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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 118
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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10.

Die Wirkungen des Eichelgerichts waren bei dem H. v. a × b nicht so dauerhaft als bei seiner Schwester; ein schönes Diné hob den ganzen Eindruck davon auf; doch bei ihr ließ ihn die einsamere Lebensart, die geringere Zerstreuung in andre Vergnügen seine ganze Kraft beweisen. Die bei dem Eichelmahle gezeigte Sonderbarkeit seiner Denkungsart und Weise zu handeln war also, wie bereits gemeldet worden ist, die erste Gelegenheit, wo ihr Herz bei dem Namen Tobias Knaut eine Empfindung hatte – keine Empfindung weiter, als die wir bei dem Anblicke einer Sache haben, die das ist, was wir lieben; er hatte ihre Neigung zum Sonderbaren für sich interessiert. Je öftrer dieses Interessieren wiederholt wurde – und dazu findet sich bei einem Knaut vielfältige Gelegenheit, wenn er nur einmal eine mit Empfindung begleitete Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat –, je stärker wurde der jedesmalige Grad derselben, und diese einzelnen Interessierungen machten zusammen ein Ganzes, das einer gewissen Interessierung gleich war, die ich noch nicht mit ihrem eignen Namen benennen will.

Außerdem – du leidige Einsamkeit, du hast schon manchen großen Kopf gebildet, aber auch manches Liebeshistörchen erzeugt! manche Tugend und manches Laster geboren! – Die Einsamkeit war es, sage ich, die jene Summe von Interessierungen ungemein verstärkte. Alle ihre ehmaligen Gesellschafter hatte der Bruder von der Gebieterin meines Philosophen aus gewissen Ursachen auf die listigste Weise abgeschnitten, ohne daß sie inne wurde, warum ihre Freunde sie allmählich ganz verließen; ihre Lieblingsbücher waren ihr gleichfalls zum Teil von ihm geraubt worden, und in den noch vorhandnen hatte das Anziehende auch durch öftern Gebrauch seine Wirkungskraft verloren; ihr Gefühl für das bisherige Paradoxe war stumpf und verlangte schlechterdings etwas Neues; gleichwohl war eine allgemeine Unfruchtbarkeit an solchen Schriften; jedermann begnügte sich, die alten Paradoxien ihrer Lieblinge zu wiederholen, zu prüfen, zu läutern, zu widerlegen, zu beweisen; an allem dem lag ihr nichts. Der einzige Voltaire war noch ihr Glück; seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit versorgte sie zwar mit Lektüre, allein wie viele unbeschäftigte Stunden mußten in dreihundertundfünfundsechzig Tagen leer ausgehen, ob sie gleich keinen Gedanken ungelesen ließ, der in seinem Kopfe gewesen sein sollte. Bei einem so gänzlichen Mangel an Beschäftigungen für ihre Ideen und Empfindung – und beide hatten sich doch bisher in einer beständigen Tätigkeit befunden –, der Langeweile und dem Verdrusse preisgegeben, aller Gegenstände beraubt, die menschliche Gefühle beschäftigen können, außer ihrem Hausphilosophen – was sollte sie in solchen Umständen tun, um nicht vor Ungeduld zu vergehn? – Einmal war es ihr zum Bedürfnisse geworden, etwas zu lieben, zu bewundern, geliebt, bewundert zu werden; ihre Gesellschaft aus der Nachbarschaft war ihr unschmackhaft geworden, weil jedermann ihre oft wiedergekauten Paradoxien gewohnt war und nicht im mindesten mehr dadurch frappiert wurde, um sie widerlegen oder dafür erstaunen zu wollen; welches Elend! wenn unsrer Neigung so ganz die gewohnte Nahrung entzogen wird und doch keine andre sich darbietet, die das traurige Leere ausfüllen könnte! – Was täten Sie, meine Schönen insgesamt, in einer solchen unglücklichen Lage? – Lassen Sie sich die Antwort von Ihrem Herzen geschwind ins Ohr sagen! Ich will nichts davon wissen; aber hören Sie nur und urteilen, ob Amande – so wollen wir sie inskünftige nennen – eben das tat, was Ihnen Ihr Herz itzt statt der Antwort zulispelte!

Mit einem Worte – Amande liebte!

Ihren Schoßhund? ihre Garderobe? ihr Kammermädchen? ihre Arbeit? – Wer weiß, wie viele andre hätten sich hiermit begnügt; alles waren Sachen, die ihre Empfindlichkeit nicht erschöpften! – Sie liebte – Tobias Knauten! – und zwar aus bloßer Langeweile, aus bloßem Mangel an andern vernünftigen Geschöpfen. – Wenn eine reiche Einbildungskraft ganz ungebunden herumschweifen kann, ohne daß die äußeren mannigfaltigen Veranlassungen der Gesellschaft ihren Lauf bald dahin, bald dorthin lenken oder ohne daß sie jemals eine bestimmte fortgesetzte Richtung von ernsten Beschäftigungen bekömmt, so brütet sie solche ungeheure Geburten, Zusammensetzungen und Verbindungen von Ideen aus, tut solche ungeheure Sprünge als im Schlummer; wir träumen wachend, und desto ungeheurer, weil ein stärkeres Bewußtsein dabei ist. Wie leicht ist es, daß sie bei ihrem ausgelaßnen Hüpfen und Herumwälzen an eine von den unzähligen Saiten der Empfindung stößt – sie tönt; und da, nach der Aussage einer Schriftstellerin, im weiblichen Herzen alle Saiten nach dem Tone der Liebe gestimmt sind, so ist es unvermeidlich – die Einbildungskraft berühre welche Saite sie will, sie tönt Liebe! – So ist es unvermeidlich, eine Tochter Evens in der Einsamkeit muß sich verlieben! – Und ist kein Tobias Knaut bei der Hand, so lieben sie Schimären ihrer Phantasie, schaffen sich einen Adonis im Gehirne, um ihn im Gehirne anzubeten.

O Ihr, die das Schicksal mit einem lebhaften Geiste in die Einsamkeit setzte, beschäftigt Euern Kopf! Beschäftigungen der Hände lassen der Phantasie zu vielen Raum zum Herumschweifen. Beschäftigt den Kopf – je nützlicher, versteht sich, je besser! – Laßt die Einbildungskraft nie müßig herumschlendern – oder ich mache gleich für Eure Tugend ein Sterbelied! – Es gehört viel dazu, um nicht durch die Einsamkeit schlimmer zu werden als durch die schlimmste Gesellschaft.

Inzwischen war Amandens Witwentugend nicht halb so sehr in Gefahr, als man nach dieser Einleitung vermuten sollte; wenn man nur einen Philosophen um sich hat, so hat das Ding wenig zu bedeuten; die Tugend stirbt alsdann höchstens in effigie, in uns; und – so weiter.

Knautens Philosophie war Amandens Rettung und also das Pflaster für die Wunde, woran sie den ersten Schnitt getan hatte. Außerdem war ihre Liebeserklärung nicht so wollüstig anlockend wie Emiliens ihre an Selmannen, noch so ganz ohne alle Delikatesse handgreiflich wie die Methode der Madam Sophronius, sondern mit derjenigen Behutsamkeit begleitet, die ein feines Gefühl von Anständigkeit niemals verläßt; alles war nur halb gesagt und ließ den Zuhörer eine Menge hinzudenken, ohne daß es gar nichts gesagt hieß; Blicke, Mienen, Gebärden redten die ganze geheimnisvolle Sprache der Liebe, die aber niemand versteht, dem die Natur nicht das Wörterbuch dazu ins Herz geschrieben hat; so ausschweifend und ungeheuer auch ihre Neigung war, so konnte es doch ihr Geschmack, ihre lebhafte Empfindung des Schicklichen und Schönen nicht dahinbringen, sie zu unterdrücken, und sowenig ihre Delikatesse bei einem Philosophen von Knautens Art zu wagen hatte, der keine einzige von den superfeinen Gefühlen richardsonischer Frauenzimmer kannte, so widersprach doch alles in ihr einem deutlichen Geständnisse – oder, welches vielleicht viele lieber hören werden, der Rest ihrer von der Einbildungskraft verführten Tugend widersetzte sich einem solchen Geständnisse. Kein Wunder also, daß der Philosoph von einer so undeutlichen Sprache nicht eine Silbe verstund, und wenn sie sich nicht herabläßt, ohne Rückhalt in gutem planem Deutsch mit ihm zu sprechen, so muß sie unerhört bis an ihren Tod in seinen Ketten seufzen; denn der unempfindliche Knaut fühlte so wenig von den Schmerzen der Liebe, daß er mitten unter ihren Unruhen die höchste Glückseligkeit seines Lebens genoß.

Bekanntermaßen kann man das System einer ununterbrochnen allgemeinen menschlichen Glückseligkeit nie besser und leichter behaupten, als wenn man keine Not hat. Von dieser war er in seinen gegenwärtigen Umständen völlig befreit; es mangelte ihm keine von den Bequemlichkeiten und Bedürfnissen, die er nach seinen Begriffen dafür hielt; er genoß sogar einige ihm ganz neue und deswegen desto besser tuende Annehmlichkeiten; die geheime Neigung seiner Gebieterin verschaffte ihm eine Aufmerksamkeit, Achtung und vorzügliche Begegnung, als noch keine seine kleine Eigenliebe gekützelt hatte. Welche Lage hätte günstiger sein können, um den schon eingewurzelten Grundsatz auf ewig zu befestigen, daß man in allen Umständen gleich glücklich sei? – Und eigentlich zu reden, ist unsre Glückseligkeit nur dann erst vollkommen, wenn unsre Umstände unsern Grundsätzen, Meinungen und Vorurteilen keinen Widerspruch tun, und auf dem höchsten Gipfel ist sie, wenn unsre Situation jenen Busenfreunden gar Recht gibt, ihnen schmeichelt.

Zu einem solchen Gipfel war itzt unser Philosoph gelangt: Er war glücklich, weil ihn nichts hinderte zu glauben, daß man es allzeit sein könne. Auch der Umkreis seiner Glückseligkeit wurde sehr erweitert: Er faßte verschiedene Dinge mit in den Zirkel derselben, die er vorher nicht gekannt und also auch nicht darein gesetzt hatte – Bequemlichkeit, Ruhe, Überfluß, Reichtum – genug alles, was seine gegenwärtigen Umstände als wirkende Ursache voraussetzten.

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