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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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9.

Zu der Zeit, als der junge Tobias seine Gliedmaßen zu menschlichen Verrichtungen zu gebrauchen anfing und also zuweilen ein Bedürfnis, sie zu beschäftigen, fühlte, sahe sich der Patron des Kirchspiels genötigt, auf die untertänig gehorsamste und treu devoteste Vorstellung des Pfarrs, die schon bei dem Antritte seines Amtes vor sechs Jahren geschehen war, der Kirchenkasse die Erlaubnis zu geben, daß sie eine neue Pfarrwohnung bauen ließ. Der arme Mann hatte nebst seiner Familie schon manche Überschwemmung vom Regen und überhaupt die Witterungen aller vier Jahrszeiten in seiner Stube so gut ausgestanden als sein Hund vor der Tür; er hatte Husten, Gicht und die Frau Magisterin einen großen Auswuchs an dem rechten Beine durch diese unmenschliche Lebensart sich zugezogen; seine ganze Nachkommenschaft, geborne und ungeborne, geriet in Fäulnis und versprach nichts als einen elenden Haufen Krüppel, Schwindsüchtige und dergleichen. Alle die Beschwerlichkeiten des Seelsorgers und die Gefahr, ihn bei strenger Kälte, Schloßenwetter oder heftigen Regengüssen ertrinken, verhageln oder erfrieren zu sehn, waren noch keine dringenden Bewegungsgründe, den Bau zu unternehmen, wenn nicht ein wichtigrer Umstand die Beschleunigung desselben erfodert hätte.

Ihre Gnaden hatten an der einen Querseite des Pfarrhauses einen vortrefflichen Schießstand; die Kugel pfiff durch zwei Buchenhecken bis an die Scheibe – o wie der Teufel! – nach Ihre Gnaden selbsteignem Ausdrucke. Der Stand selbst war ein kleines Häuschen, mit einem erträglichen Saale, aber so gebaut, daß in der daran stoßenden Stube der Pfarrwohnung im ganzen Jahre nicht mehr als am längsten Tage eine halbe Stunde Dämmerung war; welches freilich für den gegenwärtigen Bewohner kein Schaden war, weil er diesen Teil des Hauses wegen der täglich mehr und mehr drohenden Gefahr des Einsturzes gänzlich geräumt hatte und in die beßre Hälfte geflüchtet war. An der rechten Seite des Platzes, vom Schießhause aus gerechnet, erhub sich von der Hecke an ein Berg von mittelmäßiger Höhe, mit einem schattichten Birkenhaine bepflanzt, und dehnte sich an der Hinterseite der Pfarrwohnung weit über das Dorf hinaus, von dem ein Teil zerstreut auf ihm lag. Sonst rieselten etliche Quellen an seinem Fuße längst der Hecke hin, sammelten sich ein wenig über der Mitte zu einem Bächelchen, das etliche Ruten hinter der Schießmauer, wo sich der Berg in ein Tal verlor, zwei oder drei Fuß hoch murmelnd hinunterstürzte; aber weil die geschwätzige Laune der Schützen das sanfte Geräusch der Quellen überstimmte und kein einziger durch eine minutenlange Aufmerksamkeit dankbar dafür sein wollte, so wurde die Quelle unwillig und verstummte, und, was ganz natürlich daraus folgen mußte, der Bach murmelte auch nicht mehr – oder ganz prosaisch gesagt: die Quellen vertrockneten, und ich weiß nicht, warum. Sonst war der Birkenhain die Residenz aller Arten von Vögeln in dem ganzen Bezirke des Ritterguts; aber das menschenfeindliche Knallen der Büchsen und das lärmende Getöse der Gesellschaft machte sie schüchtern, und sie flohen. Von der andern Hecke an streckte sich eine unübersehliche Fläche von beblümten Wiesen hinaus, durch die ein mäßiger Fluß – der Name ist leicht in der Geographie zu finden! – sich in vielfältigen Krümmungen hindurchschlängelte. Längst der Wiese hin stund die übrige Hälfte des Dorfes, und mitten darinnen erhub sich das Schindeldach des herrschaftlichen Palastes. Schön war der Platz, und Götter würden hier bei einem Glase Nektar, nach der Scheibe zu schießen, sich nicht geschämt haben, wenn Götter Zeit hätten, nach der Scheibe zu schießen. Alles, was die Kunst daran gearbeitet hatte, schrieb sich von der Erfindungskraft und dem Fleiße des verstorbnen Herrn Pastors her, der in einer zahlreichen Gemeine, bei den beschwerlichsten Reisen auf zwei Filialdörfer, kurz, bei der arbeitvollsten Pfarre im Lande noch Zeit genug übrighatte, den ganzen Tag auf diesem geliebten Platze zuzubringen und seine unbezwingbare Neigung zum Schießen täglich an einer oder zwei Scheiben auszulassen – wohl zu merken, allzeit in Gesellschaft des gnädigen Herrn und etlicher Schmarotzer, die sich wechselweise bei dem letztern ablöseten.

Niemand hatte nach seinem Tode ein größeres Recht auf diesen göttlichen Lustort, weil ihn niemand besser zu gebrauchen wußte, als der gnädige Herr; auch war er ihm wirklich in einem Testamente vermacht worden. Doch als ein Mann, der seine Rechte verstund, besann sich der benannte Erbe, daß der Herr Testator keine Gewalt gehabt hatte, einen Platz zu verschenken, der einen Teil von den zur Pfarr gehörigen Wiesen ausmachte. Aber besitzen mußte er den Platz oder doch willkürlich ihn gebrauchen können, solange er lebte. Um also seine Ehre (sein Gewissen) nicht zu beleidigen, so tat er dem neuen Pfarr bei seinem Anzuge sein Verlangen kund, den seine Ernsthaftigkeit ohnehin zu einem beschwerlichen Mitgliede der Schießgesellschaft gemacht hatte, wenn er auch der nie fehlende Apoll gewesen wäre; vergaß nicht zu bemerken, wie groß seine Liebe und Hochachtung für die Gerechtigkeit sei, daß er den ganzen Platz sehr leicht sich hätte anmaßen können, ohne daß jemand erfahren hätte, daß es ein geraubtes Kirchengut sei – gerade als wenn ein unterlaßnes Bubenstück das Lob der Tugend verdiente – und daß es endlich bloß von ihm abhänge, ob er alle Tage seines künftigen Amtes die Gnade genießen wolle, seinen gnädigen Herrn in der Nähe seines Hauses zu riechen und zu hören. Der Pfarr, ein guter, ehrlicher Mann, der so nachsichtig gegen die törichsten Bedürfnisse andrer Menschen und am meisten gegen ihre Vergnügungen war, daß er lieber bis an die Knöchel in den Kot trat, um nur den Dorfkindern ihre Drehkreuze, ihre Äugellöcher und dergleichen nicht zu zertreten – dieser gutherzige Mann machte am Ende eines jeden Perioden in der Rede des Patrons eine Verbeugung, so gut und tief sein dicker Körper es erlaubte, und freute sich sehr mit seinem ganzen Gesichte – bis ans Herz reichte die Freude über eine solche Nachbarschaft nicht –, seinem Herrn Collator schon bei dem Anfange seines Amtes einen Gefallen zu tun; dies war seine ehrliche natürliche Sprache. Aber der Herr Major – so hieß er – fand sie nicht so ganz natürlich, und Leute, die ohne Sehrohr andern ins Herz zu sehen vorgeben, wollen versichern, daß der Mangel an gehörigen wohlstilisierten Komplimenten die einzige oder doch eine mitwirkende Ursache gewesen sei, warum der Bau des Pfarrhauses, sooft man es auch versprach, so lange verschoben wurde; zum wenigsten soll diese Ursache wie ein kleiner heimtückischer Schadenfroh in einem Winkel des Herzens gelegen und alle Bewegungsgründe wider den Bau auf die entgegengesetzten losgehetzt haben. Hiezu kam noch: Die Gewissenhaftigkeit des Pfarrers konnte nicht zugeben, daß dieses eine Dienstbarkeit der Pfarrwohnung werden sollte, und verlangte eine schriftliche Versichrung darüber, die seine Nachfolger dafür sicherte. Sie wurde ihm gegeben nach vielen Versicherungen bei dem gnädigen Wort und Ehre – aber mit einem verzerrten, sauren Gesichte, und der Pfarr legte sie vergnügt in das Kirchenarchiv.

Die Traktaten waren geschlossen; sechs Jahre lang hatten die Sparren und Balken des Pfarrhauses vor dem Knallen des Gewehrs und dem Lärm der hochadeligen Gesellschaft alle Tage gezittert und das ganze Gebäude in einer beständigen erdbebenmäßigen Bewegung erhalten. Für den Pfarr war die Beschwerlichkeit gering, weil ihn seine Pflicht, den größten Teil des Tages außer dem Hause zuzubringen, nötigte, und seine Familie, von der Frau bis auf das jüngste fünfvierteljährige Kind – denn in dieser Beschaffenheit erhielt er beständig seine Familie –, war von Gichtflüssen teils wirklich taub, teils auf dem Wege dazu.

Nach einer so langen glücklichen Ruhe kam auf einmal einem Sud-Sudwestwinde die Lust an, bei einem Gewitter mit aufgeblasenen Backen auf den schwächsten Teil des Hauses, der von dem Berge nicht beschützt war, loszustürmen. So gebrechlich er war, so hielt er sich doch lange und tapfer; doch endlich mußte er seinem zu unverschämten Gegner weichen. Der Giebel stürzte herunter, ein Stück vom Dache hintendrein, Balken, Steine, Schindeln fuhren, wie geschwänzte Feuerdrachen, in der Luft hin; alles stürzte auf das Schießhaus, zerschmetterte das Dach, warf einen großen Teil der Decke in den Saal herunter – die Gesellschaft, die gerade sehr zahlreich war, flohe, fiel übereinander her, schrie, fluchte; einer verrenkte das Bein; einer wurde von einem Steine an der linken Schulter gequetscht, ein andrer im Herausdrängen mit dem empfindlichsten Teile des Leibes an die Türpfoste gedrückt und war in großer Gefahr, in Zukunft einem elenden Eunuchen zu gleichen; alle wurden beschädigt, doch keiner mit Lebensgefahr. Keine Marine kann einen angenehm schrecklichern Anblick darstellen als dieser Sturm auf dem festen Lande. Die gnädige Frau, die kaum vorher in ihrem Kabinett über dem Netzknüpfen mit ihrem geliebten Joli auf dem Schoße eingeschlummert war, fuhr bei dem entsetzlichen Krachen plötzlich auf, ließ ihren Joli fallen, und Joli – zerbrach ein Bein.

Dieser traurige Vorfall ließ nichts als eine unangenehme dreifache Wahl übrig: Entweder mußte das Pfarrhaus neu gebaut und der Schießstand zugleich ausgebessert werden – oder jenes wurde wieder mit einem neuen Giebel ausgeflickt, und bei dem nächsten Sturmwinde mußte wieder die ganze Gesellschaft gequetscht, beschunden, gedruckt werden, Joli mußte noch ein Bein zerbrechen usw. – oder endlich mußte der Herr Major zu Hause bleiben, die Rechnungen seines Verwalters durchlesen, ein Buch zur Hand nehmen und verschiedene Sachen daraus lernen, die Ihre Gnaden Ehre gemacht hätten, denn spielen war ihm ein zu langweiliger Zeitvertreib. Von diesem dreifachen Entweder und Oder kam ihm das letzte gar nicht in den Kopf – das zweite schlug sogleich die Frau Majorin nieder – und das erste wählte der Herr Major sogleich, als ihm das erste Stück Gips von der Decke des Schießhauses auf den Kopf fiel, ohne an einen andern möglichen Fall zu denken.

Das Haus wurde also gebaut, und zwar auf Unkosten der Kirche. Die Kirchenvorsteher hatten nichts als die kleine unmaßgebliche Bedenklichkeit dawider, daß die Kirche sich schon vor etlichen Jahren ganz und gar ausgegeben hätte und dahero ihr ganzes Hab und Gut gegenwärtig in nichts als einem abgerißnen silbernen großen Schloßbleche bestünde, das ehemals ihr Vermögen in einem eichnen Kasten verwahrt hätte und nunmehr in dem vernagelten Kasten selbst verwahrt würde, weil der Fall sobald nicht vorkommen möchte, daß der Kasten geöffnet zu werden brauchte und doch leicht jemand, es zu stehlen, hätte verleitet werden können. Die Bedenklichkeit war freilich ziemlich gegründet; allein der Herr Major wollte – und es geschah. Ein Kapital wurde aufgekündigt; es machten wohl verschiedene Gläubiger Ansprüche darauf und wären unverschämt genug gewesen, sich in das ganze aufgekündigte Kapital zu teilen und die Hand immer noch offen zu behalten – die Unmenschen! Konnte denn der Herr Pfarr unter freiem Himmel wohnen? War er nicht so schon elend genug geworden? Sollte denn der Herr Major in täglicher Lebensgefahr sein? Oder sollte er gar nicht schießen? Sollte Joli noch ein Bein zerbrechen? – Alle diese Gründe beherzigten zuletzt diese unbilligen Leute, nachdem sie ihnen der Herr Major sehr einleuchtend vorgestellt hatte.

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