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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 126
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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18.

Obgleich unser Philosoph die einzige gewöhnliche Gesellschaft Eupators war, so fanden sich doch bisweilen von denen, die ehmals vor ihm sich demütig gekrümmt und ihn itzt größtenteils vergessen hatten, einige aus Gewohnheit oder vor Langeweile bei ihm mit ihrer Aufwartung ein. Eupator selbst gab ihnen Schuld, daß sie bloß zu ihm ihre Zuflucht nähmen, wenn sie ihre Aufwartungen und Reverenze nirgends sonst an den Mann zu bringen wüßten, um doch ihren Rücken und ihre Zunge während solcher Ferien nicht durch Müßiggang erschlaffen zu lassen. Auf niemanden paßte dies Urteil so sehr als auf Euphorben, der ihm am fleißigsten seine Besuche ablegte. Das gute Herrchen, sonst der Liebling aller Grazien des Hofes und der Stadt, hatte auf einmal mit allem seinen Beifalle bankerutt gemacht. Einer Dame war wegen einer unglücklichen Fruchtbarkeit der Haut an der einen Seite unter dem Ohre eine verhaßte Blatter aufgeschossen, die nichts in der Welt, weder gelinde noch scharfe Mittel, von der Stelle zu bringen vermochten. Sie deklamierte wie eine Verzweifelte, sooft sie in den Spiegel sah – und das geschah jede Stunde sechzigmal –, wider alle Ausschläge der Haut, purgierte, ließ zur Ader, hielt Diät, setzte Blutigel an, um die fatalen bösen Säfte abzuzapfen; nichts half! die Blatter behauptete hartnäckig den eingenommnen Posten. Sie konnte deswegen keinen Besuch bei dem Putztische annehmen, sie konnte in keiner Gesellschaft erscheinen, alle Freuden dieses Lebens waren ihr abgeschnitten, und da sich gar noch ein neuer Sprößling neben dem vorhandnen Schandflecke ihrer Schönheit zeigte, so mußte sich notwendig ihre Furcht und Besorgnis vermehren, so wie ihre Aussicht in eine traurige gesellschaftsleere Zukunft zunahm. Eines Nachmittags, als die Last der Einsamkeit mit aller Gewalt auf sie zudrückte, machte sie die Not erfindsam: sie wagte einen Meisterstreich. Sie rief ihrem Friseur, befahl ihm, nach ihrer Anweisung neben jedem Ohre eine dicke lange Locke herablaufen zu lassen, die alle gegenwärtige und künftige Blattern mit ihrem breiten Körper bedeckte. Sie sprang dreimal in die Höhe, als sie ihre Erfindung glücklich ausgeführt und die glücklichste Wirkung von der Welt tun sah. Hurtig wurde Kleid, Konsideration, Bänder herbeigeschafft, angezogen, der Laufer ausgeschickt, um zu einer Gesellschaft einzuladen, und abends war zahlreiches Spiel und zahlreiche Konversation bei ihr. Sie erschien mit ihrem neuersonnenen Kopfputze; jedermann staunte; man sah unverwandt auf die neue Schöpfung von Locken; man lobte, man tadelte sie zischelnd, man beneidete sie, man rümpfte die Nase, man verzog den Mund, man lächelte sich an, alles dachte und redte von nichts als den ansehnlichen Locken, man ließ seine Gegenspieler ungehindert Galaden, Galatons und Galatontriontons machen, keine Whistspielerin sagte Honneurs an oder zählte die Trümpfe – aller Aufmerksamkeit war auf die Locken geheftet, und alle waren unwillig, daß nicht schon die Nacht vorüber war, um zu ihrer Schönheit oder Häßlichkeit diesen neuen Zusatz hinzuzutun. Man träumte allgemein von den beiden Locken, und des Morgens darauf mit dem Schlage zehn sahen alle, die davon geträumt hatten, im Spiegel hinter ihrem Ohre zwo stattliche Locken, wie zween aufgeschwollne Schläuche, gekrümmt bis zum marmornen Halse herablaufen, und jedes eilte, dem andern die Gäste durch eine frühzeitige Einladung zum Spiel, zum Diner, zur Assemblee wegzunehmen. Die ganze doppeltgeschwänzte Gesellschaft war froh und heiter, und die Erfinderin triumphierte frohlockend bei sich. In kurzem hatte die deutsche Nachahmungssucht hinter jedem Paar Ohren ein Paar Locken hervorwachsen lassen, daß zum Ärgernis der ganzen feinern Welt endlich Simplicia und Agrippine im Gewölbe stunden und in der Kometenfrisur – Schnupftobak verkauften.

Euphorb allein wußte um das Geheimnis und konnte allein es wissen, da er eine lebendige vollständige gelehrte Zeitung aller Nachttische war. Ein Anfall von mutwilliger Laune ließ ihm, als in einer Gesellschaft über eine schickliche Benennung der neuen Locken beratschlagt wurde, den boshaften Vorschlag unvorsichtig entwischen, sie boutons zu nennen – höchst unvorsichtig, denn die Erfinderin stand nicht weit davon, errötete und dachte auf Rache. In wenig Tagen hatte er durch ihre listigen Intrigen allen Kredit eingebüßt; niemand lachte über seine Einfälle, niemand nennte ihn leichtfertig, niemand schlug ihn bei einer kleinen Unverschämtheit mit dem Fächer; er war ganz müßig. Um seine Grillen und seinen Kummer zu zerstreuen, trug er seine verschmähten Komplimente zu Eupatorn auf das Land, zu dessen Gesellschaft ihn der Schmerz über seine Verachtung um soviel tüchtiger gemacht hatte, weil er ernsthafter durch ihn geworden war.

Eupators liebstes Gespräch war, wie aller Menschenkinder ihrs – sein Steckenpferd, seine kleine Monarchie; und Euphorb, als ein ausgelernter Hofmann, war weise genug, um nicht die erste Regel der feinen Lebensart zu übertreten – er lenkte sogleich die Unterhaltung auf das, was Eupator gern hörte, bewunderte und erhub seine Anstalten durch alle Grade der galanten Beredsamkeit, zweifelte zuweilen, stellte sich ungläubig, hielt für unmöglich, um der gehörten Sache einen stärkeren Glanz von Größe und Wichtigkeit zu geben, wenn gleich der Augenschein ihn zwang, sie für möglich zu halten. Ein solcher Kunstgriff, mit einer feinen Wendung zu loben, brachte es einstmals dahin, daß Eupator, dem Euphorb schlechterdings nicht zugeben wollte, daß der eingeführte Grundsatz der Ehre bei seinen Bauern so starke Wirkungen hervorgebracht haben könnte, ihn mit sich auf das Feld nahm, um seinen verstellten Unglauben durch ein Gespräch mit dem ersten besten Arbeiter zu überführen. Euphorb war begierig darnach.

»Martin!« rief Eupator, als sie an das erste Feld kamen, auf welchem sich Arbeiter aus seiner Monarchie befanden. – Martin wischte den Schweiß vom Gesichte und näherte sich, seinen Hut in der Hand, mit einem bäurischen Anstande.

»Martin«, fragte ihn Euphorb abgeredtermaßen, »warum arbeitest du hier so emsig?«

Mart.: Je, Herr, eine wunderliche Frage! – Was sollte ich Besseres tun?

Euphorb: Du guter Narr! Gar viel!

Mart.: Herr Excellenz, nu, so sag Er mir doch das!

Euphorb: Kannst du nicht spielen, trinken, tanzen?

Mart.: Das bringt mir keine Ehre.

Euphorb: Warum aber nicht?

Mart.: Weil es keine Arbeit ist! – Herr, weiß Er nicht, daß Arbeit und Fleiß die erste Tugend ist?

Euph.: Nein, davon weiß ich kein Wort; aber ich weiß wohl, daß du dich betrügst, wenn du so glaubst.

Mart.: Schnakisch! – Hat denn ein Müßiggänger ein einziges Rütchen Eichenlaub an seinem Hause hängen? – He? – Steht denn eine Birke auf seinem Grabe? (dies war auch eine von den Belohnungen des Fleißes) Nicht ein Strauch! Ein kahler Sandhügel liegt ihm auf dem Leibe.

Euph.: Was hilft dir die Birke, guter Martin? – Du fühlst doch nicht, wenn sie dir Schatten macht.

Mart.: Mag ich! – Dafür sagen die Leute, wenn sie vorbeigehn: Ah! da liegt auch ein Fleißiger! Wer ist er denn? – und denn gehn sie und lesen, wer es ist. – Vor den kahlen Sandhügeln gehn sie vorbei und wollen nicht einmal wissen, wer da liegt.

Euph.: Du hörst ja davon nichts. Mögen doch Leute nach deinem Tode bei deinem Grabe schwatzen, was sie wollen! das genießest du nicht; wenn du dich aber alle Tage lustig machst, das genießest du doch wirklich. – Nicht wahr, Bruder Martin, so wärst du viel glücklicher?

Mart.: Ich bin so glücklich, als ich sein kann. – Kommen Sie, kommen Sie mit an mein Haus! Da hängt alles voller Ehre. Ich bin schon Flurwächter; was will ich denn mehr? – Ach, ich singe, ich tanze, ich trinke euch auch; aber wenn meine Arbeit vorbei ist, wenn ich mir keine Ehre verdienen kann.

Euph.: Martin, ich werde dich mit mir nehmen; unser Leben wird dich gewiß glücklicher machen.

Mart.: Laßt doch schauen! – Was für ein Leben ist denn das?

Euph.: Ein Leben voller Vergnügen! – Wir wandern von einer schönen Dame zu andern, von einem Hause zum andern, wir schmeicheln und werden dafür wieder geschmeichelt.

Mart.: Schnakisch! – Und was habt ihr denn davon?

Euph.: Daß es uns wohl tut! – Ist es nicht süß, von jeder Dame angelächelt, von jeder der Leichtfertige, der Boshafte, der Artige genannt zu werden? – Süßer, als wenn dich deine Bauern nach deinem Tode unter der Birke noch so sehr loben! – Wir fühlen unsre Glückseligkeit, du hast Arbeit und fühlst nichts dafür.

Mart.: Und was tut ihr denn den großen Damen, daß sie euch so schmeicheln?

Euph.: Wir schmeicheln ihnen, wir loben alles, was sie loben, wir tadeln alles, was sie tadeln, wir erheben das kleinste Bändchen an ihnen bis zum Himmel, wir verfolgen sie auf jeden Tritt, sind immer zu ihrem Befehle, denken lange voraus darauf, etwas zu tun, was ihnen gefällig sein kann, wir heitern sie auf, wenn sie über ihren Postillon, ihre Quadrillen, ihren Kopfschmuck, ihre drückenden Schuhe verdrießlich sind, wir demütigen uns vor ihnen – kurz, wir schmeicheln ihnen, damit sie uns ein Gleiches tun –

Mart.: Also habt ihr's miteinander abgeredt?

Euph.: Das nicht; eins folgt von selbst aus dem andern; wir machen ihnen etwas Angenehmes weis, damit sie es wieder tun.

Mart.: Aber – so belügt ihr ja einander!

Euph.: O daran denkt man vor Vergnügen nicht! – Unser Bestreben ist Ehre; – wenn wir sie nur erlangen, mag es doch geschehen, wie es will; man muß andre ehren, um wieder geehrt zu werden.

Mart.: Je, das ist ja just wie das Spiel – kützle du mich, ich will dich wieder kützeln.

Euph.: So ein Spiel ist unser ganzes Leben.

Mart.: Und das seid ihr niemals überdrüssig? – Verteufelt! Man wird des Kützelns endlich satt.

Euph.: O du guter Martin, das Kützeln der Ehre wird niemals zur Last; das tut immer wohl. – Du bist sonst nicht dumm, aber doch noch zu sehr, um das zu fühlen.

Mart.: Hm! Hm! – das ist mir eine wunderliche Ehre! – Habt ihr denn auch Eichenkränze an euern Häusern hängen?

Euph.: Nein, guter Martin, diese Ehrenzeichen begehren wir nicht! – Dafür haben wir gestohlne Bänder, geraubte Bukette –

Mart.: Gestohlne! geraubte! – Da lob ich mir meine Eichenreiser! Wenn ich die ansehe, so wird mir allemal warm um die Stirne; denn ich denke allemal daran, daß ich doch schon manches Gute in meinem Leben getan habe. –Ja, denk ich, wenn dich nur der liebe Gott so liebhätte und dir noch mehr solche Eichenreiser bescherte! – Ich hab ihrer schon zwölfe.

Euph. : Was helfen sie dir? – Wenn du ihrer tausend hättest: Du mußt doch arbeiten.

Mart.: Darum arbeit ich eben; um unter einer schönen Birke zu liegen, wenn ich tot bin, darum arbeit ich. – Arbeitet ihr denn nicht?

Euph.: Unsre Arbeit ist das Vergnügen. Wir geben und nehmen Visiten – das ist Beschäftigung genug!

Mart.: Also seid ihr nur zur Visite in der Welt? – Hm! Schnakisch!

Euph.: Ja, guter Martin, das sind alles Dinge über deinen Horizont. Du kennst die große Welt nicht; dein Gefühl ist für ihre Annehmlichkeiten zu stumpf.

Mart. : Ja, aber was habt ihr denn am Ende davon, wenn ihr alle Tage Visiten gegeben habt und alle Leute gelobt habt?

Euph.: Titel, Rang, Ehre –

Mart.: So? wahrhaftig? – Je nu, freilich! solche wie ihr kann unsereins nicht bekommen; – ich bin Flurwächter – wenn ich viel Eichenreiser verdiene, so wird's schon weitergehn.

Euph.: Um immer mehr zu arbeiten?

Mart.: Was nützt mir denn sonst der Titel? – Itzt halt ich die Grenzen von bösem Gesindel rein; verdien ich mir einen höhern Titel, so werd ich schon etwas Nützlicheres zu tun bekommen.

Euph.: Schon wieder gemeine Begriffe! – Ein Titel muß bessere Equipagen, mehr Komplimente, mehr Bediente, mehr Visiten verschaffen, sonst taugt er nichts. Tue noch so viel Nützliches – was ist das? – Du hast Arbeit dabei und weiter nichts.

Mart.: Ei, ei! – Wenn ich's bis zum Dorfaufseher bringe, so lieg ich nach meinem Tode an der langen Mauer und bekomme zwei Birken auf mein Grab.

Euph.: Ach, mit deinen Birken! – Was du in deinem Leben genießest, ist dein; alles andre ist Grille, Einbildung. – Arbeite so viel, als nötig ist, um nicht Hunger zu leiden; pflege dich und laß sich einen Platz an der langen Mauer erarbeiten, wer Phantast genug dazu ist! – Sei glücklich –

Mart.: Das bin ich! – und will es noch mehr werden, wenn ich mehr Gutes tue.

»Bleibe du bei deinen Grundsätzen!« fiel ihm Eupator ins Wort. »Sie werden dich gewiß so glücklich machen, als du sein kannst.«

»Das hoff ich!« sagte Martin mit zuversichtlichem Tone und kehrte, nachdem er von Eupatorn ein kleines Geschenk bekommen hatte, zu seiner Arbeit mit fröhlichem Mute zurück.

»Sehen Sie!« sagte Eupator, vor Freude ganz außer sich gesetzt, »ich habe gewonnen. So denken, so handeln alle, die meine Kinder sind; denn dafür hält sich ein jeder, der mir angehört.«

Euphorb, der sein Vergnügen merkte, stellte sich so erstaunt, als wenn er aus dem obersten Wolkenraume herabgefallen wäre, gab vor, daß er kaum seinen Augen und seinen Ohren trauen könne, erhub Eupators Anstalten als Wunderwerke und versicherte, daß sie in den nächsten Gesellschaften bei Hofe und in der Stadt, in der Antichambre und bei Visiten sein einziges Gespräch sein sollten und daß er gewiß nicht unterlassen würde, bei der ersten Aufwartung seinem und Eupators Herrn die höchste Idee davon zu machen. Eupator, so stark er sonst wider den Eindruck der Schmeicheleien verwahrt war, glaubte diesmal alles Wort für Wort und wurde so heiter als ein junges Mädchen, dem die Eltern zu wissen tun, daß es nun Zeit sei, sich nach einem Manne für sie umzusehen. Um Euphorbens Erstaunen bis zur Bestürzung zu erhöhen, versprach er, ihm einen jungen Mann zu zeigen, den der vorhin gesprochne Martin, vermöge seiner flurwächterlichen Pflicht, wegen eines Diebstahls eingeführt habe und der durch seine politische Bekehrungsmethode in kurzer Zeit mit den Grundsätzen seines Staates so vertraut worden sei, als wenn er sie aus Mutterleibe mitgebracht hätte. Es versteht sich, daß Euphorb vor Ungeduld brannte, dieses herrliche Früchtchen seiner klugen Anstalten kennenzulernen – und dieses war niemand als unser Philosoph.

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