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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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31.

Unterdessen hatte die gnädige Mama mehr als einen Grund bei sich gefunden, warum sie sich für die Beleidigung, die Siegmund ihrer Meinung nach der ganzen Familie angetan hatte, nicht gerochen genug glaubte. Sie gab also während der Abwesenheit ihres Bruders und ihrer Tochter einem ihrer Haustrabanten, dem einäugigen Christoph, den Auftrag, Siegmunden aufzupassen und ihm im Angesichte des Publikums in den ehrenrührigsten Ausdrücken zu sagen, daß er ein schlechter Kerl wäre. Christoph entledigte sich seines Auftrages so gut, daß er sogar ungeheißen Siegmunden die Anwartschaft auf einen vollen Buckel Schläge gab, mit der Versichrung, daß er auf der Stelle zum Genusse gelangen könnte, wenn er ein Wort zu sagen wagte.

Siegmund, ein Mann von Ehre und äußerst empfindlich bei allem, was sie nur von fernher schmälerte, kam sogleich auf den Argwohn, daß dieser Niederträchtige ihm solche Beleidigungen nicht aus eigner Macht angetan habe, sondern daß es Wirkungen eines Zorns wären, den er sich schon längst durch eine höchst unverantwortliche Kaltsinnigkeit gegen die Reize derjenigen Dame zugezogen hatte, die ihn itzt so empfindlich züchtigen ließ und sich freute, unter dem Vorwande, die Ehre ihrer Tochter zu retten, ihn für die Verschmähung ihrer deutlichen Anerbietungen zu züchtigen. Dieser Ursache schrieb es Siegmund zu, und er mochte sich nicht irren; wenigstens war es gewiß, daß er nebst seiner Keuschheit bei verschiedenen ohne sein Wissen veranstalteten Unterredungen mit Amaliens Mutter dem Schiffbruche nicht weniger nahe gewesen war als Joseph.

Er sahe kein andres Mittel vor sich, als daß er geradesweges zu dem Onkel seiner Amalie reiste und auf das nachdrücklichste Genugtuung für eine solche Beschimpfung verlangte. Dieser gute Mann bezeugte die größte Unzufriedenheit über die unüberlegte Handlung seiner Schwester und tat ihm den Vorschlag, sich gleichfalls, wie er mit Amalien getan hätte, auf einige Zeit von der Stadt zu entfernen, um die ganze Sache indessen verrauchen zu lassen. Ein solcher Vorschlag, so gut gemeint er auch war, mußte ihn aufbringen; er verlangte noch einmal sein Recht und begab sich mit der Versichrung weg, daß er nach seiner Rückkunft in die Stadt, um seine Ehre zu rechtfertigen, den ganzen Vorfall öffentlich bekanntmachen werde; das hieß so viel als, er wolle die ganze skandalöse Geschichte von den Liebesanträgen seiner Schwester mündlich und schriftlich ausbreiten und erwarten, bis ihn jemand vor Gerichte widerlegen würde. Amaliens Onkel, der seine Versichrung zwar eigentlich nicht so verstand, aber doch verschiedene Ungelegenheiten besorgte, bat ihn, bis zu seiner Rückkunft sich zu gedulden und alsdann sich seiner Vermittelung zu getrösten.

Ohne hierauf zu antworten, verließ ihn Siegmund und erfüllte seine Drohung; jedermann, der zwei Ohren und Geduld genug hatte, mußte seinen ganzen geheimen Roman anhören, und er hatte kaum nötig, es dreien oder vieren zu sagen, als man sich schon bemühte, die Erzählung in ihrer völligen Richtigkeit aus seinem eignen Munde zu vernehmen, und sie schon einer dem andern, unbekümmert um Richtigkeit, anvertraute. Dieser Schritt, ob er gleich mißlich war, gelang ihm insofern, daß er doch von jedermann als ein Unrechtleidender angesehn wurde, wodurch er seine Ehre für gerettet hielt, weil niemand das Herz hatte, ihm öffentlich zu widersprechen.

Amalie bekam einige Zeit nach ihrer Ankunft auf dem Lande Zufälle, worüber die Tante erstlich die Augen weit aufsperrte und endlich gar dem Onkel so lange in die Ohren brummte, bis er die seinigen ebenso weit auftat. Sie geriet außerdem in eine Schwachheit und einen Tiefsinn, die beide einem zärtlichen, vor Liebe kranken Herzen nach einer Trennung unvermeidlich sind. Sie schien sich selbst Siegmunden vergessen zu haben, wenigstens dachte sie nicht mehr und nicht anders an ihn als an einen ehmaligen Bekannten; aber im Herze! – vulnus alit venis – im Herze eiterte die Wunde! Der Tiefsinn nahm zu, die Zufälle wurden der Tante immer bedenklicher; gnug, es fand sich aus sichern Anzeigen, daß das gute Kind – schwanger war, und – die unselige Fama! – ehe man sich es versah, posaunte sie es so weit aus, daß es bis zu Siegmunds Ohren kam.

Dieser ehrliche Liebesritter hatte inzwischen manchen vergeblichen und oft gefährlichen Marsch in die Gegend getan, wo sich seine Amalie aufhielt, hatte in manchem Busche gelaurt, um sie einmal auf einem einsamen Spaziergange anzutreffen – und wenn er sie ja hörte, so war allezeit Tante oder Onkel zugegen. Endlich vernahm er die Nachricht von ihrer Schwangerschaft, wobei Ehre und Gewissen einen so lauten Ruf in ihm taten, daß er beschloß, das äußerste zu wagen, um sie der Schande zu entziehen. Er hatte bisher nichts weniger geglaubt, als daß bei Amaliens zartem Alter ein übereiltes Vergnügen, zu welchem er in dem Taumel der Leidenschaft hingerissen worden war, so ernsthafte Folgen haben würde; doch itzt machte das Bewußtsein seiner Übereilung und die Liebe für Amalien, daß er es auf das erste leichte Gerüchte glaubte.

Er nahm seinen Weg zu Amaliens Aufenthalte in der Absicht, ihren Onkel zu besuchen und bei der Gelegenheit vielleicht sie selbst zu sehn. Siegmund wurde vor ihm gelassen und entdeckte mit der unerschrockensten Herzhaftigkeit das ausgestreute Gerüchte, wie sehr er Ursache habe, es zu glauben, und fragte stolz, ob das Gerüchte die Wahrheit gesagt habe. Der Onkel wurde durch diese stolze Anfrage beleidigt und befahl ihm mit verächtlichem Tone, von dem Augenblicke an nicht wieder in der dasigen Gegend zu erscheinen, oder man würde Maßregeln ergreifen, um sich in Zukunft dergleichen entehrende Nachfragen zu ersparen; so ließ er ihn stehn und ging fort.

Die Ungewißheit, in welcher er in Absicht auf Amaliens Umstände blieb, seine Liebe zu ihr, sein Ehrgeiz, die Besorgnis, in den Augen der Welt ein niedriger Verführer zu scheinen, wie ihn der Onkel bei dieser Unterredung wirklich genannt hatte, die Verächtlichkeit, mit welcher er von diesem behandelt worden war – alles dieses waren ebenso viele Sporn, die seine Verwegenheit von allen Seiten zu antrieben. Allein der Tumult in seinem Herze war zu groß, um auf der Stelle eine Entschließung zu fassen; er reiste also unter einer beständigen Abwechslung von Wut, Überlegung, Verzweiflung und Unentschlossenheit nach Hause.

So viele Mühe man sich auch gegeben hatte, Amaliens Schwangerschaft, deren Gewißheit nach der Tante Meinung immer sichtbarer wurde, vor ihrer Mutter zu verbergen, so war doch der Ruf so boshaft gewesen, alle diese Anstalten zu vernichten. Der Onkel ging mit einem Plane um, heimlich mit ihr zu einer entfernten Anverwandtin zu reisen und sie nach ihrer Niederkunft an einem dritten Orte – welches auf Antrieb seiner Tante zu seinem Anschlage hinzugekommen war – bei dieser Anverwandtin zeitlebens zu lassen, um für ihre Beschimpfung der Familie täglich gequält zu werden, wozu nach jedermanns Geständnis kein tauglicheres Werkzeug als diese Megäre hätte gewählt werden können. Da sich die Ausführung dieses Entwurfs, ich weiß nicht, aus welchen Ursachen, verzog, so hatte Amaliens Mutter Zeit genug, die Sache zu hören, und kam daher in der äußersten Wut eines Abends zu ihrer Schwester gefahren. Sie war kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie schon schäumend zur Tür nach ihrer Tochter Zimmer zulief, um sie – was weiß ich? – zu erwürgen, zu erstechen; – genug, ihr Bruder hatte alle Mühe und beinahe Gewalt nötig, um sie in eine andre Stube zu bringen. Man bemühte sich anfangs, weil der Überlegenheit ihrer Hitze über die Vernunft niemals zu trauen war, sie zu überreden, daß das Gerüchte ungegründet sei; man ließ sogleich eine gutherzige Seele, einen Bekannten aus der Nachbarschaft holen, einen Spaßmacher, der durch seine lustigen Schwanke sonst der gnädigen Frau Kummer, Zorn und alle Leidenschaften aus dem Herze herausgegaukelt hatte. Der edle Mann wurde im voraus benachrichtigt, was für mächtige Wirkungen man diesmal von seiner Kunst erwartete. Er erschien und hatte schon unterwegs seine ganze Erfindungskraft angespannt, um einen recht meisterhaften Operationsplan hervorzubringen; auch war sein Nachsinnen nicht vergeblich gewesen, denn er führte sich gleich auf eine Art in die Gesellschaft ein, die nichts als Meisterstreiche vermuten ließ. Er ließ sich plötzlich alle zween Flügel der Türe auf einmal öffnen und schlug ein doppeltes Rad zur Stube hinein; allein da die Stube für das zweite Rad um eine gute Viertelelle zu klein war und er in der Begeistrung zum Augenmaße keine Zeit hatte, so fiel unglücklicherweise der rechte Fuß auf den Hirnschädel der erzürnten Mutter, die, weil sie der Spaß zu schnell überraschte, nicht Zeit hatte, auszuweichen, sondern den Schlag in seiner ganzen Stärke bekam. Der erschrockne Künstler stand betäubt wie eine Leiche da und zitterte am ganzen Leibe über die erste mißlungne Eröffnung des Theaters. So viel hatte er inzwischen doch für seine Absicht gewonnen, daß sie zu sehr mit ihrem Schmerze beschäftigt war, um eine andre Kur für ihren Zorn wider Amalien zu bedürfen, wodurch dem unglücklichen Radschläger eine große Demütigung erspart wurde, da er ohnehin durch diesen Unfall um alle seine Laune so sehr gekommen war, daß er den ganzen Abend wie ein Blödsinniger dasaß.

Der Onkel hatte zu verschiedenen Malen, da die Wut seiner Schwester nicht mehr zurückzuhalten schien, den Vorsatz gefaßt, Amalien unter der Hand mit einem Mädchen fortzuschicken; allein da gute Leute selten hurtige Leute sind, so blieb es. Sogar den Morgen darauf wollte er es noch tun, und es blieb wieder. Indessen verlangte die Mutter schlechterdings, Amalien zu sehen, und da weder der Onkel noch die Tante zur Standhaftigkeit bestimmt waren, so mußte das arme Kind vor Gericht erscheinen. Der beschämte Lustigmacher war vor Verdruß und Kummer in aller Frühe fortgereist; folglich war keine menschliche Hülfe mehr da, die es hätte hintertreiben können.

Amalie erschien mit der Miene der Unschuld, die wohl merkt, daß sie einen Fehler begangen hat, aber ohne daß sie ihn kennt. Sie eilte mit einer schüchternen Freundlichkeit auf ihre Mutter zu, um ihre Hand zu küssen, und bekam dafür einen Stoß, der sie drei Schritte weit von ihr entfernte. Sie stand todblaß und zitternd da, hörte und sah nicht, als die Mutter in den schmählichsten Ausdrücken auf sie losstürmte. Sie bekam Vorwürfe über ihre Unempfindlichkeit und wurde noch unempfindlicher; wie versteinert sank sie in einen Stuhl, und wie versteinert wurde sie fortgeführt.

Nach ihrer Entfernung tat die Mutter den Ausspruch, daß man durch die empfindlichsten Kränkungen und Demütigungen sie für die Entehrung ihrer Familie bestrafen und fühlen lassen müsse, wie groß ihr Verbrechen sei. Die Schwester gab ihre Stimme dazu; nur der Bruder, der das Unmenschliche in diesem Vorschlage sehr wohl fühlte, machte Einwendungen dawider und versprach, einen bessern Weg ausfündig zu machen, wie man mit weniger Aufsehn die Familie rächen und Amalien zur Reue bringen könne. Die Mutter bestand auf ihrer Meinung, und er schwieg, welches so gut als eine stille Einwilligung war und auch bei ihm die nämlichen Wirkungen hatte. – Gute Leute können zu den grausamsten gemacht werden; eben die Geschmeidigkeit oder vielmehr der Mangel an Standhaftigkeit, der sie so nachgebend, so billig macht, hindert sie auch, unbilligen Maßregeln sich mutig zu widersetzen; und da diese Gattung von Charakter meistens seinen Grund in einem gewissen Anteile von Phlegma hat, so sind die Seelen, die ihn besitzen, gerade wie steife phlegmatische Körper, wo man sie hinwirft, bleiben sie liegen und sind lange und oft gar nicht imstande, sich auf eine andre Seite zu bewegen; ebenso bleiben Köpfe wie Amaliens Onkel auf dem Entschlüsse, er sei billig oder unbillig, zu welchem sie einmal hingezogen sind; das ganze Räderwerk in ihrem Kopfe geht zu langsam, um aus eigner Kraft in einer andern Richtung umzulaufen, als die ihm ein fremder Stoß gegeben hat.

Nach dieser Anmerkung wird man sich erklären können, warum dieser sonst vernünftige Mann so geneigt war, sich mit seiner Schwester zur Ausführung ihres grausamen Plans zu vereinigen, so sehr er auch Amalien liebte, ohne ein einziges Mal zu bedenken, daß der ganze Glaube von ihrer Schwangerschaft sich auf die unzuverlässige Beurteilung ihrer Tante gründete und daß alle Anzeigen davon Symptome einer innerlich nagenden Liebe sein konnten, daß die Sichtbarkeit davon niemanden als der Tante so deutlich war und vor allen Dingen daß man völlige Gewißheit von dem Versehen und dem Grade ihrer Strafbarkeit haben mußte, ehe man eine so harte Bestrafung anfangen durfte. Nichts von allem dem ließ man sich einfallen, und Amalie mußte leiden, ohne selbst zu wissen, warum; denn man hatte sich nichts von der allgemeinen Vermutung gegen sie merken lassen, und sie kannte nur das Gefühl der Liebe und die körperliche Seite davon zu wenig, um selbst auf diese Vermutung zu kommen.

Sie wurde also von dem Tische und aus der Gesellschaft ihrer Anverwandten auf so lange verwiesen, als man für gut befinden würde; sie mußte Tag und Nacht in einem engen finstern Behältnisse unter dem Dache zubringen, wo ihr das schlechteste Essen und noch dazu kümmerlich durch eine außerdem verschloßne Öffnung gereicht wurde; die Nacht mußte sie auf einer Handvoll Stroh schlafen, das ihr bei der Einführung in ihr Gefängnis eingestreut worden war; ihre Kleidung war ein dünnes Nachtkleid, das kaum mehr als die Stelle eines Hemdes vertreten konnte; in diesem Zustande wurde sie mit bloßen Füßen zu einer schon ziemlich rauhen Jahreszeit in ihrem Kerker der Kälte, dem Hunger und allen daher entstehenden Übeln ausgesetzt, ohne daß jemand wegen der strengen Aufsicht der Mutter es wagen durfte, ein Wort mit ihr zu sprechen. Fast sollte man glauben, daß alles dieses Anstalten waren, unter dem Vorwande der Bestrafung eine Tochter umzubringen, die man nach den strengen Begriffen der Ehre als einen Schandfleck der Familie betrachtete und doch nicht ohne Sünde oder Verantwortung mit Gift oder Degen fortzuschaffen sich getraute.

Die unglückliche Gefangne trug ihren traurigen Zustand mit einer anscheinenden Gelassenheit, die man von ihrem Alter nicht hätte erwarten sollen; allein es war die Unempfindlichkeit, in welche ein zartes Gemüt versetzt wird, wenn ein heftiger Schmerz alle Kräfte ihrer Empfindung auf einmal und gleich stark erschöpft; – eine feine Saite, die bis zum Zerspringen gespannt ist, gibt nur einen schwachen unvernehmlichen Ton, und Amaliens Herz war zu dieser Unempfindlichkeit schon durch ihre vorhergehende Schwermut und den für sie unergründlichen Haß ihrer nächsten Anverwandten vorbereitet worden. Sie blieb unbeweglich auf einem Flecke sitzen, seufzte bisweilen, niemand sprach mit ihr, wenn ihr das Essen gereicht wurde, und sie begehrte auch nicht zu sprechen. Sie ließ ihre elende Kost zuweilen stehen und genoß sie zuweilen, in beiden Fällen ohne Verachtung und ohne Begierde.

Die Wut der Mutter verwandelte sich allmählich in Unwillen, der mütterliche Liebe und Mitleiden zum Teil wieder aufleben ließ, wiewohl beides nur auf eine kurze Frist, so lange, bis der Paroxismus der Ehre sich wieder einstellte. Der Onkel bat zwar etlichemal für Amalien, allein es war eine schwache Bitte, die durch ein Wort von seiner Schwester niedergedrückt wurde, und endlich ward er ein ganz ruhiger Zuschauer.

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