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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 124
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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16.

In dieser Miniatur von Monarchie mußte sich es also besser ein Gefangner sein lassen als in Elmickors Höhle, besonders wenn man sich durch einen Diebstahl dazu gemacht hatte – eine Vergleichung, die mein Held gleich den ersten Tag nach seiner Ankunft in seinem Verhafte anstellte! Er wurde so ordentlich bewirtet als von Amanden, da ihr die Langeweile den Pfeil der Liebe ins Herz gestoßen hatte; der für die Gefangnen bestimmte Lehrer fand sich gehörig bei ihm ein und erkundigte sich freundlich nach den Bewegungsgründen, die ihn angetrieben hätten, seine Ehre einem schändlichen Vorteile aufzuopfern. – »Der Hunger«, war seine runde Antwort. Auf etliche andre Fragen folgte die Erzählung der bisher ausgestandnen Drangseligkeiten, die ihn seinem Examinator viel wichtiger machten, und noch mehr tat dieses sein Geständnis, daß er nichtsdestoweniger beständig glücklich gewesen sei. Der Mann stattete einen Bericht bei Eupatorn ab, der ihn nach der Bekanntschaft seines Gefangnen begierig machte. Er ließ ihn vor sich kommen und hörte mit Erstaunen Grundsätze, die man nach seinem Bedünken nirgends als in seiner Monarchie lernen und ausüben konnte. Wem sollte ein solcher Mensch nicht gefallen? Hätte Eupator gleich weniger Eigenliebe als ein Hofmann und ein Philosoph, so müßte er ihn schon deswegen als einen würdigen vortrefflichen Mann betrachten, weil er so denkt wie er; aber der menschenfreundliche Monarchienbauer wurde von einem noch höheren Interesse regiert; er schrieb diese Gleichförmigkeit der Denkungsart mit derjenigen, die er in seinem Staate herrschend machen wollte, lediglich dem Unterrichte zu, der ihm während seiner Gefangenschaft erteilt worden war, ob ihn gleich eine kurze Überlegung belehren konnte, daß sich in so kurzer Zeit die Denkungsart eines Menschen nicht so in eine Form zwingen lasse, als wenn sie gleich bei der Geburt hineingegossen wäre – aber um des Himmels willen! wer wird eine solche freudestörende Untersuchung einer menschlichen Eigenliebe zumuten? – Ohne zu bemerken, daß der Delinquent seinen Glauben an eine ununterbrochne Glückseligkeit von einer Zeit datierte, wo er weder Eupatorn noch seine Monarchie kannte, dachte er nur daran, daß dieses der erste Beweis von der Güte seiner Kriminalanstalten sei und ihm in Zukunft noch mehrere glückliche Erfolge verspreche – dachte dies, freute sich herzlich darüber, bekam eine wahre Liebe für den Mann, dessen schnelle Bekehrung ihm diese Freude verursacht hatte, und nahm ihn feierlich zu einem Mitgliede seines Staates und zu seinem Lieblinge auf. Wer ihn in dieser menschenfreundlichen Illusion hätte stören wollen, der wäre wert gewesen – welche Strafe erkenne ich ihm nur zu? – Wenn doch glücklicherweise alles von Menschen wimmelte, die auf den Zug ihrer Eigenliebe Gutes täten und sich einbildeten, es um des Guten willen zu tun! – Wer aus einer gutmeinenden stolzen Schwäche die Vorstellung nicht ertragen kann, daß es doch im Grunde die Eigenliebe ist, die ihn dazu hinzog, den wollen wir in dieser Illusion nicht stören; nur halte er es nicht für gefährlich oder eine Blasphemie wider die Tugend, wenn andre ehrliche Leute stark genug sind, die Zergliederung ihrer Handlungen und Triebe bis auf den letzten Grad zu verfolgen, zu dem sie durchdringen können, und sich nicht schämen, zu gestehn, daß das Maschinenwerk ihrer Tugend auf die Art in Bewegung gesetzt wird, wie es die Natur anlegte. Auch dürfen sie nicht denken, daß sie dadurch unter diese Scharfsichtigern herabgesetzt werden, und noch viel weniger dürfen diese Scharfsichtigern jene, die in einem gewissen Falle es weniger sind, unter sich erniedrigen wollen; der Mensch muß allemal, wenn er lebhaft und mit Feuer handeln soll, in einem gewissen Grade nach Illusion handeln, und der Mann, der es einsieht, wie vielen Anteil die Eigenliebe an unsern guten Handlungen hat, tut vielleicht viel Gutes und Nützliches um des Ruhms willen und sieht nicht ein, daß zur Begierde nach Ruhm die größte Illusion gehört – und darf es auch nicht einsehn, wenigstens bis auf einen gewissen Punkt nicht! – Ein menschliches Wesen, das alle Illusion, das heißt, wo ein Klumpen dunkler unentwickelter Ideen auf die Federn unsrer Tätigkeit zudrücken, ganz aufheben wollte oder nie darein geraten könnte, wäre ein untätiger Dummkopf oder ein untätiger stoischer Weise.

Mag doch also Eupator immerhin durch die Illusion seiner Eigenliebe verführt werden, meinen Helden zu lieben und ihn sogar hochzuschätzen; ich lobe ihn darum nicht weniger und ehre den Mann, dessen Eigenliebe eine so wohltätige menschenfreundliche Richtung bekommen hat.

Hier ist es, wo ich zu denen zurückzukommen versprach, die den Eigennutz als das einzige Schwungrad des menschlichen Herzens ansehn. Wir wollten uns miteinander vergleichen, und es soll auch geschehen. Ohne Zweifel haben wir einerlei Idee im Kopfe und nur zweierlei Worte. – Helvetius tat vielen Leuten einen großen Gefallen, daß er das InteresseUnglücklicherweise gab es der deutsche Übersetzer par Eigennutz. zur allgemeinen bewegenden Kraft bei der Freundschaft, dem Patriotismus und jeder tugendhaften Handlung erhub; man verstund das Wort in der eingeschränkten Bedeutung, in welcher es seine Feinde, die Jesuiten, nahmen; ein jeder fand die Behauptung des Philosophen in diesem Sinne durch seine eigne Denkungsart bestätigt und freute sich, den niedrigen gewinnsüchtigen Eigennutz, den alle Philosophen tadelten, durch einen Philosophen so geadelt zu sehn; Helvetius wurde ihr Mann, ihr Kabinettsphilosoph, weil er nach ihrer falschen Einbildung ihre Denkungsart predigte. Darum ist er, deucht mich, der Busenfreund einiger Weltleute geworden, die keinem Weltweisen außer ihm die Ehre ihrer Freundschaft gönnen; die Gunst verschiedener Philosophen war er gewiß den vielen Wahrheiten schuldig, die er – freilich unter einer Menge Sophistereien – mit einem Feuer sagt, das allein schon einsichtsvolle empfindende Leser hinreißen muß.

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