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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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11.

Um diese Erklärung zu finden, brauchte man kein einziges Werkchen de regulis interpretandi gelesen zu haben; wenigstens konnte sie doch in der Gestalt in dem Verstande der Frau Knaut hervortreten: Tobias hat bauen sehn, und weil er gern einen Zeitvertreib haben will, so tut er's nach, weil er den Pfarr hat predigen sehn, so tut er's aus dem nämlichen Grunde nach. – Das bloße Faktum und eine gewöhnliche Dosis gemeinen Menschenverstand – und die Erklärung ist da!

Aber die Seelen, die in Menschenköpfen wohnen, gehen nun nicht allezeit den geradesten Weg. – Frau Knaut! der grüne Rock hängt ja hier vor der Nase! der ist ja gut genug! – Aber nein, lieber langt sie über den ganzen Kleiderschrank hin und holt den braunen; und warum denn? – Je, wer wird denn heute einen grünen Rock anziehn?

Geradeso und nicht anders kam die Frau Knaut dazu, daß sie, um sich die Zeitvertreibe ihres Sohns zu erklären, die Natur herholte. – Je, wer wird ihm denn die Lust dazu gegeben haben außer der Natur? – Die gute Großmutter Natur! Was für wunderliches Zeug werden die Menschen nicht endlich ihren alten Schultern zu tragen geben! Die Menschen begehen Torheiten über Torheiten, und wie die Schulknaben, wenn der Präzeptor fragt: wer hat's getan? – einer wälzt die Schuld auf den andern, bis sie zuletzt auf einem armen, unschuldigen Abwesenden liegenbleibt –, so lassen wir die Natur die Schuld aller unsrer Fehltritte tragen, weil sie sich nicht so gut verantworten kann als wir.

Eudox küßt alle Mädchen, greift ihnen an das Knie, und wenn sich gar eine von seinen kleinen Händen in einen Busen hineinstehlen kann, so grinst der kleine Bube wie ein Tiger vor Freuden. – Ein schnakischer Junge! sagt die Frau Mutter. Ja, wie doch die Natur ihre Gaben wunderlich austeilt! Eudoxen trägt sein Naturell dahin, sich bei dem Frauenzimmer beliebt zu machen. Er wird einmal in Assembleen und auf Bällen ein unentbehrlicher Mensch werden. Hingegen Friedrich – ist ein stiller, gesitteter Knabe, fleißig, ordentlich, zwar etwas schläfrig. – O unerträglich! Weiter kann er nichts tun als studieren und einmal ein Amt zu bekommen suchen, wo er seine Person nicht sehr zu zeigen braucht. Soviel Ehre wird er unserm Hause nicht machen als Eudox; er hat nun einmal das Naturell nicht dazu.

Heißt das etwas anders, als die Natur machte Eudoxen zu einem Gecken und Friedrichen zu einem klugen Manne? – Aber wenn hatte denn die Natur ihr geheimes Tagebuch verloren? und wenn haben es denn Ihre Gnaden gefunden? – Denn anderswoher konnten Sie wohl diese Absichten der Natur nicht so entscheidend vorzutragen wissen. Würde Eudox wohl auf den Einfall gekommen sein, wie ein kleiner Habicht auf den Busen und den Schoß der Mädchen loszuschießen, wenn er nicht seinen würdigen Herrn Vater soviel galante Komödien hätte spielen sehn, so viele galante Unternehmungen seines vergangnen Lebens hätte erzählen hören? Konnten bei Eudoxen nach einem solchen Beispiele, mit einer solchen Anlage zum Witz und bei dem täglichen Anhören verliebter Ideen, mußten nicht unvermeidlich solche Verbindungen und Assoziationen der Ideen in seinem Kopfe entstehen, die seinen lebhaften Körper so erstaunende Proben von seiner künftigen Größe ablegen ließen? Konnte er bei dem Beifalle, den die gnädige Mama ihm nach jedem seiner verliebten Kinderstreiche zuklatschte, jeden derselben für etwas anders als einen Beweis einer Vollkommenheit und eines Vorzuges vor den übrigen ihm bekannten Menschenkindern ansehen?

Würde Friedrich wohl der langsame, schläfrige Knabe geworden sein, wenn man ihn nicht von aller Gesellschaft hinweg auf die Stube seines melancholischen Hofmeisters relegiert hätte? wenn man nicht jedes seiner Worte durch verachtende Unachtsamkeit erstickt und mit lautem Gelächter jedem, auch dem unbesonnensten Einfalle des Bruders hervorgeholfen hätte? – Hatte die Natur, da sie dem einen elastische Nerven, rasche Lebensgeister und flüchtige Teile in seine Säfte gab, eine weitre Absicht, als daß er zu den Verrichtungen des menschlichen Lebens geschickt sein sollte, die eine plötzliche Entschließung, schnelle Ausführung und einen gewissen Grad von Verwegenheit verlangen? Da sie dem andern Bindfaden statt der Nerven, Lebensgeister, die nicht anders als im Schritte gehen konnten, und dicke Säfte gab, was wollte sie mehr, als ihn zu einem Manne bestimmen, der durch Behutsamkeit, Überlegung, Ernsthaftigkeit sich um die langsamem Geschäfte des Lebens verdient machen sollte?

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