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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 121
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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13.

Es ist etwas unbequem, der Geschichtschreiber eines Mannes zu sein, der von dem Glücke alle Augenblicke aus seiner Ruhestätte verjagt wird; will man ihn nicht verhungern lassen – und in diesem Falle wäre doch der Roman auf einmal aus –, so muß man beständige Anstalten für sein Fortkommen machen. Wie gefährlich ist es, sich bei dieser Sorge allein auf das Glück zu verlassen! wenn man noch Feen, Sylphen oder andre dienstfertige Geister der Ideenwelt zu Hülfe nehmen dürfte; aber das geht in einer so wahrscheinlichen Geschichte wie diese unmöglich an.

Es sei also dem Glücke überlassen, wie es ihn auf seiner Laufbahn weiter fortführen will; ich bleibe unbesorgt und möchte, daß es mein Philosoph auch wäre, wenigstens nicht so viele Zeit verstreichen ließe, ehe er es wird. Er ging zwar seinen Weg so gerade fort, unbekümmert, wohin er geraten würde, als da er ehmals der militärischen Ehre entgegeneilte; aber itzt war es Besorgnis und Schmerz, die ihn zu sehr beschäftigten, um eine Minute Aufmerksamkeit auf den Weg zu verwenden.

Unter einer solchen Verwirrung der Gedanken war er, ohne es zu merken, tief in ein Holz hineingeraten, als er endlich von seinem Traume erwachte und sich ermüdet mit einem unstoischen Seufzer auf die Erde warf. Seine Einbildungskraft zeichnete ihm seine Umstände und seine Aussichten mit einem ziemlich plumpen Pinsel vor und stellte obendrein ihre Zeichnung hinter ein mikroskopisches Glas; alle äußern Gegenstände wurden mit einem fürchterlichen Schwarz überzogen; was in der Natur Schatten war, wurde in ihrem Gemälde düstre Nacht; allenthalben lauschten Gefahren und allenthalben der Hunger. Neben dieser Abbildung figurierte die ganze vorige Glückseligkeit, von welcher er kaum vertrieben worden war – seine Freiheit vom Sorgen, sein Überfluß, seine Sättigung, seine Ruhe – genug die ganze Szene seines Glücks in Amandens Hause; nur keine einzige von den dort gehabten Bekümmernissen. Der Kontrast gegen das erste Bild machte es doppelt traurig, wie man sich wohl einbilden kann.

Ich muß mich selbst wundern, wenn es auch keiner meiner Leser tun will, warum er auf einmal so ganz aus dem Gleise seiner Philosophie gesetzt ist. Eine kleine Unruhe ließ ich mir noch gefallen; diese schrieb ich auf die Rechnung seiner vermehrten Empfindlichkeit, aber zu weinen! zu seufzen! sich innerlich zu härmen! wahrhaftig, das ist nicht knautisch! – Indessen geschah's, und ich möchte wissen, warum.

Gewiß nicht deswegen, weil seine gegenwärtige Verfassung schrecklicher war als jede andre, und das braucht es auch nicht; unsre Empfindung hält niemals oder doch selten mit unserm Unglücke ein gleiches Maß; die Beschaffenheit, in welcher es Leib und Seele antrifft, bestimmt einzig die Stärke unsers Schmerzes. – Unser Philosoph hatte den Mittag vor seiner Vertreibung eine Mahlzeit getan, dergleichen ihn der heimliche Verdruß über seine Verachtung lange nicht hatte tun lassen; Gaum und Magen bewiesen ihm handgreiflich, daß er, aller Bedrängnisse ungeachtet, glücklich sei; warum seine Nerven gerade diesen Mittag erst geschickt wurden, diesen Beweis zu führen, das kann weder ich noch ein Doktor irgendeiner Fakultät wissen; genug, eine Reihe von vorbereitenden Ursachen machten sie nun damals eben geschickt dazu. Die Empfindung des Wohlseins, die auf jenen Beweis sich über sein ganzes Gemüt verbreitete, mußte notwendigerweise manches Projektchen erzeugen, wie sie zu verlängern oder gar ewig zu machen wäre; und das letzte Resultat von der Beratschlagung darüber fiel dahin aus, daß er, Tobias Knaut, allem Anspruche auf Ehre und vorzügliche Achtung inskünftige entsagen und aller Unruhe über den Verlust derselben den Eingang verschließen, alle Tage zwo wohlschmeckende Mahlzeiten tun und sich weiter um nichts außer und um ihn bekümmern müsse. Daß dieser Vorschlag sogleich von ihm genehmigt wurde, versteht sich von selbst, und daß er, da ihm mitten unter der Freude über die Ausführung desselben sein Exilium in den härtesten Ausdrücken angekündigt wurde, nicht eine Unze weniger Schmerz fühlte, als er empfand, das, deucht mich, ist nicht schwerer zu begreifen. Er war einem Jünglinge gleich, der mit vollem jugendlichen Appetite sich an eine wohlbesetzte, Geruch und Geschmack reizende Tafel setzt; siehe da! – als er zulangen will, verwandelt plötzlich ein schadenfroher Zauberer die schönsten Leckerbissen in Ungeziefer, in Schlangen und Eidechsen; wenn der arme Betrogne alsdann nicht ebenso heftig sich betrübt wie mein Held, so will ich die Ehre entbehren, sein Geschichtschreiber zu heißen.

Ein Glück für alle Leidende .ist es, daß schnell angeschwollne Wasser und ein plötzlich angewachsner Schmerz gleich schnell sich wieder setzen. Knauts Philosophie kroch zwar aus ihrem Winkel allmählich wieder hervor; aber während ihrer Abwesenheit war doch die Nacht herangekommen und keine andre Wahl übrig, als daß er ungegessen mit einem Lager auf der Erde unter Hirschen und wilden Schweinen vorliebnahm. Die Müdigkeit drückte ihm endlich die Augenlider zu, so sehr sie auch die Furcht offen erhalten wollte.

Er setzte den folgenden Tag mit einem kleinen Reste von Unruhe seinen Weg weiter fort, in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden; er fand ihn nicht. Seine Mattigkeit nahm mit der Länge seines Marsches und seines Fastens zu; auch nicht eine einzige Frucht, die einen menschlichen Hunger leidlich hätte stillen können, zeigte sich ihm, und Tannzapfen – das einzige, was er um sich sah – zu versuchen, waren seine Leiden noch nicht dringend genug. Den dritten Tag traf er erst Eichenbäume mit reichlichen, beinahe reifen Früchten an; das war doch etwas Trost; hatte er seinem philosophischen Stolze zu Gefallen Eicheln mit der Sauce pitoyable in Amandens Hause ohne saure Miene verschlucken können, warum sollten sie ihm dem Hunger zu Gefallen nicht itzo eine willkommne Kost sein? – dächte man; aber weit gefehlt! – Der Druck, der Antrieb des Stolzes mangelte; seine Gesellschafter, die Bäume, waren fühllose Augenzeugen, denen nicht ein Haarbreit Erstaunen und Bewunderung abzugewinnen war; deswegen versuchte er eine, die andre und mehrere, sprudelte bei jeder, verzog das Gesicht und warf sie unwillig weg. Den vierten Tag wurde die Sache ernstlicher, der Wald immer dichter, und keine Eichel ließ sich im ganzen Umkreise erblicken. Den folgenden geriet er wieder zu den Eichen, die er vor zween Tagen verlassen hatte, kostete, was sie ihm darboten, und Glück zu! – es schmeckte – freilich nicht so herrlich als der Maréchal de Belleisle oder la Reine de l'orient und andre Süßigkeiten, an welche ihn bisweilen sein Gaum mit einem tiefen Seufzer erinnerte, aber er nahm seine Philosophie zusammen, und es glückte ihm, die Bitterkeit seiner Kost zu überwinden.

Sobald auf diese Weise die Angelegenheiten in seinem körperlichen Systeme wieder auf bessern Fuß gestellt waren, so wagte es seine Eigenliebe wieder, seine sogenannten Grundsätze auf den Schauplatz zu bringen, um zu versuchen, ob sich zwischen ihnen und der gegenwärtigen Situation nicht wenigstens ein Vertrag errichten ließ. – Die Eigenliebe ist, wie bekannt, eine feine verschlagne Dirne, sie bringt ihre Anträge nicht eher zum Vorschein, als bis sie merkt, daß wir Zeit und Lust haben, sie wenigstens nicht ungern anzuhören. Diese ganzen fünf Tage über hatte sie sich wohl gehütet, mit einem Laute an ihre Lieblinge zu gedenken, weil alles in unserm Philosophen mit den gegenwärtigen Leiden zu beschäftigt war, um sich von ihr amüsieren zu lassen; doch kaum hatte eine Handvoll Eicheln Ruhe und Frieden im Körper wiederhergestellt, als die Listige sachte hervorschlich und leise zischelte: »Nu, Tobias Knaut? Wo bleibt deine Glückseligkeit? Bist du beständig glücklich, wie du an Amandens Tafel bei einem Stücke tourte de massepain oder etwas Ähnlichem bei dir behauptetest? So bilde dir doch ein, daß Eicheln nichts schlechter als Geleen und Creme sind, wenn dein Glück bloß in der Einbildung besteht!« – Eine so ironische Frage mußte alle Kräfte des menschlichen Egoismus anspornen; auch währte es nicht lange, so saß der gute Knaut mitten unter den Resten seines Eichelmahles und sann mit der angelegentlichsten Ernsthaftigkeit auf Mittel, sich wieder glücklich, das heißt, seine vorgefaßten Meinungen von der Glückseligkeit mit seinen itzigen Umständen übereinstimmend zu machen – so ernst saß er da als Eupaschon, da er bei der vollen Weinflasche schrieb, daß alle Menschen gleich glücklich sind.

Die Bemühung, seine Vorurteile – Grundsätze, wollte ich sagen! – zu retten, ging ziemlich gut vonstatten. Anfangs trat zwar ein kurzes Andenken an das vorige Wohlsein in den Weg; aber der Witz drang durch. »Was«, rief er, »was fehlt dir, mein lieber Knaut? – Du bist gesättigt; was willst du mehr? Ob dies eine Folge von Eicheln oder von englischem Braten ist, das gilt gleich; das Gefühl der Sättigung ist eins, und mehr brauchst du nicht. – Du bist also noch so glücklich wie sonst; du bist es, weil du es zu sein glaubst

Bravo! –

»Aber die Creme, die letzte Citronengelee!« – die fatalen Creme und Geleen, daß sie ihm nicht aus dem Kopfe wollen! – »Zwar –« unterbrach er sich, (ich kann doch leider! keine mehr genießen) – dies in Parenthese gesagt –, »wozu nützt aller dieser Unrat? Elende Mixturen! ich verachte euch. Ihr nichtswürdigen Gemische seid meines Wunsches nicht wert. – Ein vernünftiger Mensch macht sich seiner unwürdig, wenn er an solchen Kleinigkeiten ein Vergnügen findet. Der Mensch will sich sättigen; was hierzu führt, ist ihm genug, sei es, was es wolle.«

Er machte mit einem guten Dutzend Eicheln die Probe auf der Stelle und ward in kurzem mit seiner Kost so vertraut, daß er – ut prisca gens mortalium – nichts Bessers wünschte und verlangte. Er verachtete von Tage zu Tage mehr alle die Glückseligkeiten, die innerhalb dem Umkreise seiner Kenntnis lagen, und setzte alle Sterbliche unter sich herab, die sich nicht von Eicheln nährten. – Ei, ei! das letzte ist eine schlimme Vorbedeutung! Das war ja wohl gar eine kleine Regung von Neide, die diese Herabsetzung bewirkte? – Gewiß, nichts anders! Der Neid war es, der sie ihm eingab, der von menschlichen Seelen, wie der Schatten vom Körper, unzertrennlich ist, sobald die Kenntnis größerer Glückseligkeiten, die ihnen mangeln, einen starken Strahl auf sie wirft. Dreimal glücklich sind wir alsdann, wenn unsre Eigenliebe noch in einer glücklichen Ebbe wie bei meinem Helden sich befindet und nicht zur Flut der Leidenschaft, zum Stolze, emporgestiegen ist – wenn es mit ihm einmal so weit kömmt, daß seine Kenntnis von Glückseligkeiten erweitert und seine Begierde darnach reizbarer wird; wenn dadurch die Vergleichung seiner selbst mit andern Menschen den gegenwärtigen Sprößling von Neide zu Emulation, zur Vorzugssucht anwachsen läßt: dann, dann ist es um seine philosophische Stille des Gemütes geschehen, dann wird eine Leidenschaft die andre entzünden, nachdem der Zufall diesen oder jenen Zunder unterlegt; seine Begierden werden wie wilde Rosse anziehen und fortrennen, und dann mag der Kutscher sehn, wie er sie regiert.

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