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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 114
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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6.

Wenn jemand ein vollständiges Gedankenregister von jeder langwierigen Gefangenschaft solcher Leute besäße, die sich für Philosophen ausgaben, so könnte er mathematisch berechnen, wie viele Grade, Minuten und Tertien mein Philosoph mehr Philosoph ist als sie alle. In einem engen Schranke, wo nur eine Stellung des Körpers Platz hatte, in der beständigen Besorgnis, herausgezogen und für die Betriegereien, wobei er ein Werkzeug gewesen war, nach der Strenge bestraft zu werden, ohne die geringste Aussicht, unbemerkt zu entfliehn, in der Notwendigkeit, hier ruhig zu verhungern oder herauszugehn und sich einer vermutlich nicht allzu günstigen Aufnahme auszusetzen – gewiß, eine Situation, die zum Probiersteine der Philosophie dienen konnte! Die seinige hielt die Probe zween ganze Tage und Nächte aus; zugleich hatte er Muße und Gelegenheit, sie ansehnlich zu vermehren. Er tat es auch wirklich.

Ich bin in jedem Zustande glücklich! –war allemal der Anfang seiner Selbstbetrachtungen. – Mein Glück ist in mir; gleichwohl hungert mich ganz verzweifelt. Da ich satt war, befand ich mich wahrhaftig besser. –Ja, der Körper ist unser ganzes Unglück; man bliebe ohne alle unangenehme Empfindung, wenn er nicht wäre. – Man muß sich von ihm losreißen! Weiter ist nichts zu tun. – Man muß allen Empfindungen den Eingang verstopfen und bloß in sich glücklich sein, und alsdann kann man es auch in jedem Zustande sein. Wieviel besser wäre es itzt für mich, wenn ich diese elende Hülse abstreifen könnte! Aber das geht nicht! – So muß ich mich wider die Empfindung des Körpers stemmen, und der Hunger soll mich doch nicht verhindern, in allen Umständen glücklich zu sein.

Sein philosophischer Stolz hätte ihn eher auf der Stelle verhungern lassen, als verstattet, daß er eine bei sich festgesetzte Meinung aufgab. – Man weiß es schon: Philosophen sind sich gemeiniglich untrüglich, und wie könnten sie sich in diesem süßen Gefühle erhalten, wenn sie eine ihrer Meinungen durch die Erfahrung wollten widerlegen lassen?

Den zweiten Tag fiel es schon etwas schwerer, sich wider die körperlichen Empfindungen zu stemmen. Das war eine traurige Bedrängnis für den Stolz – oder vielmehr für eine Meinung, die unvermerkt die Rechte eines Vorurteils an sich gerissen hatte.

Alles Übel kömmt von der Materie, das ist ganz sicher; wenn wir ganz Geist wären – ach, was für eine gute Sache! – Zwar dieses Losreißen vom Körper läßt sich nicht auf einmal tun; es gehört Übung dazu. Itzt da ich noch gleichsam in der Lehre stehe, itzt kann man mir es nicht übelnehmen, wenn ich dem Körper nachgebe! – Es wird sich schon mehr Gelegenheit in meinem Leben finden, es mit der Losreißung vom Körper zur Vollkommenheit zu bringen. – Ich gehe hinaus und sehe, wo ich meinen Hunger stille.

Er ging. Furcht und sein geliebter Grundsatz zogen zwar den Fuß etwas bedenklich zurück; aber der Witz, diese allgemeine Mittelsperson bei einer Uneinigkeit im Kopfe oder im Herzen, trat zwischen beide. »Ihr wunderlichen Geschöpfe!« rief er, »seht ihr denn nicht, daß Tobias Knaut, wenn er aus diesem Loche geht, viel mehr philosophische Standhaftigkeit beweisen kann, als wenn er hier verhungert? Und die Gelegenheit zu Beweisung größrer Tugend ist doch wohl den geringern vorzuziehn? – Er muß gehn, um zu zeigen, daß er Philosoph genug ist, allen Gefahren und Beschwerlichkeiten zu trotzen!« – Er ging.

Im Finstern und bei völliger Unbekanntschaft mit den Gelegenheiten des Hauses, ging er durch die erste beste Tür, die er offen fand, über einen Saal hinweg und trat – in die Stube der gnädigen Frau, die eben auf dem Kanapee bei einem Wachslichte ein Trebillanisches Geschichtchen las. Da dieses ihre geheime Lektüre war, die sie sogleich verbarg, wenn sie eine Mannsperson dabei überraschte, so steckte sie augenblicklich, als sie jemanden hereintreten hörte, aus einer mechanischen Furcht das Buch unter die Küssen des Kanapees, sah sich nach dem Ankommenden um und – wie erschrak sie! Gewiß, sie glaubte einen bösen Geist zu sehn, den die Göttin der weiblichen Schamhaftigkeit abgeschickt habe, sie für ihre Lektüre zu bestrafen; gleichwohl war sie sich bewußt, daß sie alles getan hatte, was die Scham verlangt – sie hatte es niemanden gewahr werden lassen, daß sie solche Bücher las. Diese Besorgnis wurde endlich ganz niedergeschlagen, als der vermeinte Geist seinen Mund öffnete und um Nahrung bat. Da sie einmal merkte, daß es ein Sterblicher war, so ward sie über seine ungeheure Sünde wider die Etikette unwillig und verwies es ihm ernstlich, daß er mit der unverzeihlichsten Verwegenheit sie in ihrem Zimmer überfallen habe. Nachdem sie aber das Geständnis von seinen Geschäften in ihrem Hause und seiner verdrießlichen Situation diese zween Tage über angehört hatte und also sahe, daß bei einem solchen Einbruche für ihre Ehre nichts zu besorgen war, so fing sie an über den Vorfall zu lachen, besonders da sie die sonderbaren Wendungen seiner Beredsamkeit bemerkte, und versprach ihm eine reichliche Entschädigung der ausgestandenen Drangseligkeiten.

Aus seinen Reden und seinem Betragen konnte sie nichts anders schließen, als daß er ein sonderbares Original von Philosophen sei, das wohl ein paar Tage Essen verdiene, um sich über seine Eigenheiten lustig zu machen, insonderheit da er zu der duldenden Art gehörte und also vermuten ließ, daß er Spott und Lachen nicht sonderlich übelnehmen würde. Sie hätte ihn gern vor ihrem Bruder verborgen, weil er ein redender Beweis war, daß er Recht hatte, als er sie beschuldigte, daß sie sich hintergehen ließ; aber die Unterredung mit ihm hatte kaum eine Viertelstunde gedauert, als der Herr Bruder hereintrat und mit Verwundrung eine halbmaskierte Figur neben seiner Schwester erblickte.

»Hast du schon wieder Geister um dich?« fragte er.

»Ja«, antwortete sie lachend, »aber einen sehr körperlichen Geist, der Essen und Trinken zur höchsten Not braucht!«

Sie erzählte ihm hierauf die Geschichte, wie sie dieselbe kurz vorher aus dem Munde ihres Gastes gehört hatte, und konnte die Erzählung kaum in ordentlichem Gange erhalten, so oft wurde sie durch den lauten Triumph ihres Bruders über ihre bewiesne Leichtgläubigkeit unterbrochen. Sie gab ihm dabei zu verstehen, daß allem Ansehen nach dies ein vortreffliches Subjekt zu einem Souffre-douleur sein müsse, woran er ebenfalls gleich gedacht hatte, als er von ihr hörte qu'il donnait furieusement dans le philosophe – denn ihrem Stande gemäß sprachen sie französisch und ließen sich nur zum Deutschen herunter, wenn sie ein armes unfranzösisches Geschöpf zum besten zu haben geruhten.

Es gibt eine Gattung von Menschen – meine Leser insgesamt werden ihrer eine Menge kennen –, bei denen die Empfindung des Vergnügens auf den einzigen Fall eingeschränkt ist, wenn sie einen armen Unschuldigen zum Ziele hinstellen können, um die ausgelassensten Spöttereien darauf abzuschießen. Am süßesten schmeckt ihnen eine solche Lustbarkeit, wenn sie einen Mann dazu haschen, den sie durch verschiedene sichtbare Vorzüge über sich erhaben fühlten und wegen seiner Bescheidenheit oder eines Mangels am lebhaften schnellem Witze, durch ihren Spott unter sich erniedrigen. Wie furchtsame schwache Kreaturen, die im Finstern pfeifen und lärmen und hernach sich selbst überreden, daß sie herzhaft sind, ob es gleich aus wahrer Feigheit geschah, um die Gedanken an Gespenster und den Teufel in ihrem Kopfe zu zerstreuen, so wollen jene plumpen Spötter durch ihren unverschämten Witz das Bewußtsein ihrer Inferiorität verscheuchen. Wo auch dieses nicht stattfindet, so ist es doch allzeit der Stolz, der solche Komödien spielet; sein Wunsch ist, andre verachten zu können, und er ist schon befriedigt, wenn er nur andre eine Zeitlang von einer Seite denken kann, die sie erniedrigt, wenn er gleich weiß, daß alle fehlerhafte verächtliche Züge daran seine Erdichtung sind. Wie oft habe ich dergleichen Elende bemitleidet, die sich obendrein noch zu der Ehre drangen, jedem stumpfen Witze in einer Gesellschaft zum Wetzsteine zu dienen! Mich deucht, um die Ehre oder das Vergnügen auf diesem Wege zu suchen, muß man ohne Empfindung von Ehre und im letztern Falle ein bettelarmer Kopf sein.

Der Herr von a × b war ein lebendiger Beweis, daß meine Anmerkung Recht hat. War er auch gerade nicht der dürftigste Kopf in seinem Himmelsstriche – denn es waren wirklich verschiedene Kenntnisse zufälligerweise in sein Gehirn geflogen –, so war er es doch wenigstens von einer gewissen Seite. Wenn die Natur die Teilchen eines Menschengehirns so ordnet, daß es einen beständigen Kitzel fühlt, witzige muntre Einfalle hervorzubringen, und eine Lebhaftigkeit hinzutut, die diesen Kitzel immer unterhält und bestärkt, so können, wenn das Schicksal will, unschätzbare Menschen daraus werden, deren wohltätige Laune den ganzen Zirkel ihrer trüben Freunde und Bekannten aufheitert; aber wenn das Schicksal so tückisch ist, in einen solchen Kopf wenige oder nichts als konterbande Ideen und in schlechten Verbindungen kommen zu lassen, dann entsteht ein Insekt, deren ein kleiner Trupp von einem Dutzend den halsstarrigen König Pharao eher mürbe gemacht hätten als Läuse, Blattern, Heuschrecken und die übrigen ägyptischen Landplagen.

Ich kann es nicht leugnen, der Herr von a × b befand sich unter diesem Fluche des Schicksals. Vergnügen, Freude, Munterkeit, Lebhaftigkeit und tausend andre Annehmlichkeiten des männlichen und weiblichen Geschlechts hätten einen Kreis von Gesellschaftern um ihn machen können, als sie Jupiter an seinem fröhlichsten Feste kaum gehabt haben mag – er wäre unbewegt geblieben – es hätte denn jemand durchgezogen werden müssen. Sobald er aber eine Kreatur erwischte, deren Geduld mit einem Panzer wider die ärgsten Turlepinaden versehn war, dann lebte er in seinem Elemente, dann war er der fröhlichste Mann unter der Sonne; mit welchem innigen Vergnügen mußte er also unsern Philosophen erblicken, besonders da er zu einem Stande gehörte, den er, ohne ihn zu kennen, zu verachten Herz genug hatte. Seine einzige Kenntnis war die Ökonomie oder vielmehr ein studiertes System des Eigennutzes; was nicht unmittelbar mit diesem zusammenhing, gehörte nicht in seinen Plan eines vollkommnen Staates. Welche Wissenschaft mußte also nicht von ihm aus der Zahl der brauchbaren Dinge in dieser Welt ausgeschlossen werden? – Er schloß sie auch wirklich davon aus, und seine platonische Republik war eine solche, wo alle Müßiggänger, unter welchen er den Gelehrten den ersten Platz anwies, mit einem Joche am Halse den Pflug ziehen müssen, keinen Verstand haben, der nicht zu geschickter Bestellung ihrer Handarbeiten unentbehrlich ist, und unter täglicher Plackerei vom Morgen bis zum Abend ihr Leben dürftig hinschleppen – sollte ein solcher Staat seine höchste Vollkommenheit erreichen, so müßte er der unumschränkte Beherrscher aller dieser Lasttiere sein, so müßten diese sich plagen und darben, damit er seine Tafel bis zum Überflusse besetzen, Armeen von Hunden und Bedienten halten und jede Stunde im Jahre mit neuen und schönern Pferden prangen könnte.

Außerdem kam noch ein gewisser kleiner Stolz, ein kaltblütiger Neid hinzu, der keine Art von Größe über sich dulden und nichts bewundern sehen konnte, das außer seiner Sphäre lag. Wie ein indischer König, der sich unter seinem Strohdache mächtig genug dünkt, allen Monarchen des Erdbodens täglich zweimal die Erlaubnis zu erteilen, wenn sie essen sollen, lebte er in seinem Winkel und glaubte sich bei dem Kommando über eine Handvoll elender Fronarbeiter groß genug, um alle Musen und Grazien wie seine Grasemägde zu behandeln.

Armer Knaut! bei einem solchen Manne wirst du alle Kräfte deines Stoizismus nötig haben!

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