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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 112
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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4.

Der listige Elmickor hatte lange schon die Komödie mit seiner Gönnerin gespielt und, wie leicht zu vermuten, sich ungemein wohl dabei befunden, ehe noch unser Philosoph zu seiner Fahne kam. Sein Gespräch war unterhaltend und hatte bei aller Annehmlichkeit mehr Kern als die Schwätzereien der Zuckermännerchen, die täglich um sie herumgaukelten; es betraf meistens Materien, die einen Grad von Scharfsinn und Wißbegierde vorauszusetzen schienen, um sich daran zu ergötzen, und doch nichts als Neugierde erfoderten: Lauter bequeme Triumphe für die Eigenliebe! – Die Geister, die er ihr vorstellte, waren seine Gefährten, natürliche Menschen mit Leib und Seele, die er jedesmal zu ihrer Rolle abrichtete; also lag die ganze Kunst des Betrugs nicht in der Erfindung, sondern bloß in der Ausführung.

Itzt sollte eine Hauptvorstellung vor sich gehen, denn die Dame hatte einen ihrer vorigen Anbeter zu sehen verlangt, der ihr im Leben oft zur Kurzweile gedient hatte und ihr auch nach dem Tode eine lachende Stunde verschaffen sollte. Elmickor weigerte sich, solange er konnte, weil Feierlichkeit und Ernst die beiden Masken waren, hinter welchen er wie alle Scharlatane seine Betriegereien versteckte, weswegen er manche fröhliche Stunde mit seiner Schutzgöttin weglachte, aber keine lächelnde Bewegung im ganzen Gesichte litt, sobald er als ein Vertrauter der Geister erschien; dann zwang er seine Miene zu einer so erhabnen Ernsthaftigkeit, als Plautinus, wenn er auf den Katheder tritt und seinen Schülern weismachen will, daß er ein großer Mann ist. Gleichwohl sollte itzt sein Theater durch ein Possenspiel entehrt werden, das seiner ganzen Kunst die Larve und folglich auch den Kredit hätte rauben können. – Vielen Sachen auf unserm Planeten ist die Ernsthaftigkeit eine so unentbehrliche Hülle als manchem Menschenkopfe die Stutzparucke, reißt man die Hülle weg, so bleibt gar nichts übrig; doch wird man mir erlauben, daß ich von diesen Sachen, denen die Ernsthaftigkeit so unentbehrlich ist, nicht viel halte. – Dies wußte Elmickor sehr wohl, wollte es verhüten und mußte doch, um größerm Unheile vorzubauen, nachgeben.

Er hatte unter der Hand durch versteckte Fragen und Wendungen von seiner Gebieterin und andern so viel ausgekundschaftet, daß der verlangte Junker die lächerlichste Karikatur bei Menschengedenken gewesen war – eine Erkundigung, die vor jedem seiner Spiele notwendig vorhergehn mußte! – Er war bucklicht, krummbeinicht und mit allen andern Gebrechen des Körpers gebrandmalt gewesen, die mit seiner Einbildung von Liebenswürdigkeit den drollichsten Kontrast machten. Da Elmickor um eine Person für diese Rolle höchst verlegen war, indem er keinen unter seinen Mitbrüdern von Natur tauglich dazu fand, so mußte Tobias Knaut unvermutet in seine Hände fallen, der bloß um derselben willen aus dem Nichts hervorgezogen zu sein schien. Seine äußerliche Gestalt munterte sein neues Oberhaupt auf, ihm sogleich nach seiner Aufnahme den Antrag zu tun, und ließ ihn nichts als die größte Bereitwilligkeit erwarten; aber Elmickor irrte sich. Der Philosoph sagte ihm freimütig, daß dies Betriegereien wären. Der Mann erschrak, denn nicht ist für Betrieger auffallender als eine solche Freimütigkeit; wenn sie gleich anfangs mit dem Bewußtsein, daß sie betriegen, zu Werke gingen, so haben sie doch nie das Vergnügen, über die Einfalt derer zu lachen, die sie anführen; die Gewohnheit an ihr Handwerk macht, daß sie es so ernsthaft betreiben als das ehrlichste Gewerbe und es nicht einmal gewahr werden, daß sie betriegen. Weckt sie nun jemand mit einer solchen Freimütigkeit aus ihrem Schlafe, so müssen sie allerdings nicht wenig bestürzt sein, von andern zu erfahren, was sie sind, ohne es bisher selbst gewußt zu haben.

Elmickors Bestürzung dauerte nicht lange. Mit einem »Du mußt!« drehte er sich um und rief einem von der Gesellschaft. Er gab Befehl, den armen Delinquenten, der standhaft sein Schicksal erwartete, an den Ort zu führen, wo er bereits acht Tage hatte zubringen müssen, ihn dem Abgrunde sechs Schritte näher zu quartieren und eine viel strengere Diät vorzuschreiben.

Der Philosoph biß die Lippen zwar ein wenig zusammen; sein Magen tat einen lauten Seufzer. – »Ei, bin ich doch acht Tage lang in dem nämlichen Zustande nicht unglücklich gewesen, warum sollte ich's denn itzo sein?« – so sagte er sich gelassen und ging nach dem Orte hin, der ihm zur Wohnung angedroht wurde.

»Ein sonderbares Original!« sprach Elmickor, »sitzt dir die Ehrlichkeit so fest an dem Herzen? Die Zeit soll sie dir schon herunterreißen, nur Geduld!«

Die Gefangenschaft ist eins von den vorteilhaften Übeln in dieser Welt; viele sind weit klüger aus dem Gefängnisse gegangen, als sie dasselbe betraten. Unserm Philosophen wanderte der Gedanke: Ich bin in jedem Zustande glücklich – wie ein Gespenst in dem Gehirne herum und suchte sich bei der Einbildungskraft, dem Verstande und allenthalben weiter einzuschmeicheln, und dazu gehört wahrhaftig nicht viel – nichts mehr, als daß die Meinung, die sich in unserm Kopfe Patrone machen will, oft wiederkömmt – gerade wie in den A..ern. So kann sie in kurzem die Urheberin und das Haupt einer Faktion werden, die das Regiment in unserm ganzen Mikrokosmus an sich reißt.

Ich bin in jedem Zustande glücklich! – Dies war bei Tobias Knauten bloß durch die öftre Wiederkehr zu einem Grundsatze geworden, der so wenig eines Beweises bedurfte, als daß ein Teil kleiner ist als das Ganze. – Bin ich das, fuhr er fort, so muß der Grund meines Glückes nicht außer mir sein, so muß ich den Plunder entbehren können, den andre Leute dazu rechnen – ich entbehre ihn ja itzt! Mein Glück muß also in mir sein, und worinne sonst als in der Einbildung, daß ich's bin? – Wohlan! ich bilde mir ein, daß ich glücklich bin, und lasse mich von dem Teufel selbst nicht zwingen, ein Betrieger zu werden!

Man sahe fleißig nach ihm und erkundigte sich, ob seine Ehrlichkeit etwas von ihrer Strenge nachgelassen hätte; allein seine Philosophie hielt standhaft aus. Elmickor gab sich sogar die Mühe, ihn durch gemilderte Vorstellungen von dem Geschäfte, zu welchem er gezwungen werden sollte, seinen Abscheu dawider zu benehmen; nichts half. Endlich kam man auf den unglücklichen Einfall, ihm seine kümmerliche Kost allmählich so zu vermindern, daß er zuletzt gar nichts mehr bekam. Seine Philosophie sah sich in allen Ecken um, der Magen blieb deswegen immer unbefriedigt. Sie sang ihm zwar manches Trostlied vor, aber man weiß schon, was Tröstungen sind! – Pflaster, die die Wunde bedecken, aber nicht heilen können. Da nichts fruchten wollte, so schlug sich der Witz ins Mittel. – »Tobias Knaut«, sprach er, »ist wohl itzt so glücklich als in jedem andern Zustande – glücklich mit der Seele! an und für sich selbst! – Aber sie wohnt in einem Körper –jedermann muß seine Wohnung in baulichem Wesen erhalten, wenn sie ihm nicht über dem Kopfe zusammenfallen und ihn totschlagen soll; ich muß also meinen Körper nicht verhungern lassen. – Aber soll ich ein Betrieger werden? – Eigentlich werd ich das wohl nicht; ich betriege nicht; ich lasse es nur zu, daß andre betrogen werden. Ich muß und kann also wohl!« – Seine philosophische Ehrlichkeit schlug mit beiden Händen ein, und der Kontrakt war fertig; sie mußte auf einige Zeit ihren Platz räumen.

Als Elmickor den Tag nach dieser innerlichen Beratschlagung ihn wieder besuchte, um die Wirkung des versuchten Mittels zu erfahren, so fand er sie so glücklich, daß er augenblicklich den Gefangnen mit eignen Händen in Freiheit setzte und seine ausgehungerten Kräfte mit einer guten Mahlzeit erquickte. Er hätte sich gern gestanden, daß er gegenwärtig um einige Grane glücklicher wäre als vorher, wenn sich nur seine Philosophie nicht geschämt hätte. Darauf wurde der Anfang gemacht, ihn in seiner Rolle zu unterrichten, die Unterweisung etliche Tage fortgesetzt, und da er völlig geschickt zur Ausübung schien, der Tag bestimmt, wo er die Ehre seines Meisters durch seine pantomimischen Talente befestigen sollte.

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