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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 136
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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28.

Eine lange hagre, nicht sonderlich reizende Figur trat zur Tür herein, mit einer so seltsamen Vermischung von sentimentalischem schmachtendem Wesen und angenommner Wollüstigkeit, daß Elmickor, seinem vorgesetzten Ernste zu Trotze, sich nicht eines Lächelns erwehren konnte. Sie hielt eine lange empfindsame Rede, mit Floskeln aus der ganzen Romanenberedsamkeit sauber durchwebt, mit den niedlichsten Delikatessen aller Liebesgedichte französischer und deutscher Amourettensänger verziert, mit feinem epigrammatischem Witze verbrämt – kurz, ein Ragout von allen verliebten Feinheiten. Sie glaubte den Bissen noch appetitvoller zu machen, wenn sie zu der Niedlichkeit des Vortrags eine ebenmäßige Gestikulation hinzusetzte; sie tat es; Arme, Augen, Kopf waren in einer unaufhörlichen konvulsivischen Bewegung, die großen tragischen Zauberkünste des Theaters wurden sogar gebraucht, vorzüglich das weiße Schnupftuch, dieser arme Souffre-douleur mancher deutschen Schaubühne, das oft mehr von dem Schmerze leidet, den die Schauspielerin ausdrücken will, als sie selbst – dieses große tragische Werkzeug der Rührung war unaufhörlich in ihren Händen, wurde gequetscht, wurde gedrückt, vor die Augen gehalten, aus einer Hand in die andre geworfen, mußte manche zitternde Träne in sich trinken – und das Thema ihrer Rede, der Endzweck so vieler empfindungsvollen Anstalten war, die sämtlichen Herren Anwesende zu bereden – wie Voltaire es ausgedrückt haben würde – de coucher avec elle. – Viel Lärm um nichts! – denn die sämtlichen Herren Anwesende waren unbeweglich wie Klötze und Steine.

Indessen habe ich doch einen kleinen Verdacht auf meinen Philosophen. Ihre ganze Rede hindurch besah er sie mit der steifsten Aufmerksamkeit, seine Augen bekamen einen gläsernen Anstrich, er rieb sie etlichemal, er blinzle, er wurde rot, wenn sie sich in ihrer Deklamation etwas mehr nach ihm hinwandte. – Böse, böse Anzeichen! Wenn das fatale Bordell über seinen Stoizismus triumphiert, so wollte ich, daß es im vorigen Kriege von Grund aus geschleift worden wäre.

Was mag nur in ihm vorgehen? – Gleich soll sich das offenbaren.

Er hatte bei ihrem Eintritte eine starke Vermutung, eine von seinen ehmaligen Wohltäterinnen, Fr. Adelheiden, hier zu erblicken; er gab indessen seiner Vermutung nicht sogleich völlig Raum, weil es ihm höchst unwahrscheinlich schien, die empfindsame, von Sittsamkeit zusammengesetzte Fr. Adelheid an diesem Orte, in einen solchen Posten, als die Einladerin zur Wollust zu finden. Er stund als ein weiser Mann lange bei sich an, ehe er ein positives Urteil dafür oder dawider fällte; doch endlich leuchtete ihm die Wahrheit seiner Mutmaßung so hell in die Augen, daß er ohne Bedenken sich versichert hielt, daß sie es sei. Die Überraschung war außerordentlich unerwartet; dazu kamen eine Menge von Auftritten, die er nebst Fr. Adelheiden agiert hatte – der Auftritt auf dem Teichdamme, der andre, als er sie aus dem Schlamme herauszog, und noch etliche andre, die während seines Aufenthaltes in Selmanns Hause vorgegangen waren und sich itzt in seiner Phantasie mit den lebhaftesten Farben wieder abmalten; Empfindungen der Dankbarkeit, gewisse andre unnennbare Regungen, die bei der Wiederauflebung einiger Stücke von jenen Auftritten in ihm erwachten, folgten auf dem Schritte nach; auch die Szene mit der Zigeunerin, mit Sophronien, die er in natura mit der äußersten Gleichgültigkeit abwartete und itzt in seinem Gehirne in der Kopie mit ebenso vielem unerklärlichem Gefühle betrachtete – vermutlich wegen der Gesellschaft von Ideen, in welcher sie ihm erschienen; – bald wechselte Adelheidens Anrede, der Ort, wo er sie hörte, Elmickors Warnung mit jenen Vorstellungen ab; – aus diesem Chaos von Gedanken und Empfindungen war der gegenwärtige Zustand seines Leibes und seiner Seele entsprungen; er wurde auf alle Seiten mit seinen Gedanken gerissen und fühlte ein Etwas – ein namenloses Etwas, das mit Elmickors Warnung wie Feuer und Wasser stritt – er war wirklich gerührt.

Elmickor erschrak, als er es merkte, und ermahnte ihn zu verschiedenen Malen durch einen Wink, eine Gebärde zur Standhaftigkeit; er hielt ihren beiderseitigen Ruhm beinahe für verloren, als er seinen gerührten Gesellschafter gar halb zitternd zu der Rednerin hinzutreten und mit beiden weitoffnen Augen ihr Gesicht aufmerksam anstarren sah. Um alles Übel zu verhüten, trat er mitten zwischen den Brennpunkt seiner Augen und die deklamierende Nymphe; aber es half nichts; der Philosoph ging um ihn herum und trat seiner vermeinten Wohltäterin so nahe, daß sie kein menschlicher Körper durch seine Dazwischenkunft voneinander scheiden konnte. Elmickor konnte nichts weiter tun, als ihm einen derben Verweis ins Ohr zischeln, den er aber nicht hörte. Über seine plötzliche Annäherung fand sich die Schöne unendlich geschmeichelt, sie glaubte durch ihre Beredsamkeit sein Felsenherz erweicht zu haben, als er sich nach ihrem Namen erkundigte, nach ihrer Herkunft und andern Dingen, die man fragt, wenn man jemanden erkennen will; nichts wurde beantwortet, wie er wünschte und erwartete, doch merkte er, daß die Verhörte stutzig und verworren ihre Antworten gab; er tat also die peremtorische Frage, ob sie ehmals Fräulein Adelheid gewesen sei, und setzte verschiedene Bestimmungen der Zeit des Orts dazu, die seine Fräulein Adelheid von allen andern Fräulein Adelheid richtig und genau unterschieden; sie schwieg. Sie verbarg mit tragischem Anstande ihr Gesicht hinter dem weißen Schnupftuche; mein Philosoph, der diese artige Etikette nicht kannte und auf seine lakonischen Fragen eine ebenso lakonische Antwort vermutete, drang in sie und verlangte schlechterdings kurzen Bescheid. Sie brach in einen mächtigen großen Romanseufzer vom ersten Range aus; man dachte Antwort zu bekommen, aber es blieb bei dem Seufzer. Nach einer kleinen Pause machte sie mit dem rechten Fuße ein Coupe vorwärts, lehnte Kopf und Oberleib zurück, erhub die Arme hoch über ihren Kopf, schlug weitausgeholt die Hände zusammen, daß das weiße Schnupftuch, welches die rechte hielt, ächzend zwischen beiden zusammengequetscht wurde, und mit dieser Gebärde sprach sie die emphatischen Worte aus: »Ja, ich Unwürdige! ich war es!« – ließ Kopf und Hände verzweiflungsvoll sinken; plötzlich fiel sie auf die Knie, hub die Augen gen Himmel, holte einen Seufzer von der Mittelgattung und rief mit gefalteten Händen: »O ihr Geister meiner Eltern! Vergebt es einer niederträchtigen Tochter, daß sie eure Ehre befleckt, daß sie das heilige Blut, welches sie aus euren Adern empfing, mit Schande entweiht hat! Vergebt es ihr! oder deckt, Elemente, Sterne und Himmel, mich Verhaßte und begrabt mich hunderttausendmaltausend Millionen Meilen tief in dem Schlunde des Abgrunds!«

Mein Philosoph, verwundert über den seltsamen Einfall, sich so tief in der Erde begraben zu wünschen, stund eine Zeitlang stillschweigend da; und da kein einziges Element Anstalt machte, ihre Verlangen zu erfüllen, so ergriff er sie bei der Hand und sagte trocken zu ihr: »Wir heiraten einander!«

Hätte er nur das rotmachende Wort »heiraten« nicht gebraucht!

Bei ihr machte es verschiedene Gedanken rege, über die sie unumgänglich erröten mußte: wäre es für sie bloß eine gangbare Münze, bloß ein Wort mit einer Idee gewesen, die der Verstand bei Anhörung desselben geradeweg gedacht hätte, ohne daß die Phantasie allemal gewisse rotmachende Bilder hinzusetzte, so hätte sie ihrem Blute den Galopp bis zu den Wangen ersparen können, so gut als ein Philosoph, der die Worte mit seinem Verstande wie ein Kaufmann mit dem andern umtauscht, die Ware, die er von ihm dafür empfängt, so gleichgültig, so unerrötend annimmt als ein Handelsmann, der mit Klistierspritzen oder den obstetrizischen Werkzeugen des Dr. Slop handelt.

Da aber nun einmal ihre Phantasie daran gewöhnt war, sie kein Wort sagen noch hören zu lassen, ohne ihm eine beschämende Kraft mitzuteilen, so verbarg sie sich bei dem Antrage meines Helden sittsam hinter das weiße Schnupftuch. Sie hatte es sonst getan und tat es noch, ob dies gleich das geringste unter allen Worten war, wo sie hätte erröten sollen; aber so mechanische Gewohnheitstiere sind unser Blut und Gehirn; – sie konnte unerrötend Sachen tun, die sie aus bloßer Gewohnheit nicht anders als errötend nennen hören oder selbst nennen konnte.

Sie trieb ihre Sittsamkeit so weit, daß sie sich sogar ein wenig nach der linken Seite zu von dem Munde wegwendete, der jenes Wort ausgesprochen hatte. Mein Held, ein ungemeiner Liebhaber der Kürze, verlangte ein rundes Ja oder Nein; und sie war mit dem Worte noch nicht fertig. Er setzte in sie, sie trat zurück; er trieb sie so lange, und sie trat so lange zurück, bis sie mit dem Rücken an die Tür kam, durch welche sie aufgetreten war. In der Meditation auf ihre empfindungsvolle Rede vergaß sie bei dem Hereintreten den einen Flügel der Türe gehörig zu verschließen; und itzt, da sie auf ihrer Flucht mit dem Rücken sich daran lehnte, fuhr der unselige Flügel auf, sie geriet aus dem Gleichgewichte, kam rücklings in eine fallende Bewegung; mein Philosoph, den ihre Erhaltung gegenwärtig mehr als jemals interessieren mußte, griff hastig zu, erwischte ihre Schürze, und da sie diese nicht aufrecht erhalten wollte, den linken Fuß, als sie eben stürzte. Die Hülfe war zu spät und auch sehr am unrechten Orte angefangen; indessen tat sie doch auch hier dem Anstande ein Genüge; sie befahl ihren Gefährtinnen, die in dem Zimmer, in welches sie stürzte, wie müßige Kinder untereinander tändelten, augenblicklich die Tür zuzumachen, und jedem männlichen Auge, sich zu entfernen; doch keins von beiden geschah. Elmickor und sein Freund eilten sogar auf ihren Fall herzu und machten Miene, ihr aufzuhelfen; allein kaum hatte ihr neuer Liebhaber ihren Befehl vernommen, so faßte er seine beiden Gefährten, wie ein verliebter Abenteurer ein Paar Drachen, und stieß sie aus ihrem Horizonte weg. Diese rasche Tat, welche bei ihm nichts weniger als ein studiertes Kompliment, sondern eine natürliche Folge seiner Zuneigung zu ihr war, zündete den Zunder ihrer gegenseitigen Hochachtung gegen ihn an; und je mehr sie daran dachte, je mehr gewann sie den Urheber derselben lieb. Sie stand endlich durch ihre eignen Kräfte wieder auf und ging unter dem Gelächter und Gespötte ihrer Mitschwestern in ihr Boudoir und verschloß sich, um ihren Gedanken ungehindert nachzuhängen.

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