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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 128
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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20.

Tausendmal wünschte Euphorb unterwegs seine Schmeichelei nicht so weit getrieben und sich und seine Kutsche mit einem Geschöpfe beladen zu haben, das dem Auge das unangenehmste Bild darstellte und gewiß unter die unvernünftigen Tiere gehören mußte, weil es den ganzen Weg über nicht die mindeste Spur von Sprache an sich blicken ließ. Umsonst strengte er seine geschmeidige Zunge an, um sich selbst zu unterhalten, was Euphorb und seine Mitbrüder im Grunde zwar einzig begehren; aber ein Paar fremde Ohren haben sie doch zum Anhören nötig, um ihrer Eigenliebe ein Blendwerk zu machen, als wenn sie um dieser Ohren und nicht um ihrer selbst willen so gesprächig wären oder, vielmehr kurz weg – weil nach dem Herkommen zu jedem Dialoge wenigstens vier Ohren und eine Zunge gehört. Auch mit seinen Ohren tat sein stummer Gesellschafter so knickerich geizig, daß er sie ganz unaufmerksam von ihm wegwendete, weil das unaufhörliche Geklingel von Euphorbens Zunge ihn in seinen Träumereien störte. Dies mußte jedermann zur Verzweiflung bringen: Euphorb brummte ein la peste soit du maroufle! und schlief ein, denn mit seiner Zunge stund unausbleiblich auch sein Gedankenrad still.

Dafür waren in unserm Philosophen alle Räder des Gehirns desto geschäftiger; seine sämtlichen Grundsätze mußten durch die Musterung gehn. – Ich bin glücklich, immer gleich glücklich, sagte er sich wohl mit dem Verstande, aber seine Empfindung! – die widersprach. Er bildete sich ein, daß ihm nichts fehlte, und gleichwohl bewies ihm sein unruhiges unbestimmtes Verlangen, daß ihm etwas fehlen mußte. Sein Herz flatterte in die Höhe wie ein junger Vogel, der die Schwungkraft seiner Flügel fühlt, aber noch nicht die obersten Regionen der Luft versucht hat, um seinen Flug dreist dahin richten zu können; er flattert, er flattert, fliegt bis zu den nächsten bekannten Orten, immer höher und allemal auf den ebnen Boden oder zu dem Flecke, wo er ausflog, zurück. – »Ich bin glücklich! – Waren es die großen Männer Griechenlandes und Roms nicht mehr? – Sind sie es nicht mehr? Ehre, Ruhm genießen sie noch als Asche noch als Staub! – und ich –«, hier seufzte er, »ich bin schon Staub, ehe ich gestorben bin, und weder itzt noch nach meinem Tode glücklich – so glücklich als sie! – Durch Tugend muß man groß und glücklich werden, lehrte mich Eupator. – Auch Selmann sagte dies«, rief ihm sein Gedächtnis zu. – »Tugend? – Fleiß, nützliche Arbeitsamkeit war nach Eupators Einrichtungen unter seinen Untergebnen die höchste Tugend.« – Dieser Punkt wurde nicht weiter auseinandergesetzt. – »Euphorb verspricht, mich an einen Ort zu bringen, wo Ehre unmittelbar erlangt und genossen wird; das muß herrlich sein! In Amandens Hause war mir so wohl, so wohl! – ich genoß Ehre. Ich werde also zu diesem Wohlsein zurückkehren und wieder glücklich sein. – Bin ich's denn itzo nicht?« – Ja, du bist es, fiel ihm der Witz ein, du bist es: denn du hoffst gewiß, es zu werden, und gewiß hoffen und besitzen ist das nicht eins? – »Ja, gewiß! – Tugend gibt Ruhm! Durch Tugend muß man Ehre erwerben!«

Dabei blieb es. Das nackte, von allem deutlichen Begriffe entblößte Wörtchen Tugend, das bei Selmannen einen ganz andern Sinn als bei Eupatorn mit sich führte, mit dem sich aus dem Umgange dieser beiden eine Menge dunkler verschiedener Ideen in Knautens Gehirne gleichsam zusammengeballt hatte, setzte sich mit seiner Begierde nach Ruhm und Ehre bloß durch das öftre Zusammensein in eine so genaue Bekanntschaft, daß sie unzertrennliche Freunde und Kameraden wurden, gerade wie zween Leute, die nichts miteinander zu ihrem Vergnügen noch zu ihrem Nutzen anzufangen wissen und doch sich lieben und gern beieinander sind, weil sie oft beieinander sind. Auch dabei blieb es für diesesmal.

Euphorb wachte indessen zu seinem Leidwesen durch einen Peitschenknall des Kutschers auf; ein böser Traum hatte ihm seine Zurückkunft in die Stadt als höchst unannehmlich vorgestellt, er dachte an die Verachtung, in die er sich durch einen unbedachtsamen Einfall gesetzt hatte, und befahl also umzulenken und zur Gräfin Xr. zu fahren, welcher er meinen Helden vor allen andern vorzustellen versprach; denn sie hatte Eupators Gewogenheit und vielleicht auch Liebe ehmals besessen und besaß seine gute Meinung noch, und wen hätte also Euphorb vorzüglicher dazu wählen sollen als sie, wenn er seine Schmeichelei bei Eupatorn recht eindringend machen wollte. Itzt war dieses Versprechen freilich längst wieder vergessen, und er geriet also nicht deswegen auf den Entschluß, sie zu besuchen, sondern weil ihm auf jenen Traum, unmittelbar nach seinem Widerwillen, in die Stadt zu gehn, die Gräfin Xr. einfiel. Er fuhr zu ihr auf ihren Landsitz und erinnerte sich bei dem Absteigen daran, warum er heute in so schlechter Gesellschaft gefahren war, weil ihm sein Reisegefährte, der hinter ihm drein wollte, auf das Kleid trat und dadurch beinahe seinen Fall verursacht hätte.

Die Erzählung von Eupators Anstalten war das erste nach Euphorbens Eintritte bei der Gräfin Xr., weil auch bei ihr noch ein Rest von alter Zuneigung gegen Eupatorn übrig war, und für eine Schöne und einen Kriegsmann sind die Erinnerungen an ihre alten Siege immer die sanftesten Schmeicheleien. Bei dieser Gelegenheit wurde meines Helden gedacht, und wie eine alte Urkunde wurde er herbeigeholt, um Euphorbens Aussagen zu rechtfertigen.

Die Gräfin Xr. war eine von den ehrwürdigen Damen, die die Natur geschaffen zu haben scheint, um durch ihre großen Eigenschaften die Torheiten andrer von ihrem Geschlechte in den Augen eines vernünftigen Richters wiedergutzumachen. Sie besaß Verstand, Belesenheit, Witz, eine gewisse Popularität, die sie allen Geringen unendlich wert machte, und eine Politesse, die jedermann zu ihr hinzog, der sich nur einigermaßen einen Anspruch oder Gelegenheit zu ihrer Bekanntschaft erwerben konnte. Man beeiferte sich, ihr zu gefallen, und bezahlte ihr gern den Tribut von Ehrerbietigkeit, der ihrem Stande gebührte, weil man durch ihre Freundlichkeit und Güte überreichlich für seine Demütigung entschädigt wurde und allemal ungewiß war, ob für so viele Gütigkeiten das demütigste Bezeigen nicht ein zu geringer Dank sei; man blieb, man mochte es machen, wie man wollte, allzeit in der Schuld. Überhaupt hatte ihr Charakter mit dem Porträte sehr viele Ähnlichkeit, das Nepos vom Alkibiades macht: gleich groß in guten und bösen Eigenschaften oder, richtiger gesprochen, in ganz guten und weniger guten Eigenschaften; nie in der Mitte, sondern allezeit an den beiden Extremen; entweder bis zur Beschämung freundlich und herablassend oder bis zur Kränkung bitter und beißend; entweder bis zur Verschwendung freigebig, mitleidig oder bis zur Härte unempfindlich, karg; entweder brennend warm und freundschaftlich oder unerträglich frostig und verachtend; entweder bis zum Ausgelaßnen fröhlich, tändelnd, scherzhaft, witzig oder bis zum Sauertöpfischen verdrießlich, ernst, still und oft beinahe wie blödsinnig.

Welcher Sittenmaler kann mir diese so entgegengesetzten Farben gehörig ineinander vertreiben, daß ein natürlicher wohlschattierter Charakter auf der Leinwand steht! – Ich denke, keiner; er müßte denn die große bewegende Kraft ihrer Handlungen, Gedanken, Urteile, Empfindungen, ihres Gefallens und Mißfallens, ihrer Liebe und ihres Hasses wissen, und diese – war – die Eigenliebe. Damit habe ich Lesern, die sich auf den Menschen verstehn, freilich nichts Neues gesagt; aber, wird man fragen, was für eine Larve trug sie? – Man könnte wohl raten – die Eitelkeit! – Je, was ist denn dabei zu verwundern oder den Kopf zu schütteln? – Wer so große Eigenschaften besitzt als die Gräfin Xr., dem sei die Eitelkeit im Himmel und auf der Erde vergeben! Ja, was noch mehr ist, sie könnte alle ihre Tugenden nicht besitzen, wenn sie nicht eitel wäre. Jedes Frauenzimmer muß eine Empfindung für Schönheit, Ordnung und Regelmäßigkeit unter ihrem Marmorbusen liegen haben, oder weder ihr Marmorbusen, noch ihre alabasternen Hände, ihre Korallenlippen, ihre Taubenaugen, ihre Venuswangen sind des Anblicks wert. Auch hat die Natur allen, selbst den geringsten, ein kleineres oder größeres Maß von jenem Gefühle zugeteilt, welches bei ihnen sichere und allgemeinere Dienste tut als bei Mannspersonen der gebildete und mit sogenannten Grundsätzen vollgestopfte Verstand. Dieses ihrer Eigenliebe zur Begleiterin gegebne Gefühl für Schönheit und Ordnung muß natürlich der Richtung ihrer Gefährtin folgen; und da diese bei allen Menschenkindern vom chinesischen Thronfolger bis zum Erben eines vogtländischen Landmanns, von der Prinzessin bis zur Viehhirtin, sobald sie den Kopf an das Tageslicht bringen, auf ihr liebes Ich zurennt, so muß jenes Gefühl unausbleiblich hinterdrein. Kein Wunder demnach, daß die Engel dieses Planetens die erste Anwendung ihres natürlichen Gefühls auf ihre werte Person machen; wo also diese Anwendung nicht geschieht – was schließt man da? – daß jenes Gefühl fehlt, jene Quelle aller weiblichen guten und schlimmen Eigenschaften – nein doch! daß ich mich doch beständig falsch ausdrücke! – weniger guten Eigenschaften, wollte ich sagen. Eigentlich sollte man es nur mit dem verächtlichen Namen Eitelkeit brandmarken, wo jene Anwendung der empfangnen Portion von Gefühl für Schönheit und Ordnung allein auf den äußerlichen Anstrich der lieben Figur geschieht – denn man muß

das Privilegium der Eitelkeit
Durch Millionen Reiz erkaufen,

also um einen hohen Preis! – Und obgleich die Eitelkeit der Gräfin Xr. mehr als gewöhnlich mit vernünftiger Ehrliebe und Begierde nach Achtung verwandt war, so mag sie doch Eitelkeit heißen, weil es der hergebrachte Ausdruck ist; wir wollen einander schon verständlich machen, wie es eigentlich gemeint ist.

Voltaire, deucht mich, glaubte dem schönen Geschlechte eine vortreffliche Süßigkeit zu sagen, als er sie belehrte, daß der einzige Unterschied zwischen Frauenzimmern und Mannspersonen darinne bestehe, daß jene liebenswürdiger wären als diese; und der Madam Pompadour schmeckte das Kompliment so herrlich, daß sie meinte, der Mann habe nicht Unrecht; – aber, mit Gunst des H. Voltaire und der Madam Pompadour, er hat offenbar Unrecht, er sagte eine derbe Unwahrheit; – die Frauenzimmer sind allein liebenswürdig, und wir Mannspersonen sind es nicht eher, als wenn wir es von ihnen lernen. – Niemand gehörte zur Bekanntschaft der Gräfin Xr., der nicht einen unauslöschlichen Charakter an sich trug, woran man seinen Umgang mit ihr erkennen konnte. Alle hatten von ihr einen Zusatz von Liebenswürdigkeit bekommen, der sie auf die vorteilhafteste Weise von andern ihres Geschlechtes unterschied; man konnte gelehrt, weise, vernünftig, mit einem Worte, alles sein, durch ihren Umgang wurde man allzeit etwas mehr, als man war – liebenswürdig.

Ernste Moralisten werden vermutlich meinen Panegyrikus sehr verdächtig finden und es sich kaum vorzustellen vermögen, wie die Gräfin Xr. so liebenswürdig, so lehrreich sein und doch so ganz entgegengesetzte streitende Elemente in ihrem Charakter vereinigen konnte; ob es nach dem System so ganz wahrscheinlich ist, weiß ich nicht, aber in der Natur ist es wirklich, so viel weiß ich. Auch ist die Bewandtnis nicht schwer zu entdecken: Wer ihrer Eitelkeit, ihrer Eigenliebe und jedem Dinge, das diese beiden in ihren Schutz genommen hatten, die Aufwartung machte, gab ihr alle Liebenswürdigkeiten, und wer einen von jenen Favoriten im mindesten beleidigte, der gab ihr alle Fehler, deren sie nur fähig war. Sie war die Marionette, die ihre Gesellschafter an den Faden der Eigenliebe regierten; wie die Götter lächelte sie gnädig, wenn man ihr opferte, und zog ihr Antlitz in zornige Runzeln, wenn man mit leeren Händen erschien. Wer Menschen kennt, dem ist dieser Charakter keiner von den außerordentlichen; es ist in gewissem Grade der gewöhnliche: Menschen sind gütig oder mürrisch, gefällig oder hart gegen andre in dem Verhältnisse, wie diese den Zug ihrer Eigenliebe zu treffen wissen; aber nicht alle sind gleich stark und bei gleich vielen Gelegenheiten auf diesen Zug empfindlich als die Gräfin Xr., und hierinne, in dem Grade der Stärke, bestund ihr Außerordentliches. Von ihrer Eigenliebe gingen unsichtbare Fädchen, dünne wie Menschenhaar, aus und waren an alles geknüpft, was sie liebte; die feinste Berührung! und sie fühlte es so gut als die Spinne im Mittelpunkte ihres Gewebes, wenn ein Stäubchen an die äußersten Enden desselben stößt.

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