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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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11.

Mittlerweile daß Amandens Liebe mit der Anständigkeit in ihrem Herze kämpfte und diese jedes Geständnis, wenn es sich gleich schon heimlich bis an den Rand der Lippe herangestohlen hatte, augenblicklich wieder zurückzog, gab sich ihr Bruder alle ersinnliche Mühe, ihr einen Ehegatten zu verschaffen, der Verstand und Einsichten genug besäße, um an etwas Besserm als einer elenden Soupe à la bière Geschmack zu finden. Er hatte auch wirklich schon lange ein tüchtiges Subjekt in Gedanken, einen Mann, der zwar in der Kunst zu essen unter ihm war, aber ihm doch alle Hoffnung gab, daß er mit der Zeit durch fleißige Bildung zu einer vorzüglichen Größe darinne gelangen könne. Er fühlte sich auch von Liebe zu Amanden durch und durch befeuert, als ihm ihr Bruder durch sichre Beweise dargetan hatte, daß sich ihr reines Vermögen auf dreißigtausend belaufe – so befeuert wurde er von der Liebe, daß er minutlich um sie anhalten wollte; allein der hitzige Liebhaber wußte nicht, was für einer Menge schlimmer Eigenschaften der nachteilige Eindruck auf Amanden benommen werden mußte, ehe er ihr nur erträglich werden konnte, und was für eine Strecke ist von da bis zur Liebe!

Während daß der H. v. a × b sich durch häufiges Nachsinnen über Plane zu Ausführung seiner Absichten täglich der Gefahr einer schlechten Verdauung aussetzte, schlich sich ein listiger Prätendent ohne sein Bewußtsein bei Amanden ein. Er war ein guter Tänzer, ein vortrefflicher Reiter, redte, seine Muttersprache ausgenommen, drei Sprachen in gehöriger Vollkommenheit, hatte Bücher in allen diesen Sprachen unter Händen gehabt, konnte mit einem Scherenschnitte die ganze Passion in Papier ausschneiden, Brüßler Spitzen sauber waschen, mit Chenille – o bis zum Entzücken schön! – nähen, hatte die Ehre gehabt, drei Comtessen von Fuß auf mit seiner Arbeit zu kleiden, wußte neunundneunzig amüsante Histörchen auswendig, verstund tausend andre angenehme Künste und – was das wichtigste war – hatte einen so geschmeidigen Rücken und eine so geläufige Zunge, daß sein ganzes Leben aus einer ununterbrochnen Verbeugung und seine Reden aus einem ununterbrochnen Lobspruche bestund. Diese sämtlichen Eigenschaften wußte er obendrein Amanden in einem so eindringenden Lichte vorzustellen, daß ihre Wirkung unwiderstehlich wurde; – wahrhaftig, ehe vier Wochen in die Welt kamen, war sie mit Leib und Seele die seinige; sie versprach ihm ihre Hand, und der Herr Bruder erfuhr nicht eher eine Silbe davon, als bis er eben im Anzuge war, ihr Herz für seinen Mann einzunehmen. Er besah sich den künftigen Herrn Schwager, verachtete ihn herzlich und zog sich stillschweigend mit seinem Antrage zurück.

Ein verzweifelter Streich! der schon an sich eine Ahndung verdiente, wenn auch nicht ein dringendrer Umstand dazugekommen wäre! Er hatte Amanden in dem Trauertermine nach ihres ersten Mannes Tode, wo sie als eine rechtschaffne Witwe den ernsten Vorsatz faßte, ewig Witwe zu bleiben, durch verschiedene schleichende Künste beredet, ihm zu Unterstützung einer gewissen löblichen Absicht – das heißt zu Bezahlung seiner Schulden – eine ziemlich beträchtliche Summe mit der Bedingung vorzuschießen, daß er sie nie wieder bezahlte – wenigstens war doch diese Bedingung in seinem Gehirne. Mit den Witwenkleidern legte sie auch ihr Gelübde ab; mit dem Versprechen eines ewigen Witwenstandes hatte sie ihre Pflichten gegen die Manes ihres verstorbnen Gemahls erfüllt; sie dachte bei sich auf eine zweite Ehe und fand deswegen viele Bewegungsgründe, es in Rücksicht auf das Verlangen ihres Bruders gleichfalls bei dem Versprechen bewenden zu lassen und ihn von einer Zeit zur andern mit leeren Hoffnungen hinzuhalten. Um aber doch zum Zwecke zu gelangen, ließ er sich seinen Mann für die Unterstützung seines Interesse bei seiner Schwester verbindlich machen, sie, sobald sie seine Gemahlin sein würde, mit allen Kräften zu bewegen, daß sie ihrem Bruder die versprochne Summe nicht länger vorenthielte. Was nützte ihm itzt seine Vorsicht? – Sein Schutz war unkräftig und also auch die Verbindlichkeit. Er sann, und siehe da! Die Not lehrte ihn einen Ausweg.

Die Menschen sind gewiß nicht böse, wenn sie nicht die Umstände dazu machen. Gern, sehr gern hätte der H. v. a × b die Wissenschaft, sich mit Geschmacke zu nähren, ruhig fortstudiert und gewiß jede schlechte Handlung mit Abscheu von sich gewiesen, wenn sie ihm unter ihrer wahren Gestalt erschienen wäre; aber die Kostbarkeit seines Geld verzehrenden und Geld erfodernden Studiums, seine Neigung dafür, die aufgehäuften Schulden, die Verminderung seiner Glückseligkeit, wenn er seinen bisherigen Neigungen entsagen müßte – solche für eine menschliche Seele höchst dringende Bewegungsgründe drücken unsre Augen für die Abscheulichkeit jeder Handlung zu – wir machen es wie geldbedürftige Kandidaten des Ehestandes: Wir sehen von dem stinkenden Atem, von dem Auswuchse, von dem Paviangesichte weg und bloß auf den vollen Geldkasten – und so kann unsre noch so feine Empfindung des Schönen eine Hogarthische Mißgestalt in die Arme nehmen und unser sonst nicht stumpfes moralisches Gefühl sich mit einer niedrigen Handlung vertragen. – Weswegen, dies beiläufig zu sagen, ich es als eine der wichtigsten Regeln in der Philosophie des Lebens betrachte, bei der Revision seiner Neigungen keine zu dulden, die uns zu Sklaven äußrer Umstände macht – wenn es sich tun läßt!

Bei Amandens Bruder war die Beobachtung dieser goldnen Regel nun einmal versäumt worden, und er errötete nicht vor dem Anschlage, seine Schwester vor ihrer vorhabenden Vermählung zur Unterschrift einer Versichrung zu bringen, worinne sie sich zu Bezahlung der erfoderlichen Summe anheischig machte. Um seinen Entwurf ohne Gewalttätigkeit auszuführen, wandte er sich an unsern Philosophen. Man weiß, daß von jeher die Gattung von Menschen, zu welcher er gehörte, zu schlauer Unterstützung eines listigen Plans entweder ungeschickt oder zu rechtschaffen war; ob in dem letzten allemal und allein der Grund davon lag oder in beiden zusammen, will ich nicht entscheiden; genug, er hatte seinen Mann nicht gut gewählt. Er trug ihm an, seine Beschützerin bei Gelegenheiten, die er ihm angab, gleichsam spielend dahinzubringen, daß sie ihren Namen auf ein leeres Blatt schrieb. Die Art, wie er dies bewerkstelligen sollte, war sinnreich ausgedacht, aber von einem Tobias Knaut nicht so leicht ausgeführt; – man wird leicht raten, daß er diesen unterschriebnen Bogen gebrauchen wollte, um die bemeldete Versichrung darauf zu schreiben und sich dadurch eine gegründete Anfoderung an ihr zu verschaffen.

Der Philosoph erkundigte sich sogleich: »Warum? Zu was Ende?« – und tat zehn andre phlegmatische Fragen; und da sie alle mit leeren Erdichtungen beantwortet waren, so schlug er es ihm geradezu ab, entdeckte aus natürlicher Offenherzigkeit seiner Beschützerin die geschehene Zumutung und lud sich dadurch den ganzen Unwillen ihres beleidigten Bruders auf den Hals.

Warum handelte nur unser Philosoph gerade so und nicht anders? – Eine wunderliche Frage! Nicht wahr? – Aber ich kenne sein Herz; ich kann sie also beantworten; und wer sein eignes ebenso gut kennt, kann sich eine solche Anfrage jederzeit ebenso gut beantworten, wenn er sie in einem vorkommenden Falle sich zu tun geruhte.

Das setze ich als ausgemacht voraus, daß er einen gehörigen Vorrat von Rechtschaffenheit in sich besaß, um Unrecht als Unrecht, Betriegerei als Betriegerei zu verabscheuen und sich es auf keine Weise zu erlauben, sich als ein Werkzeug dazu gebrauchen zu lassen; aber die Rechtschaffenheit an sich ist ein träges Schiff, das weder vorwärts noch rückwärts sich bewegt, solange keiner unter den zweiunddreißig Winden es durch einen Stoß nach einer Gegend zutreibt. Tausend kleine unmerkbare Wirkungen von Ideen, Trieben, Leidenschaften und zufälligen Umständen müssen gleichsam die Segel unsrer Rechtschaffenheit anschwellen, um sie entweder in einer glücklichen Richtung fortzustoßen oder – an eine Klippe zu werfen. Der edelste beste Mensch muß sich mit Leib und Seele gerade in den und den Umständen befinden, um so oder so zu handeln, oder seine Entschließung fällt ganz anders aus. Die schwerste Wissenschaft dabei ist nur, mit der Gewißheit, mit welcher der Seefahrer den jedesmaligen Wind auf seiner Schifferrose zeigen kann, die unzähligen kleinen Lüftchen auszuforschen, deren zusammengesetzte Wirkung unserm jedesmaligen Entschlusse seine bestimmte Richtung gibt.

Knaut saß im Garten, als ihm jener Antrag geschah, und dachte über seine Glückseligkeit nach, fühlte sie so stark, daß er in dem Augenblicke sie nicht mit dem Throne eines Fürsten vertauscht haben würde. Außer und in seinem Leibe war heitres Wetter, dessen Empfindung das Gefühl seiner Glückseligkeit um vieles erhöhte. Kurz vorher, ehe der Bruder seiner Gebieterin sich mit seiner Bitte bei ihm einfand, stund in seinem Gehirne durch ein zufälliges Spiel der Phantasie die Szene auf, wie Elmickor durch die härtesten Mittel seinen Stoizismus überwindet und ihn zu einer Betriegerei zwingt. Damals hatte ihm sein Witz die Vorstellung der Sache so dienstfertig gemildert, daß ihm in der Not seine Entschließung nicht eine Minute lang auf der schlimmen Seite erschien; doch itzt, da die Blendung trauriger Umstände wegfiel, itzt mitten unter dem Gefühle des Wohlseins sah ihm seine damalige Handlung pechschwarz aus, ganz in den dunkelsten Schatten gehüllt, daß er erschrocken zurückfuhr, sich vor sich selbst schämte, und sein Witz war selbst so bestürzt, daß er nicht die mindeste Entschuldigung an die Hand gab. Während des widrigen Gefühls, das durch den Kontrast gegen sein kurz vorhergehendes um ein Dritteil erhoben wurde, machte ihm der H. v. a × b den höchst verdächtigen Antrag, dessen Verdächtigkeit ihm seine aufgebrachte Phantasie und sein Widerwille gegen sich selbst mit den auffallendsten Farben ausmalten – alle seine damaligen Gedanken und Empfindungen bliesen mit vereinten Kräften auf seine Rechtschaffenheit zu und rissen sie nach einer solchen Richtung hin, daß sie dem vormaligen Gönner des Philosophen sein Verlangen rund abschlug und durch den höchsten Preis nicht würde zu bewegen gewesen sein, es ihm nicht abzuschlagen. Wäre der Antrag frühzeitiger angekommen, zu der Zeit, da das Gedächtnis noch nicht die Betriegerei des Elmickor herbeigerufen hatte – Rechtschaffenheit, was hättest du da getan? – Wohin dich die damaligen Gedanken und Empfindungen getrieben hätten, dahin wärst du gewandert; vielleicht hättest du nein, vielleicht auch ja gesagt, und es würde dem gefälligen Witze gewiß nicht an Beschönigungen gefehlt haben, wenn du eine deiner itzigen ganz entgegengesetzte Partie ergriffen hättest.

Mensch, so ist das Uhrwerk deiner Tugend und Rechtschaffenheit!

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