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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 127
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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19.

Sobald sie vom Spaziergange zurückkamen, wurde er herbeigeholt. Euphorb, ein Kenner von schönen Formen, hatte zwar alle Mühe, ein hervorbrechendes Lachen bei seiner Erblickung zu unterdrücken, doch faßte er geschwind alle seine Ernsthaftigkeit zusammen, um ein ähnliches Examen mit ihm anzustellen, hörte seine Geschichte, bewunderte sie, weil sie Eupator bewunderte, und wußte schon die nächste Minute kein Wort mehr davon. – Knaut hielt wahrhaftig, mit aller angebornen und erworbnen Philosophie, Euphorbs Anfälle nicht so standhaft aus als Martin mit seinem erlernten eingeprägten Gefühle von Ehre. Die Sache ist: Die Ehrbegierde des letztern war durch Übung und Gewohnheit auf einen bestimmten Punkt geheftet, hatte einen bestimmten Gang darnach empfangen, den sie nicht wieder verlassen konnte; hingegen Knauts Verlangen nach Ruhm war eine gesammelte Quelle, die allenthalben einen Durchgang sucht, von einer Stelle zur andern läuft, um durchzubrechen, und nur einen Druck vom Zufalle erwartet, um den Fuß des Berges zu zerreißen und durch die gemachte Öffnung hervorzuströmen; hat der Bach, den sie bildet, einmal sich sein Bette gemacht, dann ist sein Lauf bestimmt, und nur eine heftige Wirkung der Natur zwingt ihn, seine Richtung zu ändern. Solange bei unserm Philosophen dieser Durchbruch seiner Ruhmbegierde, die Richtung ihres Laufes nicht nach einem gewissen Gegenstande bestimmt ist, so irrt sie auf jeden Schlag äußrer Reizungen von einer Seite des Herzens zur andern; laßt nur einmal einen durchdringenden Schlag geschehen, so geht ihr ganzer Strom unaufgehalten dahin, wo er die Öffnung machte.

Diese Ursache war es, warum er Euphorben zwar mutig versicherte, daß er beständig glücklich sei – wiewohl er dies mit einem seufzenden Akzente sagte –, daß das Glück nur in der Einbildung bestehe, daß der höchste Gipfel des Glücks Ruhm und Ehre sei – ei sieh doch! ein neuer Zusatz zu seinem System! –, daß man sich über andre emporschwingen müsse; so weit ging zwar alles gut, allein da ihn Euphorb seine Methode, Ehre zu gewinnen, lehrte; da er ihm die Torheit aller der Helden und großen Männer bewies, die Knauts Ruhmbegierde angezündet hatten, die handgreifliche Torheit, sein Leben und Ruhe tausend Beschwerlichkeiten der Arbeit aufzuopfern, um eine Ehre nach dem Tode zu erjagen, die sie nicht selbst empfanden; da er ihm den angenehmem Blumenweg des feinen Weltmannes zeigte, der auf ebnen Pfaden, in lustreichen Auen, unter den lachendsten Gegenständen, unter den anmutigsten Veränderungen tanzend und singend zu einer Ehre dahinhüpft, die ihn mit einem unmittelbaren Genüsse beseligt – da, da stutzte die Philosophie meines Helden, seine Empfindung, seine Begierde nach Superiorität schwankte, und es kam ihm wirklich der Gedanke, völlig ausgedacht, ein: Das scheint wohl nicht übel! – Wenn du – auf einem solchen Wege – das letzte stotterte er bei sich, gleichsam als wenn ihn eine geheime Scham für sich selbst zurückhielt, sich diesen Wunsch so geradezu ins Gesicht zu sagen; und diese Scham war nicht etwa Scham der Tugend – dieses Wort, das an sich, im rechten Verstande, das reellste Ding auf unserm Planeten, aber in dem Kopfe und Munde der meisten Philosophen, Dichter und Redner eine von der Einbildungskraft aufgeschwellte strotzende Idee oder eine schöne ideenleere Phrase ist, wovon meinem Philosophen der gute Selmann sehr viel bisweilen ziemlich Deklamatorisches vorgeredet hatte, war bei Mangel an Nahrung aus seinem Gehirne weggedünstet; das Wort hielt sich wohl noch unter seinen Ideen auf – welcher Mensch hat es nicht in dem Plunderkasten seines Gedächtnisses liegen? –, aber es lag einsam in einem Winkel, ohne alle freundschaftliche Verbindung mit den übrigen Ideen, außer Kredit bei der Phantasie gesetzt und folglich ohne allen Einfluß auf Empfindung und Begierde; – nein, die Scham der Tugend war es nicht, sondern die Furchtsamkeit, diese Blödigkeit unsrer Begierden – wenn ich's so nennen mag! – zu einer Zeit, da sie nur noch als Bekannte und noch nicht als vertraute Freunde mit uns umgehen, dieses Unvermögen unsers körperlichen Systems, hinter einem Wunsche, einem Entwurfe mit den vereinten Kräften des Bluts und den sämtlichen Lebensgeistern hinterdrein zu jagen, was nicht anders als entweder in der Jugend, wo Einbildungskraft und die ihr dienenden Teile des Körpers selbst bei einer phlegmatischen Zusammensetzung lebhaft und munter wie ein junges unerfahrnes vorwitziges Mädchen sind, oder alsdann, wenn unser Herz schon bei manchem Wunsche, bei manchem Projekte hurtiger geschlagen und unsre Nerven schneller gezittert haben; in dem Zustande, der zwischen diesen beiden Extremen liegt, sind unsre Begierden gleichsam schüchtern gegen uns selbst. Viele Leute, von denen ich das Beste denke, das sich von einer menschlichen Kreatur denken läßt, erschrecken oft, wenn sie vor dem Bösen erschrecken, nicht vor dem Bösen selbst, sondern sie vermeiden es wie Don Quichottens Rosinante die Unkeuschheit; steht das Wörtchen Tugend oder ein ähnliches mit ihrer Einbildungskraft in vertraulicher Harmonie und spielt es überhaupt im Kopfe die Rolle einer angesehenen Person, denen Ideen und Empfindungen gern ihre Aufwartung machen, so schwören sie bei allem auf der Welt, daß ihre Tugend sie vom Bösen zurückhielt. Da ich mich schon vorhin als einen Freund von dergleichen Illusionen erklärt habe, so wird man leicht vermuten, daß ich auch dieser nicht ungewogen bin; – aber sagen muß man es den Leuten, deren tugendhafter Stolz sie intolerant macht – daß es Illusion ist.

Inzwischen richtet diese Schüchternheit unendlich mehr aus und muß unendlich mehr ausrichten als die prahlerhafteste Tugend und hätte wirklich auf meinen Helden ihre ganze heilsame Wirkung getan, wenn nicht eine plötzliche Hindernis dawider gewesen wäre. Euphorb, um seinen Schmeicheleien gegen Eupatorn das letzte Gewicht zu geben, stellte sich, obgleich der Philosoph beinahe auf seine Seite gezogen war, als überwunden, bewunderte Eupators Anstalten und ihr Glück von neuem und – das heiße ich vollkommen galant sein! – ersuchte ihn inständig, ihm meinen Knaut, diesen lebendigen Beweis dessen, was er von der Eupatorschen Monarchie am Hofe, in der Stadt und auf dem Lande rühmen würde, mitzugeben, um ihn in jeder Gesellschaft als ein gültiges Dokument vorzeigen zu können. Eupator fragte ihn um seine Gesinnung; die Ideen, die ihm Euphorb von dem angenehmen Wege zur Ehre mitgeteilt hatte, machten hurtig ein Komplott untereinander, faßten seine Ehrbegierde in die Mitte und riefen alle zusammen – ja! – und veranstalteten es so künstlich, daß sogar im Hintergrunde des Gehirns manches reizende Gemälde, aus Euphorbens Belehrungen zusammengesetzt, herrlich illuminiert, wie in einem Guckkasten aufstieg, daß aller Menschen Herz sich wie das seinige darüber hätte erfreuen müssen. Er willigte gern in seine Scheidung von Eupatorn, zu dem er wieder zurückzukommen versprach, sobald ihn Euphorb zum Dokumentierer seiner Erzählungen nicht mehr nötig haben würde.

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