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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 120
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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12.

»Nein«, sagte der Philosoph rund weg; der H. v. a × b knirschte mit den Zähnen, schlug mit der geballten Faust in die linke Hand, drehte sich um und ging. Unglückliche Vorbedeutungen, die gewiß Rache prophezein! – die aber Knaut nicht zu vermuten Zeit hatte, weil sein vorhergehender Unwille über den Sieg, den Elmickor über seine Rechtschaffenheit erzwungen hatte, sich in die höchste Freude, deren er fähig war, verwandelte, daß gegenwärtig durch eine mutige Behauptung seiner Ehrlichkeit jene Verletzung derselben wieder gut gemacht war. Diese Freude hatte längst aufgehört und der neue Liebhaber von Amandens Hand und Vermögen Besitz genommen, und Knaut lebte noch immer in seiner Sicherheit dahin, hatte jenen Beweis seiner Standhaftigkeit schon wieder vergessen und befürchtete nichts weniger als Rache von seiten des beleidigten H. v. a × b, obgleich dieser mit nichts umging, als wie er seinen Zorn an dem verhaßten Philosophen befriedigen sollte.

Dieses gute Geschöpf war unter dem neuen Regimente, das Amandens Einsamkeit in einen Schauplatz von unaufhörlichen Vergnügen umgeschaffen hatte, in eine solche Verachtung, selbst bei seiner Gebieterin, geraten, daß sie kaum seine Existenz noch wußte; so sehr hatte sie ihn vergessen, daß sie ihn bloß deswegen nicht verabschiedete, weil sie nie daran dachte, daß er in ihrem Hause überflüssig war. Die unendlich mannigfaltigen Ergötzlichkeiten, mit welchen sie der neue H. Gemahl täglich unterhielt, hatten ihre Neigung ganz auf das Vergnügen gelenkt und ihre Liebe zum Sonderbaren völlig verdrungen; da sich ihre Hochachtung für unsern Philosophen einzig hierauf gründete, so mußte jene notwendig umstürzen, sobald ihr Grund zu sinken anfing. Gleichwohl war bei Knauten ein gewisser Grad von Achtung zum Bedürfnisse geworden, den er sonst, ehe er ihn schmeckte, zu einer Zeit, wo sich seine Grundsätze bildeten, nicht einmal vermißte; itzt zog seine Philosophie eine verzweifelte Grimasse, da ihm alle Achtung, alle freundliche Begegnung gänzlich entzogen wurde; seine Glückseligkeit war nach allem Zeugnisse seines Gefühles vermindert, und zwar doppelt vermindert, denn seine Grundsätze kamen zugleich in Gefahr, verleugnet zu werden. Der neue Beherrscher des Hauses verwies ihn sogleich bei dem Antritte seiner Regierung vom Tische und aus seiner und Amandens Gesellschaft, die aus einem Reste von Liebe ihn durch Vorbitten von seinem grausamen Vorsatze zurückhielt, ihn als ein unnützes Mitglied aus dem Hause zu verweisen; weil er in seiner Macht noch nicht befestigt genug war, so ließ er sich damit begnügen, ihn ganz aus seinem und Amandens Anblick zu verbannen. Diesem Beispiele folgte der ganze Hofstaat: Niemand würdigte ihn eher seines Anblicks, als wenn er über ihn lachen wollte.

Was zu tun? – Die Lage war traurig. O Tobias Knaut! wären die körperlichen Bedürfnisse noch deine einzigen! wäre keinen körperlichen Schmerz empfinden noch dein ganzes Wohlsein! hättest du keine Vorurteile – oder wie ihr Philosophen es an euch lieber nennen hört –, keine Grundsätze, die dir so fest als das Leben am Herze hängen! hättest du nicht das gefährliche Gift der Achtung gekostet! hätte sich in deinen Begriff von Glückseligkeit nicht ein imaginarisches Ingredienz hineingeschlichen, das mit der Zeit vielleicht alle übrigen verschlingen und sich zum einzigen Bestandteile des Wohlergehens in deiner Vorstellung machen kann! – Du wärest itzt so ruhig, wärest in der Verachtung so glücklich, ohne zu wissen, daß man es in der Achtung mehr sein könne! Du hättest itzt nicht das Herzeleid zu ertragen, daß deine Grundsätze mit deinen Empfindungen auf das hitzigste kämpfen!

Die Unruhen über die gegenwärtige Verachtung wuchsen zu einer Höhe an, die sich kaum mit dem Stoizismus zu vertragen schien; seine Empfindung vermißte etwas; er suchte dies Etwas an allen Orten und fand es nirgends. In der Einsamkeit schien er seinen Verlust oft weniger zu fühlen, und oft diente sie nur, um die Empfindung eines Mangels zu verstärken; er dachte sich nie mit völliger Deutlichkeit, worinne sein Mangel eigentlich bestand – ein Umstand, der jeden innerlichen Sturm wütender macht! – wenn eine immerwährende unangenehme Empfindung in uns stürmt und einen Klumpen trauriger Ideen nach dem andern, wie der Sturmwind die Wellen, aus dem Grunde der Seele emporwirft und wieder niederstürzen läßt, ohne daß sie uns Zeit vergönnt, bei einer einzigen sekundenlang zu verweilen; wenn wir bloß fühlen, daß uns etwas fehlt, ohne überlegen zu können, was uns fehlt – was gehört mehr dazu, um unsre Glückseligkeit merklich zu vermindern?

Unser Philosoph schlich in diesem höchst unglücklichen Zustande lange Zeit herum, setzte sich in das Lindenkabinett – drei Minuten! und es war nicht mehr dazubleiben! – er ging die lange Allee hinunter, und in der Mitte war es ihm schon äußerst zuwider, daß sie noch einmal so lang war – es war ihm zu licht in der Allee, er wollte in die Dunkelheit – er ging zum Garten hinaus in das nahe Birkenbüschchen – hier war es unleidlich, obgleich von allen Seiten her die Anmut gleichsam ausduftete – er ging hindurch in den düstern Fichtenwald – nicht übel war es hier bei dem Eintritte und in etlichen Minuten unerträglich wie in der Hölle! – er ging heraus auf das Feld – er sah elende Fronarbeiter mit Hitze, Schweiß und niederdrückender Arbeit kämpfen – er beneidete ihre Glückseligkeit – er wünschte einer unter ihnen zu sein – kein Ort, keine Annehmlichkeit, nichts, nichts befriedigte ihn, und alles war ihm widerlich.

Lange kann eine solche Empfindung nicht toben; sie wird endlich matt, und dann hellen sich unsre Ideen allmählich bis zur Deutlichkeit auf, sie steigen nicht mehr so haufenweise und so verworren in uns empor, wir unterscheiden sie wieder und geraten allmählich auf die Ursache des vorigen Sturms; und nun sind zween Fälle möglich: Entweder wird aus dem Sturme ein nagender Kummer oder eine geduldige Stille.

Zum voraus kann man raten, worein sich die Unruhe meines Helden verwandeln wird – in gelaßne Stille! – zumal da sein höchster Grundsatz mit aller Gewalt auf diesen Punkt losarbeiten muß, wenn er nicht verdrängt werden will. Es war gerade an einem Feste, das Amandens Gemahl der Nachbarschaft gab, als der Kummer bei jenem seinen kritischen Tag erreichte; alles war geschäftig, alles fröhlich, nur er saß einsam in einer dichtverwachsnen kühlen schattichten Eremitage und hing seinen Gedanken nach.

»Ei«, sagte er endlich nach langem Nachsinnen, »was entbehre ich denn? – Zwang, Überdruß, Langeweile! den Anblick fröhlicher Menschen, die mir es übelnehmen, wenn ich mit ihnen fröhlich bin! Überladung, Unmäßigkeit, Liebe zum Wohlleben – sind das nicht Übel, die ich gern entbehren muß? – Ehret mich niemand, so brauche ich niemanden zu ehren; verachtet man mich – so bin ich niemanden Verbindlichkeit für seine Achtung schuldig; ich werde dadurch nichts besser noch schlimmer; was nicht in meiner Gewalt ist, kann ich mir nicht geben; ist es etwas Gutes, so muß ich denen Glück wünschen, die es statt meiner empfangen; ist es etwas Böses – warum sollte ich mich denn grämen, daß ich's nicht besitze? – Und – andre Leute tun mir durch ihre Verachtung keinen Schaden; nein, meine Einbildung tut mir ihn! diese macht mich glücklich oder unglücklich! – Was liegt mir denn an dieser Fröhlichkeit, an dieser Ehre? – Ich bin immer, auch ohne sie glücklich.«

Dies letzte sprach er mit einem Akzente aus, den Aulus um keinen Viertelton höher stimmen kann, wenn er sich selbst bewundert, daß ein halbes Dutzend Zeitungsschreiber ihn zum ersten Schriftsteller der Nation durch ihren Richterspruch erhoben haben. – Knautens Grundsätze waren in Sicherheit gebracht, und so verachte, verspotte man ihn, so sehr man will – ihm ist wohl!

Aber wie lange? – Der H. v. a × bist sein Feind; ob er gleich durch andre Mittel und Wege zu seinem Zwecke hätte gelangen können, so war er doch einmal auf die Vermittelung unsers Philosophen so erpicht, als wenn sie der einzige Weg dazu gewesen wäre, und daher um so mehr erbittert, da er ihm verlegt wurde; er dachte auf Rache. Was läßt sich einem guten Philosophen Leides zufügen, der mit so vieler Indolenz wider alles Unglück bewaffnet ist? – Seine Rache hätte allenfalls damit zufrieden sein können, ihn aus dem Hause seiner Schwester zu bringen und dadurch allen Drangseligkeiten der Dürftigkeit bloßzustellen, wozu keine großen Kunstgriffe nötig waren; doch dies dünkte ihm viel zu wenig.

Unter den vielen Ergötzlichkeiten, die Amandens neuer Gemahl für sie täglich aussann, hatte er einen Papagei mit der äußersten Sorgfalt heimlich abgerichtet, ihr unaufhörlich vorzuschwatzen: »Ah, Madame, que Vous êtes belle!« – Sein erhabner Lehrer war so entzückt, als er ihn dies zum ersten Male vernehmlich sagen hörte, daß er seinem Kammerdiener ein paar abgelegte samtne Beinkleider vor großen Freuden auf der Stelle schenkte. Der Vogel wurde des Abends heimlich in Amandens Stube gehängt, und da sie des Morgens aus ihrem Schlafgemache trat, schallte ihr der angenehme Morgengruß entgegen: »Ah, Madame, que Vous êtes belle!« – Ein solches Kompliment, in ein Paar Frauenzimmerohren gerufen, zu einer Zeit, wo die Schönheiten noch nicht in Ordnung gebracht sind und man sich also gar keines Beifalls vermutet – wie muß das kützeln! – Sie sah sich erstaunt um, fand den Vogel, der ununterbrochen seinen Lobspruch wiederholte, und ob es gleich nur ein unvernünftiges Geschöpf war, so glaubte sie doch zuversichtlich, daß das liebe Vieh den besten Geschmack in der ganzen Gegend habe, ihren Herrn Gemahl ausgenommen. Sie war so entzückt, jene süßtönenden Worte beständig zu hören, daß sie beinahe den Entschluß faßte, ein Hospital für invalide Papageien zu stiften, nach dem Schlage, wie der Märchensager Hr. de la Porte in einem gewissen Lande unsrer Erdkugel für die Flöhe angetroffen haben will. Mitten während dieser Freude, als Amande nur einen flüchtigen Gang in den Garten getan hatte und voller Erwartung wieder zurückkam, bei ihrem Eintritte in das Zimmer ihr Lob entgegentönen zu hören – siehe da! alles war stumm! – Sie hustete; der Vogel blieb stumm; sie fing an ihm vorzusagen: »Ah, Madame, que« – sie ging zu ihm und fand den Elenden auf den Boden hingestreckt, leblos und seinen Schnabel, der so göttliche Sachen gesagt hatte, auf immer geschlossen. Welches Herzeleid! Welcher Jammer! – Sie machte Lärm; sie tobte, sie wütete vor Zorn; sie kehrte alle ersinnliche Anstalten vor, ihn wieder zum Leben zu bringen: umsonst! Man fand sogar deutliche Merkmale, daß er von einer mörderischen Hand umgebracht worden war; das Blut auf dem Boden des Käfigs war ein sichtbarer Beweis. Amandens Betrübnis verwandelte sich in Zorn wider den unbekannten Missetäter; man stellte mit vereinten Kräften eine Untersuchung an, ihn ausfündig zu machen; niemand wußte davon. Endlich schlich sich eine von Amandens Bruder angestiftete Kreatur an ihre richterliche Seite und legte das erlogne Zeugnis ab, daß er unsern ehrlichen Tobias Knaut in das Zimmer habe schleichen sehen; man erinnerte sich seiner und war zufrieden, sich an jemanden für den Verlust rächen zu können, mochte er schuldig sein oder nicht. Um nicht etwa durch genauere Untersuchung ihn unschuldig zu finden und jene Befriedigung der Rache zu verlieren, schritt man ohne das mindeste Verhör zur Ausübung der Strafe und ließ den armen Knaut auf ewig aus dem Hause und den Grenzen des Rittergutes in den härtesten Ausdrücken durch den Hausverwalter verweisen, der ihn sogar die geringen Habseligkeiten, mit welchen ihn Amandens ehmalige Güte versorgte, zurückzulassen nötigte. Er ging durch eine Reihe lachender spottender Bedienten hindurch, die ihn mit ihrem Gelächter so lange verfolgten, bis er aus ihrem Gesichtskreise war; er ging – so ruhig wie aus seines Vaters Hause, als er Soldat werden wollte? – Nein, das konnte er nicht mehr! – Was hatte er denn also durch die Vermehrung seiner Empfindlichkeit gewonnen? – Nichts, als daß er einen Schmerz fühlte, wo er außer ihr keinen gefühlt hätte; er war mehr Mensch, das heißt, er empfand mehr, wie bitter zuweilen das Los der Menschheit ist – wenn man es richtig erklären will.

O ihr Sterblichen, die wir eingebildete Kreaturen Wilde nennen! – ob wir gleich im Grunde nur schön geputzte Wilde sind – wahrhaftig, Jean-Jacques hat doch nicht Unrecht, wenn er euch glücklich preist! Wir sehn auf euch herab und halten euch verächtlich für weniger Mensch; wir fühlen es, daß wir es mehr sind, und ihr fühlt es beinahe gar nicht, daß ihr es seid. In dem glücklichen Schlummer einer beständigen Kindheit des Verstandes, ohne entwickelte Ideen, ohne euch über dem ängstlichen Suchen nach Wahrheit und Tugend in fesselnde Zweifel und Unruhen zu verwirren, ohne die peinigenden Leidenschaften des Ehrgeizes, der Ruhmsucht – entbehrt ihr zwar alle die funkelnden Puppen, mit welchen wir weise Menschenkinder tändeln – aber schreit auch niemals wie wir Kinder, wenn sie uns weggerissen werden, empfindet nicht den Verdruß wie wir, wenn uns die Vernunft zuletzt sagt, daß es Puppen, frivole Puppen sind! tragt die Bürde der Menschheit, ohne zu wissen, daß sie leichter oder schwerer sein kann!

Glückliche Unwissenheit, die gewiß der Einsichten eines Neutons doppelt wert ist! – Wäre unser Knaut in der seinigen erhalten worden, hätte er nicht gewonnen? Er wäre so kalt, so unerschrocken – kurz, so ruhig itzt davongegangen als damals; aber so hatte er Glückseligkeiten zu verlassen, deren Kenntnis ihren Verlust tausendmal mehr verbitterte, als ihn ihr vorübergehender Genuß entzückt hatte, deren Kenntnis ihn die Aussicht in die künftige Abwesenheit derselben betrübt machte, um derentwillen ihm bei seiner Auswanderung eine Träne bis in das Auge stieg, die eine nicht geringe Bekümmernis in ihm voraussetzte. Sie war so stark angewachsen, daß seine Eigenliebe ganz darinne ersäuft wurde und ihn weder an seine Philosophie noch an die bevorstehende Gefahr seiner Grundsätze erinnern konnte. Hätte er nun vollends gewußt, daß sein Feind, der H. v. a × b, den unschuldigen Papen mit eigner Hand aufgeopfert hatte, um außer der tückischen Absicht das Vergnügen seiner Schwester und ihres ihm verhaßten Gemahls zu stören, zugleich sich an seiner Rechtschaffenheit für eine alte Beleidigung zu rächen, was würde er nur getan haben? – Ohne Zweifel wäre dies die beste Erleichterung seines Kummers gewesen, wenn ihm der Zufall nur einen einzigen Gedanken hiervon in den Kopf geworfen hätte; augenblicklich hätte er sich für einen unschuldig Leidenden angesehn, und das Vergnügen des Stolzes, um seiner Ehrlichkeit willen ausstehn zu müssen, wäre eine so mildernde Arznei gewesen, die den Schmerz gewiß abgekühlt hätte; aber dieser Trost war ihm versagt; der Zufall half ihm nicht dazu, und sein Gedächtnis konnte ihn auch auf keine Vermutung bringen, daß ihm seine Ehrlichkeit das gegenwärtige Unglück zugezogen habe. Es war also kein andrer Weg übrig: Er mußte sich grämen.

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