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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 125
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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17.

Die Versöhnung war zustande, und – was mich noch mehr freut – mein Held auf das beste wieder versorgt, der Liebling eines wahrhaftig guten und großen Mannes, der Mitbürger einer Monarchie, wo das oberste Gesetz befiehlt, sich glücklich zu dünken, und zwar beständig.

Eupator wünschte wohl keine großen Gesellschaften und bedurfte sie auch nicht, weil ihn die Einrichtung, Verbesserung und Regierung seines kleinen Staates genugsam beschäftigte, um der Langeweile keinen Platz zu lassen; allein welcher Mensch kann nachdenken und kein Vergnügen daran finden, die Resultate seines Nachsinnens andern mitzuteilen? Deswegen war ihm unser Philosoph doppelt wert: Er hörte gelassen seine Spekulationen an, billigte sie oder schwieg und – widersprach nie. In diesen Unterhaltungen predigte ihm Eupator unaufhörlich von den großen Leidenschaften, dem Bestreben nach Ruhm und Ehre; bewies ihm aus Geschichte und Erfahrung, daß Staaten nur alsdann groß und glücklich gewesen wären, wenn diese beiden Flammen in der Brust ihrer Bürger gebrannt hätten; daß durch ihre Wärme jede politische Tugend erweckt und zur Reife gebracht werde; daß ein Mensch durch sie über die Menschheit sich erhebe und ohne sie unter dem Haufen alltäglicher Menschen verliere – und eine Menge ähnlicher Phrasen des politischen und philosophischen Rednerstils; alles war in seinen Reden, beides Ideen und Ausdruck, mit der wärmsten Begeisterung befeuert.

Es gibt Mystiker, nicht bloß in der hochheiligen Theologie, sondern in allen Künsten und Wissenschaften; besonders sind die politischen und philosophischen die häufigsten – Männer, die aus ihrer bilderreichen Phantasie ein System von hochtönenden betäubenden Redensarten zusammengesetzt haben, die Kopf und Herz so begeistern wie der Dampf, den die Priesterin auf dem Dreifuße des Apolls durch einen bekannten Kanal in sich anlangen ließ. Eupator war ein Muster eines solchen politischen Mystikers; er überschüttete seinen Liebling mit einer solchen Menge rauschender Deklamationen, daß er so sinnlos dastund, als wenn er durch alle Öffnungen des Körpers unterirdischen Dampf eingesogen hätte. Ruhm war ihm eine Idee, die er zwar ehemals gedacht hatte, aber doch nur dem Worte nach, ohne daß eine Empfindung damit vergesellschaftet war; doch itzt wurde sie mit einer pompösen Begleitung in seiner Phantasie eingeführt; und ein solcher feierlicher prächtiger Einzug geschieht nie, ohne daß die Empfindung mit dazu gezogen wird. Er mußte seinem Patrone täglich in den Abendstunden auf dem Spaziergange Geschichten großer Patrioten, der alten Republiken, begeisternder Taten, großer Weltweisen und Staatsmänner vorlesen, worinne der enthusiastische Geist der Ruhmbegierde gleichsam atmete und, wo er fehlte, ersetzte ihn Eupator, der wirklich, wie man hieraus abnehmen kann, für jedes Große und Erhabne auf das lebhafteste empfand und in einer griechischen Republik ein Themistokles oder vielmehr ein Solon geworden wäre, und dieses umso viel gewisser, da der Geist der Monarchie, unter welcher er beständig vor seiner Entfliehung aus der Welt lebte und die nur durch den Namen sich vom Despotismus in den letzten Jahren seiner öffentlichen Geschäftigkeit unterschied, sein republikanisches Gefühl nicht niedergedrückt hatte. – »Der Mensch muß sich aus dem Staube emporarbeiten«, sagte er oft, » es sei, wie es wolle; hat uns die Natur keine Flügel gegeben, so müssen wir, wie Dädalus, sie selbst uns zubereiten; fällt man mit ihnen – on tombe noblement. Nicht schimmernder Tand, nicht die Werkzeuge des Luxus und der kindischen Eitelkeit, nicht Kleider, Möbeln, Bedienung muß den Geist etliche Stufen über seine Sphäre erheben: Ehre, Ruhm muß ihn mit Adlerflügeln zur Unsterblichkeit emportragen; die Begierde, durch große wichtige Handlungen und nicht durch leere Pracht uns zu unterscheiden, muß uns über uns selbst setzen; jeder muß nach dem emporringen, was nach seinen und seiner Gesellschaft Begriffen das größte ist; so werden große Menschen und durch ihre häufige Anzahl große Staaten gebildet.« – Auf diesen Ton ohngefähr war seine Unterhaltung gestimmt.

Unser Philosoph mußte die Phantasie eines Grönländers haben, wenn sie nicht durch solche Erschütterungen aufgewiegelt werden sollte; sie wurde es wirklich. An die Stelle seiner vorigen Ruhe und Gleichmütigkeit trat eine Unruhe, eine Unzufriedenheit, deren Ursache ihm unbekannt war; bald schien er sich selbst verächtlich, bald erhub ihn sein Gefühl über sich selbst; alle große und berühmte Männer, die er durch seinen zeitherigen Umgang und die damit verwandte Lektüre kennengelernt hatte, wandelten, wie ihre Schatten in Virgils Elisäum, in seinem Kopfe herum; er beneidete, er bewunderte sie; er wollte seine Gedanken aus Verdruß von ihnen abziehen, konnte es mit Mühe, und gleich darauf suchte er sie mit Fleiß zu ihnen zurückzulenken; er träumte schlafend und wachend von ihnen; Ruhm und Unterscheidungsbegierde waren unter verschiedenen Verkleidungen seine einzigen Ideen.

Was konnte in der Länge aus einem so täglichen vertrauten Umgange anders entstehen als eine mechanische Gewohnheit, diese Ideen zu denken? was anders, als daß die einmal damit verbundne Empfindung, bald schwächer, bald stärker, nachdem sie neue Nahrung bekommen oder von sich selbst zehren mußte, jedesmal zugleich aufwachte? – Die Vorstellung von den Süßigkeiten der Achtung und Unterscheidung, die er in Amandens Hause geschmeckt hatte, trat zu gleicher Zeit wieder hervor, und mit hellern Farben, als sie während des Genusses gehabt hatte; alles um ihn herum sprach von Ehre und Tugend – wer hätte in solchen Umständen nicht von Ehre und Tugend ohne sein Zutun parfümiert werden müssen; der Geruch teilte sich wie in einer spezereireichen Apotheke von selbst mit.

Noch war sein Gefühl unbestimmt; der Gegenstand, das Ziel fehlte ihm. Zur Heldengröße war weder sein Leib noch seine Seele geschaffen; obgleich durch Beispiele von Helden und Staatsmännern seine ersten Gefühle des Ruhms erweckt und geschärft waren, so erfoderte doch beides zu werden eine Tätigkeit, die er in seinen Nerven nicht fühlte. Das Eichelgericht, das er in Amandens Hause verschluckte, das Erstaunen seiner Zuschauer dabei, die Achtung, die er darauf genoß, die Bewunderung, die ihm Eupator über seine höchst philosophischen Grundsätze bezeugte – alle diese Fragmente schwammen in seinem Gedächtnisse wie die Trümmern eines Schiffbruchs herum, doch keins hing sich an das andre, der Ruhm mischte sich zwar oft dazwischen, aber es entstund doch niemals ein Ganzes aus diesen nebeneinander herumschwebenden Elementen, sowenig als aus Epikurs Atomen eine Welt werden könnte, wenn sie auch in Ewigkeit nebeneinander in gleicher Richtung forttanzten, es müßte denn ein Zufall einem darunter einen guten wohlgemeinten Stoß beibringen, daß er stolpernd an den Nachbar anrennte, dieser gleichfalls fortstolperte, bis sie durch das viele Stolpern nach der Reihe herum übereinander lägen, sich im Fallen umarmten, in der Umarmung ermüdet liegenblieben und – nun wäre die Welt fertig! – Wer's glauben will! – so erwarten die Elemente zu der Ruhmbegierde meines Helden einen solchen schöpfrischen Stoß von der Hand des Schicksals – husch! werden sie zusammenfahren und die Art von Ruhmbegierde, die ihm bestimmt ist, geschaffen sein.

Leser, die auf die stufenweise Fortschreitung meines Helden in seiner Denkungsart und seinem Charakter einigermaßen aufmerksam gewesen sind, hätten ein gegründetes Recht, sich zu wundern, daß hier erst die Schöpfung seiner Ruhmbegierde vor sich gehn soll, da sein Lebensbeschreiber doch schon bei der Erzählung seiner Eichelmahlzeit behaupten wollte, daß seine Ehrbegierde das Ziel ihres Bestrebens gefunden habe. – Ja, das sagte ich; aber ich wollte dadurch nichts weiter gesagt wissen, als daß jenes der erste Punkt war, wo gleichsam die Linie seiner Ehrbegierde anfing, der erste Augenblick, wo seine Eigenliebe durch eine merkliche Verwandlung zur Begierde nach Vorzug, nach Schätzung andrer überging; doch die eingeschloßne Puppe ist in dem ersten Zeitpunkte ihrer Verwandlung noch kein völliger Papillon und eine Neigung, wenn sich die Eigenliebe zuerst in sie zu verlieren anfangt, noch lange nicht die völlige ausgebildete Neigung, die es werden soll; aber in einer gewissen Zeit unsers Lebens wird sie gleichsam präformiert; ihr Keim empfängt die Gestalt im Kleinen, die sie entwickelt im Großen haben soll. Itzt ist dieser damals geformte Keim seiner Entwicklung so nahe gebracht, daß nur noch ein warmer Sonnenstrahl des Zufalles dazu gehört – und die ganze Pflanze steht in Lebensgröße da! – Dies war nur vorläufig gesagt, um meine Leser zu ermuntern, darauf Achtung zu geben, wenn diese letzte Periode erscheinen wird. So bald kann das noch nicht geschehn, denn der Plan des Schicksals hat, wie bekannt, lange Vorbereitungen.

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