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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 131
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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23.

Ohne Umschweife sei es nun gesagt! – Der aufgenommene Fremde war – Elmickor! der leibhafte Elmickor! – Vielleicht hätte man nunmehr Lust zu fragen: war auch seine Geschichte nicht ersonnen!

Ganz war sie es nicht; alles war die lautre Wahrheit, den einzigen Umstand ausgenommen, daß er auf dem Wege zu seinen Eltern zu sein vorgab. Seine Eltern waren längst gestorben und sein ganzer Stammbaum erdichtet; aber der Listige hatte in der Nachbarschaft den Charakter der Gräfin Xr. studiert und das Uhrwerk ihrer Empfindung sehr genau erforscht. Diese Kenntnis wandte er bei der vorhergehenden Unterredung an, um sich in ihre Gunst einzuschleichen, welches ihm auch wie allemal glücklich gelang. So weit darf er es aber nicht zu bringen hoffen als bei Amanden, wenigstens mag er sie durch keine Geistererscheinungen zu hintergehn suchen; auch war das sein Endzweck nicht.

Mein Knaut erfuhr es sehr spät, daß es sein ehmaliger Lehrer in der Kunst zu betriegen war. Elmickor hatte ihn gleich im ersten Augenblick erkannt und vorsetzlich seine Stimme verstellt, um nicht von jenem erkannt zu werden; das Gesicht konnte ihn nicht verraten, weil es teils durch Vermummung, teils durch verschiedne Wunden und Narben beinahe ganz unkenntlich geworden war. Endlich, da er merkte, daß ihm seine Erkennung keinen Schaden tun würde, so entdeckte er sich selbst freiwillig seinem alten Freunde; doch ließ er sich das tiefste Stillschweigen auf das feierlichste angeloben. Er hatte einen neuen weitläuftigen Plan gemacht, der im Grunde nichts als eine wohlausgesonnene Betriegerei war; doch ehe er ihn ausführen konnte, mischte sich der Zufall dazwischen und brachte ihn nebst meinem Helden aus dem Hause.

Doch um nicht unnötigerweise von dem geraden Fußsteige der Chronologie abzugehn, lasse ich mich itzo noch nicht darauf ein, diesen Zufall zu erzählen, der auch zudem ohne eine vorgängige Nachricht nicht völlig erklärt werden kann.

Vorausgesetzt, daß Elmickor niemals zu der Gunst und dem Vertrauen der Gräfin emporklettern konnte – warum? weiß ich nicht zu bestimmen –, er spielte zwar täglich auf ihre Eigenliebe sein Liedchen, aber er mußte doch den rechten Ton nicht gefunden haben, aus welchem sie gespielt wissen wollte; sein Lied hatte meistens Wohltätigkeit, Menschenfreundlichkeit, angeborne Güte und dergleichen Vorzüge mehr zum Gegenstande, die er ihr auf den Kopf schuld gab; allein sosehr sie auch eine solche Beschuldigung kützelte, so war das doch nur vorübergehend wie der Effekt einer Moral – dieses vorausgesetzt, melde ich, daß der gute Zufall meinen Helden wieder auf die oberste Stufe der Gnade und Wohlgewogenheit emporgeschleudert hatte, wohin sich Elmickor mit seinen studiertesten Listen in Ewigkeit nicht schwingen wird, wenn er seine Gönnerin nicht mit angreifendern Schmeicheleien als mit jenen moralischen Raritäten bestürmen will; höchstens erwirbt er sich dadurch ein elendes Almosen, die Erlaubnis, im Hause zu bleiben; doch Gunst, Gnade, Gewogenheit – einfältiger Elmickor! diese zu gewinnen, mußt du kräftigere Mittel wählen!

Ja, der Zufall, der meinem Helden emporhalf! – Nichts war es, als eine Tobaksdose. Seine Gebieterin besaß eine Dose von vortrefflicher Arbeit, von Golde und mit Brillanten besetzt, die wie alle Sachen, welche die Ehre hatten, ihr anzugehören, bei ihr in hohem Werte stund; doch besaß dieses Meisterstück aller Tobaksdosen unter allen den größten Teil ihrer Zuneigung – weil ihr eignes Bildnis in einer saubern Miniatur an dem Deckel unter einem Glase prangte, so herrlich en beau gemalt, daß ein junger Herr, der eben von der Akademie zurückkam und daselbst verschiedene Dinge von Idealen, Karikaturen und andern Malerausdrücken hatte sagen hören, sie hoch und teuer versicherte, es sei die schönste Karikatur unter der Sonne, ein wahrhaftes Ideal, ohne das danebenstehende Original mit einem Zuge darinne finden zu wollen. Mit jeder Prise Spaniol, die ihr Finger herausnahm, wurde diesem schönen Bilde ein Liebäugeln zum Opfer gebracht, nicht anders als wenn sie vor dem Spiegel stünde; auch hatte sie wirklich den Vorteil, ihre eigne Gestalt in dem Rande von Spiegelglas, womit das Bild eingefaßt war, vierfach zu erblicken und also in der ganzen Summe fünffach zu bewundern. Sie nahm sehr stark Tobak, und die Dose war überhaupt so untrennbar von ihr, als ihr diamantner Kopfschmuck, weil sie außerdem mit diesem ein Geschenk von einer geliebten Hand war. Demungeachtet hatte sie einst Brillant, ihr einziggeliebter Schoßhund, genötigt, sie auf dem Rasensitze im Garten zu verlassen, um dem armen Notleidenden, der sich ein großes Sandkorn zwischen die Krallen der einen Hinterpfote getreten hatte und deswegen ganz jämmerlich um Hülfe schrie, hurtig beizuspringen. Les egaremens de l'esprit et du cœur, die sie eben las, wurden bis zur nächsten Hecke geschleudert, und die Dose, die neben ihr stund, im Aufspringen heruntergeworfen, daß sie eine gute Strecke weit die empfangne Bewegung noch fortsetzte und den ganzen Vorrat, den sie enthielt, unterwegs verlor. Die Gräfin kam zurück, da das Übel geheilt war, suchte ihre Dose – suchte – suchte und fand sie nirgends, gerade als wenn ein böses Schicksal ihre Augen blendete. Sie ging besorgt zu dem Flecke, wo sie Brillanten Hülfeleistung getan hatte, ging weiter, suchte und fand sie nirgends.

Unterdessen daß sie dieses Suchen beschäftigte, trugen unsern Philosophen, der gedankenvoll herumschlenderte, seine Beine wider sein Wissen und Willen an den Ort, wo die Gräfin gesessen hatte, und gleich bei seiner Ankunft wurde er die auf der Erde liegende Dose gewahr, auf einer Stelle, die seine Gönnerin tausendmal mit aller Anstrengung ihrer Sehnerven beschaut hatte. Er hub sie auf, besah sie, ließ sich auf dem Rasensitze nieder, und weil einem Geschäftlosen jeder Gegenstand willkommen ist, so ergötzte er sich ungemein, seine werte Figur in dem spiegelgläsernen Rande der Miniatur – aber ohne den mindesten Affekt – zu betrachten. In dieser Betrachtung, wobei seinen philosophischen Muskeln doch ein paar freundliche Mienen seinem Bilde zu Liebe entfahren mochten, traf ihn die zurückkommende Gräfin an; er war so vertieft, daß er ihre Annäherung nicht merkte. Welchen andern Ursachen konnte seine Gönnerin diese Versenkung in sich selbst zuschreiben als ihrem eignen Porträte? – Oft denken wir stolzen Sterblichen, daß wir es sind, die andern gefallen, da sie es doch eigentlich selbst sind, die sich in uns gefallen – gerade wie Tobias Knaut keinen Augenblick an die gemalte Figur der Gräfin, sondern die ganze Zeit über an seine eigne gedacht und deswegen einen Gefallen daran gefunden hatte. Indessen – seine Gebieterin wußte das nicht, daß sich jemand neben ihr gefallen konnte – war die Wirkung bei ihr ihrer Voraussetzung gemäß: Sie liebte den ganzen Tobias Knaut im Augenblicke, sie fand ihn anbetenswürdig und war entzückt, vor ihm stehend zu sehn, wie jede Veränderung des Gesichts einen neuen Ausdruck des Wohlgefallens andeutete, ohne daß er – nach ihrer Meinung! vor Begeisterung und Freude etwas außer sich sähe, hörte, fühlte. Er wachte nicht eher auf, als bis sie ihn freundlich anredete und sich nach der Ursache seiner tiefen Gedanken erkundigte. – Zum Glück wußte er es selbst nicht zu sagen und geriet über die Anrede in eine solche Zerstreuung, daß er es nicht zu sagen vermögend gewesen wäre, wenn er auch seine vorhergehenden Empfindungen noch so deutlich unterschieden hätte; denn im entgegengesetzten Falle hätte ihn seine Aufrichtigkeit gewiß um alle Vorteile dieses Zufalles gebracht. Er schwieg also verwirrt still, übergab die Dose mit einem entwischenden nichtsbedeutenden Seufzer und wollte sich demütig wegbegeben; doch seine Gönnerin, die keinen Seufzer bei ihrem Porträte unbedeutend finden konnte, sondern jedesmal vermutete, daß eine geheime Empfindung ihn auspressen müßte, gebot ihm mit sichtbaren Merkmalen ihrer Gnade, bei ihr zu bleiben. Von Zeit zu Zeit kam ein neuer Seufzer, worunter jeder von einer Beklemmung herrührte, die ihm während der aufmerksamen Betrachtung seiner selbst die Zusammendrückung des Unterleibes bei dem Sitzen verursacht hatte; allein seine Gebieterin, die nun schlechterdings seine philosophische Seele einer geheimen Anbetung beschuldigen wollte, glaubte steif und fest, daß sie ihren Weg aus dem Herzen nähmen, da sie doch eigentlich viel weiter unten heraufmarschierten. Sie tat verschiedene Fragen an ihn, sein Geheimnis herauszulocken; seine Beklemmung nahm zu, die Seufzer wurden öftrer und heftiger, seine Antworten immer zerstreuter und weniger zusammenhängend, die Unordnung seines Körpers und seiner Seele wuchs so stark an, daß er wankte und stotternd um Erlaubnis bat, sich wegzubegeben.

War das nicht die ganze Gestikulation und Sprache eines Liebhabers? Hätte der ausgelernteste Stutzer die galante Etikette um ein Haarbreit besser beobachten können? – Gewiß nicht! – Und gleichwohl ging sein Unterleib ganz allein dabei zu Werke. – Die Gräfin Xr. blieb in der angenehmen Überredung zurück, daß es Liebe, die heftigste Liebe sei, die diesen zerstreuten Abschied bewirkte, welches sie ihrerseits für kein Verbrechen ansehen mußte, das eine Ahndung verdiente; Tobias Knaut hatte ihre ganze Gunst an sich gebracht.

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