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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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5.

Die Schauspieler wurden bei diesen Geistervorstellungen, weil sie niemand gewahr werden durfte, jedesmal bei Nacht durch eine verborgne Tür in das Zimmer gebracht, wo sie sich zeigen sollten. Der Transport meines Helden ging gut vonstatten; ein unglücklicher Husten, zu welchem ihn ein böser Katarrh oft nötigte, sosehr er ihn auch zurückzuhalten suchte, hätte den Tag über, als er in dem Theaterzimmer versteckt war, beinahe das Geheimnis an einen Bedienten verraten, der in dem anstoßenden Saale ein Geschäfte hatte; doch glücklicherweise war Elmickor gleich bei der Hand, der den Argwohn dieses Mannes so listig in Furcht zu verwandeln wußte, daß er seine ganze Arbeit liegen ließ und sich mit seinen zween Füßen so eilfertig als möglich rettete.

Der Philosoph machte abends darauf seine Rolle meisterlich und würde sie ohne Zweifel noch vielmals haben wiederholen müssen, so sehr ergötzte die gnädige Frau sich mit den lustigen Einfallen, die sie über die Mißgestalt ihres ehmaligen Liebhabers mechanischerweise ausschüttete, obgleich Elmickor sich aus allen Kräften bemühte, diese lustige Laune zu unterdrücken; allein das Unglück oder das Glück – wie man es nehmen will – führte plötzlich einen alten Bruder herbei, der weder Teufel noch Hölle glaubte und es also für ein verdienstliches Werk hielt, ihm und seinen Bundesgenossen einen losen Streich zu spielen. Er hatte oft mit Elmickors Gönnerin über diesen Punkt gestritten und ihre Leichtgläubigkeit bald bedauert, bald verspottet; sie war zwar weit entfernt, die wunderbaren Erscheinungen, mit welchen sie täglich unterhalten wurde, dem bösen Geiste zuzuschreiben; so weit waren sie beide eins; aber auch selbst die Ursache, die sie angab, wollte der Ungläubige nicht einräumen. Die Freundschaft wurde dadurch nicht wenig gestört, und er schwur bei Leib und Seele, keinen Schritt wieder in ihr Haus zu tun, solange sie sich von Elmickorn hintergehn ließ. Er hielt Wort; doch den nämlichen Abend hatte Bacchus seinen Eifer für die Wahrheit angeflammt, und ohne an seinen Schwur zu denken, kam er in der völligen Absicht, Elmickors Geister mit gewaffneter Hand in die Flucht zu schlagen und seinen Betrug sichtbar zu beweisen. Weil man einen so feindlichen Überfall im mindesten nicht befürchtete, so war aus allzu großer Sicherheit die Tür nicht wie sonst verschlossen; er trat wie ein Herkules, der Ungeheuer bekämpfen will, in das Zimmer hinein, ging auf den Schauspieler los, faßte ihn mit der äußersten Verwegenheit bei dem Kopfe und würde ihn gewiß mit seiner kriegerischen Faust umgebracht haben, wenn [dem] armen Bedrängten nicht ein Trieb von Selbsterhaltung die List eingegeben hätte, die Maske schnell loszubinden und sich mit der Flucht zu retten – oder riß ihm vielleicht eine Schutzgöttin die Bänder los, wie Venus dem Paris, daß dem ergrimmten Ajax der leere Helm in der Hand zurückblieb?

Elmickorn wird die Fassung bei einem so plötzlichen Angriffe schwer werden! – Keineswegs! Anfangs konnte er sich wohl nicht enthalten, ein wenig zu erschrecken; aber bald sammelte er seinen Mut und traute sich, durch seine Künste doch diesen Gegner zu überwinden. Er hatte die Gewohnheit, vermittelst eines gewissen Pulvers, das er auf Kohlen streute, einen Dampf in dem Zimmer zu erregen, der in kurzer Zeit alle Sinnen benebelte und nur so viel Bewußtsein übrigließ, als hinreichend war, die sichtbaren Gegenstände zu unterscheiden. Er verstärkte also schnell die Dosis; doch ehe sie noch ihre Wirkung tun konnte, hatte ihn der grimmige Mann schon bei dem Kragen gefaßt, um ihn – was weiß ich, was er tun wollte? Bei einer solchen Nähe der Gefahr hielt es Elmickor für das Beste, dem Beispiele meines Helden zu folgen: Er riß sich los und entwischte.

Die betrogne Dame hatte indessen das ganze Scharmützel nur wie im Traume gesehn, so sehr war sie von dem Dampfe berauscht; sie wollte aufspringen, um ihren Bruder abzuhalten, aber sie konnte nicht. Er faßte sie also auf und führte sie an die frische Luft, die ihr ihre Sinnen bald wieder verschaffte. Sie sah sich mit Erstaunen in ihres Bruders Armen und hatte beinahe Lust, über sein Verfahren ungehalten zu sein; er demonstrierte ihr aber sehr bündig, wieviele Verdienste er sich durch diese rasche Tat um ihre Ehre und ihren Menschenverstand erworben habe. Sie schwieg zwar, aber sie war doch zween Tage lang nicht überzeugt, daß Elmickor ein Betrieger sei, und hätte herzlich gern gesehn, wenn sie ihren Bruder von dem Gegenteile hätte überführen können. Sie stritt mit allen Waffen des Geistersystems, das sie ihr Liebling gelehrt hatte, wider ihn; doch ohne sich in dergleichen spitzfündige Untersuchungen einzulassen, beharrte der Halsstarrige auf seiner Meinung und lauerte nur auf eine Gelegenheit, sie durch den Augenschein von dem zu überzeugen, was er durch keine Gründe beweisen konnte.

Man wird sich vermutlich einbilden, daß mein Held sich so weit gerettet habe, als ihn seine Füße tragen wollten? – Viel gefehlt! Nicht eine Handbreit weiter kroch er, als bis in das Behältnis in der Mauer, wo er die vorhergehende Nacht und den Tag über versteckt gewesen war. Hier setzte er sich ruhig nieder; doch Elmickor lief in vollem Galoppe zu seinen Mitbrüdern in der Höhle.

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