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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 117
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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9.

Haben wir es einmal so weit gebracht, daß wir die Gesellschaft, die uns umgibt, ihre Sitten und Lebensart nicht mißbilligen, so ist nur noch ein herzhafter Sprung übrig – und sie gefällt uns! Wir schmiegen uns unvermerkt unter die Denkungsart der ihrigen, und wenn ja Gelegenheiten vorkommen, wo sie von der unsrigen wie Himmel und Erde entfernt ist, so suchen wir den innerlichen Aufruhr dawider zu besänftigen, bis gar keiner mehr entsteht.

Mein Philosoph konnte die Meinungen und Grundsätze seines Patrons schon so gut verdauen, daß er alsdann, wenn ihm ihr Geschmack zu widrig war, schwieg und, wenn er mit Gewalt zum Beifalle aufgefodert wurde, wirklich wider sein Gewissen gestund, daß sie ihm vortrefflich schmeckten; doch fehlte es ihm deswegen nicht ganz an Standhaftigkeit.

Der Herr von a × b besaß außer seinen ökonomischen Kenntnissen eine, die ich oben in dem Register seiner Eigenschaften unberührt gelassen habe. Er hatte des ehrwürdigen Herrn Massialot Cuisinier royal et bourgeois so vollkommen studiert, daß seinem Gedächtnisse nicht eine einzige Art fehlte, wie rote Rüben für den Gaumen schmackbar gemacht werden können, er konnte trotz dem ausgelerntesten Maître d'hôtel eine Tafel servieren, Servietten brechen, daß man über seine Erfindungskraft erstaunen mußte; er wußte das kleinste Ingredienz, das zu einem Gerichte erfodert wird, und sein Geschmack hatte sich so übermäßig verfeinert, daß er es bei dem ersten Bissen gleich schmeckte, wenn es darinne fehlte. Durch unermüdetes Nachsinnen hatte er sogar seinen Lehrmeister überholt und ein Supplement von vierundneunzig Suppen, hundertundzwei Arten Gebacknes und eine unzählige Menge andrer Kunstwerke für die Küche ausgesonnen, deren Namen für einen Gelehrten so fremd sind als diesem spekulativischen Kopfe das barbara celerant. Da sein Studium hierinne bestund, so mußte sein Gespräch den Stoff aus dem nämlichen Fache der menschlichen Wissenschaften holen und seine Grundsätze die Grundsätze seines Lehrmeisters sein, que le plaisir de la table est de toutes les nations et de tout homme, und wie sie weiter heißen mögen. Er hegte auch die gute Hoffnung, daß die Politur, die das übrige Deutschland itzt zierte, bald in seine Gegend durchdringen und man in allen benachbarten Häusern im besten Geschmacke zu essen geben würde, wo damals noch eine so unerträgliche Barbarei herrschte, daß ein Mann von Geschmack und Wissenschaft nicht ein Mittagsmahl einnehmen konnte, ohne sich durch seinen Unwillen über das viele Anstößige auf acht Tage lang den Appetit zu verderben.

Ein lächerlicher Kontrast war es, ihn neben seiner Schwester figurieren zu sehn, deren Spekulation auf viel geistigere Gegenstände ausging. Sie kannte zwar von denen Wissenschaften, die die Speise der Gelehrten sind, nur die Oberfläche, nur so viel, als ihre Neigung zum Sonderbaren zu sättigen nötig war, und gleichwohl war ihr Enthusiasmus für sie insgesamt so heftig, als wenn sie von Kindesbeinen an in dem Mittelpunkte derselben gelebt hätte. Sie bewunderte blind, aber lebhaft, oft bloß den seltsamen Klang der Worte, und ein Mann, dessen Schriften solche Verbindungen von Worten enthielten, die bei dem ersten Anhören jedes Mitglied ihrer Gesellschaft als ungereimt verdammte, war einer göttlichen Verehrung sicher und gewiß; sein Name war in ihrem Munde und in ihrem Herzen, bis ihn ein andrer mit noch auffallendern Paradoxien verdrängte. Helvetius, Rousseau und andre dergleichen ketzerische Schriftsteller waren ihre Lieblingsnamen; sie hatte das verständliche Besondre aus ihren Schriften abgeschöpft, um ihr Gespräch mit diesen zusammengelesnen Brocken pikant zu machen; sie wußte nicht, wie sie dazu kam, es für Wahrheit zu halten; denn die Beweise, die diese Männer brauchten, um ihre Meinungen zur Wahrscheinlichkeit zu erheben, überschlug sie als anklebenden Schulwust wohlbedächtig – es war ihr genug zu lesen, daß es der Natur gemäßer sei, von wilden Kastanien als von Brote zu leben, der Natur gemäßer, ein Hurone als ein polizierter Europäer zu sein, daß der Mensch alles um seines Interesse willen tue – ohne sich zu bekümmern, wie das gemeint war oder ob Helvetius und ein Kornhändler, wenn sie den Menschen alles um seines Interesse willen tun lassen, nicht von zwei ganz verschiedenen Dingen reden – alles dies und andre Erfodernisse, die man bei dem Lesen und der Nützung solcher Schriften nicht entbehren kann, beiseite gesetzt, war lesen und glauben bei ihr eins.

Ihr Bruder, der H. von a × b gab sich alle ersinnliche Mühe, sie von dergleichen unnützen und einer Dame höchst unanständigen Beschäftigungen abzuziehn und auf solche zu lenken, die nach seinen Einsichten einem Frauenzimmerverstande mehr Ehre machten. Er versorgte sie daher von Zeit zu Zeit mit den vortrefflichsten Kochbüchern und seinen eignen Ausarbeitungen, die in dieses Fach schlugen, mit den herrlichsten Notizen, wie an jedem Galatage die Tafel bei Hofe oder bei jeder Hochzeit von einigen Aufsehn serviert gewesen war, mit Nachrichten von Getreidepreisen, von den Aussichten auf künftige Teurung, von See- und Landstürmen, fruchtbaren und schädlichen Regen, Schloßen, Donnerwettern, Feuersbrünsten, Diebesgeschichten, Totschlägen etc. – lauter Neuigkeiten, die er durch eine höchst mühsame Korrespondenz viele Meilen weit erhielt. Doch die Frau Schwester – sie war eine junge Witwe – fand an allen diesen Herrlichkeiten keinen Geschmack und dankte ihm meistens mit einem höhnischen Lachen für die Mitteilung derselben. Um sein Verdienst vollständig zu machen , borgte er ihr alle ihre paradoxesten Lieblingsschriften allmählich ab, unter dem Vorwande, sich mit ihnen bekannt zu machen; doch ohne einen Blick darein zu werfen, wurden sie insgesamt unter einem Schwalle Verwalterrechnungen und Küchenrezepte vergraben, und da eines Abends Papier gesucht wurde, das Kaminfeuer so lange zu unterhalten, bis der Bediente Holz herbeibrachte, so fiel der unglückliche Helvetius gerade in die Hände; er mußte noch einmal in die Flamme und brannte mit einem so schönen Feuer, daß die Sorbonne und die Jesuiten ihre Freude daran hätte sehen müssen.

Auf diese Art hatte der Herr von a × b beinahe die ganze paradoxe Bibliothek seiner Schwester in sein Haus gebracht, und ihre Schränke waren dagegen mit den auserlesensten Küchenraritäten angefüllt. Da unser Knaut seiner Bestimmung von ihrem Bruder entsetzt worden war, so bat sie sich ihn zu ihrem Vorleser aus; er willigte herzlich gern darein und wollte den neuen Vorleser bereden, alle noch übrige böse Bücher seiner Schwester ihm heimlich auszuliefern. Er trat sein Amt an, und seine Gebieterin war ganz wohl mit ihm zufrieden. Kraft der ihm daher zuwachsenden Pflicht saß er eines Abends ihr gegenüber und las in der deutschen Übersetzung – den Helvetius – aber wohl gemerkt! nur die von ihr sogenannten brillanten Stellen, die sie mit einem Bleistiftstriche bezeichnet hatte, das heißt, die Überschriften der Kapitel, die etwas auffallenden Gedanken und die Histörchen. Ehe sie es vermutete, trat der Bruder herein, und zwar so schnell, daß es nicht möglich war, das Buch vor ihm zu verbergen, wozu auch der Vorleser nicht die mindeste Ursache bei sich fand. Er sah ihm flüchtig über die Schultern hinein; da er aber deutsche Buchstaben darinne gewahr wurde und deswegen glaubte, daß es alltäglich genug sein müßte, um keinen Schaden anzurichten, so war ihm der erste Blick schon genug. Er setzte sich, das Gespräch ging an, und indem er seine gewöhnlichen Zeitungen mitteilte, faßte unbewußterweise seine Hand das daliegende Buch, blätterte spielend hier, blätterte dort, bis durch einen Zufall seine Augen sich gleichfalls darein mischten und auf dem Titel – Helvetius gewahr wurden. Er hatte sich es nie versehn, daß die guten einfältigen Deutschen, die so gern auf der geraden betretnen Heerstraße fortwandeln, solche Bücher übersetzen würden, und erstaunte darum nicht wenig, den Helvetius in dieser Tracht zu finden.

»Aber, ma soeur«, fing er an, »warum willst du dir den Kopf mit dergleichen Sachen brouillieren? Laß die Bagatelles den Gelehrten, die weiter nichts zu tun haben!«

»Wo denkst du hin, mon frère? – Die weiter nichts zu tun haben! – Könnten sie etwas Erhabneres tun, als die Welt erleuchten?«

»Ach, die Welt erleuchten! Sie ist ohne ihre Mühe helle genug. Die fainéants wissen nicht, was sie mit der Zeit anfangen sollen; darum kalkulieren sie die Sterne, parlieren von Esprit, vom Gouvernement, von Education – und tausend andre Liaiseries. – Wenn sie dafür etwas Nützliches täten, auf dem Acker arbeiteten, brauchbare Leute in der Oeconomie würden, so verginge ihnen wohl die Lust, von solchen Grillen zu radotieren.«

»Aber, mon frère, wir haben ja nicht bloß einen Körper mit Nahrung und Bequemlichkeiten zu versorgen; soll unser Geist hungern? Wenn ein Teil der Menschen beschäftigt ist, für die Leiber aller übrigen zu arbeiten, so müssen die übrigen erkenntlich sein und den Geistern ihrer Mitbrüder die nämlichen Dienste erweisen.«

»Ach, ma soeur, alles brouillierte Ideen! Lauter Zeug, das dir deine Gelehrten aufgeheftet haben! Lächerlich! Was liegt mir an den Geistern der Leute, die mir mein Feld bauen? Gute robuste Körper, capable Hände! die gibt ihnen kein Gelehrter! – und diese brauchen sie! weiter nichts!«

»Bester Bruder, du setzest mich in Erstaunen! – Gesetzt diese armen Menschen hätten nicht mehr nötig, brauchst du denn nicht mehr? mehr Kenntnisse? mehr Ideen?«

»Du radotierst, Schwester! – Ich brauche freilich mehr, aber nützliche Ideen! nützliche Kenntnisse! Meinen Kopf werde ich mir in Ewigkeit mit dergleichen Grübeleien nicht gravieren, wie du –«

»Was nennst du denn deine nützlichen Kenntnisse?

»Aber daher kommen auch hernach solche hübsche Historiettes! wie neulich die mit dem Fripon, Elmickor! – Solche Erleuchtung geben die Gelehrten!«

Sie errötete und schlug die Augen nieder.

»Ich habe gelebt, vergnügt und wohl gelebt, ohne etwas vom Rousseau und Helvetius zu wissen. Die hypochondrischen Kreaturen! zum Pfluge mit ihnen! Da könnten sie ihren Hypochonder kurieren und sich nützlicher desennuyieren.«

»Mon cher frère, höre nur einmal diese Stelle: Jede Entdeckung eines Mannes von Genie und Wissenschaft hat einen Wert, sie betreffe, was sie wolle; ist ihr Nutzen nicht unmittelbar und in die Augen fallend, so ist er eine schlafende Kraft, die vielleicht erst unter unsrer Nachkommenschaft im dritten Gliede sich wirksam erzeigt. Man muß entweder das ganze Feld der Wissenschaften überschauen, im Buche des Schicksals lesen können, was für einen Samen von wichtigen Vorteilen für die Zukunft eine neue noch so sonderbare Meinung in sich schließt, wenn man über ihren Wert den Ausspruch tun will – man muß einsehen können, wieviel Zusatz die ganze Masse der Wahrheit durch eine neue Meinung empfängt oder wieviel Rost durch sie abgewischt wird – man muß beobachtet haben, wie vielen Einfluß die Herrschaft der Wahrheit oder des Irrtums, der Dummheit oder der Einsicht auf das individuelle und allgemeine Glück eines Volkes und auf die Sicherheit und die Regierungsart seines Beherrschers jederzeit gehabt hat – kurz, man muß entweder der größte Geist, der größte Gelehrte sein, um hierüber zu urteilen, oder demütig schweigen und sein Urteil auf die Ideen einschränken, die in eines jeden Horizonte liegen, nichts verachten, weil wir uns nicht damit beschäftigen –«

»A la braise«, unterbrach sie der H. v. a × b, wie aus einem Traume erwachend, »à la braise laß ich sie machen!«

Die schöne Verteidigerin der Wissenschaften war über diese Anrede betreten, bis sich endlich das Rätsel auflöste. Er hatte bei seinem Eintritte in das Haus sogleich dem Koche einen Besuch abgelegt und ihn mit einem Gerichte beschäftigt gefunden, das er ihm à la braise zuzubereiten anbefohl; denn er maßte sich die Schutzgerechtigkeit und Oberherrschaft über alle Köche des Heiligen Römischen Reichs an und übte sie in allen Küchen aus, die er nur betrat.

»Und dann«, fuhr er fort, »à propos! Ich habe unten einen Kapaun hängen sehn; heute mußt du mir ihn geben und zwar mit meiner Sauce à double entendre. (Eine Brühe von seiner Benennung und Erfindung!) Sie mag dir schmecken oder nicht. – La Reine de l'orient – Du kennst ja den creme! – die bitte ich mir auch aus; und le Maréchal de Belleisle! den englischen farce – dein Koch hat ihn ja neulich schon einmal gemacht – ja den kriegen wir vor dem Kapaune. Suppe mag ich heute nicht essen – ich esse ohnehin des Abends sehr wenig, wie du weißt. – Aber parbleu! La Soupe du grand Seigneur – ja die muß ich heute haben. – So ein kleines Soupéchen, wie ich sie liebe, das den Appetit zum déjeuné nicht benimmt!«

»Du bist sehr ökonomisch mit deinem Appetite, das weiß ich wohl.«

»Ja, par Dieu! hätte ich nicht so ordentlich gelebt, so äße ich schon lange nicht mehr! Ordnung gehört zum menschlichen Leben. Ordentlich, gut, wohl appretiert, mit gusto! – nicht solche unverständige bürgerliche Saufressen, wie dein voriger Mann liebte! – Eine verdammte Soupe à la bière, eine elende nackte longe de veau und elende Speckklößchen – das war meistens sein delicieusestes diné. – Quelle mangeaille! drum ist er auch niemals gesund gewesen, weil er so ganz unvernünftig gefressen hat.«

»Mit was für einer Sauce befiehlst du denn den Helvetius?«

»Mit der Sauce au diable! – Kannst du den Schwärmer noch nicht aus dem Kopfe bringen? – Schäme dich! So eine hübsche junge Witwe wie du, die sich alle Tage verheiraten soll, und sich mit solchen Poliçonneriern abzugeben! – Laß dir doch deinen Monsieur etius verschreiben und nimm ihn zum Manne! – Der wird vollends ein saubres Tischchen führen! – Eine Soupe à la bière wie dein verstorbner Mann! – Die vermaledeite Soupe à la bière! Mein Magen wird noch rebellisch, wenn ich daran denke.«

»Gern wollte ich mich in seiner Gesellschaft mit ihr begnügen; er würde mir Speisen zu genießen geben, die mich herrlicher sättigten –«

»Du radotierst, Schwester! – Diable! eine Soupe à la bière und hinterdrein ein Ragout von Esprit, Education und bon gouvernement! – Quel mets! – Das wäre ein Gerichtchen für Ihn, Herr Philosoph dort im Winkel! Nicht wahr?«

»Unsre Glückseligkeit ist in uns und bleibt dieselbe, man esse Eicheln oder Delikatessen!« war die Antwort des weisen Knauts.

»Pardi! Der Herr hat Recht! – In uns ist sie, das heißt, im Magen! – aber Eicheln bitt ich aus dem Spiele zu lassen.«

»In uns, in unsrer Vorstellung! – Nur darum schmecken uns Kapaune besser als Eicheln, weil wir es uns vorstellen –«

»Ventre saint gris! – Der Philosoph fängt wieder an, drollicht zu werden. – Und also ist auch wohl la Soupe du grand Seigneur nur darum besser als eine kahle Soupe à la bière, weil ich mir es so vorstelle? – Ma Soeur! unser Philosoph bekömmt heute eine Schüssel Eicheln mit der Sauce pitoyable, und Trotz, wenn er mir eine liegen läßt! – Er muß mir beweisen, daß er bei seinen Eicheln so glücklich ist, als ich bei der Reine de l'orient!«

Der Spaß war ernsthaft, denn der Herr von a × b hielt in dergleichen Fällen Wort. Es wurde auch wirklich das befohlne Gerichte bei Tische aufgetragen, und jedermann war aufmerksam, was er tun würde. Alles in dem Philosophen war dafür, sich lieber mit einem Widerrufe zu entehren, als dem Geschmacke wehe zu tun, als plötzlich der Stolz mit einer grämlichen Miene auf ihn losfuhr und so lange auf ihn zuschwatzte, bis er die Hand ausstreckte und seine Sauce pitoyable nebst den Eicheln herzhaft hinunterschluckte.

Dieser philosophische Streich brachte den Bruder seiner Gebieterin ganz aus der Fassung und hatte eine dreifache Wirkung: Knaut wurde seinem turlepinierenden Witze wieder interessant, seine Schwester bekam aus Liebe zum Sonderbaren eine wärmere Neigung für ihn – und der Philosoph die wärmste Neigung für sich und seine sonderbaren Meinungen; dies war der Zeitpunkt, wo seine Ehrbegierde auf ihr Ziel gerichtet wurde. Ein kleiner unbemerkter Umstand tut meistens dies im menschlichen Leben. Eine Kleinigkeit weist unsrer Eigenliebe unvermerkt den Gegenstand an, nach welchem sie schießen soll, um Bewundrung bei sich und andern zu gewinnen; und alsdann mögen noch so viele Faktionen unter unsern Neigungen entstehen, sie bringen uns nicht von diesem Ziele ab. – Das ist der Ursprung aller seltsamen Charaktere, die wir itzt bewundern oder belachen; wer sie erklären wollte, müßte im Buche des Schicksales alle ihre kleinsten geheimsten Begebenheiten und die feinsten Wirkungen derselben aufschlagen können.

Wenn der Charakter in diese Epoque getreten ist, dann naht er sich seiner Reife, oder dies ist vielmehr die letzte Stufe seiner Hauptverwandlungen. Lebhafte reizbare Gemüter werden in ihren ersten Jahren mit ihrer Ehrbegierde zu einer Menge Gegenständen hingezogen, unter welchen sie bei jedem nur eine Zeitlang verweilen, wie Schmetterlinge hüpft ihr Ehrgeiz von einer glänzenden Blume zur andern; ehe sie es denken, durch eine Reihe von Ursachen, die ich nicht erklären mag, geht es ihnen, wie herumflatternden Liebhabern – plötzlich fesselt sie eine Schöne so fest, daß sie aus ihren Banden sich nicht einmal heraus wünschen können, und sie bleibt zeitlebens die einzige, die alle ihre Empfindungen an sich zieht, einige kleine mechanische Seitenblicke auf andre hübsche Gesichter ausgenommen, die aber ohne Folgen sind; so wird unsre Ehrbegierde einmal, früh oder spät, an einen bestimmten Gegenstand fest geheftet, und unser Charakter hat den letzten vollendenden Meiselstich bekommen. – Das Schicksal und die eignen Wirkungen des Körpers und der Seele können ausputzen, verderben und verbessern – aber die Statue ist so weit fertig, daß man deutlich sieht, ob es ein Jupiter oder ein Herkules, ein Epikur, ein Zeno oder ein Tobias Knaut werden soll.

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