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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 132
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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24.

In der Gunst einer Dame! – Du guter Knaut! Für so etwas kannst du deine Philosophie nebst allem Zubehör hingeben. – Das Unglück war nur, daß der vermeinte Liebhaber seinen erhaltnen Vorteil nicht merkte, sondern, da sein Übel vorüber war, völlig wieder der vorige Knaut wurde und Liebhaber zu sein ganz aufhörte, ohne daß er nur die mindeste Miene davon behielt. Das hätte sein ganzes Glück zu Boden stürzen können, wenn nicht das gefaßte Vorurteil für sein Interesse zu arbeiten fortgefahren hätte.

Seine Gebieterin, die im Grunde ihn nur schätzte, weil sie glaubte, daß er sie schätze, verstattete ihm einen freien Zutritt zu ihr und ließ ihn auch zuweilen zu sich rufen – vielleicht bloß aus dem Stolze, warum ein General gern die Zeichen seines Siegs um sich sieht –, um sich über die Macht ihrer Reize durch den Anblick ihres Überwundnen zu freuen, denn dafür stehe ich, daß nicht ein Fünkchen eigentliche Liebe zu dem Philosophen in ihrem Herzen glimmte; ihr Geschmack und tausend andre Hindernisse ließen so etwas nicht aufkommen.

Sie nahm sich sogar vor, ihn in der Etikette und der ganzen Kunst des vornehmen Wohlstandes zu unterrichten und überhaupt zu einem Mitgliede der feinen Welt tüchtig zu machen, ob sie gleich leicht wahrnehmen konnte, daß ihr Unterricht wundertätig sein müßte, um ein solches Vorhaben zu bewerkstelligen; allein sie war in die Eroberung eines kaltblütigen Stoikers – auf dessen Bezähmung ihre Eigenliebe die Überwindung von einem Dutzend junger empfindlicher Herrchen rechnete – und in die Idee, ihn völlig zahm zu machen, so verliebt, daß sie über Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten herzlich gern wegsah. Er sollte schlechterdings galant und artig werden. – Ich wünsche ihr Glück dazu.

Seine Zähmung ging ungemein langsam vonstatten; er fühlte das Glück nicht, eine Dame zur Lehrmeisterin zu haben, und entbehrte daher die vornehmste Aufmunterung und den Antrieb, um große Progressen zu machen; auch vergaß er wirklich sogleich jede Lektion, unmittelbar nachdem er sie bekommen hatte. Sein Rücken blieb steif, seine Komplimente hölzern, seine Miene und sein Betragen ernst, langsam, zerstreut, er war nie mit seinen Gedanken zugegen, hörte nur halb, antwortete unzusammenhängend, spann den Faden des Gesprächs niemals an, setzte ihn selten fort, sondern schnitt ihn meistens sogleich mit einem einsilbigen Wörtchen entzwei, war weder submiß noch lebhaft, paßte nicht auf jedes Wort auf, um es zu bewundern oder zu belachen, war unbeweglich, wenn gleich Millionen Fächer, Blumen aus den Händen seiner Gönnerin vor seinen Füßen niedergefallen wären – genug, er war zu allen Verrichtungen und Handlungen des vornehmen Lebens so ganz ohne alle Ausnahme ungeschickt, daß die Gräfin sehr bald die Beschwerlichkeiten der Unterweisung überdrüssig wurde, zumal da seine außerordentliche Kaltblütigkeit sie beinahe selbst auf den Argwohn brachte, daß seine Liebe wo nicht eine Einbildung, doch wenigstens nur vorübergehend gewesen sein müsse. Diese gezwungne Erkennung eines so schmeichelhaften Selbstbetrugs galt einer entrißnen Freude gleich; der unbiegsame Philosoph mußte notwendig so tief herunterfallen, als er vorher gestiegen war. Um sich für ihre beschämende Illusion zu rächen, gab sie ihm die ganze Stärke ihrer Verachtung zu fühlen, überließ ihn seinen rohen unausgebildeten Manieren und verschwur es, in ihrem Leben wieder einem Philosophen Liebe zuzutrauen oder ihn zähmen zu wollen; – denn – wer sagt doch das? – einer Schönen liegt nichts an der eroberten Beute und alles an der Freude der Eroberung.

Kaum hatte er diesen großen Fall getan, als sich der Zufall darein mischte, dessen ich oben gedachte.

Brillant – meine Leser kennen ihn doch noch? – hatte zu seiner Bequemlichkeit ein seidnes Küssen, das ihm, wenn er sich auf einem Spaziergange im Garten befand, von einem dazu bestallten vereideten Bedienten nachgetragen und sogleich aufgebreitet werden mußte, wenn er die geringste Neigung auszuruhen bezeugte.

Auf einem solchen Gange fand ihn mein Held auf seinem Küssen liegend eingeschlafen und zwar ohne seinen Trabanten, der sich den Schlaf des Hundes zunutze machte, um mit der Gärtnerstochter seine galante Kurzweile zu treiben. Knaut, den die Hitze gleichfalls zur Ruhe geneigt gemacht hatte, räsonierte sehr gründlich bei sich, daß ein zweibeinichter Mensch auf die Bequemlichkeit eines seidnen Küssens einen gerechtern Anspruch machen könne als ein vierfüßiges Tier. Er nahm es also weg, ließ den Hund mit dem harten Boden vorliebnehmen und gebrauchte es für seinen eignen Kopf, der sanft darauf ruhte. So fand ihn seine Gebieterin, ward zornig, daß Brillantens zottichtes Kleid mit Sand und Kiese verunreinigt war, faßte das arme Geschöpf auf die Arme, gab Befehl, dem Philosophen seine Verweisung aus dem Hause anzukündigen, welcher Befehl augenblicklich befolgt wurde, und Elmickorn traf das nämliche Schicksal, weil er schon vor drei Tagen kaltblütig vor einem neuangekommnen Service, das jedermann zur Schau aufgestellet wurde, ohne Empfindung vorbeigelaufen war.

Die beiden Verwiesnen traten also ihre Auswandrung zusammen in einer Gesellschaft und unter einerlei Aussichten und Erwartungen an.

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