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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 122
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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14.

Es war nicht der mindeste Anschein, als wenn ein günstiger Zufall ihn bald aus seiner Einöde erlösen würde, sondern vielmehr der allergrößte, daß er sein Leben hier werde zubringen müssen; denn unter einem halben Jahrhunderte schien kein menschlicher Fuß diese Gegend zu besuchen. Überdies hatte die Zeit, die glückliche Rettung seiner Grundsätze, die Gewohnheit und besonders die Abwesenheit glücklichrer Menschen seinen Zustand bis zu einem Grade erträglich gemacht, daß er sich sogar in einem sehr vorteilhaften Lichte als den Herrn dieses Eichenwaldes ansah, seine Ungebundenheit pries, seine Freiheit, mit welcher er von einem Flecke zum andern ungehindert ziehn, von diesem und von jenem Baume genießen, essen und schlafen konnte, wenn er wollte – kurz, er war gewiß glücklich, weil er es zu sein glaubte.

Um ihn aber seiner künftigen Bestimmung näher zu führen, hatte die Natur, wie in allen Nachkommen Adams, einen Sporn in ihn gelegt, der ihn von Zeit zu Zeit antrieb, einmal auf eine andre Art glücklich sein zu wollen; allmählich wurde daraus eine Unzufriedenheit, eine Unbehaglichkeit, die er nur fühlte, aber sich nicht erklären konnte noch wollte; sie nahm zu, und ohne langes Bedenken steckte er alle Taschen seiner Kleidung voller Eicheln, um sich vor künftigen Mangel zu schützen, verließ seinen bisherigen Wohnort und wanderte getrost mit seiner Ladung fort, zwar ohne die geringste Aussicht auf bessere Umstände, aber doch froh, weil alle mögliche Hoffnungen dieser Erde in seiner Gewalt waren; er war schon froh, daß er eine andre Aussicht hatte. Mit vieler Ökonomie schonte er sein Magazin, solange er Gegenden antraf, wo ihn die Natur versorgte. Diese hörten endlich auf; sein Vorrat gleichfalls; rings um ihn her erblickte er nichts als unfruchtbare Tannen, die ihm mit Mangel und Leiden drohten. Es ging eine neue Hungerperiode an, und seine Glückseligkeit geriet von neuem in Gefahr. Endlich sah er doch einen Ausgang von dem Walde; seine Hoffnung lebte auf; er eilte ihm zu. Er erblickte Spuren von Bevölkerung, gebaute Äcker, Wiesen, Obstbäume mit reifen hängenden Früchten, worunter die letzten seine Aufmerksamkeit am stärksten auf sich zogen. Er sahe sie lange von ferne, und immer wurden sie ihm interessanter, je näher er kam. Er schmeckte sie schon im voraus und streckte wirklich schon seine Hand aus, um einen lockenden rotbackichten Apfel herunterzuholen, als ihm die Szene einfiel, wie er zwischen den Knien seiner Mutter stehend unter Bedrohungen mit der mütterlichen Rute ihr sehr langsam nachsagen sollte: Du sollst nicht stehlen! – und wegen der Unfähigkeit seiner Sprachwerkzeuge niemals das fatale S aussprechen und ihren Willen erfüllen konnte, weswegen ihm die öftern Züchtigungen unter allen zehn Geboten keins so merkwürdig machten als dieses.

Du sollst nicht stehlen! – dachte er und zog die Hand schnell zurück. Er setzte sich stillschweigend unter den Baum und besah den Apfel. Aus Selbstvergessenheit wollte er über die Betrachtung noch einmal zulangen – du sollst nicht stehlen! fiel ihm wieder ein, und er setzte sich. Endlich wurde die Begierde so unwiderstehlich stark, daß er ein Mittel finden mußte, wie er stehlen konnte, ohne doch zu glauben, daß er stahl; denn bloß hierauf kömmt es bekanntermaßen an, um mit unsern Gewissen ein Abkommen zu treffen. – Hm! dachte er endlich, der Besitzer dieser Gegend ist gewiß ein Menschenfreund; warum sollte er sonst diese Bäume so öffentlich hieher pflanzen und ihre Früchte so unbewacht dem Appetite jedes Vorübergehenden preisgeben? – Er mußte sie gewiß pflanzen, um hungrige Reisende damit zu erquicken; wenn ich also davon genieße, so stehle ich nicht; ich erfülle seine Absicht; ich mache, daß er, ohne es zu wissen, eine Wohltat an mir ausübt, und erlange ich nicht dadurch gar eine Art von Verdienst um ihn? – Ich verhelfe ihm zu einer guten Handlung.

Nun war es ihm unumstößlich gewiß, daß er stehlen konnte, ohne zu stehlen. Er hatte sich das Wort »stehlen« wegsophistiziert, und mehr braucht es für einen menschlichen Verstand nicht; wenn er sich nur den auffallenden Ausdruck vom Halse schaffen kann – noch besser ist es, wenn er sich gar einen gelindern glänzendern unterschieben mag – wenn ein falscher stolzer Zelot sich nur aus seinem Gehirne das Wörtchen Intoleranz herauswerfen und an seine Stelle »Liebe zur Wahrheit, Religionseifer« oder so etwas hineinstecken kann – o so verbrennt, sengt, verfolgt, schmäht, verketzert er in Gottes Namen alle, die nicht seiner Meinung sind, mit so unbeflecktem Gewissen, als Knaut sich itzt von fremden Gute auf das herrlichste nährte.

L'appétit vient en mangeant – je mehr er genoß, je mehr wünschte er zu genießen und plünderte daher ohne den geringsten Gewissensbiß einen Baum nach dem andern in dem Distrikte, wo er sich aufhielt. Als er eben, weil der größte Hunger nunmehr befriedigt war, zum Nachtische einen schönen rosenwangichten Apfel mit der Muße und Begierde genießen wollte, womit die genäschige Mutter Eva die verbotne Frucht verzehrte,

– deren tötender Geschmack

Tod und alles unser Weh auf diesen Erdkreis brachte, – siehe! so faßte ihn plötzlich jemand von hinterwärts so hastig bei dem Arme, daß er erschrocken seinen ganzen Nachtisch fallen ließ und nicht wußte, wohin er zuerst sehen sollte. – »Dieb!« rief der Mann, der ihn mitten in seiner Freude gestört hatte, und nötigte ihn mit einer lakonischen Höflichkeit, ihn zu dem Orte zu begleiten, wo in diesem Lande der Gerechtigkeit Räuber einquartiert zu werden pflegten, das heißt, er faßte ihn bei dem Arme und schleppte ihn mit sich fort. »An einem Orte«, setzte er unterwegs hinzu, »wo jedermann sich schämt zu stehlen, mußt du dich nicht sehen lassen« – und fuhr in diesem Tone den ganzen Weg über fort, ihm zu zeigen, daß er unter einem Himmelsstriche geraubt habe, wo alle Leute ehrliche Leute wären. Für einen Landmann, der in dem Schweiße seines Angesichts sein Brot baute, hatte seine Rede zu viel Schwung über die gewöhnliche Denkungsart seines Standes, war mit Sentenzen von Ehre und Rechtschaffenheit so verbrämt, als wenn er ein schöner Geist wäre oder doch auf dem Wege sich befände, es zu werden. Er wußte dabei sehr vieles von der Gerechtigkeit, Güte und Strenge seines gnädigen Herrn zu rühmen, vor dessen Richterstuhle unser Philosoph erscheinen solle, und setzte am Ende hinzu, daß er und alle, die mit ihm unter dem Regimente dieses Herrn stünden, die rechtschaffensten und glücklichsten Leute in der Welt wären und stolz darauf täten.

Wahrhaftig! das ist viel gesagt! – Ob es auch wahr ist?

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