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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 130
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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22.

Mein Held war bei Euphorbens plötzlicher Abreise zurückgelassen worden – denn wie konnte er an jemanden außer sich denken, da er mit sich und seinem Unglücke genug beschäftigt war? – Solange es noch für ihn neue Gegenstände in dem Hause der Gräfin Xr. gab, die seine stumme oder laute Bewunderung auffoderten, so lange war sein Beifall bei seiner Gebieterin gegründet; da ihm alles gewöhnlicher wurde, weniger in Erstaunen setzte und folglich seine Aufmerksamkeit darauf verschwand, so fing sein Kredit schon an zu wanken; und da endlich alles eine solche Alltäglichkeit annahm, daß es ihm nicht anders sein zu können schien, so fiel er so sehr in Verachtung als Euphorb. – Sobald man die Fäden eurer Eigenliebe aus der Hand sinken läßt, ihr guten Erdensöhne und Erdentöchter, so laßt ihr augenblicklich auch die unsrigen fallen; eure Eigenliebe ist – das weiß der liebe Himmel! – der einzige Spiegel, in welchem unsre Gestalt schön und häßlich vorgestellt wird, nachdem wir ihn wenden und kehren, aus dem dieser Wendung gemäß Lob und Tadel, Beifall und Abscheu auf uns zurückgeworfen wird.

Da mein Held diese Erfahrung nicht wußte, sondern nur das Wohlsein der Achtung empfand, ohne ihre Ursache zu kennen oder mit Wahl dabei zu verfahren, so vermied er um soviel weniger die Gelegenheiten, wo er in Gefahr geraten konnte, sie einzubüßen.

Er sahe und hörte täglich die beste Gesellschaft von dem besten Tone – denn seine Gönnerin zeigte ihn jedermann als eine Probe von Eupators weisen Anstalten vor, und dieses verschaffte ihm einen Zutritt zur großen Gesellschaft, der ihm außerdem mit zehntausend Riegeln verschlossen gewesen wäre; er sah Beifall und Ehre durch eine unendliche Menge angenehmer Mittel erwerben; solange seine Gebieterin ihm einen gewissen Grad von Aufmerksamkeit gönnte, so lange sah er alles um sich fröhlicher und geehrter, als er sein konnte und durfte, ohne daß sich eine neidische Unzufriedenheit dabei regte; sobald ihm jene entzogen, er von allem Zutritte zu den Gesellschaften abgeschnitten war – weil ihn jedermann gesehn hatte – und sich die Szenen der Ehre, die man unter dem nämlichen Dache, das ihn bedeckte, errang, aus dem, was er vorher davon gesehn hatte, bloß in der Einbildungskraft zusammensetzte, dann tat es ihm wehe, daß er nicht auf demselben Felde der Ehre kämpfen konnte; ob er gleich einsahe, daß alle seine äußerlichen und innerlichen Umstände es ihm auf immer unmöglich machten, nur ein Lorbeerblättchen durch einen solchen Kampf zu ersiegen, so war er doch nicht mehr Philosoph genug, um sich über eine Unmöglichkeit nicht zu beunruhigen. Seine Eigenliebe war einmal in Beifallsbegierde verwandelt und dazu durch die Umstände gleichsam erzogen worden; die griechischen und römischen berühmten Helden, Patrioten, Weltweisen, Dichter, Redner, die er bei Eupatorn kennenlernte, tummelten sich in seinem Kopfe unter Grafen, Baronen, Comtessen und Fräulein herum, deren Bekanntschaft er jüngst erst bei der Gräfin Xr. gemacht hatte; alle rennten mit ausgestreckter Lanze nach dem Ringe der Ehre und des Ruhms; er wollte herzlich gern mit ihnen rennen und hatte doch weder Lanze, noch Pferd, noch Atem dazu. So viel hatte sich seine Eigenliebe aus seinen bisherigen Erfahrungen allmählich abstrahiert, daß Besonderheiten jederzeit der Grund seines Beifalles und seiner genoßnen Achtung gewesen waren; – dergleichen Beobachtungen macht meistens unsre Eigenliebe im stillen für sich, ohne daß wir ein Wörtchen davon wissen, bis sie sie endlich mit der Zeit zu deutlichen Ideen ausgearbeitet hat und sie als solche in die Gesellschaft unsrer übrigen Gedanken und Grundsätze einführt. Dieser Zeitpunkt war itzt bei meinem Helden herangekommen; er dachte ganz deutlich und mit Bewußtsein, daß Besonderheiten ihm bisher Beifall verschafft hatten.

Das war so gut, als ihn auf den Weg führen, wo er zu diesem Ziele fortgehn sollte. Nunmehr nur noch eine Gesellschaft, die ihn auf dem angefangenen Pfade eine Strecke weiter führt! durch Beispiele oder Lehren weiter führt! – so geht er seinen Gang darauf so gerade fort, ohne sich umzusehen, als wenn um und neben ihm her nicht tausend andre Straßen, Fußsteige und Schleichwege sich herumschlängelten, auf welchen Sterbliche aus Osten und Westen zu einem Ziele, zur Bewundrung, zur Ehre, zum Ruhme – kurz, zu irgendeiner Art von Superiorität schleichen, kriechen, hinken, hüpfen, stolpern, laufen, traben, galoppieren! – So gerade geht er ihn alsdann fort, daß er alle andre Nebenwege nicht eines Blickes würdigen, seinen für den einzigen wahren halten wird, er müßte denn Berge zu überklettern, Moräste zu durchwandern finden; alsdann würde er vermutlich um sich schauen und andre, die er auf den ihrigen sich zuvorkommen sähe, beneiden, verachten, schimpfen, schmähen, durch einen Sprung zu ihnen hinüber schlüpfen, sich an sie anhängen, um von ihnen mit fortgeschleppt zu werden – alles nach Maßgebung seiner Laune!

Inzwischen, bis dieser Zeitpunkt herankömmt, mag er sehen, wie er unter dem Schutze der Gräfin Xr. ihn unter Verachtung oder vielmehr Nichtachtung – wenn dies ein Wort wäre – erwarten kann. Der Einsamkeit war er nicht ungewohnt, und doch fiel sie ihm itzt schwer; der Gedanke, daß andre in seiner Nähe ihn an Glück übertrafen, verbitterte sie ihm. Er hing seinen Gedanken nach; ein Teil seiner Grundsätze, die er sich in Elmickors Höhle und in dem Schranke in Amandens Hause gebildet hatte, lagen schon auf dem Grunde seines Gehirns und schliefen; sie wären in jeder seiner kurz vorhergehenden Situationen lästig gewesen; darum weckte sie die Eigenliebe wohlbedächtig nicht auf. Sobald sie die Umstände nötig machen werden – o kein Zweifel! sie werden gleich aufgejagt werden.

Der einzige und gewöhnliche Ort, wo er seinen Empfindungen und seinem Nachdenken freien Lauf ließ, war ein Garten, der selten von der Gesellschaft besucht wurde. In diesem ließ er wie ein Verliebter seine Seufzer ausfliegen, seine Unruhe in murmelnde und laute Worte ausbrechen; er besaß alles, und alles fehlte ihm. Auch ohne Nahrung wächst jeder Kummer durch die Zeit, so wie er durch die Zeit abnimmt; der seinige war zu einer Höhe gestiegen, daß er seine Philosophie wie einen leichten Span mit sich fortriß.

Eines Tages, als er am Rande eines Teiches voll tiefer Gedanken spazierenging und sich ächzend auf das Gras niederließ, hörte er sein Ächzen vernehmlich wiederholen. Bekümmerte hören jedes Echo ihrer Klagen sehr leicht und gern, weil sie vermuten, daß es von jemanden herrührt, der gleich oder noch mehr bekümmert ist als sie, und beides verschafft keinen schlechten Trost. Er horchte und horchte und merkte endlich deutlich, daß es eine Menschenstimme sein müßte; das machte Mut; er ging ihr nach. Kaum war er einige Schritte außer dem Garten, den hier bloß eine grüne Wand von dem Felde absonderte, als er einen Mann, am Wege liegend, in einer traurigen Krüppelgestalt antraf; den linken Arm trug er in einer Binde, die Beine waren mit dicken Küssen umwunden, alles an ihm überredete meinen Helden, ihn für weniger glücklich zu halten als sich selbst. Er sprach mit ihm und erfuhr, daß die Geißel des Schicksals den Elenden in dem kläglichsten Zustande bis hieher getrieben und nichts als die Zuflucht der Mitleidigen übriggelassen habe. Ihm war seiner Erzählung nach von einem Nebenbuhler seiner Geliebten, die ihm vor diesem einen offenbaren Vorzug gab, als er eben auf dem Wege war, sich die Einwilligung zur Verheiratung mit ihr von seinen Eltern zu erbitten, aufgepaßt worden; sein Feind hatte ihn durch bezahlte Bösewichter in den kläglichen Zustand versetzen lassen, in welchem er sich itzt befand; zween Tage lang hatte er, ohne aufstehn zu können, unter freiem Himmel zubringen müssen, bis er endlich in ein nahgelegnes Wirtshaus mehr kroch als ging, wo er sich so lange für den Rest des bei sich habenden Geldes heilen und warten ließ, bis er den völligen Gebrauch seiner Glieder wiedererlangt hatte. Seine Situation war schrecklich; von seinen Eltern war er zu weit entfernt, um bei ihnen Hülfe zu suchen, war ohne Geld, ohne Freunde, ohne Kredit, ohne alles.

Sein Zuhörer ging, ohne ihn weiter anhören zu wollen, in den Garten zurück, in der festen Absicht, bei der Gräfin Xr. sein ganzes Interesse anzuwenden, um sie zum Mitleiden gegen diesen Leidenden zu bewegen; dieser hingegen legte seine Entfliehung als eine Unbarmherzigkeit aus, eine Bemühung, sich dem Anblicke des Elendes zu entziehen. Ein Blick in Knautens Seele hätte ihm die ganze entehrende Vermutung erspart; er hätte gesehn, daß alle ihre Empfindungen bis auf die kleinste erschüttert waren, und zwar ungleich stärker, als seine Erzählung an sich es zu tun vermochte. Es mußte also nicht der Anblick des Hülflosen und seine Geschichte den Eindruck in solcher Stärke hervorbringen, sondern gewisse Dispositionen, die jenen Eindruck erwarteten, um ihn durch ihre Beihülfe über sich selbst zu erheben.

Man wird sogleich drauf verfallen, den eignen Kummer, von welchem er vor Erblickung dieses hülfebedürftigen Mannes vom Wirbel bis auf die Fußzehe eingenommen war, für die Ursache zu halten, die fremden Kummer so eindringend bei ihm machte. Sie war es zum Teil, aber noch nicht ganz. Die Bekümmernis über die gegenwärtige üble Befriedigung und die künftigen Aussichten seiner Begierde nach Beifall hatte über seine Phantasie einen dünnen Nebel gezogen, der allen ihren Bildern einen düstern Anblick mitteilte; unter diesen war notwendig sein teures Ich das vornehmste, das am vielfachsten und öftersten sich zeigte; mitten unter der Erzählung von den Leiden, besonders dem Mangel des fremden Mannes trieb die Phantasie ihre gewöhnliche Taschenspielerei; in der neblichten Düsterheit, die in seinem Kopfe regierte und nichts deutlich unterscheiden ließ, schob sie wie ein Wind alle die Vorstellungen von den Leiden und der Verlegenheit des Erzählenden dicht an den Gedanken von sich selbst, daß Tobias Knaut nicht anders urteilen konnte als: ich habe das gelitten und werde das leiden! – Dieses Urteil machte, daß er und der wirkliche Leidende so gut als eine Person in seinem Gehirne wurden; es erfolgte eine so starke Empfindung, als wenn sie wahrhaftig eine Person wären. Sollten bei einer solchen Bewandtnis die Füße einen Augenblick stillstehen und nicht vielmehr hurtig forteilen, diesen Schmerz so bald als möglich wegzuschaffen? – Ja, sie taten's; er ging geradesweges auf die Gräfin los, die er in einem Kreuzgange des Gartens ansichtig wurde.

Sein Vortrag und seine Fürbitte tat bei ihr nicht zur Hälfte den Eindruck, als nach dem Tone, in welchem sie abgefaßt war, zu vermuten stund – in dem höchsten nämlich, auf welchen sich seine Beredsamkeit spannen ließ –, sie blieb kalt und blieb es auch noch, da sie den Elenden erblickte – weil ihre ruhige heitere Phantasie keine solche geheime Wendung von dem, was sie sah und hörte, auf ihre eigne Person machen konnte. Sie hörte eben so kalt den Mann selbst seine Geschichte wiederholen, die er in einem viel rührendern umständlichern Vortrag einkleidete als vorhin; sie schien wohl etwas zu fühlen, das aber, genau berechnet, kaum die Hälfte soviel betrug, als was sie bei einem arnaudischen Geschichtchen gefühlt haben würde. Indem setzte der Fremde zu dem, was vorhin von seiner Erzählung gemeldet worden ist, hinzu, daß ihm das Mitleid einer Gräfin Xr. gerühmt worden sei, deren Schloß jedermann als den Zufluchtsort aller Hülfebedürftigen ansehe; auf diese Nachricht habe er sich aufgemacht, um sich ihr zu Füßen zu werfen und sie um den Beistand anzuflehn, den sie allen angedeihen ließ, die durch die Bande der Menschheit mit ihr verknüpft wären.

Die Gräfin glühte ein wenig und sah ihn aufmerksamer an. »Leider! wurde ich ehmals ein Mann von Stande genannt«, fuhr er fort – »leider! denn wäre ich es nie gewesen, so fühlte ich vielleicht itzt weniger die Schmerzen der Armut, höchstens nichts als die körperlichen Schmerzen –« Hier schwieg er, und hier geschah auch jene geheime Wendung der Phantasie bei der Gräfin.

»Sie haben das Verdienst, einen Abkömmling der ältesten Familie zu unterstützen, wenn Sie mich eine Zuflucht bei Ihnen finden lassen, so lange, bis ich wiederhergestellt bin und durch Ihre gnädige Vermittlung meinen Weg zu meinen Eltern antreten kann, denen Sie einen Sohn und eine einzige Stütze der Familie erhalten.«

Das Interesse verdoppelte sich bei der Gräfin. – Indem blickte er wehmütig auf ihren diamantnen Kopfschmuck mit einem Seufzer, der nach ihrer Auslegung eine Vergleichung bedeutete, die er in sich mit ihrem Glücke und seinem Unglücke anstellte. Dieser Blick erhub das Interesse auf den höchsten Grad; sie befahl ihm, ihr zu folgen.

Nachdem eine Revision seines vorgeblichen Stammbaumes unternommen war, den er in einer umständlichen Länge herzusagen wußte und nach welchem seine Verbindung sich bis zu den ansehnlichsten Häusern erstreckte, so wurde ihm ein Aufenthalt im Hause verwilligt.

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