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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 134
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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26.

Des Morgens darauf wandern sie zusammen weiter, in dem festen Entschlüsse, ihren Weg zum H. v. L. zu nehmen. Wäre die Beratschlagung und der Vergleich, der in meinem Helden mit der Ehrbegierde tags vorher getroffen wurde, nicht eine von den Begebenheiten gewesen, die in der Vertiefung des Theaters in unserm Gehirne vorgehen, ohne daß wir eher etwas davon erfahren, als bis die Sache vorüber ist, und auch alsdann nichts weiter als das bloße Resultat von einem solchen Schauspiele, so hätte er seinem Gefährten alles, und besonders den Plan seiner Ehrbegierde, offenherzig entdeckt; aber so wußte der gute Knaut selbst nichts mehr, als was man vom Hörensagen weiß; sein Entschluß war sogleich in dem Archive des Kopfes niedergelegt worden; sobald die Gelegenheit sich zeigt, ihn auszuführen – ach, so ist mir nicht im mindesten bange, daß er ihn nicht wird zu finden wissen.

Die meisten unsrer Entschließungen, Vorurteile, Meinungen – und wie der ganze Schwarm weiter heißt – entstehen so ohne unsre Einwilligung und Vergünstigung, sogar ohne unser Wissen; sie fliegen aus der Ideenmasse auf, durch das bloße Wirken und Gären der darinne liegenden Materien; wir handeln darnach und werden es nicht eher gewahr, daß so etwas in unserm Kopfe ist, als bis wir lange genug davon regiert worden sind.Ich verweise hiebei auf die Grundsätze des großen Euphrosinopatorius, die künftig bekanntgemacht werden sollen.

Sonach erfuhr Elmickor nichts davon; dieser hingegen war desto offenherziger und konnte es auch sein, weil er bei seinen Überlegungen mit völligem Bewußtsein zu Werke ging. Er beratschlagte unaufhörlich, wie er sich aus dem gegenwärtigen Mangel reißen und zu irgendeiner Art von Achtung wieder emporschwingen könne.

»Kannst du schreiben?« fuhr er endlich auf.

»Schreiben?« fragte sein Gefährte. »Ja!«

»Buchstaben malen, meine ich nicht; nein, dich gut ausdrücken, Sachen, die nichts sind, durch Beredsamkeit des Stils einen Anschein von Größe geben?«

»Nein, das kann ich nicht; aus nichts kann ich nichts machen.«

»Die Kunst kann ich wohl; nur das verdammte Sitzen steht mir nicht an, das das gelehrte Schreiberhandwerk erfodert. – Marktschreier bin ich gewesen; das ist eine unglückliche Profession. Sie belohnt heutezutage nicht die Mühe. Die Vornehmen und Reichen halten sich gelehrte Marktschreier; mit diesen beiden Arten von Menschen ist nichts anzufangen, und das arme gemeine Volk– behüte mich der Himmel, das zu betriegen! – dabei ist wenig Ehre zu gewinnen. – Die Autormarktschreierei wäre noch die einzige, die ich versuchen möchte; aber, wie gesagt, das Sitzen! das verdammte Sitzen! – Ich muß schlechterdings in beständiger Bewegung sein. Wenn du nur ein bißchen Stil gelernt hättest! Wir wollten Wunder zusammen tun; ich gäbe dir die Gedanken – so paradoxes Zeug, daß Himmel und Hölle darüber erstaunen sollten. Wir verschafften uns auf diese Art unser Auskommen – zwar ein verteufelt kümmerliches Auskommen; denn, wie ich höre, sollen die Autoren meistens mehr im Kopfe als im Magen haben; aber mag es! – Man ergreift seine Partie; man behauptet, daß Reichtum, gutes Essen und Trinken, schöne Möbeln und alle andre äußerliche Dinge nicht in die Liste der Glückseligkeiten gehören; daß man ohne sie glücklicher ist; daß man sie nicht besitzen möchte, wenn sie gleich wie ein Regen vom Himmel herniederfielen; daß ihr Besitz die Menschen verschlimmert – kurz, man muß die elenden Umstände, in welche man wider seinen Willen und zu seinem großen Herzeleide verstoßen worden ist, zu einer Sache machen, die man gewählt hat; so erlangt man einen doppelten Nutzen; man fühlt sein Elend weniger und wird noch obendrein deswegen als ein Mann bewundert, der groß genug ist, um andrer Größe zu verachten.«

»Aber alles jenes ist auch die lautere Wahrheit!«

»Glaubst du das? – Bravo! – Wenn du nur schreiben könntest!«

»Vielleicht lernt sich das.«

»Nein, der Henker! das ist eine schwere Kunst. Das Publikum ist ekel geworden; das Essen muß wenigstens gut zubereitet sein, wenn es hinuntergehn soll. – Wir wollen zwar einen Versuch machen; aber wovon laß ich dich nun schreiben? – Von der Erziehung! – Ja, einen solchen Titel kaufen alle Leute. Ich habe einen Mann gekannt, der alle Erziehungsschriften zusammen handelte, ob er gleich seine Kinder wie die Urang-Utan aufwachsen ließ; was werden nun vollends Leute tun, die ihre Kinder wenigstens zu solchen Menschen machen wollen, als sie selbst sind? – Ich habe zwar niemals Kinder erzogen, auch niemals eine Minute über die Erziehung nachgedacht, aber desto besser! Ich will dir eben deswegen so wunderseltsame Dinge in die Feder diktieren, daß jedermann vor Erstaunen nicht wissen soll, ob es mehr Unbesonnenheit ist, solche Vorschläge in dieser Welt zu geben oder sie auszuführen; es finden sich immer gutherzige Leute, die sich durch die Unmöglichkeit nicht von der Probe abschrecken lassen. Wenn ihnen ein paar Kinder dabei zugrunde gehen, was schadet das? – Solange Vater und Mutter leben, frisch und gesund sind, ist der Schade in wenigen Augenblicken wieder ersetzt. – Aber schreiben mußt du können – oder auch – ich will sehen, was ich im Stile vermag; in der nächsten Herberge wollen wir einen Versuch machen. – Was wäre denn weiter zu tun, wenn dies fehlschlüge? – Romane, Trauerspiele, Knittelverse, Liederchen im Bauernstil, im Stil der Jungemägde, im alten Deutsch, wie es Hans Sachs sprechen tat, und – wie hieß doch das Ding, das ich neulich sah? – Bardenlieder? – Nein, die sind außer Mode; Sänger und Leser haben von den rauhen schwirrenden kriegerisch-barbarisch-hochdaherbrausenden Bardentönen böse Hälse bekommen; mit diesen befaß ich mich nicht! sie machen Katarrh und geben nichts zu gewinnen. – Höre, itzt fällt mir ein! Wir sind beide nicht sonderlich stark im guten Stil; wir wollen recht mysteriös und rätselhaft schreiben, daß einem der Kopf wehe tut, wenn man es nur ansieht; das ist leicht.

Was braucht's mir Verstand und Weisheit? – Hab ich Herz genug und kümmert die urteilenden Ameisen, die um mich krabeln, mein Name nichts, schnell ich wie jener Franze auf meine Dose à la greque und rufe: Narren! dumme albern Jungen! die ihre Herrlichkeit zu öffentlichen Kloaken prostituieren, daß ihr die Augen wegwendet und die Naslöcher zuhaltet vom stinkenden Wunder der Welt. – Siehst du, so klingst!«

»Schnakisch! – Als wenn man nichts dabei gedacht hätte.«

»Das ist das herrliche, man braucht nicht dabei zu denken. Der verdammte natürliche Stil setzt gar zu viel voraus; nein, unser ist der hochtrabende. Es sind tausend Bequemlichkeiten dabei. Zudem sind itzt die Autoren großenteils auf Reisen, um Empfindungen einzuhandeln; wenn wir allein hübsch zu Hause blieben, vielleicht ließe sich da etwas Gedachtes ausbrüten. – Findet sich indessen etwas Einträglicheres: desto besser! Aber ich zweifle. Ich bin schon alle Gänge und Minen durchschlichen, wo man Reichtum oder Ehre vermuten sollte; nirgends habe ich etwas gefunden; und ich rate dir freundschaftlich, mein Beispiel als eine warnende Lehre anzunehmen; suche nirgends, wo ich schon gesucht habe! Eine einzige Mine ist uns noch offen; folge mir! entweder sprengen wir sie, oder wir werden mit in die Luft gesprengt. – Von nun an wollen wir nicht mehr Menschen wie andre sein; was andre schätzen, lieben, begehren, das wollen wir verachten, was sie glauben – verwerfen, was sie für ungereimt halten – behaupten, verfechten; wir wollen das ewige Widerspiel des menschlichen Geschlechts sein; man wird uns anfangs belachen, dann bewundern und endlich gewiß nachahmen. – Könnten wir nun vollends – doch wir wollen sehn.«

Meinem Helden war dieser Vorschlag sehr annehmlich; denn er war nichts als eine Wiederholung des Entschlusses, den er insgeheim bei sich gefaßt hatte und der itzt erst zum Bewußtsein hervorgerufen wurde. – Elmickor schien ihm seine Gedanken aus der Seele gestohlen zu haben – Gedanken, deren Schönheit und Richtigkeit ihm höchst einleuchtend waren, weil er sie schon vorher gehabt hatte. Der Plan wurde sein künftiger Lebensplan, nur nicht mit der Betriegerei so genau verwandt als bei Elmickor, das heißt, er dachte nicht so deutlich dabei: Ich will betriegen!

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