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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 123
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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15.

Ganz falsch ist es wahrhaftig nicht; denn unter den Quellen, aus welchen ich meine Geschichte schöpfe, finde ich eben itzt eine Urkunde, die die Aussage dieses Mannes bestätigt und mich in den Stand setzt, meinen Lesern umständliche Nachricht zu erteilen.

Favete linguis! – denn wir treten in das Haus eines ehrwürdigen Greises, der durch das Nützliche, was er in seinem Leben für sein Vaterland und seinen Regenten tat, seine ansehnliche Geburt zu dem Adel des Verdienstes erhub und hier

Im Schatten edler Muße
Am Abend seines Lebens,
Gleich dem beschweißten Landmann ruhte.

Eupator – dies mag sein Name indessen sein – war durch alle Stufen der Ehre bis zu der nächsten an seinem Fürsten gestiegen, und wer ihn ohne Neid beurteilte, gestund, daß er keine einzige betreten, ohne daß er sie zu betreten verdiente, und daß er sich bei seinem Aufsteigen auf keine andre Mittel als auf seine Talente und sein Verdienst gestützt habe. Seine Einsichten waren selbst nach dem Geständnisse seiner Feinde groß, weitläuftig, sein Verstand durchdringend, schnell, feurig, seine Geschäftigkeit unermüdend, und wer ihm alles absprach, ließ ihm doch diese Vorzüge; aber eben aus diesen glänzenden Talenten entstund eine gewisse Reformationssucht, ohne welche seine Einsichten vermutlich noch gemeinnütziger gewesen wären und seine Neider keine Gelegenheit bekommen hätten, seine besten Absichten anzuschwärzen und ihm sein Leben auf die unseligste Weise zu verbittern. Ein Verstand wie der seinige entdeckt mit einem mikroskopischen Blicke große Flecken, wo gemeine Augen kaum einen Punkt wahrnehmen, und eine Lebhaftigkeit wie die seinige konnte nicht anders als eilen, diesen Flecken wegzuwischen; vielleicht vergrößerte ihm seine Phantasie bisweilen die Fehler an dem Uhrwerke des Staates; vielleicht wollte er ihm aus der Neigung gewisser vortrefflichen Köpfe zur genauen Regelmäßigkeit einen zu abgemeßnen, nach einem bestimmten Plane ausgekünstelten Gang geben, ohne in dem Feuer seiner Meditation und seiner Arbeit zu überlegen, daß die Regierung der ganzen Welt und die Regierung eines Staates, insofern sie mit jener vom Zufalle abhängt, einen großen weitumfangenden Plan zum Grunde haben, der nicht in einer Karte verzeichnet oder verbessert werden kann, und daß sich noch viel weniger ein Riß nach dem verjüngten Maßstabe wie von einem Gebäude machen läßt, dessen Ausführung so leicht wäre als dem Maurer und Zimmermanne der Grundriß des Baumeisters. Demungeachtet wollte er dies tun, der ganze Staat sollte auf sein und seiner Nachfolger Kommando so maschinenmäßig und in ordentlichem Tempo manövrieren wie ein Regiment Soldaten; am Ende sah er zu seinem großen Verdrusse, daß entweder sein Plan übel angelegt oder seine Maßregeln übel gewählt waren; denn statt der gesuchten Regelmäßigkeit entstund die größte Unordnung; statt, seiner Absicht gemäß, zu einem Zwecke zu wirken, ging alles widereinander; der Staat wurde ein Chaos. Freilich war ein Teil dieses schlimmen Erfolgs der Ungeschicklichkeit und dem bösen Willen derjenigen zur Last zu legen, die da nach seiner Anweisung arbeiten sollten, wo seine Kräfte nicht hinreichten; aber man befand für gut, die ganze Schuld seinen Schultern aufzulegen, man machte ihn verhaßt, und man konnte es mit einem guten Anscheine; er verließ aus Ärger und Überdruß seinen Posten und zog sich als ein übelbelohnter Menschenfreund mit dem völligen Bewußtsein seiner redlichen Absichten auf seine Güter zurück. Die allgemeine Stimme war wider ihn, und anstatt die Fehler seiner Administration aus der wahren Ursache zu tadeln, maß man sie nicht einer zu feurigen, höchstens unüberlegenden Tätigkeit, sondern einem bösen Herzen zu; doch davon sprach ihn der Umstand völlig los – er war durch alle seine Anstalten und Anordnungen nicht um einen Apfelstiel reicher geworden, und böse ist gewiß niemand, als wenn er Nutzen davon hat.

Nach dieser Einleitung wird es niemand übel finden, wenn ich meine Leser mit einer heiligen Ehrfurcht in das Haus des erhabnen Eupators einführte.

Hatte Eupator, dessen Andenken mich in jene Begeistrung versetzte, sehr wenig Glück, als er seinen politischen Plan im Großen ausführen wollte, so gelang er ihm doch unendlich besser im Kleinen. Daß er ihn, auch da er ihn verunglückt sah, noch für gut und vortrefflich, allenfalls einiger Verbesserungen bedürftig hielt und diese Überzeugung mit sich in die Einsamkeit nahm, wird ihm jedermann vergeben, der die Geschichte seiner eignen Eigenliebe studiert hat; daß er aber auf den Einfall kam, ihn in seinem eignen kleinen Reiche auf seinem Rittergute, ins Werk zu setzen, das klingt wohl etwas romantisch, aber ist es wirklich bei einem paar hundert Bauern weniger, die sich unendlich leichter zu einem politischen Manövre abrichten lassen, als viele Tausende – genug, er brauchte in seiner Einsiedelei eine Zeitverkürzung; der Fuhrmann, wenn er sich zur Ruhe begeben hat, flicht Peitschenriemen, und der Staatsmann – baut Monarchien im Kopfe oder in Natur.

Indessen daß mein Held in sein Gefängnis gebracht wird, wollen wir uns in seinem politischen Gebäude ein wenig umsehn.

Er hatte in allen Monarchien, die er kannte, wichtige Gebrechen bemerkt, die seines Bedünkens samt und sonders den mangelhaften unphilosophischen Einsichten der Staatsregierer in die Natur des Menschen beizumessen waren. Er vereinigte wahrhaftig in sich selbst mit der Kenntnis der Affären eine Philosophie, die bis auf einen gewissen Punkt der Zergliederung in den Menschen tief eindrang, tiefer vielleicht, als es für die Nutzbarkeit seines Postens vorteilhaft war. Nach seinen Begriffen war die Eigenliebe die einzige allgemeine Triebfeder der Menschen bei ihren Handlungen; diese muß in Bewegung gesetzt werden, sagte er, wenn sie nur eine Hand oder einen Fuß zu einem gewissen Zwecke rühren sollen. Im menschlichen Herzen sind verschiedene kleinere Räder, die in das große Rad der Eigenliebe greifen und von diesem umgetrieben werden – Ehre, Patriotismus, Ruhmbegierde und andre, deren Bewegung eigentlich nichts ist als die mitgeteilte Bewegung der Eigenliebe.

Diesen Grundsätzen gemäß legte er seine kleine Monarchie so an, daß die in Ehrbegierde verkleidete Eigenliebe der Haupttrieb aller Mitglieder derselben sein sollte. Er suchte diesem Triebe gleich von den zartesten Jahren an einen gewissen Schwung zu geben, wozu alle, die mit der Erziehung zu tun hatten, ernstlich abgerichtet und angehalten wurden. Gute Handlungen, von welcher Art sie nur waren, wurden jeden Sonntag öffentlich von der Kanzel abgelesen, derjenige, der sie getan hatte, unter einem lauten Zurufe von der ganzen Gemeine an einen öffentlichen Platz begleitet, wo er nach Beschaffenheit der Tat einen Kranz von Linden oder anderm Holze empfing, worunter ein jedes seinen festgesetzten Wert hatte; der Belohnte hing sein Ehrenzeichen an den Vorderteil seines Hauses auf, und nach der Anzahl derselben wurde jedermann zu den kleinen Würden und Ämtern erhoben, die in diesem ländlichen Staate angebracht werden konnten. Keine darunter war in Ansehung der Einnahme beträchtlich, aber auch durch keine überhäufte Geschäfte lästig, nach deren Wichtigkeit und Umfange die Einkünfte genau abgemessen waren. Niemand konnte dazu gelangen als durch die Menge Ehrenzeichen, die seine Tugend erlangt hatte, und wer überführt wurde, daß er durch einen Schleichweg seinen Ehrgeiz befriedigen wollte, der war auf immer von allen Ehrenstellen ausgeschlossen und mit einer Schande und allgemeinen Verachtung gebrandmarkt, die nichts anders als eine bestimmte Anzahl Ehrenzeichen vertilgen konnten. – Auch, sagte sich Eupator, wird niemand unerlaubte Mittel ergreifen, da er gewiß ist, daß er durch die erlaubten seinen Zweck niemals verfehlt, und jedermann muß nach diesen an sich unbedeutenden Belohnungen streben, da sie allemal ein sichrer Beweis des Verdienstes sind und kein Ansehn, kein Reichtum, nichts in der Welt als Verdienst sie erwerben hilft. – Hierdurch schmeichelte er sich, einen wichtigen Fehler großer Monarchien verbessert zu haben, wo nach seiner Meinung die Austeilung der Ehren und der damit verknüpften Einnahmen oft so wenig nach der Wichtigkeit des Verdienstes abgemessen, die Ehren selbst dadurch, daß ihre Erlangung gewissen Ständen erleichtert, andern erschwert ist, unter sich herabgesetzt sind, daß großen tätigen Geistern der Trieb darnach aus dem Herzen gerissen und nur etlichen wenigen übriggelassen wird, die zur leeren bequemen Prachtliebe, aber nicht zum großen edlen Ehrgeize wirksam genug sind. – »Bei mir soll dies niemals begegnen«, sagte er in völligem Ernste und freute sich in völligem Ernste zum voraus darüber.

Der Perpendikel, der den Einwohnern seines Staates die Bewegung mitteilen sollte, war bestimmt: die Eigenliebe sollte es sein; die Eigenliebe sollte unter dem Anstriche der Ehrbegierde seine Bürger zur Tätigkeit in der Tugend anspornen. Nun war die Hauptsache übrig, zu bestimmen, was Tugend sein sollte? wie Verbrechen verhütet und Strafen unnötig gemacht werden sollten? – »Alles«, sagte er den Bürgern seiner Monarchie, »was euch Ehre bringt, ist Tugend; was euch Schande macht, sei Laster; strebt also nach nichts als dem rühmlichen Urteile des Richters eurer Tugend, und dieser bin – ich. Unter den Tugenden, die ich euch vor allen andern empfehle, ist Fleiß und Arbeitsamkeit die erste; die zweite ein unumschränktes Vertrauen und eine kindliche Liebe gegen den Richter eurer Tugenden; die dritte der völlige Glaube, daß ihr glücklich seid. Jeder unter euch muß es für die höchste Schande halten, ein Mitglied neben sich zu dulden, das sich eines Lasters schuldig gemacht hat, und es als ein Interesse seiner eignen Ehre ansehen, ihn aus der Gesellschaft verbannen zu helfen, die er entehrt hat.«

Er unternahm eine neue Teilung des Vermögens und gab sogleich die Unternehmung wieder auf und beruhigte sich damit, daß er dem armen Verdienstvollen einen Zusatz von seinem eignen beilegte, nicht um alle Ungleichheit aufzuheben, sondern unter den verschiedenen Teilen bis auf den Grad ein Gleichgewicht herzustellen, daß niemand durch den Mangel gezwungen würde, seine Ehre einer vorteilhaften schädlichen Tat aufzuopfern.

Dies war ohngefähr die Richtung, die er seinem politischen Gebäude gab, von dem ich meinen Lesern nichts als einen nötigen Punkt entdecken will. – Seine Kriminalgesetze waren von einer besondern Art: Eigentlich war seine einzige Strafe – Schande, das heißt, eine von dem obersten Richter befohlne allgemeine Verachtung; aber er hatte eine eigne Methode ausgesonnen, Verbrecher durch ihr eignes Interesse zu bessern Bürgern zu machen. Die Antastung eines fremden Eigentums war für eins von den Hauptlastern erklärt; und da sich niemand entschließen kann, dachte Eupator, die daraufgesetzte größte Schande auf sich zu laden und das Interesse der Ehre dem Interesse des Eigennutzes aufzuopfern, außer in dem einzigen Falle, wenn ihn das alles überwindende Bedürfnis dazu zwingt, so soll jeder dieses Verbrechens Schuldige nach meinem Gutbefinden eine bestimmte Zeit über als ein Gefangner, aber ordentlich unterhalten, die Empfindung seiner Ehre durch tägliche Belehrungen rege gemacht und ihm, wenn dieser Zweck erreicht ist, ein Zusatz zu seinem Vermögen gegeben werden, der ihn über alles Bedürfnis des Stehlens hinaussetzt, wenn er vorher der Gesellschaft eine öffentliche Abbitte für die zugefügte Schande getan hat; denn die Privatschande eines Mitgliedes muß von der öffentlichen nie getrennt und von allen als die ihrige betrachtet werden.

Wirklich hatte er durch die gemeldeten und ähnliche Veranstaltungen den rohen Seelen seiner Untergebnen einen Schwung beigebracht, der jedermann in Erstaunen setzen mußte. Am Hofe und in der Stadt konnte die Ehre nicht so oft im Munde geführt werden als hier; nirgends konnte man sich mehr darnach beeifern; alles war arbeitsam und fleißig und suchte Gelegenheiten, sich Ehrenzeichen zu verdienen; jedermann hielt sich für glücklich, und wenn er sich es gleich nicht schien, so schämte er sich doch, es äußerlich nicht zu scheinen; jedermann liebte und ehrte Eupatorn wie einen Vater und hätte willig seinem Verlangen alles ohne Ausnahme aufgeopfert. Eupator freute sich unendlich über dieses letzte, weil nach seinem Ausdrucke die Illusion die einzige Angel ist, um welche sich die menschliche Glückseligkeit herumdreht. »Wenn also«, setzte er hinzu, »jemand ein Mittel wüßte, den ganzen Staat in die Illusion zu versetzen, daß sein Regent der beste ist, wenn er es auch gleich nicht wäre – kurz, alle insgesamt zu bereden, daß ihre Regierung, Gesetze und Einrichtungen sie glücklich machen, es sei im Grunde oder nicht, der verstünde die Regierungskunst.« – Natürlich bildete er sich ein, daß er dieses Geheimnis gefunden hatte.

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