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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 135
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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27.

Sie langten mit ihrem Entwurfe in der nächsten Stadt an und überließen es dem gütigen Schicksale, ihnen Veranlassungen zu verschaffen, wie sie ihn näher bestimmen, verändern, besser ausarbeiten sollten; denn jenes war nur der grobe Grundriß. Indessen machen sie damit den Anfang zur Ausführung, daß sie das seltsamste Betragen unter der Sonne annahmen, vor allen Dingen für die eine Hälfte des Restes von Vermögen, das Elmickorn übrig war, eine unterscheidende Kleidung anschafften, die, wo sie nur gingen, eine Begleitung des Pöbels hinter ihnen drein zog.

Inzwischen fand Elmickor bald, daß man in dieser Stadt noch zu sehr an die Barbarei grenze, um sich auf eine feine Art betriegen zu lassen. – »Hier gibt es nichts als schläfrige Dummköpfe«, sagte er; »Leute, die zwischen dem aufgeklärten Verstande und der Dummheit mitten inne stehen, das sind unsre Leute. Wir müssen weiter ziehn.«

Es geschah. Sie kamen in eine Stadt, wo er den größten Teil der Einwohner in dem verlangten Zustande anzutreffen vermutete; sie waren glücklicher; sie vermieden die Bekanntschaften, und man drang sich zu ihnen; sie ließen sich zuweilen einige sonderbare Seltsamheiten, Paradoxien bei einigen Neugierigen entwischen, die sie ausbreiteten, und wenn andre dadurch ermuntert wurden, dergleichen mehr aus ihrem Munde zu hören, so schwiegen sie; und selbst ihr Stillschweigen reizte die Bemühung der Menschen, sie auszuforschen.

Da sie auf diese Weise allenthalben bekannt wurden, so bewarb sich auch ein Mann um einen Zutritt zu ihnen, der Elmickorn sogleich erkannte, weil er ehmals unter ihm als ein Hauptakteur bei den Geistervorstellungen gedient hatte. Elmickor bat ihn flehentlich, ihn nicht zu entdecken; er versprach es bei seiner Ehre und machte sich obendrein verbindlich, seine Absichten auf alle Art zu unterstützen. Elmickor foderte von ihm, daß er ihn und seinen Gefährten in die Gunst eines reichen Hauses setzen möchte, wo man durch Besonderheiten und Paradoxien außer der Bewundrung etwas mehr Reelles gewinnen könnte. Der andre war a man of words and not of deeds – ein Mann, der alles versprach und eben darum nichts halten konnte; er erbot sich, ihnen in zwei, drei, vier Häusern Kredit zu verschaffen, nennte sie mit Namen, ohne sie weiter als dem Namen nach zu kennen; und der sonst schlaue vorsichtige Elmickor ließ sich von ihm überreden; der listigste Betrieger wurde von einem plumpen Aufschneider betrogen.

»Aber was ist dein Geschäfte hier?« – fragte Elmickor.

»Mein Geschäfte? – das Vergnügen. Ich habe mein Glück gemacht, eine alte Witwe geheiratet, die im Winkel sitzt und schläft, während daß ich mit ihrem Gelde nach dem Vergnügen herumlaufe. – Ja, eben fällt mir bei! – Ich will euch an einen Ort führen, wo das Vergnügen residiert, wo – ich will nichts mehr sagen. Kommt nur und seht!«

Keine Silbe in seiner ganzen Erzählung, die nicht erdichtet war! – Sie glaubten ihm wegen der Ernsthaftigkeit, mit welcher er log, gingen mit ihm und kamen – in ein Bordell!

In ein Bordell! – Himmel! mein Philosoph in ein Bordell! – Was schadet das? Die meisten alten Philosophen hatten ihre Kurtisanen; wenn es Leuten mit so großen Bärten keine Schande war, ihre Anbeter zu sein, so kann ja wohl Tobias Knaut in ein Bordell gehn; vielleicht geht er nur hinein, um wieder herauszugehn wie Cato aus dem Theater.

Dem sei nun, wie es wolle! – Alle Vermutungen beiseite! Er ist drinne; ich kann ihm nicht helfen; er sehe, wie er, ohne seiner Philosophie einen Schandfleck anzuhängen, wohlbehalten wieder herauskömmt.

Der Mann, der sie einführte, mußte alle Gelegenheiten des Hauses kennen, denn er brachte sie sogleich, ohne anzufragen, in den Präsentationssaal, wie er ihn nannte. Ohne ihr Verlangen trug man ihnen eine Menge Süßigkeiten, verschiedene Arten von Getränke im Überfluß auf und erkundigte sich, was noch weiter zum Befehl stünde. Man war schon über den vorhandnen Vorrat in Verlegenheit und schlug also die Anerbietungen des Überbringers aus. – »Ist man hier nicht wohl versorgt?« fragte der Freund des Elmickors. – »Aber wer wird die Versorgung am Ende bezahlen?« fragte dieser seinerseits. – »O dafür sorge nicht! Alles hat man hier umsonst; alles! – Wir bezahlen im Ganzen« – und hierbei zischelte er Elmickorn ein Etwas ins Ohr, das ihm auf einmal erklärte, wo sie waren.

Elmickor zog meinen Helden sogleich auf die Seite. – »Höre!« sagte er ihm heimlich, »hier ist Gelegenheit, unsern Ruhm zu befestigen! Wir sind in einem Bordelle; hier müssen wir alle Kräfte des Stoizismus zusammennehmen; und wenn Venus selbst alle ihre Reize hier vor meinen Augen enthüllte – ich bin unüberwindlich. Von dir darf ich wohl ein Gleiches erwarten?«

Mein Knaut verstand ihn nicht so völlig, als jener glaubte. Die Zigeunerin, Madam Sophronia spazierten abermals durch seinen Kopf und erweckten in ihm ein seltsames Gefühl, mit einer Menge dunkler verworrner Ideen vergesellschaftet, die wie Vagabonde von einem Ende des Kopfs bis zum andern herumschweiften; er empfand das ungeduldigste Verlangen nach der Entwickelung dessen, was ihm Elmickor angekündigt hatte. Es war ihm, als wenn er sich darauf freute, und gleichwohl mischte sich auch eine gewisse ängstliche Erwartung darunter, die ihn nicht völlig glauben ließ, daß er sich freute. Weil ihn aber Elmickor ermuntert hatte, alle Kräfte seiner Unempfindlichkeit zu versammeln, so spannte er die Nerven seines Stoizismus an und erwartete halb unruhig –

– als ein Frauenzimmer hereintrat, das die ganze Gesellschaft sehr freundlich bewillkommte und eine lebhafte Unterhaltung anfing. Elmickor wurde durch den Witz der Nymphe und den Reiz, der ihre Fragmente von ehmaliger Schönheit belebte und den Verlust derselben ersetzte, durch ihre muntre launichte Sprache so bezaubert, daß er wie blödsinnig dastund, sie ansah, mit den Augen blinzte, Verstand und Besonnenheit verlor und auf ihre feinen Anreden höchst alberne Antworten gab. Die Listige merkte ihren Vorteil und setzte ihm desto ernstlicher zu; ihre Munterkeit verdoppelte sich, ihr Witz strömte; sie wollte ihn schlechterdings betäuben, überspannte deswegen ihre Kräfte und verfehlte eben dadurch ihre Wirkung. Das Überspannte, das anfangs täuscht, gibt allzeit, wenn es zu dem Grade getrieben ist, daß die Überspannung sichtbar wird, ein widriges Gefühl, das uns aus der Täuschung herausreißt; Elmickor sah wegen ihrer Übertreibung nur eine Theatergrazie in ihr – und seine Betäubung verschwand – und er bekam wieder Stärke genug, ihren Künsten mutig zu trotzen. Diese plötzliche Veränderung hätte sie bald aus ihrer Fassung gebracht.

Noch mehr schien sie daraus zu kommen, als sie unserm Philosophen ins Gesicht sah, der bisher unter verschiedenen Empfindungen in einem Fenster ihr im Rücken gestanden hatte. Sie stutzte; sie sah weg – sie kehrte sich wieder zu ihm – sie schien ihm etwas entdecken zu wollen, das sie nicht gern zu entdecken und nicht gern bei sich zu behalten wünschte – er wurde endlich auch aufmerksamer – besah sie, besah sie und schien in der nämlichen Verlegenheit zu sein. Endlich richtete sie ihre Rede geradesweges an ihn, tat eine Frage, er eine zweite, und nach zwo Fragen und zwo gehörigen Antworten war es sonnenklar, daß sie – Emilie, und er – Tobias Knaut, zween herzensgute Bekannte waren.

Triumph! Nun ist Selmann gerochen! – Die stolze eingebildete Emilie, die durch die feinsten Künste Philosophen und alle Adamssöhne aus bloßer Ruhmbegierde, um dem männlichen Geschlechte ihre Überlegenheit fühlen zu lassen, aller Keuschheit, Weisheit, Wissenschaft und Tugend zu Trotze bändigen, überwinden und wie eine Circe in alles verwandeln wollte, wozu ihre Phantasie Lust bekam – die stolze eingebildete Göttin, die auf ihre Siege sich verließ, des ganzen wohlehrsamen männlichen Geschlechts auf die unerlaubteste Weise spottete, es als einen Haufen Schwachköpfe verachtete, keine Seele davon ausnahm, uns armen Leuten alle Tugend, Rechtschaffenheit, Stärke der Seele und alles, dessen wir uns weiter rühmen, geradeweg absprach – diese sich mächtig scheinende Zauberin ist unter sich selbst erniedrigt, sie hält ein Bordell, ist genötigt, um sich nicht dem Hunger preiszugeben, die schlechtesten Buhlerkünste anzuwenden, um elende schwache unerfahrne Mannspersonen in ihr Netz zu ziehen, oft den Widerstand der Männlichkeit mit Schimpf zu erfahren, wenn sie sich ein wenig außer ihrer Sphäre wagt, itzt zu betteln, zu flehen, da sie sonst befahl, itzt sich ausgespottet, ihren Namen in dem Munde des liederlichsten, niederträchtigsten Teiles der Menschheit zu sehen – kurz, die Aufseherin eines übelberüchtigten Bordells zu sein. – Ist das nicht Strafe genug für eine Emilie, wenn sie die Rache des Schicksals in einen solchen Zustand herabstößt? – Auch fühlte sie wirklich selbst, daß sie unter der Strafe lag; ihr Herz rebellierte jedesmal, wenn sie eine starke Erniedrigung ausstehn mußte. Für einen Geist von einem so hohen Fluge wie Emiliens ihrer, der sich selbst eine falsche Richtung gegeben oder vom Zufalle von dem Wege nach der wahren Ehre weggerissen worden ist – für einen solchen Geist kann keine Büßung empfindlicher sein, als so niedergedrückt zu werden, daß er die falsche Ehre, die er ehmals durch die feinsten Mittel erwarb und deren eigentliche Gestalt ihm deswegen die Phantasie überfirnißte, mit dem schlechtesten niederträchtigsten Haufen auf einem Pfade suchen, sie mit Schande suchen und immer dabei fühlen muß, daß er die Schande verdient. Ein Dieb, den nichts als Verlust des Lebens oder die Schwere der Arbeit schreckt, mag gefangen, geköpft, auf den Bau getan werden, wie man es für gut befindet; aber die feinern Strafen gehören für eine Emilie; und den will ich sehen, der meine poetische Gerechtigkeit nunmehr tadeln will!

Sie empfand ihre Herabsetzung in dem Augenblicke um soviel stärker, da sie Knauts Gegenwart wie einen geschlagnen General der Anblick derer, die Zeugen seiner ehmaligen Tapferkeit waren, an ihre vorige Größe, an den vergangnen Wohlstand erinnerte und ihre itzige Niedrigkeit in ein desto abstechenderes Licht setzte. Sie hatte nach Selmanns Tode noch sonderbare Schicksale erdulden müssen, besonders eine scharfe Untersuchung über die gestiftete andächtige Gesellschaft, welcher unter Androhung strenger Strafen alle Zusammenkünfte untersagt wurden und die sich zu Vermeidung derselben in eine Menge kleiner Gesellschaften zerteilte, die heimlich sich versammelten und sich die Ehre antaten, sich als eine Ecclesia pressa, ein unter dem Drucke seufzendes rechtgläubiges Häuflein Auserwählte, anzusehn. Um dem Gefängnisse zu entgehen, das höchst ungalanterweise die ernsten Gerechtigkeitspfleger des Orts für sie bereiteten, entfloh sie von  Merkur und gewann durch ihre Bedrängnisse wenigstens so viel, daß sie wieder zu ihrem gesunden Menschenverstande gelangte, allen enthusiastischen Grillen entsagte und in der ersten Hitze den Entschluß faßte, in der Einsamkeit den Rest ihrer Tage zu verseufzen. Da sie aber in sich ging und überlegte, daß von dem fünf- oder sechsundzwanzigsten Jahre an ein gar zu langer Rest noch übrig sein könne, um mit seinen Seufzern so lange anzuhalten, so änderte sie plötzlich ihre Gesinnung und ging auf gutes Glück aus, verwickelte sich in etliche Liebeshändel, die unglücklich für sie abliefen, bis sie endlich einer ihrer ruchlosen Liebhaber unter dem Vorwande, sie wider die Nachstellungen eines Nebenbuhlers in Sicherheit zu bringen, in das Bordell führte, das sie gegenwärtig selbst besaß – vermutlich weil er ihrer überdrüssig war und sie seinem Nebenbuhler mißgönnte. Hier tat sie einige Zeit unter dem Kommando eines alten niederträchtigen Weibes den abscheulichsten Dienst und trat, als diese starb und für sie nichts Besseres übrig war, an ihre Stelle. Die Gerechtigkeit muß man ihr aber doch widerfahren lassen, daß sie vor der Lebensart einer Buhlerin, was sie doch im Grunde zu Selmanns Zeiten gleichfalls war, erschrak und sich nur mit scharfen Mitteln und unter Tränen dazu zwingen ließ, als sie ihren Stand in der eigentlichen auffallenden Häßlichkeit, ohne Übertünchung erblickte. – Liebes Schicksal! was für einen Dienst könntest du Leandern und allen seinesgleichen tun, die ihre Betriegerei sich selbst mit schönen Namen und anderm Schmucke der Phantasie überkleistern, wenn du sie einmal dazu zwängst, ihre Betriegerei ganz nackt zu sehen! – Vielleicht ging es ihnen wie Emilien, die unter nagenden Empfindungen sich bloß durch die traurige Notwendigkeit in ihrem schändlichen Gewerbe zurückhalten ließ, weil sie es, ohne sich der Dürftigkeit bloßzustellen, nicht niederlegen konnte.

Sie wurde durch den Anblick meines Helden und die dabei aufwachenden Gedanken und Empfindungen so benebelt und übermannt, daß sie verwirrt sich wegbegeben und einer ihrer Untergebnen den Auftrag tun mußte, die Gesellschaft zu unterhalten.

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