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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 138
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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30.

Inzwischen war Elmickor mit Mühe von seinem Erstaunen zurückgekommen und konnte, nachdem die Geliebte meines Helden entflohn war, vor Verwundrung kaum fragen, was ihn bewogen habe, seinen Ermahnungen und dem getanen Versprechen so untreu zu werden. Knaut blieb ihm die Antwort lange schuldig – weil er keine zu geben wußte. Hätte er die Romansprache gekannt, wie schön würde er seine Empfindungen ausgeschmückt haben! Aber so sagte er schlechtweg: »Sie gefällt mir; ich will sie zur Frau nehmen.«

»Zur Frau? – Und wovon soll deine Frau leben? – Wo du es tust, so sind wir geschiedene Leute. Hast du unsern Plan ganz vergessen? Wo werden wir Bewundrer und Beschützer finden, wenn wir wie alle andre Menschen essen, trinken, schlafen und uns verheiraten? Wir müssen mitten unter den schönsten reizendsten Schönheiten leben, in Bordellen sein, uns tägliche Fallstricke legen, stündlich Netze aufspannen lassen, die gefährlichsten Reize der Wollust und aller möglichen Laster aufsuchen, um ihnen Trotz zu bieten, wie Herkules mit Ungeheuern kämpfen, aber nie ohne einen Zeugen, der unsre Stärke der Seele, Enthaltsamkeit, Bezähmung unsrer selbst allenthalben bekannt machet. Durch eine so starke, so männliche Tugend wird man groß, geehrt; denn andre müssen notwendigerweise das an uns bewundern, was ihnen selbst unendlich schwer und vielleicht unmöglich wäre, weil sie nicht die Belohnung so stark anspornt, die wir vor dem Gesichte haben – Ehre und Bewundrung. – Kurz, du mußt deine wunderliche Liebe oder meine Gesellschaft aufgeben; eins von beiden! wähle! und auf der Stelle!«

Der bedrängte Liebhaber war äußerst verlegen. Seine Neigung so geradezu aufzugeben, das war eine unverschämte Foderung; er konnte sie unmöglich erfüllen.

»So geh ich«, sagte Elmickor hastig, »und überlasse dich deinem Schicksale. So magst du als ein alltägliches Insekt, unbekannt, ungeehrt, mit deiner Geliebten hungrig und dürftig herumkriechen, vielleicht noch als Bettler vor meiner Türe dich winden, wenn ich voller Beifall und Bewundrung an der Seite der Großen sitze. Bleib und laß dich von den Klauen der Wollust erhaschen! Bringe dein Leben in der erniedrigendsten Sklaverei der sinnlichen Lüste hier unter diesem schändlichen Dache, in diesem Hause der Unreinigkeit zu! Bleib und laß dich von dem Ungeheuer verschlingen, dem du in den Rache rennst. – Bleib! Ich gehe.«

Betroffen stund der arme Liebhaber da und fürchtete jeden Augenblick, daß eins von den Ungeheuern, die Elmickor nannte, nach ihm zuschnappen und ihn mit Leib und Seele verzehren würde. Er war in Verwirrung; er fürchtete sich vor Elmickors Ausdrücken, vor dem fürchterlichen Klange seiner Worte und wünschte doch, sich nicht zu fürchten. Die Liebe spannte ihn auf die Folter; er fühlte deutlich zwo Seelen in sich wie Araspes, als er die schöne Panthea erblickt hatte, die eine zog ihn Elmickorn nach, die andre hielt ihn zurück. Während daß er von diesen beiden herumgezogen wurde, war Elmickor schon wirklich bis zur Tür hinaus; endlich behielt die eine die Oberhand; sie zog ihn Elmickorn nach, den er noch auf der Treppe antraf, wo er wartete, weil er gewiß glaubte, daß seine drohenden Worte und der Ton, mit welchem er sie aussprach, ihre Wirkung getan und seinen verliebten Freund furchtsam gemacht haben müßten – welches freilich allzeit erfolgt, wenn man die Phantasie recht vom Grunde aufwühlen und alles darinne in Gärung bringen kann. Um soviel freudiger empfing er ihn, da er sah, daß seine Vermutung nicht fehlging.

»Augenblicklich müssen wir dieses Haus verlassen«, setzte er hinzu. »Du bist ein Schwacher, ein Elender, den Ehre und Bewundrung nicht genug wider die Schwachheiten der Natur befestigen können; aber jeden Tag müssen wir uns hieher zurückführen lassen. Du mußt gewöhnt werden, alle Verführungen der Wollust täglich zu sehen, ihnen nahezutreten und doch nicht verführt zu werden. Hältst du diese Probe aus, dann bist du mein Mann; wo du aber schwach genug bist, Ehre und Bewundrung dem Genusse einer niederträchtigen Liebe aufzuopfern, so fliehe mich auf immer! – Komm! wir wollen die Laufbahn zusammen antreten, entweder Ehre oder die tiefste Verachtung! Wähle!«

So gingen sie miteinander fort; und Elmickor erfüllte sein Wort getreulich. Er hatte darinne, daß er sich seiner Keuschheit so freundschaftlich annahm, kein andres Interesse als das gewöhnliche aller Menschen, wenn sie raten oder ermahnen; wir wollen beständig das Muster für andre sein, und darum suchen wir alle andre nach Maßgebung unsres Temperaments, durch liebreichen Rat oder durch Drohungen, sanft oder hitzig, uns gleich zu machen. Auch ist das kein Übel; niemand kann über sich selbst hinausdenken.

Daß aber Elmickor, den die meisten meiner Leser als einen feinen Betrieger nicht sonderlich schätzen werden, jene strenge Enthaltsamkeit besitzt, das wird man ihm kaum zugetraut haben; und doch wuchs seine Enthaltsamkeit völlig von derselben Ursache auf, die uns insgesamt zu enthaltsamen keuschen Menschen macht. Von Natur haben alle Geschöpfe unter dem Monde den Keim der brutalen Liebe, aber in höchst verschiedner Masse in sich und folgen ihm so gewiß als dem Triebe des Hungers und des Schlafes, wenn –wenn nicht das körperliche System bis zur Stupidität träge ist – wenn die Phantasie mit jenem Triebe noch in gar keine Vertraulichkeit gesetzt worden ist – und vor allen Dingen, wenn nicht eine andre Neigung, eine andre Idee die Kräfte unsrer Seele und unsers Körpers so auf ihre Seite zieht, daß jenem Triebe nicht genug Anhang übrigbleibt, um diese entgegengesetzte Partei zu überwiegen. Ein solches Gegengewicht muß in den ersten Jahren unsers Lebens von dem Schicksale in unsre Brust eingehängt werden; und keins hierunter wirkt kräftiger als die große hinreißende Idee des Ruhms, des Beifalls, der Bewundrung, der Ehre.

Ihr Jünglinge, denen meine Geschichte in die Hände fällt! wenn ihr an diese Stelle kommt, so verzeiht es dem Autor, den ihr leset, daß er euch einen kleinen Rat mitteilt, dessen Richtigkeit ihm die Erfahrung vieler Menschenkinder bestätigt hat! – Erhebt eine von jenen Ideen zeitig zur Neigung und legt dadurch ein gewisses Gleichgewicht in dem Systeme eures Körpers und eurer Seele an, das für eure Ruhe so heilsam und nötig ist als das politische Gleichgewicht für die Wohlfahrt Europens! Durch eine solche stärkere Gegenmacht haltet ihr gewiß die Ausbrüche eines süßen Triebes zurück, dessen Einschränkung gegenwärtig alles notwendig macht und dessen unbegrenzte Befriedigung die Natur freilich fodert und auch vergönnt – wohl gemerkt! –, solange Menschen nur sich selbst und nicht der Gesellschaft leben. Wenn das Schicksal oder diejenigen, die eure ersten Jahre regieren, euch diesen Vorteil verschaffen wollten, so wäre das der größte Gefalle, den sie euch tun könnten.

Nichts als dieses war Elmickors Glück. Ehre, Beifall, Bewundrung warf der Zufall sehr frühzeitig unter die Masse seiner Ideen, und folglich erhuben sie sich sehr bald zu der Stärke der Neigung. Ob ihm gleich in seinen folgenden Jahren der nämliche wohltätige Zufall den tückischen Streich spielte und ihn mit seiner Ehrbegierde auf einen falschen Weg führte, so mußte ihm das erste frühzeitige Geschenk desselben doch immer wert sein, weil es einen Trieb im Zaume hielt, der, nach dem Anteile von Lebhaftigkeit zu urteilen, den ihm die Natur gegeben hatte, gewiß mit ihm durchgegangen wäre wie ein wildes unbändiges Roß. Dafür stehe ich freilich nicht, ob alsdann, wenn diese Leidenschaft sich mit seiner Ehrbegierde vereinigt oder ihn der Zufall unter Menschen und in Umstände geworfen hätte, wo der Genuß der Liebe ein Mittel zu Beifalle, zu Ehre gewesen wäre – ob alsdann seine Beifallssucht nicht ebenso gewiß die Mörderin seiner Keuschheit geworden sein würde, als sie itzt ihre Beschützerin war; aber eine Arznei, wenn sie gleich durch zufällige Ursachen zuweilen schädlich wird, bleibt demungeachtet eine heilsame Arznei. Elmickor sah es zuletzt selbst ein, was ihn aus den Armen der Wollust zurückgezogen hatte, und dankte seinem wohlmeinenden Schicksale dafür.

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