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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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10.

Diesem ganzen Baue, von dem Legen des ersten Grundsteins bis auf das Einschlagen des letzten Nagels, hatte der junge Tobias so unermüdet, so aufmerksam beigewohnt, als wenn ohne seinen Beistand die Vollendung des Gebäudes sich noch Jahrhunderte verzögern würde; und er konnte um soviel leichter diese freiwillige Arbeit über sich nehmen, da er schon frühzeitig das Leere und Eitle der menschlichen Wissenschaften in einem so vorzüglichen Grade kannte, daß er sogar die Buchstaben, weil sie Elemente der Wissenschaft sind, nicht zu lernen würdigte und also nichts bessers zu tun wußte. In drei Vierteljahren war der Bau geendet und folglich auch diese Gelegenheit vorüber, seine Nerven in Wirksamkeit zu setzen – denn einmal ist es nun nicht anders; solange wir Menschen sind, so fühlen wir ein unvermeidliches Verlangen darnach. Unsre Lebensgeister laufen auf und nieder wie ein geschäftiges Mädchen, das nichts zu tun hat – und wenn sie auch so dick wie meine Dinte und ihre Kanäle nicht elastischer als Eichenholz wären, sie ruhen doch nicht eher, als bis ihr ihnen etwas zu tun gebt, und solltet ihr auch nur Papierchen drehen oder Fliegen an einen hölzernen Griffel spießen oder ein Drehkreuzchen auf dem Tische herumlaufen lassen – Beschäftigungen, die kaiserliche Majestäten in Rom ihrer nicht unwürdig achteten. – Ebendiese Notwendigkeit brachte meinen Helden auf den Einfall, einen neuen Bau nach seinem eignen Plane anzufangen und darinne so lange fortzufahren, als seine Laune diese Beschäftigung unterhaltend finden würde. War diese Laune vorüber – und das mußte doch bei einem menschlichen Körper selbst von der knautischen Komplexion wenigstens zweimal in einem Tage sich zutragen –, was nun zu tun? Alle Begriffe, womit die Sinne seine Einbildungskraft versorgt hatten, waren innerhalb des Distriktes aufgelesen worden, worauf die Kirche, die neuerbaute Pfarrwohnung und das Schulhaus stunden. Unter allen diesen Vorstellungen hatte ihn keine so lebhaft gerührt als der Pfarr auf der Kanzel, wie er mit offnem Munde und mit hin und her sich bewegenden Händen, mit herumflatternden Ärmeln, undantibus manicis, und dem übrigen geistlichen Ornate auf die Zuhörer keuchend herabschreit. Da er zum ersten Male seiner Baumeisterrolle überdrüssig geworden war, siehe da! – ein Pfarr mit einer gepuderten Parücke, auf der Kanzel predigend, trat in dem Guckkasten seiner Einbildungskraft hervor, und der Maurer mit dem Schurzfelle nebst den Häusern, die vorher da gewesen waren, verschwanden. – Warum aber gerade der Pfarr? nach dem Maurer? – das weiß ich euch ebensowenig zu sagen, ihr lieben Leute, als warum ihr in der Karte spielt, wenn ihr Kegel zu schieben aufgehört, oder warum ihr an den Tambourrahmen geht, wenn ihr das Filet weggelegt habt; ebensowenig, als warum ihr auf dem Braunen reitet, wenn ihr von dem Schimmel gestiegen seid. – In Tobias' Guckkasten konnte ebensogut der Vater, wie er seine Schulkinder prügelt, hervortreten, oder die Mutter, wie sie die Kuh melkt, oder – wie viele Oder sind noch möglich! Der Pfarr kam nun – was kann ich dafür? – und kam allzeit, sooft der Maurer wegging.

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