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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 111
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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3.

Man ließe sich es wohl gefallen, wenn ich ein paar Worte mehr von diesem seltsamen Manne und seinen Absichten sagte? – Gleich soll es geschehn!

Elmickor war durch einen unbeschreiblichen Eigensinn des Glücks von einem Ende der Erde bis zum andern herumgeworfen worden, ohne jemals einen ruhigen festen Platz für sich finden zu können. Hatten gleich seine Wanderungen auf dieser Seite keinen Vorteil für ihn, so verschafften sie ihm doch eine so ausgebreitete feine Kenntnis des Menschen, daß es tausend Philosophen, die die menschliche Seele nach Ruten und Schuhen ausmessen, schwerfallen würde, mit ihm darüber zu reden und sich nicht selbst – was doch verzweifelt viel ist! – unwissend zu scheinen. Je sonderbarer seine Begebenheiten waren, je sonderbarer waren die Maximen, die er sich nach und nach von ihnen abzog; und zum höchsten obersten Grundsatze drängte sich ihm endlich die Meinung auf, daß die Menschen insgesamt Schwachköpfe wären, die Bewunderung, Liebe und Beifall nur in dem Maße austeilten, wie sie betrogen würden. Nun war nur noch ein Schritt bis zu dem Schlusse: Also muß Betrügen mein einziges Mittel sein, um groß zu werden! Alle andre Wege, seinen Ehrgeiz zu befriedigen, deren er schon eine Menge zu durchbrechen versucht hatte, waren verrennt; dieser einzige war offen. Unzufriedenheit und Neid über das Glück so vieler andrer Menschen, die schon ruhig genossen, indem er noch suchen mußte, malten ihm seine Erfahrungen von der Schwäche der Erdbewohner mit einem viel stärkern Lichte aus, als sie der Natur nach haben sollten, wobei das eigne Gefühl seiner Talente manchen Pinselzug tat. Der Stolz spornte an, und er machte den Anfang, nach seinen Grundsätzen seine Größe auf der Schwäche seiner Brüder aufzubauen. Der erste Versuch gelang; das war einen zweiten wert.

Sein Betragen war geheimnisvoll, seine Miene düster, tiefsinnig, sein Leben einsam. Sollte dies die Neubegierde einer nicht allzu großen Stadt, wo er sich damals aufhielt und sich jedermann bemerkte, nicht reizen? – Man machte Mutmaßungen über ihn, man ersann Erzählungen von ihm, und er wußte künstlich solche darunter zu mischen, die die Aufmerksamkeit nur noch mehr zu seinem Vorteil rege machen mußten. Es kam so weit, daß man sich für verpflichtet hielt, ihn zu einem öffentlichen Bekenntnisse zu nötigen. Er tat es unerschrocken; seine hinreißende Miene und sein überwältigender Ausdruck nebst seinem mysteriösen Vortrage wirkten so heftig auf die Augen und durch die großen Parucken auf die Ohren der Herren, die ihn verhörten, daß sich ihr kalter richterlicher Ernst in Erstaunen und Bewundrung verwandelte. Ihr Verstand wehrte sich nicht sonderlich lange, und folglich waren sie bald entschlossen, ihn als einen außerordentlichen Mann anzusehn. Solche Proselyten prophezeiten einen glücklichen Fortgang; auch war er im kurzen der Abgott der halben Stadt, der einzige Gegenstand der Gespräche und der Bewundrung. Einigen auserwählten, die er einer besondern Vertraulichkeit zu würdigen vorgab, zeigte er Proben von Künsten, die ihnen ihre große Meinung von dem Urheber derselben als übernatürlich abmalte; sie wurden heimlich erzählt, vergrößert, bis zum Wunderbaren vergrößert und ähnliche dazu erdichtet. Die Phantasie des kleinen Zirkels von Vertrauten arbeitete täglich mehr zu seinem Vorteile, und bald hatten es seine zauberischen Künste dahin gebracht, daß sich diese Betrognen lieber mit ihrem ganzen Vermögen für ihn als für ihr Vaterland mit einem Scherfe aufgeopfert hätten. Er erschöpfte auch wirklich ihre bereitwillige Freigebigkeit bis auf den Boden; und um sie nicht gänzlich zu mißbrauchen oder vielleicht mehr aus einer natürlichen Liebe zur Veränderung – siehe! so wurde er unsichtbar, ehe man es vermutete.

Nach verschiedenen glücklichen und weniger glücklichen Versuchen an andern Orten hatte er sich zuletzt nach  Merkur begeben, wo der junge L. in seine Bekanntschaft geriet. Im Grunde hatte der Mann viele gute Eigenschaften, besonders viele Talente, und war gewiß nach der Absicht der Natur zu einem großen Manne bestimmt, aber das Schicksal nötigte ihn, es auf einem sehr verdächtigen Wege zu werden. Sobald die leidige Göttin des Glücks uns einmal in der Verfolgung der Größe und des Ruhms auf krumme verbotne Fußsteige geführt hat, so kann man sicher eine spanische Silberflotte gegen den Geldbeutel eines Philosophen setzen, daß wir immer auf verdecktere, mehr verbotne Schlangenwege geraten werden, daß wir mit jedem Schritte mehr von unserm bißchen Rechtschaffenheit verlieren, bis endlich gar nichts mehr davon übrigbleibt. Elmickor, da er zur ersten Anwendung seines Grundsatzes schritt, hatte alle die Empfindung von Ehre und Rechtschaffenheit im Herzen, deren wir übrigen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft uns rühmen; und bei seinem Aufenthalte in  Merkur schämte er sich gleichwohl schon nicht, das Haupt einer wahrhaften Diebesbande zu sein, das heißt, einer Gesellschaft von Leuten, die ihre Größe mit ihm auf einerlei Grundsatz bauten und dabei die wirklichen Handlungen eines Räubers ausübten. Der erste Anfang war ein Sophismus des Verstandes und war es auch noch; er betrog sonst andre Menschen, und itzt betrog er sich selbst und überredete sich, kein Räuber zu sein, weil er mit Verstand und Feinheit räuberische Plane aussann, die seine Gesellen ausführen mußten.

Vielleicht hat noch keine Armee mit einem so lebhaften Enthusiasmus ihren Anführer angebetet als die seinige. Die Ursache war: er hatte sich ihrer Phantasie bemeistert. Sie wußten insgesamt, daß sie die natürlichen Werkzeuge waren, wodurch er seine übernatürlichen Kunststücke bewerkstelligte; aber seine Überlegenheit an Talenten zwang ihnen die tiefste Ehrfurcht ab.

Durch ihn war der junge L. angestiftet worden, unsern treuherzigen Knaut so in das Netz zu führen, durch seine Gefährten ließ er sein Haus plündern und verbrennen – er, der Mann, der vor acht oder zehn Jahren es seiner Ehre nachteilig hielt, unwissenderweise jemanden eine unbeträchtliche Schuld nicht bezahlt zu haben. Indessen war es doch gut, daß er einmal ein ganz ehrlicher Mann gewesen war; außerdem hätte er meinen Helden geplündert und ihn dem Glücke des Bettelstabes überlassen; nur ein übriggebliebnes mechanisches Gefühl von Rechtschaffenheit machte es, daß er ihn in seinen Schutz nahm. Überdies versprach ihm auch sein stoisches Betragen in ihm einen guten Gehülfen zur Ausführung eines Meisterstreiches, wozu schon die Anstalten gemacht waren.

Er hatte sich durch seine gewöhnlichen Künste in das Vertrauen einer benachbarten Dame eingeschmeichelt, die ihn als den größten Mann des Erdbodens bewunderte. Sie besaß alles, was sie vor dem Betruge hätte schützen sollen und was sie eben dazu geschickt machte, betrogen zu werden – Verstand, Kenntnisse, einen gewissen Grad von Wissenschaft; aber ihr Verstand hatte eine verkehrte Wendung bekommen. Was andre Menschen für ungereimt und unmöglich hielten, das nahm sie sich vor zu verteidigen und wandte allen Scharfsinn an, um es zur Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da sie ein Frauenzimmer, ein vornehmes Frauenzimmer war, so konnte es nicht an galanten Seelen mangeln, die ihre Erklärungen unmöglicher Dinge aufs Wort glaubten oder zu glauben vorgaben. Aus diesem Hange zum Seltsamen floß ihre Freigeisterei; da sie sich unmöglich entschließen konnte, den geraden Weg des allgemeinen Glaubens zu gehn, so wählte sie einen, den wenigstens in ihrer Gegend sie allein betrat; und sie würde ihn auch gleich verlassen haben, wenn sich noch andre darauf hätten drängen wollen. Sie tat im Grunde nichts mehr und nichts weniger, als was ihr ganzes Kirchspiel tat, dessen Einfalt sie herzlich belachte – dieses glaubte aus Vorurteil, was die Kirche glaubt, und sie glaubte aus Vorurteil nichts, was die Kirche glaubt. – Überhaupt, ihr sogenannten starken Geister, Freigeister, Deisten oder wie ihr euch zu nennen beliebt, wenn ich offenherzig sein darf – ihr mögt sonst ganz gute Leute sein, aber die wenigsten unter euch sind aus zu vielem Verstande Freigeister geworden. Was habt ihr nun gewonnen, wenn euch das Schicksal einmal bestimmt hat, blindlings zu glauben – ob ihr den symbolischen Büchern oder dem La Mettrie blindlings glaubt! Nichts als daß ihr im letzten Falle eure Unterscheidungssucht kützelt – ihr müßtet denn noch andre Bewegungsgründe haben, wie die zuckersüßen Schmeichler der Dame, von welcher wir sprechen, denen die Galanterie so sehr zum Bedürfnisse geworden war, daß sie, um die Gunst einer schönen Dame zu gewinnen, sich geduldig hätten beschneiden und zu Mahometanern, Juden und Heiden machen lassen – ohne eins zu sein.

Inzwischen konnte sich doch in dem Kopfe unsrer Dame mit der Freigeisterei ein Aberglaube vertragen, den man kaum in dem Gehirne der niedrigsten Klasse vermutet hätte, abermals ein Beweis, daß es in ihrem Kopfe nicht zu helle, sondern nicht helle genug war. Man findet dergleichen Originale hie und da, die auf einer Seite nichts und auf einer andern alles glauben. Wie wäre es ohne dies Elmickorn möglich gewesen, sie mit Geistererscheinungen und ähnlichen Märchen zu hintergehn? – Sie zweifelte nicht einen Augenblick, daß er das Vermögen habe, auf ihr Verlangen jeden Verstorbnen von einer gewissen Klasse herbeizurufen. Zwar hatte er ihr vorher ein System eingeschwatzt, nach welchem sich ihre Vernunft aus den vorgeblichen Kräften der Geisterwelt dies Vermögen erklären konnte, so daß ihr Glaube daran doch einen Schein von Vernunftmäßigkeit hatte; und das ist dem lieben Menschenverstande schon genug, wenn er sich nur einbilden kann – ich glaube aus Gründen; wie sie beschaffen sind, das geht ihn meistenteils nichts an. Wenn nun vollends ein wohlgebildeter junger Mann mit männlichem Reize, einer schleichenden Beredsamkeit, einschmeichelnden submissen Freundlichkeit, voll lebhaften Enthusiasmus eine mit Gründen verbrämte Ungereimtheit predigt, welche weibliche Sinnen, welcher weibliche Verstand, welches weibliche Herz könnten einem solchen Redner widerstehen?

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