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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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34.

Amalie, da sie seine Abwesenheit bemerkte, kam nicht einen Augenblick lang auf die Vermutung einer Untreue; sie fand hingegen eine Menge für Siegmunden rühmliche Ursachen, die ihn zu einer solchen heimlichen Entfernung bewegt haben konnten. Sie glaubte nichts gewisser, als daß er Absichten habe, nach deren Erreichung er zu ihr zurückkommen werde. Um indessen von den Leuten, in deren Hause sie war und die nicht um die Hälfte mehr so freundlich aussahen, weil sie vermuteten, daß ihre Bezahlung bald aufhören möchte, noch weiter geduldet zu werden, entschloß sie sich, mit Arbeiten ihnen das Brot abzuverdienen. Sie arbeitete also, so gut es ihre Kräfte erlaubten, seufzte, weinte im stillen und erwartete zuversichtlich, daß Siegmund sie bald aus diesem Zustande befreien werde: eine Hoffnung, die ihr Kräfte, Mut, Geduld und alles gab!

Siegmund setzte unterdessen seine Wanderschaft unter mancherlei Schicksalen fort, und hätte er gewußt, daß Amaliens Anverwandte nichts weniger als Neigung hatten, sie zurückzuholen, sondern sehr wohl zufrieden waren, daß sie diese Partie ergriffen hatte, so würden alle seine Vorsichten, seine Entdeckung zu verhüten, unnötig gewesen sein und er sich verschiedene Beschwerlichkeiten erspart haben. Der ganze Erfolg seiner Reise war nichts als eine Reihe Anschläge, Vereitlungen, Projekte, Versuche, getäuschte Erwartungen, und am Ende blieb ihm nichts übrig, als Amalien auf immer zu vergessen und in der Neuen Welt ein Glück zu suchen, das er in der Alten nicht finden konnte. Auch mußte ihm dieser Entschluß nicht schwer werden, da die lange Entfernung von seiner Geliebten ihn von seiner ehmaligen Liebe nichts als ein augenblickliches vorübergehendes Andenken an sie in einer einsamen traurigen Stunde zurückgelassen hatte; demungeachtet konnte er ihn so wenig fassen, daß er sich sogar die erwünschteste Aussicht, unter vorteilhaften Bedingungen in einer englischen Kolonie anzukommen, entgehen ließ, das Anerbieten eines Freundes, ihn mit dahin zu nehmen und für ihn allen seinen Kredit anzuwenden, ausschlug und zu Amalien zurückeilte.

Die Ursache einer so plötzlichen Veränderung seiner Gesinnungen war diese: Als er am meisten mit seiner Überfahrt nach Amerika umging, wurde ihm eines Abends in einer Gesellschaft die Geschichte eines Mannes erzählt, die so völlig die seinige war, daß es seine Begebenheiten unter fremdem Namen zu sein schienen – die Geschichte eines ungetreuen Liebhabers, der sein Glück in Amerika gesucht, es nicht gefunden hatte und zuletzt vom Donner erschlagen worden war, welches die ganze Gesellschaft für eine gerechte Strafe seiner Untreue erklärte und den Treulosen mit den schimpflichsten Namen brandmarkte. Eine hochgespannte Seele braucht nur leise Berührungen, um Empfindung ihrer selbst zu erwecken. – Siegmund wurde bestürzt, begab sich eilends fort, verschloß sich in seine Wohnung, wo die Ehre ihm die schärfste Gesetzpredigt hielt und ihn sich als den schwärzesten Verräter vorstellte; eine solche Vorstellung war für ihn abscheulicher als der schmählichste Tod, er nahm also eine Entschließung, die ihn von der Qual befreite, sich in dem verhaßten Lichte eines ehrlosen Betrügers zu betrachten. Er beschloß, sein Leben zu endigen und, nach seinem Ausdrucke, der Strafe des Himmels zuvorzukommen; doch, um Amalien wenigstens durch seine Reue genugzutun, unternahm er eine weite Reise zu ihr zurück, ohne zu wissen, wo er sie finden sollte. Er kam auch wirklich an dem Orte an, wo er sie verlassen hatte, erkundigte sich unter der Hand nach ihr, erfuhr, daß sie sich zeither beständig von Handarbeit habe nähren müssen, noch bei dem nämlichen Manne sei, bei welchem er sie gelassen hatte, daß sie nach dem Tode seiner Mutter seine Hausfrau vorstelle, aller Vermutung nach seine wirkliche Frau werden möchte und ihres gegenwärtigen Standes völlig gewohnt sei, außer daß man zuweilen eine Abwesenheit des Geistes, eine Melancholie bemerkte. Diese Erkundigungen, so vorsichtig sie auch geschahen, waren doch zu Amaliens Ohren gekommen; sie wußte nicht, von wem sie geschahen, aber doch daß sie um ihrentwillen gemacht wurden. Siegmund sahe sie sogar, als sie auf das Feld ging, von der Sonne verbrannt, bleich, in dürftiger Kleidung, mit einem Gesichte, auf welches Kummer und Melancholie einen starren unbeweglichen Blick gedrückt hatten, ohne Reiz, ohne Anmut; ihre Augen, die er sonst die Augen der Venus nannte, waren itzt wie ein paar erloschne Sterne, ohne den mindesten Geist, starr, ihre ganze Miene ein Bild der Stupität; und hätte er ihr Gehirn sehen können, so würde er gefunden haben, daß ihre Miene der Abdruck davon war, so sehr hatte die harte Begegnung ihrer Anverwandten und ihre nachmaligen Bekümmernisse ihren vorher glänzenden Verstand daniedergedrückt.

Dieser Anblick war für Siegmunden so gut als die fürchterlichste Bestrafung. Sehen, beschließen, tun war eins; er zog ein Terzerol aus der Tasche und schoß sich auf der Stelle vor den Kopf.

Amalie hörte den Schuß, und als wenn sie eine geheime Ahndung dahin riefe, ging sie nach dem Orte zu, wo er gefallen war. Sie fand einen Menschen, der mit dem Tode rang und bei ihrer Ankunft die Augen öffnete. Sie erschrak und blieb bestürzt stehn, ohne zu wissen, wozu sie sich entschließen sollte. Ein innerlicher Zug nötigte sie, sich zu nähern und den Toten zu betrachten, und gleichwohl hielt sie die Furcht zurück. Sie hatte das Herz nicht; endlich lief sie nach Hause, machte den Zufall bekannt, und Siegmund wurde gerichtlich aufgehoben. Bei der Durchsuchung fand man ein Billett an Amalien, welches er ihr vermutlich hatte überliefern lassen wollen, wenn er nicht durch Amaliens Erblickung in eine zu plötzliche Hitze getrieben worden wäre. Ihr Aufenthalt, ihr Name und andre Umstände waren in der Aufschrift zu deutlich bezeichnet, als daß man sie nicht hätte erkennen sollen. Das Billett war folgendes:

 

Amalie,

Ich verließ Sie, nicht um Ihr Verräter zu werden, sondern um so lange herumzuwandern, bis mich das Glück in den Stand setzte, Ihnen den Verlust zu ersetzen, den Sie durch meine Liebe erlitten haben. Das Glück hat es nicht gewollt; und meine Ehre verlangt, daß ich Ihnen auch für die Falschheit des Glückes Genugtuung schaffe. Vergessen Sie mich, denn ich bin treulos genug gewesen, Sie um eines ungewissen Glückes willen, das ich mir in Amerika versprach, auf immer vergessen zu wollen. Beten Sie für meine Seele, denn ehe Sie dieses Billett empfangen, bin ich tot.

Siegmund

 

Amalie, die bisher schon öftern Anfällen von Schwermut ausgesetzt gewesen war, verfiel bei Empfange dieses Briefes in die trübsinnigste Melancholie. Sie empfand nicht; alles war ihr gleichgültig, selbst ihr Leben; viele Tage brachte sie ohne Speise zu; ihre Beschäftigung war, daß sie das Billett las, es wieder zusammenlegte, gen Himmel sahe und es seufzend einsteckte; dies konnte sie oft stundenlang wiederholen.

Nach einiger Zeit erholte sie sich wieder; ihre Krankheit verließ den Körper und zog sich ganz in die Seele zurück, die von dieser Zeit an der Sitz einer periodischen Schwermut wurde. Sie empfing von der Wohltätigkeit eines Unbekannten ein Jahrgeld, das sie in den Stand setzte, den Rest ihres melancholischen Lebens ohne Sorge für ihren Unterhalt zuzubringen. Sie bewohnte auf einem Dorfe in der Nachbarschaft von Selmanns gegenwärtigem Aufenthalte ein kleines Häuschen, und eine alte Frau war ihre einzige Gesellschafterin und zugleich ihre Bedienung; hier hatte sein Freund auf einem Spaziergange sie gefunden und ihre Geschichte aus ihrem eignen Munde gehört, die sie in ihren heitern Stunden mit einer ungemein schmelzenden Beredsamkeit und dem durchdringendsten Affekte vorzutragen wußte.

Selmann wurde über der Erzählung nachdenkend; da ihm aber sein Freund berichtete, daß sie die Gewohnheit habe, jährlich das Gedächtnis ihres unglücklichen Liebhabers mit einer ländlichen rührenden Feierlichkeit zu begehen, und daß dieser Tag sich nähere, so richtete er sich plötzlich auf. »Diese müssen wir sehen!« rief er. Man stellte ihm seine Unpäßlichkeit und die Gefahr für seine Gesundheit vor, nichts half; Wagen und Pferde mußten bestellt werden, und an dem bestimmten Tage gab ihm seine Begierde so viel anscheinende Stärke und Lebhaftigkeit, daß er völlig gesund in Begleitung seiner beiden Gesellschafter hinzureisen schien.

Amalie saß schon einige Stunden an dem Orte, wo Siegmund sich das Leben genommen hatte. Es war ein kleines lichtes Fichtenwäldchen, das auf einem abhängigen Boden stund, weiter unten zu dicken Gesträuche wurde und sich in ein enges Tal verlor, durch welches sich ein kleiner Fluß über eine Menge Klippen und losgerißne Felsen schäumend durcharbeitete. Das ganze schmale Tal war sein Bette; die oftmalige Verengerung desselben nötigte seinen Strom, sich zu teilen, und er mußte gleichsam sich den Weg mit Anstrengung aller Kräfte öffnen. Die andre Seite des Ufers erhub sich beinahe senkrecht in ungeheuren romantischen Felsenstücken empor, die in einer beträchtlichen Höhe sich in eine unzählbare Menge Spitzen zerteilten, worunter einige kahl emporragten, andere mit einzelnen Bäumen, andere mit dichtem Gesträuche oder Walde bekleidet waren und insgesamt die Grenze des Horizontes machten.

Auf diesem romantischen Schauplatze, den die Natur ausdrücklich für melancholische Auftritte geschaffen zu haben schien, hatte Amalie für ihre Feierlichkeit eine Stelle gewählt, wo das lichte Wäldchen einen freien Platz mit einzelnen Bäumen leer ließ, bei welchem der Dickicht anging. Vor dem Gesichte stieg die Felsenwand mit ihren mannigfaltigen Spitzen bis in die Wolken; eine allgemeine tote Stille herrschte in der ganzen Luft, die durch das ferne, bald brausende, bald dumpftönende hohle Geräusche des ungesehenen Flusses auf die fürchterlichste Weise von verschiedenen Seiten bald schwächer, bald stärker unterbrochen wurde; nur bisweilen schienen die Wipfel der Bäume durch ein mattes Rauschen die Harmonie melancholischer machen zu wollen. Zwischen zween von den einzeln dastehenden Bäumen hatte Amalie ein Grabmal mit eignen Händen errichtet, das aus einem mit Fichtenzweigen und einzelnen Blumen bestreuten, länglicht viereckichten Erdhügel bestund und von den traurig niederhängenden Ästen der beiden Bäume beschattet wurde. An einen derselben gelehnt, saß die schwermütige Leidtragende auf einem Steine, in stummer tränenloser Betrübnis; ihre Haare hingen zerstreut über die Schultern; die Füße waren entblößt; ihre Kleidung war schwarz und hin und wieder Risse darinne, welches Wirkungen ihres Schmerzes sein mochten; auf dem bleichen Gesichte saß Schwermut und der niederschlagendste Schmerz – ein Schmerz, der die Künste eines Raffaels übersteigt! – die Augen waren starr auf das Grab geheftet, und die Hände lagen in einer ringenden Stellung auf dem Schoße. Sie besaß noch einige schwache Reste einer ehemaligen Schönheit, die wie die erhaltnen Marmorsäulen eines antiken Tempels durch ihren Kontrast die Wirkung der übrigen wüsten Ruinen verstärkten.

Sobald die Ankommenden in ihren Gesichtskreis kamen, schien sie auf sie zu sehen; doch bald lenkten sich ihre Augen wieder unbeweglich auf den Grabhügel. Selmann hatte sie kaum erblickt, als er wie leblos dastund, so völlig außer sich gesetzt, als wenn sich seine Empfindung ganz ins Herz zurückgezogen hätte. Nachdenkend ging er zu wiederholten Malen einige Schritte vorwärts, blieb dann stehn und sahe Amalien unverwandt an. Endlich eilte er auf sie zu, setzte sich zu ihr, ergriff ihre Hand und ließ einige Tränen auf sie fallen, die die Unglückliche mit einer zärtlich bekümmerten Miene aufküßte und seufzend nach dem Grabe sich hin neigte.

Lange Zeit war er so stumm als sie; endlich sagte er wie aus dem Innersten: »Unglückliches Mädchen! wenn wird sich dein Kummer endigen?« – Sie hub die Hände mit vielem Ausdrucke empor, wies gen Himmel, fiel auf die Knie dicht an das Grab und schien in sich zu beten, worauf sie wieder auf ihren Stein zurückkehrte.

Selmann nötigte seine Gesellschaft, bis zum Untergange der Sonne bei ihr auszuhalten, und da sie aus einem Gelübde beständig zu schweigen schien, so unterbrach niemand ihre Niedergeschlagenheit mit einem Worte. Sobald die Sonne untergegangen war, stund sie auf, verrichtete kniend ein stummes Gebet und ging dann, von ihren drei Zuschauern begleitet, in ihre Wohnung zurück.

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