Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Karl Wezel >

Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

7.

Was für ein herrliches Fest mußte sich der neue Mäzenat meines Helden für seine Spottsucht versprechen, da er sich ihn von seiner Schwester ausbat, ohne daß er ihn länger als zwo Stunden probiert hatte! Sie trat ihr Recht auf ihn ungern ab, weil er von ihr schon zu einem andern Endzwecke bestimmt war; doch geschah es, und der Arme diente seinem Patrone gerade dazu, was ein Mohr oder eine andre ausländische Figur in dem Gefolge eines großen Herrn ist. – »Obgleich Gelehrte, Philosophen, Poeten und dergleichen Müßiggänger«, sagte der Herr von a × b, »ein höchst unnützer Plunder in der Welt sind, so kann ich sie doch ganz wohl leiden, wenn ich aufgeräumt bin; sie sagen und tun so närrisches Zeug, daß mir meine große Docke nicht so viel zu lachen machen kann. Ich will das schnakische Geschöpf eine Zeitlang bei mir füttern, da ohnehin meine ganze Nachbarschaft verreist ist; so habe ich ihnen doch etwas von seinen lächerlichen Bocksprüngen zu erzählen, wenn sie wiederkommen.« – Dies war die Bestallung des Philosophen, der seine eigentliche Bestimmung in diesem neuen Posten nicht wußte und darum sehr verwundert war, als man so viele Anstalten machte, ihn mit dem Anzuge und andern Dingen zu versorgen, die er brauchte, um mit Anstande in der Gesellschaft seines Patrons zu erscheinen.

Anfangs hatte sich dieser vorgenommen, ihm eine Kleidung zu geben, die durch ihre Lächerlichkeit ihn vor den übrigen Mitgliedern seines Hofstaates auszeichnete und jedermann sogleich seinen Hofnarren darinne vermuten ließ; allein nachdem er manche lustige Stunde auf die Erfindung derselben verwandt hatte und eine possierliche Idee die andre in seinem Kopfe jagte, auch schon wirklich ein Riß dazu fertig war, der ein Original in seiner Art heißen konnte, so ließ er plötzlich den ganzen Gedanken fahren, weil er besorgte, daß seine Schwester, die sich die Miene einer Liebhaberin der Philosophie gab, es als eine Erniedrigung derselben übel aufnehmen könnte.

Knaut war in eine neue Welt geraten; obgleich die Herrlichkeiten, von denen er sich täglich umgeben sah, nichts weniger als die glänzendsten waren, so hatten sie doch für seine Augen und seine Empfindung so viel Neues und Auffallendes, daß seine Vorstellung davon dem Staate des großen Moguls das Gleichgewicht hielt. Zum ersten Male in seinem Leben wanderte er von einem Feste zum andern, von einer Gasterei zur andern, sahe wo nicht schöne, doch wenigstens geputzte Damen, gaukelnde artige Herrchen, alt und jung voller Komplimente, voller Lachen und Munterkeit – sahe alles dieses wie im Traume und konnte nichts mitmachen. In seinem Taumel bemerkte er gar nicht, daß er sehr oft die bewegende Ursache war, wenn man lachte, und daß man für die Gelegenheiten, die er ihrer Lunge so vielfältig dazu gab, ihn undankbar mit der schnödesten Verachtung belohnte. Seine Eigenliebe, die durch Selmanns Begegnung aufgeweckt und gepflegt worden war, regte sich zwar zuweilen dawider, aber so leise, daß er unter den mannigfaltigen Zerstreuungen der Sinne nicht sonderlich darauf achtete; die meiste Zeit über wurde sie in den Wirbel selbst mit hingerissen. Alle Philosophie konnte sie nicht hindern, daß sie sich nicht durch die tägliche Gesellschaft solcher Personen geschmeichelt fand, die sich eine gewisse Größe anmaßten und sie durch das Abgemeßne in ihrem Betragen gegeneinander zu erkennen gaben. Diese Trunkenheit verlor sich allmählich, er fühlte von Tage zu Tage mehr Unbehagliches mitten unter den Freuden dieser fröhlichen Gesellschaften, seine Eigenliebe klagte immer lauter über die Verachtung, mit welcher man ihm begegnete; wenn gelacht wurde, so fühlte er einen Stich im Herze und dachte dabei, daß es auf seine Unkosten geschehe; und die Augen gingen ihm endlich so weit auf, daß er seine ganze gegenwärtige Bestimmung einsah, sich in einer Erniedrigung erblickte, wider welche alle seine Kaltblütigkeit nicht aushalten konnte, daß er verdrießlich und sich selbst gram ward. Dabei wurden die unruhigen widrigen Empfindungen seines gegenwärtigen Zustandes von einem Gefühle von Vergnügen durchkreuzt, das ihm die umgebenden Lustbarkeiten, die vollen Tafeln, die leckerhaften Speisen und die lachenden Gesichter aufdrangen, und dies erhöhte den Geschmack des Bittern, wie ein Stückchen Zucker, der mit einer großen Menge Galle genossen wird.

Seinen innerlichen Streit noch hitziger zu machen, kam der oberste Grundsatz seiner Philosophie, den er bisher so gut als vergessen hatte, öfters zum Vorschein, spazierte stolz in dem Gehirne auf und nieder und tat so trotzig, als wenn er den ganzen Knaut herausfodern wollte. Wirklich war es auch sehr schwer, zwischen ihm und den vorhandnen unangenehmen Empfindungen eine Vereinigung zu stiften. Es ging so weit, daß sich der Philosoph eines Tages, wo der Spott zu unverschämt auf seiner Geduld herumgetanzt hatte, höchst unmutig in die Einsamkeit in ein kleines Büschchen nicht weit vom Hause begab, sich auf die Erde niederwarf und von seinen Gedanken hinreißen ließ, wohin sie wollten.

Ich bin in allen Umständen glücklich; mein Glück ist in mir – das ist wahr; denn außer mir habe ich itzt wenig. Verachtung, Spott ist mein tägliches Leben; jedermann ist fröhlich, ich kann es nicht sein; jedermann lacht – und allzeit über mich. Jedes meiner Worte wird verdreht, das beste, was ich zu sagen weiß, lächerlich gemacht; meine Geduld selbst muß zum Gespötte dienen. – Meine Maschine ist zwar reichlich versorgt; ich leide niemals Not – aber ist mir nicht jeder Bissen bitter? – Ich muß dieses Wohlsein durch meine Schande erkaufen. – Es ist zwar alles herrlich und fröhlich um mich – was hilft mir das, wenn ich es nicht auch sein kann? wenn ich verachtet dahintenstehn und warten muß, bis man mich hervorruft, um über mich sich lustig zu machen? – Ja, wenn ich Besitzer dieser Möbeln; dieser Häuser, dieser Gärten, dieser – was weiß ich weiter? – wäre! Wäre ich dann nicht glücklicher? so glücklich wie alle diese, die es itzt weit mehr als ich sind? – Also bin ich nicht in –

– allen Umständen glücklich – sollte es heißen; doch ehe er diese Blasphemie wider seine Philosophie ausdenken konnte, sank ihm der Kopf nieder, seine Gedanken verschwanden, und er lag da und schlief. – Du guter Tröster, Schlaf! zu keiner Zeit hättest du deine Vermittelung gelegner anbieten können.

Eine von Geburt an philosophische Seele zu einer solchen Verzweiflung bringen, daß sie im Begriffe war, ihre Grundsätze für falsch zu erklären, dazu gehörte gewiß nicht wenig! – Die Sache ist: Solange Augen und Ohren und alle fünf Sinne nichts als gleich dürftige Dinge wie wir um uns sehen und hören, schmecken, riechen und fühlen, solange nur Muschelschalen unser höchstes Gut sind, so schläft die Begierde, und wenn wir ein bißchen philosophischen Schwung im Kopfe haben, so dünken wir uns in diesen und andern Umständen gleich glücklich; sobald aber Glaskorallen unsre Augen blenden, so ist es schon um die Hälfte unsrer Ruhe geschehn; jener schlafende Tiger fährt aus seinem Schlummer auf und verschlingt sie oft auf einmal. – Wie gut läßt sich's in einem Winkel Philosoph sein, wo kein größeres Glück neidisch macht; denn – man sage mir für das Gegenteil, was man will! – die Menschen gleichen insgesamt mehr oder weniger den Hunden in der Fabel: Solange Phylax keinen größern Knochen besitzt als Keeper, so sind sie Herzensfreunde, und dieser ist es schon weniger, wenn jener eine Unze mehr an dem seinigen hat, und wenn der ärmere recht großmütig sein will, so läßt er es, ohne äußerlichen Bruch, bei dem Knurren bewenden. Alle, auch die philosophischsten Philosophen biete ich auf, ob sie nicht bei der Freude, dem Vergnügen, dem Lachen, der Fröhlichkeit und der äußerlichen Glückseligkeit andrer etwas empfanden – Neid möchte ich es nicht nennen! –, etwas dem Neide Ähnliches empfanden. – Tausend werden meine Frage höchst unverschämt finden, und von solchen verlange ich auch keine Antwort. Inzwischen werden doch einige aufrichtig genug sein, zu gestehn, daß ihnen der Anblick fröhlicher Gesichter zuwider war, wenn sie nicht auch ein fröhliches mitmachen konnten; denn darauf kam es ihnen gewiß nicht an, wie uns manche bereden wollen, daß diese Gesichter durch geringfügige Ursachen, durch ein blendend Nichts in solche freudige Bewegungen gesetzt wurden; wenn sie ganz Menschenfreunde, ganz ohne Neid sein wollten, so galt ihnen die Ursache der Freude gleich – genug, sie mußten zufrieden sein, daß andre Menschen fröhlich und folglich in dem Augenblicke glücklich waren – eine Empfindung, die immer eins bleibt:

Ob sie ein Federlein, ob sie ein Stern erweckt!

Aber weit gefehlt! Die guten Leute nahmen es übel, daß andre um sie lachten, weil sie nicht auch lachen konnten. Um aber doch boshafte Spötter diese geheimen Kabinettsursachen nicht erraten zu lassen oder den Ruhm ihrer Weisheit in Gefahr zu setzen, nahmen sie den gravitätischen Ton eines Lehrers an und wollten die Welt bereden, daß ihre Freude Torheit, niedrige, Menschen unanständige Tändelei sei, aber man tändelte fort, und ihrer Predigt zu gefallen, war kein einziges saures Gesicht mehr auf der Erde als vorher.

Die Natur hat einem jeden Menschen ein eignes Gesicht, eine eigne Freude und eigne Glückseligkeit bestimmt, und diese verschiedenen Glückseligkeiten sehen einander nur insofern ähnlich wie die Menschengesichter. Wie könnte dies auch anders sein? Unsre Vergnügen, unsre Freuden hängen von unsern Ideen und ihren Verbindungen ab; da diese in jedem Kopfe verschieden sind, so müssen auch jene in jedem Herze anders sein. Warum sollte ich, wäre ich auch der achte Weise Griechenlandes, unwillig darüber sein, wenn mein Nachbar eine Wollust darinne fände, mit bloßen Füßen mutwillig im Kote herumzuhüpfen? Oder ihm keifend zuschreien, daß er sich über eine läppische Kinderei freute? – Er hüpfe und lache! Freilich wäre es seiner würdiger, wenn neue Entdeckungen von den Wundern, der Natur sein Vergnügen erweckt hätten, allein sein Auge reicht nun nicht bis zu jenen; Natur, Schicksal und alles hat sich nun vereinigt, um ihm diesen schmutzigen Tanz wie ein ergötzendes Schauspiel als den Tanz der Sphären abzubilden; nehme ich ihm diese Vorstellung, so nehme ich ihm seine Freude, sein Glück. Sie, Herr Philosoph, mögen insgeheim allenfalls darüber lächeln, daß die Natur aus einer so seltsamen Masse dem Menschen sein Glück zuzubereiten weiß; Sie mögen sich sogar stolz das Kinn streichen, daß sie zu dem Ihrigen einen bessern Stoff nahm – Sie haben Ursache dazu; – aber wenn Sie mir den Mann anfahren oder auf ihn schmälen, so gebe ich Ihnen auf den Kopf schuld, daß Sie ihn um seine Lust beneiden und gern ein Tänzchen mithielten, wenn nur der verzweifelte Philosophenbart nicht einen so lächerlichen Kontrast machte.

Es ist wahr, ein Mann, der nur mit großen, wichtigen, ernsten Gegenständen sympathisiert, kann unmöglich eine so lebhafte Freude über die Sprünge eines Schoßhundes empfinden als Frau von A, Madam B, Fräulein C, der junge Herr von D, Mamsell E, und wie diese Leutchen weiter heißen mögen – er soll auch nicht; aber sosehr er es den Otahiten vergibt, daß ihre Freude an eine Glaskoralle geknüpft ist, so dulde er es auch, daß eine Reihe von unwidertreiblichen Ursachen jener ihres an ein Tier, an einen Halsschmuck, an einen funkelnden Stein oder so etwas band. – Die Natur hat das verächtlichste Stückchen Materie zur Nahrung eines unvernünftigen Geschöpfes und ebenso das verächtlichste Ding zur Nahrung des Vergnügens für ein sogenanntes vernünftiges Geschöpf angewandt; kann der Weise eins von demselben auf eine höhere Stufe eines edleren Vergnügens erheben – wohlan! Er erwirbt sich ein Verdienst.

Wenn der Schulweise von jeder Art und alle ernsthafte Leute, deren Voreltern seit dem ersten deutschen Kaiser über keinen Scherz gelacht haben, mit Verachtung und Schmähen wider diejenigen zu Felde ziehn, die sich an Gemälden der Einbildungskraft, an abgemeßnen Silben und muntren launichten Einfallen ergötzen können, so wäre es wohl der Mühe wert, sie auf das Gewissen zu fragen, warum sie das tun? – Wahrhaftig – unter uns gesagt – sie beneiden diese Leute um ihre Fröhlichkeit, besonders deswegen, daß das innere Glück dieser sinnlichen Menschen eine so lächelnde Miene und das ihrige eine so essigsaure hat.

Steigt aber dieser Neid bis zur Unduldsamkeit empor, so ist Telemachs Partie zu ergreifen, als ihn die Liebe berückt hatte – er fliehe von Menschen, deren Glückseligkeit mit der seinigen so ungleichartig ist!

Ein Etwas, das ich meinem eingeschlafnen Philosophen raten wollte! Seine Begierden und also auch sein Neid sind in ihm in Bewegung gebracht worden; die Art von Glückseligkeit, die man um ihn herum genießt und über die er murrt, ist offenbar nicht die seinige, nicht die für ihn bestimmte; will er wahrhaftig Philosoph sein, so gehe er ohne zu brummen, bis er Menschen findet, deren Freude mit der seinigen auf einem Grunde und Boden wächst – oder er wird gewiß das Unglück erleben, seinen Grundsätzen untreu zu werden.

 << Kapitel 114  Kapitel 116 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.