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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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33.

In diesem Entschlusse trat er, den Rest seiner Mahlzeit auf dem Rücken, seine Wanderschaft an und folgte gedankenlos dem Wege, der sich ihm zunächst anbot. Nachdem er eine kleine Strecke gegangen war, hörte er vernehmlich einen Menschen hinter ihm keuchend laufen und immer näher kommen. Er setzte sich sogleich in seinem Gehirne eine sehr wahrscheinliche Geschichte zusammen, daß Amalie zu ihrer Familie zurückgeholt worden wäre, ihn auf viele Bedrohungen verraten hätte und dieser herbei eilende Mensch jemand von denen sei, die man nach ihm ausgeschickt habe. »In diesem Falle«, setzte er hinzu, »ist es für mich besser, mit Gefahr des Todes gewiß zu werden, als in ewiger Ungewißheit zu leben.« – Er legte sein Bündel nieder und erwartete, an einen Baum gelehnt, den vermeintlichen Feind.

Der Mann kam zum Vorschein, und ehe er noch völlig an ihm war, fragte er schon nach Siegmunds Namen. Siegmund wurde dadurch in seiner Vermutung bestärkt. »Ja, ich bin es, den du suchst!« rief er, zog seinen Hirschfänger und hieb mit der größten Wut auf ihn los, daß er halb vor Schrecken und halb vor Schmerz zur Erde fiel. Die Wunde war am Kopfe, dessen rechte Seite der Hieb gestreift, das Ohr abgerissen hatte und in die Schulter gefahren war. »Wo ist Amalie?« fragte Siegmund. »Bei mir«, sagte der Verwundete mit schwacher Stimme. – »Bei dir? Wo? Wo ist das?« – »In der Hütte, die gleich kömmt.«

Siegmund vergaß alles, den Verwundeten, seine Waffen, seine Bürde, und flog wie unsinnig nach der Hütte zu, die er schon durch die Bäume sehen konnte. Er klopfte an. Die Frau sah heraus. – »Ist Amalie hier?« fragte er. – Die Frau, die aus seiner wilden Miene nichts Gutes vermutete, sagte, daß sie Amalien nicht kenne, und machte das Fenster zu. Siegmund wurde zornig und brach die Tür ein, trat in den Winkel, der die Stube bedeuten sollte, und erkannte im Düstern mit Mühe Amalien, die in einer Ecke saß; zwar würde er sie nicht gekannt haben, wenn sie nicht durch ihre Anrede sich zu erkennen gegeben hätte. Sie erzählte ihm eilfertig, daß der Sohn vom Hause ihm nachgegangen sei, ihn aufzusuchen. – »Himmel!« rief er, »den habe ich beinahe getötet« – und so lief er, ohne ein Wort weiter zu sagen, zu dem Verwundeten.

Er verband ihn, so gut er in der Geschwindigkeit konnte, und führte oder trug ihn vielmehr nach Hause, wo er seinen Irrtum erklärte und beteuerte, daß er nicht eher ihn verlassen würde, als bis er völlig wiederhergestellt wäre. Die Frau willigte mehr aus Furcht als aus Güte darein, ihn nebst Amalien länger bei sich zu behalten.

Darauf trieb ihn die Neubegierde, zu erfahren, wie und warum Amalie in dieses Haus gekommen sei. »Ich erwachte«, erzählte sie ihm, »rief und fand Sie nirgends; ich kroch dem Lichte nach zu dem Eingange der Höhle, rief und hörte ebensowenig. Ich ging furchtsam wieder zurück, und die Furcht ließ mir nicht Gedanken genug, um über die Ursachen Ihrer Abwesenheit nachzudenken. Ich wimmerte und zitterte lange Zeit, als ich auf einmal jemanden kommen hörte. Ich nennte Ihren Namen zu verschiedenen Malen, und aus dem Stillestehen des Ankommenden konnte ich schließen, daß es für ihn befremdend wäre, hier eine menschliche Stimme zu hören. Endlich hatte ihm mein kläglicher Ton zu vermuten gegeben, daß es eine Unglückliche sein müsse. Er fragte also, wen er hörte. Ich bat ihn, mir aus dieser Höhle zu helfen, mich mit sich zu nehmen und mit mir zu machen, was er wollte; vor Furchtsamkeit konnte ich nicht bedenken, wie viel ich mit einer solchen Bitte wagte. Er tat es; er brachte mich in dieses Haus, wo er nebst seiner Mutter mich gütig aufgenommen hat.«

Als der Kranke sich wieder gebessert hatte, so war Siegmund ebenso neugierig, den übrigen Verlauf zu wissen. Er hatte schon von Amalien gehört, daß sie ihren Retter ersucht hatte, etlichemal zu der Höhle zurückzugehn, um vielleicht etwas von der Zurückkunft ihres Geliebten zu entdecken; itzt erfuhr er, daß diese Höhle ein Behältnis sei, wo er gestohlnes Wild verberge, und daß er denselben Morgen gekommen sei, um einen solchen Raub darinne zu verstecken; – diese Entdeckung geschah natürlicherweise erst, nachdem die gewöhnlichen menschlichen Vorsichten vorher gebraucht worden waren. – Er sei, nachdem er Amalien ins Haus gebracht, etlichemal bei der Höhle gewesen und habe niemanden angetroffen; endlich bei seinem letzten Gange habe er von fern jemanden vor der Höhle erblickt, da er aber Ursache hätte, gegen jedermann, der sich an diesem Orte sehen ließe, aus bekannten Ursachen mißtrauisch zu sein, so habe er für gut befunden, ihn erst in der Ferne zu beobachten; Siegmund sei ihm darauf plötzlich aus den Augen gekommen, und da er im Walde alle Wege kennte, so sei es ihm leicht gewesen, ihm, ohne Gefahr sich zu verirren, nachzueilen, welches er auch getan, ihn eingeholt und alsdann die Wunde empfangen habe.

»Die ich so gut fühle«, sagte Siegmund, »als wenn ich sie selbst bekommen hätte. Meine Hitze hat mir schon manches Unglück verursacht. Wollte der Himmel, es wäre das letzte! oder ich könnte Euch diesen Schmerz tausendfach vergüten! Ich glaubte nichts gewisser, als daß es ein Aufpasser wäre, der mir nachsetzen wollte, und in dieser Überredung tat ich, ohne eine Minute lang zu überlegen, den Angriff, den unglücklichen Angriff. – Die Liebe zu Amalien und die Meinung, daß ich sie auf immer verlieren müßte, hatten mich in eine Verzweiflung versetzt, die mich wütend machte.«

Ja, die Liebe zu Amalien! – O Menschenherz! du bist ein wunderliches Ding! – Dieser Ausruf soll gleich gerechtfertigt werden.

Siegmund hatte seine Amalie beständig so feurig geliebt, daß ihn kaum ein Romanenheld übertreffen kann; ein Teil dieser Liebe war ohne Zweifel ihrer Miene und ihrer Bildung zuzuschreiben; doch hatte Siegmund ein viel zu feines Gefühl, um Amalien zu lieben, weil sie einen wohlgebauten Körper und eine blühende Farbe hatte; nein, er liebte den Geist, der aus allen diesen Schönheiten hervorstrahlte und alle ihre Mienen und Bewegungen mit einem unterscheidenden Reize beseelte. Diese Flamme hatte am heftigsten in ihm gelodert, als man sie schon für erloschen hielt; die Glut hatte sogar zugenommen, je weniger Hoffnung man ihm übrigließ, daß seine Liebe jemals befriedigt werden könne; endlich hatte sie sich mit seiner Empfindung der Ehre so vermischt, besonders da er Amalien um seinetwillen so schmählich behandeln sah, daß sie lieben und ein Mann von Ehre sein, sie nicht lieben und eine Niederträchtigkeit begehn bei ihm eins waren.

Mit dieser Stärke der Empfindung faßte er sie nach einer langen Trennung bei seiner Ankunft in dieses Haus zum ersten Male wieder in die Arme, ohne sehen zu können, daß Amalie itzt mehr ein Gerippe als eine blühende reizende Nymphe war. Den Tag darauf bemerkte er es und erschrak; den dritten konnte er seine Verwundrung darüber nicht mehr zurückhalten; und so machte jeder Tag Amalien weniger schön, bis sie ihm zuletzt gar häßlich vorkam; und so wurde seine Liebe auch jeden Tag weniger warm, bis sie zuletzt gar – erkaltete. Ehe noch ihr Feuer bis zu diesem Grade erloschen war, hatte er schon oft die Überlegung bei sich gemacht, daß vielleicht in kurzer Zeit sein kleiner Vorrat an Gelde, den er mit sich genommen, bei einer noch so großen Sparsamkeit aufhören, daß alsdann Amalie wegen ihrer Schwächlichkeit und Ungewohnheit nicht imstande sein würde, zu ihrer beiderseitigen Erhaltung etwas beizutragen und von ihm aus den nämlichen und mehrern Gründen nichts mehr, wenigstens nichts zu ihrem Unterhalte hinlängliches zu erwarten stände; genug, er fühlte, daß Liebe und seine starke Empfindung der Ehre ihn in ein unüberlegtes Unternehmen hineingestürzt hatten, an dessen Ausschlag er niemals gedacht und dessen Ende er nicht absehen konnte.

Wenn die Liebe schon ganz zurücktritt und der Ehre es überläßt, die Sache eines geliebten Gegenstandes zu führen, dann mag ich dieser geliebte Gegenstand nicht sein und mit meinem Liebhaber mich in solchen Umständen wie Amalie befinden. Die Ehre ist ein skrupulöses Geschöpf: So gern sie Skrupel macht, so gern hört sie dieselben auch an; das Point d'honneur hält wohl zurück, aber es setzt keinen Finger in Bewegung.

Das ganze Resultat seiner Beratschlagung war, daß seine Ehre ihn verbinde, jedes Schicksal mit Amalien zu teilen und ihr seinen Schutz nimmermehr zu entziehn. Kurz darauf stellte ihm eine andre Überlegung vor, was für Aussichten er durch seine Entfliehung sich in Ansehung seiner Glücksumstände benommen und in was für ein mühseliges kummervolles Leben er sich hineingeworfen, was für ein Vermögen er zurückgelassen und in welche Armut er hineingerennt sei, daß er, ohne die stärkste Rache von Amaliens Eltern zu fürchten, in langer Zeit noch nicht sichtbar werden könne, kurz, daß alles Glück für ihn verloren und alles Unglück gewiß sei. – Doch die Ehre verbindet mich, dies gemeinschaftliche Schicksal mit Amalien zu tragen! war abermals sein Schluß.

Indessen – Amalie befindet sich hier nicht übel; wenn ich ihr zu ihrem Unterhalte etwas Zureichendes zurückließe und ausginge, um eine Versorgung zu suchen, die uns beide nähren könnte, wäre dies nicht klüger und gerechter gegen sie, als wenn ich untätig bei ihr bliebe? – die Ehre will es.

Nein, hieß es ein andermal, eine schlechte Versorgung! Was für eine werde ich finden? – Ich habe sie aus der Bequemlichkeit herausgerissen; ich muß sie ihr wiederschaffen. Meine Ehre verbindet mich dazu.

Aber wie schaffe ich ihr die eingebüßten Bequemlichkeiten wieder? – Wohlan! ich gehe aus; wo ich sie finde, teile ich sie mit ihr.

Doch Amalie wird sich über meine Abwesenheit und über ihre verlaßnen Umstände zu Tode grämen.

Hierauf sagte ihm seine Ehre kein Wort, und hätte es ein Rest von Liebe zu Amalien nicht dahin gebracht, so wäre die arme Unglückliche noch denselben Tag von ihm heimlich verlassen worden. So verschob sich der Anschlag noch. – Doch nicht lange; denn die Nacht darauf stahl er sich fort, nachdem er ihr eine unbeträchtliche Summe zurückgelassen hatte.

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