ein Mahometaner, wenn er an Huris gedacht hat. Seine Ehrbegierde, der Vorschlag, den er beim Einschlafen vernommen hatte, kreuzten gleichfalls mit auf dem Theater herum. Morgens, als Elmickor erwachte, fand er in der ganzen Atmosphäre seiner Seele ein so ungemein heitres erquickendes Wetter! nicht ein Wölkchen am ganzen Himmel! Sein Blut, seine Lebensgeister flossen mit dem sanften rieselnden Falle eines kristallnen Bachs; kein Äderchen, worinne nicht Munterkeit und Wohlsein lebte! Mit einer Heiterkeit, die seit Wochen nicht auf seinem Gesichte gewesen war, stund er auf, sprach mit seinem Gesellschafter, fühlte sich leicht und munter und wußte selbst nicht, warum. Endlich führte das Gespräch seine Gedanken auf den Vorschlag, den er den Abend vorher nur halb vernommen und unbeantwortet gelassen hatte; ihm war es in dem Augenblicke nicht anders, als wenn er ihn gebilligt habe – eine Täuschung, die des Nachts, während daß er schlief, in seinem eignen Gehirne unter seinen herumschwärmenden Gedanken, wider sein Wissen und Willen, verblendet war! – Unumstößlich gewiß war es ihm, daß er den Antrag gebilligt hatte, und nicht die mindeste Spur von Zweifel vorhanden. Demgemäß wiederholte er itzo seine Billigung und bot seinen Gefährten auf, weiter mit ihm der Angelegenheit nachzudenken. »Ja«, sagte er endlich, »wir wollen Weiber nehmen, beide sie aus einem Bordelle nehmen; das wird das erste Aufsehn machen. In dieser Stadt herrscht der Geist nicht völlig, der uns unsre Absichten erleichtern könnte; man muß harte angreifende Mittel gebrauchen, um die Leute zur Bewundrung zu zwingen. Wäre es nicht etwas, wenn wir uns ein paar Tonnen anschafften, um darinne zu wohnen, sie in den Gassen wie Diogenes auf und nieder zu wälzen; dadurch ersparen wir das Mietgeld – denn mein Geld ist beinahe alle –, ersparen uns die Verachtung der Armut, können für das wenige, das uns noch übrig ist, schlecht und also desto länger leben und müssen doch notwendig darüber bewundert werden, daß wir es tun, weil wir es aus Wahl zu tun scheinen. Reichtum und Ehre, Wohlleben und Bewunderung können wir nicht zusammen ernten, sehe ich wohl; wohlan! wir wollen das ergreifen, was zunächst unter unsern Händen, was in unsrer Gewalt ist, was wir nur nehmen dürfen: Bewundrung und Ehre; vielleicht finden wir durch diese beiden Wegweiser Gelegenheit zum Glücke, zum Wohlleben. – Komm! wir wollen die Tonnen bestellen! – und die Weiber lassen, wo sie sind!« Bis auf diese letzten Worte war mein Held seiner Meinung gewesen; er machte viele Einwendungen wider die Tonnen und schlug eine Höhle, eine Hütte oder so etwas vor, um darinne durch Hungerleiden zum Ruhme und, wo möglich, zum Wohlleben emporzusteigen, wozu ihm eine Höhle am bequemsten schien, besonders in Ansehung ihrer künftigen Gattinnen, die sich unmöglich entschließen würden, mit ihren Tonnen durch die Gassen zu wandeln. Elmickor, der unendliche Zweifel dawider erregt haben würde, wenn sein nächtlicher Traum nicht Körper und Seele auf den Ton der Liebe gestimmt und ihn zu allem, was damit übereinstimmte, geneigt gemacht hätte, willigte auf der Stelle in den Vorschlag der Höhle. Als er gerade ausgehn wollte, um ihre künftige Behausung zu wählen, trat sein Freund mit einer Einladung von seiten Emiliens zu ihm herein, empfing den Auftrag, der Brautwerber beider zu sein, und damit die Aussicht in ein für ihn glückliches Leben, mit welchem er allen orientalischen Kaisern und Fürsten samt ihren Harems Trotz zu bieten gedachte.

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