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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 116
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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8.

Der Himmel hat ihm geholfen:
Er wird ihnen treu bleiben
.

Er schlief ununterbrochen bis zum Anbruche des Tages, und niemand im Hause vermißte ihn, weil man eben einen andern Weg ausgefunden hatte, um, ohne seiner zu spotten, auf die Jagd des Vergnügens auszugehn. Der Schlaf hatte alle innerliche Stürme besänftigt, und an seinem ganzen Horizonte war heitres Wetter, als er aufwachte. Seine ersten Gedanken gerieten zwar gleich wieder auf den Fleck zurück, wo er sie gestern abends zurückgelassen hatte; aber itzt war es eine ganz andre Sache! Kein einziger hatte die Begleitung von Bitterkeit, Ärgerlichkeit, Unwillen, Mißvergnügen wie abends vorher hinter sich.

Es könnte scheinen, als wenn ich itzt nicht so glücklich wäre als in jeden andern Umständen, fing er an – warum denn aber nicht? – Man spottet meiner? Dadurch werde ich nicht schlimmer; ich bleibe, wer ich bin. Sie mögen es verantworten, daß sie ein so elendes Vergnügen wählen. – Zudem –

Hier schwieg er. Alle Kräfte seiner Seele und seines Leibes arbeiteten, in verschiedenen Parteien, ihm eine Entschließung abzuzwingen; alle hatten zum Endzwecke, ihn wieder glücklich zu machen. Genieße das Gegenwärtige! – so stieg eine Ermahnungsrede aus dem Magen auf – bedenke, daß jedes Glück dieser Welt kein reines Metall ohne schlechteren Zusatz ist; ein Weiser genießt die Substanz seines gegenwärtigen Glückes und wirft die bittre Schale weg. – Kann ich nicht so in allen Umständen glücklich sein? Ich genieße jederzeit das gegenwärtige Gute und das darunter gemischte Böse – ertrage ich. Es ist doch auch eine Glückseligkeit, an nichts Mangel leiden und alles fröhlich um sich zu sehn, ob man es gleich nicht auch sein kann. – Mein Glück soll zwar nur in mir sein und nichts weniger als von äußerlichen Dingen abhängen; aber – hier stotterte er – aber, fiel der Witz ins Wort, wenn man zugeworfne äußerliche Glückseligkeiten annimmt, so hält man sie deswegen nicht für wahres Glück, sondern man bildet sie sich nur auf eine Zeitlang als Glück ein; und so bleibt das Glück immer bloß in uns; unsre Vorstellung ist unser Glück.

Nachdem diese Vereinigung der gegenwärtigen Umstände mit seinen ehmaligen Grundsätzen gestiftet war, so blieb nichts mehr übrig, als daß er in das Haus zurückging und den Genuß der Dinge antrat, denen er auf einige Zeit das Prädikat als Glück beilegen wollte. Er genoß sie, und in kurzem ruhiger und zufriedner als vorher. Die Veränderlichkeit menschlicher Seelen hatte bei seinem Patrone und seiner Gesellschaft einen Überdruß an den Spöttereien über seine Person hervorgebracht, daß sie lieber kein Vergnügen, als dieses länger schmecken wollten; wie der gemeine Pöbel, wenn er des Harlekins satt ist, zum Taschenspieler läuft, so ließ jedermann den Philosophen ruhig leben und weben, wie und wo er wollte, ohne mit einem Blicke bei ihm zu verweilen; und folglich hatte sein Dasein in der Familie keinen Nutzen mehr; seine Bestimmung hörte auf. Doch gönnte man ihm mehr aus Vergessenheit, als aus Freigebigkeit oder Erkenntlichkeit für die geleisteten Dienste, gleich einem ausgedienten Hausrate, einen Platz im Hause und am Tische.

Ein kluger Steuermann denkt bei der heitersten Stille an künftigen Sturm, und Eulenspiegel nimmt bei dem schönsten Sonnenscheine den Regenmantel um; wäre diese Weltklugheit meinem Helden bekannt gewesen, so hätte ihm seine Ruhe fürchterlich geschienen. Wirklich war sie auch seiner Philosophie gefährlich. Er wich, ohne es zu wissen, täglich etliche Zolle mehr von seinen Grundsätzen ab und war in Gefahr, sie beinahe ganz aus dem Gesichte zu verlieren. Überfluß, Gastereien, Lustbarkeiten, Bequemlichkeiten waren ihm itzt teils nicht verwerflich, teils zu duldende und endlich gar ganz gute Dinge dieser Welt; sein Auge gewöhnte sich an fröhliche lachende Mienen, und sowenig die Muskeln seines Gesichts imstande waren, die Reihe mitzuhalten, so fand er doch nichts dawider einzuwenden; ja, er ging so weit, daß er schon auf ein System sann, worinne seine Prinzipien zum Grunde gelegt – das mußte nach allen Regeln der Eigenliebe sein! – und die Lebensart, die er täglich um sich sah, als ein Ingredienz zur Glückseligkeit daraus gefolgert wurde. Ein schweres Unternehmen, die Philosophie des H. von a × b mit seiner zusammenzuschmelzen! Aber was für Wunder kann menschlicher Witz nicht tun, wenn es darauf ankömmt, Umstände, in denen wir uns wohlbefinden, mit unsern Grundsätzen übereinstimmend zu machen! Ist unsre Tugend und Rechtschaffenheit gleich von catonischem Stoffe, in kurzem weiß jener Sophiste doch besser als ein Alchimist, die Schlacken des Epikureismus zu einem so edlen Metalle zu erhöhen, daß er neben unsrer stoischen Tugend nicht sonderlich absticht.

Der Mensch lebt in einer beständigen Ebbe und Flut von Meinungen, die durch den Druck seiner Umstände, wie die See vom Monde, regiert werden. Ich bin ein Feind aller falschen Anmaßung und nehme daher den starrköpfigsten Mann mit dem festesten Charakter nicht von dieser Regel aus. – Ein Weiser muß feste Maximen haben, von denen er nie abweicht, sagt mancher moralische Gesetzgeber und dünkt sich es zu tun; aber wie tut er's? – wie ökonomische Frauenzimmer, die immer dasselbe Kleid behalten und ihm bei jeder Veränderung der Mode einen neuen Schnitt geben lassen – der nämliche Stoff bleibt, aber die veränderte Form! – es ist nicht mehr dasselbe Kleid.

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