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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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32.

Siegmund war indessen Tag und Nacht auf der Folter gewesen; Ehre, Liebe und auch eine kleine Rachsucht waren seine beständigen Peiniger. Er hatte Projekte gemacht und verworfen und nie eins ausgeführt. Zween Versuche, Amalien aus ihrem Gefängnisse zu entführen, waren mißlungen, und als er eben zum dritten sich mit der äußersten Verwegenheit rüstete, bekam die ganze Sache eine andre Wendung.

Seit dem ersten Argwohne von Amaliens Schwangerschaft war nunmehr ein völliges Jahr verstrichen; sie war auch bei dem Eintritt der Winterkälte auf Vermittelung ihrer Tante in ihr ehmaliges Zimmer, doch immer als eine Gefangne, gebracht worden; und da man also den Ungrund und die Ungerechtigkeit seines grausamen Verfahrens gegen sie deutlich einsah, so ärgerte man sich, daß man Unrecht hatte. Nichts ist für ehrgeizige Seelen unerträglicher als ein Mensch, der Unrecht von ihnen gelitten hat; man sann daher auf Mittel, Amalien auf immer von sich und aus der Familie zu entfernen. Wie viele Demütigungen suchte sich ihr Stolz hierdurch zu ersparen!

Nach langem Nachdenken glaubte man ein solches Mittel entdeckt zu haben. Der Onkel bekam den Auftrag, es ins Werk zu setzen. Er reiste in die Stadt und ließ Siegmunden zu sich kommen.

Sein Vortrag war, daß man, weil Amaliens Liebe zu ihm zu sichtbar und unheilbar sei, sich zu einer Herablassung entschlossen habe, die für seinen Vorteil und seine Ehre ungemeine Folgen haben müßte. Man wolle nämlich Amalien den ihr gebührenden Teil der väterlichen Verlassenschaft ausliefern und sie ihm unter der Bedingung zur Ehe geben, daß er zuvor sich adeln ließe und gleich nach der Verheiratung mit ihr in ein kleines entlegenes Landstädtchen begäbe, ohne jemals in der Gegend zu erscheinen, wo die Familie residierte, oder sich überhaupt als einen Teil derselben zu betragen, weswegen ihr auch auf immer untersagt sein sollte, das Familienwappen zu führen. Dieser Antrag war mit einer Menge sehr schöner Gründe verbrämt, warum er für Siegmunden höchst annehmlich sein müßte und die ganz deutlich sagten, daß er durch eine solche Verbindung erst anfangen würde, ein Mensch von einiger Beträchtlichkeit zu werden, und ohne dieselbe ein verächtliches Geschöpf sei.

Siegmund fing schon in der Mitte dieser Deklamation an zu glühen und ließ ihm nicht Zeit, sie völlig zu endigen, als er ihn hastig unterbrach und ein für allemal versicherte, daß er einen solchen Vorschlag nie annehmen werde. Zugleich bezeugte er, daß er eine solche Zumutung, unter solchen Bedingungen und auf so eine Art angetragen, als eine Beschimpfung ansehe, die man ihm nicht tun könne, ohne vorauszusetzen, daß er der niederträchtigste Mensch unter der Sonne sei. »Ich liebe Amalien«, sagte er, indem er fortging, »und eher soll sie nie meine werden als unter solchen schimpflichen Bedingungen.« Der Alte wollte ihm noch antworten, aber er war schon zu Tür hinaus, ehe noch das erste Wort aus den Lippen hervorkam.

Man wird sich wundern, daß ein Mann, der bei der ersten Entdeckung von Amaliens Liebe so vernünftig urteilen und raten konnte, itzt dem Stolze den Zügel ganz schießen lassen und ohne alle Zurückhaltung einen entehrenden Vorschlag auf eine so erniedrigende Weise ohne alle Milderung tun konnte; allein, wie ich schon gesagt habe, gute Leute können zu allem gemacht werden und besonders unter weiblichen Händen! – da sind sie ein geschmeidiges Wachs.

Siegmund hatte bereits Versuche und itzt neue Anstalten gemacht, Amalien zu entführen; auf diesen Antrag setzte sein Stolz seiner Verwegenheit den Sporn in die Seite; zürnen und beschließen war eins. Noch dieselbe Nacht eilte er, seinen Plan auszuführen, stieg glücklich und unbemerkt zu Amaliens Fenster hinein, ging zu ihrem Bette und weckte sie auf.

»Stehen Sie auf, Amalie!« war seine erste Anrede, »Siegmund ist hier, um Sie zu befreien.«

»Siegmund?« rief Amalie und sprang auf – »Siegmund? – Mich zu befreien?« – Alles dies und noch mehreres sagte sie in einem Tone der Verwirrung und des Erstaunens, wie bei einer Sache, die man wünscht und nicht glauben kann.

»Haben Sie das Herz, Ihrem Siegmunde zu folgen?« –

»O ja!« rief sie entschlossen.

»So kleiden Sie sich an!« – Sie warf die Lumpen um sich, die man ihr zu ihrer Bekleidung gelassen hatte.

»Wohin soll ich?« fragte sie.

»Mit mir entfliehen! wo Sie nicht zeitlebens eine Gefangne sein wollen. – Trauen Sie Ihrem Siegmunde! Sie lieben ihn doch? Oder –«

Itzt erwachte sie. – »Siegmunden?« schrie sie; »ob ich ihn liebe? Sind Sie Siegmund?« – So stürzten sich eine Menge Fragen aus ihrem Munde hervor, bis sie endlich mit dem zärtlichsten Affekte die Arme um ihn schlug und ihm verstummend ins Ohr sagte: »Retten Sie mich!«

»Das will ich! und itzt gleich!« antwortete Siegmund, umfaßte sie und führte sie zum Fenster, um ihr auf die Leiter zu helfen; allein sie konnte nicht. Die lange Einkerkerung und die Ungewohnheit der frischen Luft hatte ihre Glieder geschwächt; nach langem Bestreben also, sagte sie erschöpft: »Ich kann nicht!«

Siegmund, bei dem Entschließung und Ausführung schnell waren und durch jedes Hindernis noch schneller wurden, rief hastig: »Vertrauen Sie mir! ich bringe Sie hinunter«; – und so bemühte er sich, die Fensterbefestigungen loszumachen, riß sie glücklich los, nahm das ganze Fenster heraus, Amalien auf die Arme und stieg mit ihr, ohne eine Minute lang an Gefahr zu denken, zur Leiter hinunter.

Er wollte sie auftreten lassen, um vollends mit ihr zu einem kleinen Busche zu gehen, wo er einen Wagen halten ließ; aber sie hatte nicht die Kräfte, einen Schritt zu tun, noch sich auf den Füßen zu erhalten. – »Himmel, wie sind Sie gemißhandelt!« – rief er, faßte sie auf die Schultern und eilte keuchend mit ihr fort. Er erreichte unentdeckt den Wagen, fuhr in vollem Trabe fort und ruhte nicht eher aus, als bis er über die Grenze war.

Doch kehrte er in keinem Wirtshause ein, sondern bezahlte Wagen und Pferde und trug seine Geliebte bis zu einer Höhle in einem Walde, die er schon längst dazu ausgesucht hatte.

Sie fanden schon eine Lagerstätte von Moos und Blättern in Bereitschaft, die er einige Tage vorher mit eignen Händen zusammengetragen hatten, ohne daß er glaubte, einen so baldigen Gebrauch davon zu machen. Er nötigte sie, auszuruhen, welches sie auch ungesäumt tat, und nachdem er den Vorrat von Lebensmitteln, wovon sie zehren wollten, bis er sich herauswagen dürfte, um neue zu kaufen, nicht weit von sich hingelegt hatte, begab er sich gleichfalls zur Ruhe. Die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen.

Er war kaum aufgewacht, als er nach seinem Magazine ging, um ein kleines Frühstück zuzubereiten, das Amalie nach ihrer Erwachung finden sollte. So gering es auch sein konnte, so schmeichelte er sich doch, daß es von seinen Händen und in seiner Gesellschaft für sie ein wahres Labsal sein werde. Mit diesen und ähnlichen Gedanken suchte er – da es finster in der Höhle war, mußte er sich mehr auf das Gefühl als auf das Gesicht verlassen –, er suchte also, suchte und suchte und fand nichts. Mit der äußersten Bestürzung lief er zu dem Eingange der Höhle, wo er das Tuch fand, in welchem sein Vorrat eingewickelt gewesen war, aber zerrissen und leer, nebst deutlichen Spuren, daß ein Tier sein Räuber gewesen sein mußte.

Unentschlossen und verwirrt stand er lange da; endlich rief er und schlug in die Hände: »So muß sie verhungern? oder der Raub eines wilden Tieres werden? – Nein! ich gehe, um einen neuen Vorrat zu holen, noch ehe sie erwacht, sollte ich auch denen, die uns vermutlich nachgeschickt worden sind, gerade in die Hände fallen. Wölfe mögen mich zerfleischen, wenn mir noch ein Gedanke von Unentschlossenheit einkömmt. Ich gehe. – Schlafe sanft!« rief er nach Amalien hin. »Du lebst mit mir oder stirbst; getrennt leben wir nie.«

So ging er eilfertig fort und steckte sich hin und wieder Zeichen von Reisholze, um sich den Rückweg zu erleichtern. Nachdem er etliche Stunden unter ängstlicher Erwartung und zärtlicher Bekümmernis für die Schicksale, die Amalien indessen widerfahren könnten, durch dickes Gehölze auf einem bald sichtbaren, bald verschwindenden Wege fortgewandert war, kam er endlich zu einem Dorfe in einer kleinen freien Ebne. Er ging unerschrocken hinein, kaufte einen reichlichen Vorrat, versorgte sich mit Wasser und ging augenblicklich nach dem Einkaufe wieder fort. Die Last war außerordentlich schwer, doch Liebe und Ehre setzten seine Füße in eine so starke Tätigkeit, die es ihn nicht einmal fühlen ließ, daß sein Körper erschöpft war. Je näher er dem Ende seines Wegs kam, je größer wurde seine Ungeduld und je mehr verdoppelten sich seine Schritte. Er war noch nicht die Hälfte zurück, als er schon mit dem größten Unwillen wider sich zürnte, daß er den Weg verfehlt hätte; denn nach seiner Rechnung mußte er schon vor einer guten halben Stunde angekommen sein. Zum Glücke wurde er eins von seinen Zeichen gewahr, und der ganze Unwille fiel nunmehr auf seine Füße, die ihn nicht hurtig genug tragen konnten. Nach verschiednen andern Stürmen von Ungeduld kam er endlich an seine Höhle. Als er eben hineintreten wollte, wurde er ein Tuch gewahr, das ihm mit Blute gefärbt zu sein schien. »Was?« schrie er hastig ohne fernere Untersuchung und warf seine Bürde an den Felsen nieder, daß die Flaschen entzweisprangen – »was? Ein wildes Tier hat Amalien zerrissen?« – Verstummend stürzte er sich vollends hinein und rief, so laut er konnte: »Amalie! Amalie!« – ohne eine Minute daran zu denken, daß in dieser Gegend keine wilden Tiere waren.

Er bekam keine Antwort. Er rief noch lauter, und er hörte ebensowenig. Er stampfte, er wütete, er tobte wie ein Rasender, zitterte, schäumte. »Sie ist tot!« schrie er, »sie ist tot! Ein wildes Tier hat sie zerrissen! – Was soll ich tun? Ich laufe ihr nach.« – Er lief, stund plötzlich still. – »Wohin?« fragte er sich. – Plötzlich wandte er sich wieder um und schrie noch dreimal lauter als vorher: »Amalie! Amalie! – Nein! Sie ist nicht da! Sie ist tot; ich muß ihr nach!« – und so lief er, ohne zu wissen wohin, mit der äußersten Hurtigkeit fort.

Er hatte bisher nach seiner Abreise von Amalien kaum mit Bewußtsein gefühlt, daß er existierte, und noch viel weniger, daß er nüchtern war; doch itzt hatten seine Kräfte eine so heftige Anstrengung ausgestanden, daß er der Ermüdung nicht länger widerstehen konnte. Er sank entkräftet hin und mußte wieder langsam zurückschleichen, um sich aus seinem Vorrate eine Erquickung zu verschaffen. Er tat es und geriet dabei auf den Einfall, zu dem er vorhin nicht Überlegung genug gehabt hatte: Er nahm den größten Teil von seinen Viktualien mit sich.

Nach dieser kurzen Stärkung machte er sich auf den Weg. »Aber wohin soll ich?« fragte er sich, als er aufstund, um seine Bürde auf die Schultern zu nehmen. – »Nein, ein Tier mag sie nicht zerrissen haben. Sie lebt noch!« – Er ging nach der Höhle, um das Tuch, welches ihm einen solchen Schrecken verursacht hatte, näher zu untersuchen, und fand, daß es sein eignes Tuch war, welches er morgens vorher hatte liegen sehn und das itzt auf einem mit rötlichen Blättern bedeckten Grunde lag. Diese Entdeckung vertrieb wohl seine schreckliche Vermutung, allein es vermehrte seine Unentschlossenheit.

»Wie sollte es auch hier wilde Tiere geben?« sagte er etwas ruhiger zu sich. »Nie habe ich dergleichen gehört. Wie läßt sich so etwas Törichtes vermuten! – Sie lebt noch! Gewiß, sie lebt noch! – Aber wo soll ich sie suchen? – Vielleicht ist sie von ihren barbarischen Anverwandten ausgekundschaftet, zurückgeholt worden. – So muß ich sie noch einmal befreien.«

Er hob schon sein Bündel auf, um an dem Orte, wo Amaliens Tante residierte, heimlich Erkundigung darüber einzuziehn, als er es wieder fallen ließ und zweifelnd sagte: »Das ist wohl nicht möglich! Sie müßten allwissend sein.«

So war allmählich aus Wut die ängstlichste Unentschlossenheit geworden. Zuletzt, da kein einziger Einfall in ihm aufstund, ohne daß er nicht von einer Menge Gegengründen sogleich niedergehauen wurde, faßte er in einer Art von Verzweiflung den Entschluß, sich seinem Schicksale zu überlassen, auf Geratewohl auszugehn, um sie aufzusuchen, und wenn er sie nach langem Herumwandern nicht fände, zu tun, was ihm Liebe und Rache gegen sich selbst eingeben würden.

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