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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 129
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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21.

Glück zu! Mein Held hat schon das günstige Vorurteil der Gräfin für sich; wohl dem in dieser Welt, der dies einmal weggeschnappt hat!

Wie er dazu gelangte? – Schnakisch! nach dem Ausdrucke des wohlehrbaren Flurwächters in Eupators Monarchie, recht schnakisch! – Unter den mannigfaltigen Fädchen, die von der Eigenliebe seiner gnädigen Gebieterin herabhingen, war eins der feinsten an etliche hundert kleine Diamantchen geknüpft, die mit aller Weisheit der Toilette teils in den Haaren, teils auf dem schneeweißen Halse, in den Ohren – und wo weiß ich unwissender Gelehrter sonst noch? – in Schlachtordnung gestellt waren; jeden Tag wurden sie nach einer neuen Zeichnung in die breite Fläche der Frisur gestellt und waren überhaupt so unzertrennlich von ihr als die Seele von ihrem Leibe, wenn sie leben sollte, so unzertrennlich, daß ihr selbst der Schlaf süßer schmeckte, wenn ein Teil ihres geliebten Schmuckes sich an ihr befand. Die Saite, die sich von jedem Steinchen dieses Schmuckes bis zur Eigenliebe erstreckte, war so empfindlich zart, daß sie die Lichtstrahlen, die von einem Blicke darauf zurückfielen, in Bebung versetzten, ein Wörtchen, eine Silbe konnte es schon. Mein Held, der in seinem väterlichen Hause bei seiner Fr. Mutter wohl Tressenhauben, aber nichts weniger als Diamanten bei seinen sämtlichen Gönnern und Gönnerinnen nach der Reihe ihrer ebenso wenig und bei Amanden nur böhmische Steine und Glasgranaten gesehn hatte, wurde durch den funkelnden Schimmer, den der Diamantenschmuck wie ein Nordlicht um sich warf, so geblendet, daß er unbeweglich dastund und mit blinzenden Augen auf die gestirnte Frisur der Fr. Gräfin hinsah, bald auf die Brust einen Blick warf, die wie eine Milchstraße von unzählbaren Sternchen erleuchtet wurde, bald mit seinen Augen über die Ohrringe wieder zur Frisur zurückkehrte; er war versteinert. Ein so unbeweglicher lange anhaltender Blick mußte die Saite ihrer Eigenliebe bis zur Konvulsion zitternd machen; sie lächelte ihn an und sagte Euphorben, der sich nicht wenig wunderte, diesen Lobspruch an eine solche Mißgestalt verschwenden zu hören: »Un joli garçon!« – Tobias Knaut! was wird noch der Himmel aus dir machen?

Doch unterstehe sich niemand, die Gräfin Xr. hierüber mit einem Gedanken zu tadeln; diese anscheinende Eitelkeit machte ihrer Empfindung Ehre. Der ganze Schmuck war das einzige Geschenk eines mit ihr versprochnen Gemahls, den sie mit einer Zärtlichkeit liebte, deren Schilderung einen voltairischen Pinsel verlangt, den ihr den Tag nach ihrer Verlobung ein Schlagfluß raubte. Diese gekränkte kummervolle Zärtlichkeit hatte das Andenken eines noch nicht beseßnen Gemahls mit seinem Geschenke so genau verknüpft, daß ein Teil der Liebe, die sie für den Geber empfand, aufsein Geschenk überging, und dieses war wieder mit ihrer Eigenliebe so fest verbunden, daß die Wirkung des Gefallens nie außenblieb, wenn man diesem Schmucke die geringste Ehre antat. – Ist eine solche Eitelkeit – wenn man es ja schlechterdings so nennen will – nicht rühmlicher als die philosophischste Unempfindlichkeit gegen Flitterstaat? – Ich dächte.

Un joli garçon! – Von einer Dame, wie die Gräfin Xr. ausgesprochen! Das, meine ich, müßte auch einem Knaute wohl tun. Wer weiß, ob ein Philosoph, selbst der königliche Hund, sich jemals einen so süßen Namen geben hörte? – der doch vielleicht die Annehmlichkeit davon besser empfunden hätte als mein Held. Zum Unglücke verstund er kein Französisch; aber so viel wurde er doch gewahr, daß man ihm eine gewisse Aufmerksamkeit gönnte, die mit derjenigen viel Ähnlichkeit hatte, welche er in der guten Periode bei Amanden genoß. Er wurde mit an die Tafel gezogen, er mußte seine ganze Philosophie von einem Ende zum andern auskramen, worauf man dadurch kam, daß ihm einer von seinen sonderbarsten Grundsätzen entfuhr, der eine so auffallende Wirkung tat, daß man sich bemühte, seine übrige Denkungsart vollends herauszulocken. Noch auffallender wurde die Wirkung dadurch, daß er dreist behauptete, bei seinem Eichelmahle so glücklich gewesen zu sein als itzt, und doch deutliche Merkmale von sich gab, daß alle Herrlichkeiten, die er erblickte, ihm eine stille Bewundrung abzwangen.

»Ist eine solche Mahlzeit nicht unendlich besser als eine Eichelsuppe?« fragte die Gräfin Xr.

Seine Zunge war schon in völliger Bereitschaft, ein Ja auszusprechen, als sie der Stolz zurückzog, und sie sprach: Nein! – Das war nicht gut geantwortet, denn die Gräfin wurde ernsthaft. – Unterdessen kam eine porzelläne Punschschale von sehr schöner Arbeit; der Philosoph verwandte kein Auge davon; seine Gönnerin wurde wieder heiter und sahe mit holdreicher Miene auf ihn; sie gab sich sogar die Mühe, ihn über den Wert und die Schönheit der Punschschale zu unterrichten, und er hörte ihre Belehrung kalt an. – Schon wieder ein Fehler! –

Den aber ein Zufall sogleich wiedergutmachte. Sie legte ihre schöne Hand, mit einem der strahlenreichsten Ringe geziert, auf den Tisch. Die Hand war, im Durchschnitte gerechnet, wahrhaftig schön, so schön, daß ein boshafter Spötter von ihr einstmals sagte, ihre Hände wären so schön, daß sie sich das Gesichte damit zudecken möchte; und Leute mit verfeinerten Empfindungen hätten gewiß auf die Hand, um der Hand willen, gesehn, aber meinen Knaut lockten bloß die Diamanten im Ringe; sie glaubte ganz zuversichtlich, daß es die Hand wäre, und war um soviel erfreuter, als sie ihn starr darauf gerichtet erblickte, weil sie ihre Schönheit nicht groß genug annehmen konnte, um sich es wahrscheinlich zu machen, daß sie auf eine so stoische Seele einen Eindruck machen könne. Er war wieder in völliger Gunst, worinne ihn auch ein günstiger Zufall nach dem andern befestigte, indem er das mindeste und seine Unbekanntschaft mit den ihn umgebenden Gegenständen alles dabei tat.

Euphorb, der in den Sitten der feinen Welt ausstudiert haben wollte und bei allem, was er tat und sagte, mit Wahl und Überlegung zu Werke ging, war diesen Tag nicht halb so glücklich, weil ihn der Zufall weniger begünstigte; alle seine Einfalle, seine studiertesten, zugespitztesten Schmeicheleien, seine feinsten Scherze versetzten die Gräfin in üble Laune; alles war stumpf, alles machte ihr Ekel; und hätte nicht Knaut mit seiner unwissenden Bewunderung ihrer Munterkeit ein wenig aufgeholfen – sie wäre gewiß fürchterlich verdrießlich und übel aufgeräumt geworden, sie wäre nicht zu einem Lächeln zu bringen gewesen.

Nach aufgehobner Tafel wollte er sein gefallnes Ansehn und seinen Ruhm wieder emporheben, glaubte seinen Endzweck gewiß nicht zu verfehlen, und – das boshafte Glück stürzte vollends eben durch diese Gelegenheit den ganzen Rest von guter Meinung von ihm, der sich noch bei der Gräfin aufrechterhalten hatte, zu Boden. Sie ließ eine Stickerei bringen, um sie Euphorben, einem sonst geschmackvollen Richter in dergleichen Dingen, zum Urteile vorzulegen. Sie war elend, und dafür hielt sie die Gräfin; ich weiß nicht, welches Phantom der Einbildung Euphorben überredete, daß es die Arbeit der Gräfin sei; so schlecht er sie bei sich fand, so sehr erhub er sie, setzte das süße Kompliment hinzu – daß man die deutlichsten Spuren von den englischen Händen darinne fände, die dieses Wunderwerk hervorgebracht hätten – und küßte dabei ihre Hand. Die Gräfin glühte vor Unwillen und warf mit einem bittern: »Wohlgetroffen!« die Stickerei auf das Kanapee.

Überhaupt schien Euphorbens Glück und Ehre im Abnehmen zu sein; er hatte sich selbst überlebt. Sie las ihm einige Zeit darauf Verse vor, ohne ihm ihren Verfasser zu sagen: Er fand sie abscheulich, wie sie es in der Tat waren, er nennte sie so, er machte sich über das kleinste Wort lustig – weil er in dem Wahne stund, daß sie ihm vorgelesen würden, um seinem Witze Gelegenheit zu geben, die Gräfin durch Spöttereien darüber zu belustigen – er machte eine Anwendung darauf von dem saubern Histörchen des Malherbe, der die Überschrift einer ihm zur Kritik gebrachten Ode: Ode à sa Majesté in pour torcher le cul de sa Majesté veränderte – holte seine ganze Gelehrsamkeit zusammen, die er aus den Anecdotes littéraires und dem Dictionaire des pensées ingénieuses über die vorhabende Materie gesammelt hatte. – Da sein Witz mitten in vollem Strome war, schoß die Gräfin einen verachtenden Blick auf ihn und sagte mit stolzer Kälte: »Finissez; c'est mon ouvrage.« – Euphorb war mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, sein Witz versiegte, er stund verwirrt auf, ging in den Garten, um sich ins Wasser zu stürzen? – nein, um zu warten, bis der Kutscher angespannt hatte. Dieser einzige Tag tat ihm einen so unbeschreiblichen Schaden, daß sein Ruhm seitdem immer mehr erlöschte und endlich gar auslöschte; er wurde verachtet, und um sich über den Verlust seiner Ehre zu beruhigen, zog er sich in die Einsamkeit zurück, las erbauliche Betrachtungen über die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, jeden Tag richtig einen Morgen- und Abendsegen, bisweilen Pensées de Seneque, l'homme plaute, l'Evangile du jour, und marschierte zwei Jahre nach seiner Exilierung aus der Welt, mit einem Gebetbuche in der Hand, als ein guter Christ aus diesem Jammertale.

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