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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 133
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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25.

Sie gingen eine gute Strecke, ohne sich ein Wort zu sagen, denn Elmickor wälzte in seinem Kopfe große Projekte herum, wie er seine Umstände verbessern und sich wieder einen bequemen Aufenthalt verschaffen sollte; keins wollte ihm diesmal gelingen.

»Sind wir nicht unglückliche Leute!« rief er endlich aus.

»Ich bin beständig glücklich«, antwortete mein Philosoph.

»Narr! – glücklich? – Ich dächte, wir könnten nicht unglücklicher sein. –«

»Ich bilde mir ein, daß ich glücklich bin; und mehr brauche ich nicht, um es zu sein.«

»Guter Mann! Dein Gehirn hat wohl einen kleinen Stoß gelitten? Bilde dir doch ein, daß du nicht hungrig bist, wenn dich hungert; ich kann es nicht, denn mein Magen ist überaus aufgebracht.«

»Der meinige nicht weniger.«

»Und dennoch bist du glücklich? – Aber weißt du? wir wollen zum jungen L. gehen.«

»Der junge L.! – Lebt er noch?«

»Er ist mit dem Pferde gestürzt, hat das Bein zerbrochen –«

»Doch nur eins?«

»Das rechte.«

»Nur gut, daß sie nicht beide zerbrochen sind –«

O du großmütiger Tobias Knaut!

Elmickor sah ihn an und lächelte. – »Er hat sich von seinem Vormunde verführen lassen«, setzte er hinzu, »er wohnt auf seinem Gute, hat sich eine Frau genommen und lebt so einfältig ordentlich wie der dümmste Tropf in seiner Gegend. Ich sah es ihm gleich anfangs an, daß sein Gehirn zu keinen großen Unternehmungen bestimmt war; der einzige kluge Streich, den er gemacht hat –«

– ist der, den er dir spielte, als er dich in unsre Hände brachte – wollte er hinzusetzen, aber er besann sich und verbiß es.

»Ja, wir wollen zu ihm gehen«, fuhr er fort; »wenigstens muß er uns doch so lange füttern und pflegen, bis wieder ein Projekt bei mir reif geworden ist; alsdann wandern wir weiter, und du sollst sehen, zu was für einem Glücke wir uns noch erheben wollen. Traue du meiner Kunst! – Doch itzt ist für uns nichts anders zu tun, als daß wir hier übernachten; hier haben wir das Lager umsonst, und in der Stadt müßten wir es bezahlen. Bleibe du hier; ich will indessen in die Stadt gehen und Nahrung holen; ich komme bald zurück; dann wollen wir zusammen teilen.«

Sein Gesellschafter war es zufrieden, und Elmickor machte sich auf.

In der Einsamkeit, in der Dämmerung, im Mangel, von aller menschlichen Hülfe entblößt – wie leicht muß es da auch dem rohesten Kopfe einfallen zu philosophieren! und wie leicht muß es ihm auch werden! – Wenn alles außer uns lockt, einladet, nichts oder doch nur zuweilen eine Kleinigkeit beunruhigt, die unsre fröhliche Empfindung durch die Abwechslung nur erhöht – dann gute Nacht, Philosophie! – Unsre Eigenliebe, die sich darauf versteht, uns glücklich zu machen – wohl gemerkt! auf den gegenwärtigen Augenblick, über welchen sie allein niemals hinaussieht –, die also weiß, daß Grundsätze und Umstände vor allen Dingen übereinstimmen müssen, wenn sie ihren Zweck erreichen will – diese wachsame Listige schafft bald oder spät diejenigen Ideen beiseite, die ihr ihre Arbeit vereiteln könnten; aber wie ein weiser Regent, der Menschen, die er itzt nicht mehr nützen kann, zu einem künftigen vorfallenden Gebrauche aufhebt und unterhält, quartieret sie die gegenwärtig unbrauchbaren Grundsätze in einen entlegnen Teil des Gehirns ein, singt sie in den Schlaf – und nun liegt ihr da wie die Siebenschläfer, bis man eurer Dienste bedarf! Sobald dieser Fall sich ereignet – husch! sind sie wieder da! Die Eigenliebe ruft, nachdem nun ihr Schlaf gedauert hat, stark oder leise, wenig oder lange, und sie erscheinen zuversichtlich wieder –ihre Gebieterin müßte denn unvorsichtigerweise geglaubt haben, sie nie wieder nützen zu können, oder auch die Dauer ihres Schlafes zu lange gewesen sein, alsdann sind sie Toten gleich, die niemand als durch ein Wunder zu erwecken vermag.

Bei meinem Helden fand sich seine Philosophie gleich nach seiner Ausreise von der Gräfin Xr. wieder ein, wie wir kurz vorher bemerkt haben müssen; dies war aber nur der stärkste tätigste Teil davon, der schon eine solche Macht erlangt hatte, daß er sich mit der größten Hartnäckigkeit widersetzte, wenn ihn die Eigenliebe regieren wollte, daß diese deswegen höchst zufrieden war, wenn er nur ruhte und nicht geradezu widersprach; so schwieg meines Helden Philosophie bei der Gräfin zu verschiedenen Malen – weil ihr die Eigenliebe wie der ausgelernteste Hofmann so viele artige Sachen vorplauderte, daß sie nicht von ihr wegkommen konnte, um sich in die Angelegenheiten des Kopfs und des Herzens zu mischen, mittlerweile daß die Kreatur der Eigenliebe, die Phantasie, und ihre Tochter, die Ehrbegierde, briguierten, agierten, tumultuierten – und was sie weiter taten. Ein schwächerer Teil seiner Grundsätze, die nicht mit Nachdruck widerstehen konnten, haben seit seinem Aufenthalte in Amandens Schranke – wie schon gemeldet worden ist – sanft geruhet; itzt waren sie nötig; sie wurden gerufen, und siehe! – sie kamen.

Ihre Zurückberufung war aber auch höchst dringend. Man denke nur! – In dem traurigsten hülflosesten Zustande, ohne Aussichten, hungrig, durstig und sogar ohne Eichbäume zu sein – das hätte allenfalls der herrschende Teil von den Grundsätzen meines Knauts auf einige Zeit erträglich machen können; – aber dabei eine noch wache Ehrbegierde, das Andenken der genoßnen Ehre, der genoßnen Annehmlichkeiten ihres Geschmacks bei sich zu haben, zu fühlen, daß sie niemals wieder erneuert werden können, daß die ganze Begierde wird sterben müssen – dazu gehören stärkere Kräfte, die vereinte Macht unsrer Gedanken und Empfindungen, wenn wir eine solche Situation bezwingen sollen. Einer Neigung, einer Begierde kömmt der Tod, selbst der künftig zu befürchtende Tod, viel saurer an als dem Menschen, der das Leben noch so sehr liebt.

Kaum hatte er sich nach Elmickors Scheidung einen Augenblick niedergesetzt, als schon ein kleiner Tumult in seinem Herzen einen Aufruhr ankündigte. – Lieber Knaut! wie wird dir's ergehen?

Die Phantasie lärmte und brauste und plauderte wie ein zorniges Weib, die Ehrbegierde hinterdrein mit ihrer ganzen Faktion, mit Waffen, Spieß und Stangen, Blut, Lebensgeister, alles in und um die arme Seele war in einem tobenden Aufruhr, und der ganze Trupp zog auf das einzige gute Mütterchen, wider seine friedsame geduldige Philosophie, los; was konnte sie tun? – Sie zog sich en bon ordre zurück, machte sich den Rücken frei, und dann ging die Kapitulation an. Sie erwischte den Witz gerade zu rechter Zeit, da er auf die Gegenpartei treten wollte; er ließ sich bewegen und wurde abermals die Mittelsperson. – »Warum nun ein so entsetzlicher Lärm?« schrie der Sophist; »wir wollen die Sache in Güte abtun. Die Ehrbegierde muß befriedigt werden, das versteht sich. – Unser ganzes Glück beruht in der Einbildung, es ist ein Geschenk der Phantasie; die Ehre ist der vorzüglichste Teil unsers Glücks; also auch diese muß ein Geschenk der Phantasie sein. Bei Amanden, bei der Gräfin gab sie die Ehre; sie überredete Knauten, daß dies Ehre und daß sie angenehm sei; sie tue itzt das nämliche, sie überrede ihn, daß jenes keine Ehre, daß sie nicht angenehm war, und sie hat ihn glücklich gemacht. Hier sind Zeugen –« (er brachte die Grundsätze zum Vorschein, die bei Amanden im Schranke erzeugt wurden) »– hier sind Zeugen, daß es sich wirklich so verhält, daß alle Dinge außer uns nichts sind, daß unser Glück in uns ist, das heißt, daß es die Phantasie gibt. Also ist Tobias Knaut glücklich, und wenn er es völlig werden will, so befriedige er seine Ehrbegierde. – Wie? – Wodurch er kann! Alle Wege, auf welchen er sie bisher andre befriedigen sah, sind ihm verrennt; er kann auf keinem fortkommen; weder Natur noch Schicksal erlaubt es ihm. Er folge also, wohin ihn beide führen! – Wodurch gefiel er bisher? Was brachte ihm bisher die Gunst und Aufmerksamkeit der Damen und Herren zuwege? – Das einzige, daß er kein Mensch wie andre war, daß er Besonderheiten besaß, die andrer Augen auf ihn lenkten. Kann er das nicht noch tun? Hat er nicht die besten Anlagen dazu? – Er tue es; so hat er Ehre, so hat er Glück.«

Die Kapitulation war zustande, der Waffenstillstand geschlossen, die Ruhe wiederhergestellt, die künftige Marschrute für die Ehrbegierde bestimmt; nun darf noch der Zufall ihn auf eine gewisse Art von Besonderheiten hinstoßen, das heißt, in Gesellschaft führen, die mit ihm die Ehre auf einem Hauptpfade sucht und ihn durch ihr Beispiel auf einen der nebenher laufenden Steigen hinzieht, so ist der völlige Tobias Knaut fertig, alles, was Natur und Schicksal aus ihm machen wollten – er hat in der Leiter menschlicher Geschöpfe die Sprosse erlangt, die er erlangen sollte. Noch ist es in der Gewalt des Schicksales, ihn zum Marktschreier, zum Seiltänzer, zum paradoxen Philosophen, zum paradoxen Staatsmanne, zum paradoxen Gesellschafter, zu – allen Arten von Sonderlingen zu machen, der er nach seinen Fähigkeiten werden kann; aber sei es, welche Gattung es wolle – ein Sonderling wird er gewiß.

Obgleich also vorderhand der innerliche Sturm der Seele befriedigt war, so folgte doch unmittelbar darauf ein andrer und gewiß ein so heftiger als der erste – der Hunger. – Doch von diesem kömmt er noch besser und eher los; denn Elmickor naht sich schon mit einer Ladung Lebensmittel, die allen Kummer des Leibes und der Seele für itzt zu heben imstande sind. Sie setzen sich zusammen, sie teilen brüderlich, schwören einander ewige Treue und Freundschaft – denn Elmickor hat eine Flasche Wein, dieses bindende Zement der Freundschaft, mitgebracht – und schlafen brüderlich unter einem Baume zusammen.

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