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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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29.

Ja, ja! ich besinne mich! – ich sollte ja vorhin eine Frage beantworten, als ich eben keine Zeit dazu hatte. – Hatte die Fanatisterei die nämliche Wirkung auf Selmannen wie auf die übrigen Mitglieder? fragte man mich.

Ich antworte: Nein!

Die Vernunft kann von der Phantasie sehr leicht in den Schlaf gesungen werden, welches in allen sterblichen Köpfen Tag vor Tag geschieht; oder diese Gauklerin kann um jene in so bunten possierlichen Gestalten, mit so mannigfaltigen Sprüngen herumhüpfen, daß jene gravitätische Dame der Führung dieser tanzenden Irrlichter eine Zeitlang sich überläßt, durch kleine Pfützen, über Hügel, durch nicht allzu tiefe Moräste hinter den drollichten Dingerchen drein watschelt; aber sobald sie mit einem Fuße in tiefen Schlamm gerät – gleich steht sie still! – So einfältig ist sie nicht, daß sie den andern Fuß auf der Stelle nachsetzt, und da sie etwas phlegmatisch verfährt, so könnte sie auch, während daß sie ihn in die Luft hübe, tausendmal sich anders besinnen – aber nein; sie bleibt stehn, überlegt sich, wohin sie geraten ist und hätte geraten können, sie merkt, daß sie Verführern folgte! und so zieht sie den Fuß aus dem Moraste, kehrt um, und nun mögen Legionen Irrlichter noch so schnurrichte Tänze um sie halten – sie geht ungehindert ihren Weg fort – wenn sie vorher den rechten Weg wußte; wußte sie ihn nicht, so bin ich nicht Bürge, daß sie nicht bald wieder bis an die Knie versinkt, so lange bis sie –

Stain'd with the variation of each soil – wieder zu Hause ankömmt und allen Irrlichtern den Kredit aufsagt.

Selmanns Vernunft war immer nach jedermanns Geständnisse eine brave Vernunft gewesen; daß sie bei allen ihren Tugenden die Schwachheit hatte, sich so geduldig von der Einbildungskraft niederschwatzen zu lassen – je, wer wird denn so streng sein und einer menschlichen Vernunft das nicht vergeben? Ich vergebe es ihr so gern, als ich es dem scharfsinnigen Poiret immer zugute gehalten habe, daß er sich trotz aller seiner kartesianischen Weisheit von Fräulein Bourignon den Kopf verrücken ließ. Unter den Händen der Schönheit sind wir männlichen Geschöpfe, wenn wir auch mit einer zolldicken Rinde von Weisheit übertüncht wären – ein geschmeidiger Ton. Sobald aber das Schauspiel der Schwärmerei zu dem Auftritte kam, wo die sinnlichste Wollust mit auf das Theater trat, da fuhr Selmanns Vernunft plötzlich zusammen und rief seine Tugend zur Beratschlagung; beide überlegten und untersuchten und ließen ihre Untersuchung sich endlich gar bis auf das ganze fromme Institut erstrecken; die Vernunft sähe mit Erstaunen, wie übel es während ihres Schlafes in ihrem Hause zugegangen war, warf allen phantastischen Unrat hinaus, nahm ihren alten Zepter wieder und regierte so munter und wachsam, daß es nur die vorwitzige Phantasie wagen mag, ihren Rechten wieder zu nahezukommen!

So gut sie zwar daran handelte, daß sie ihr Haus rein machte, so konnte sie doch die Folgen nicht verhüten, die unter einer so langen tumultuarischen Herrschaft der Einbildungskraft für den Körper hatten entstehen müssen. Unter allen Quacksalbereien der Marktschreier auf unserm ganzen Planeten kann keine so eine große Verwüstung in der körperlichen Natur des Menschen anrichten als der Fanatismus. Nerven, die immer bis zum Zerspringen gespannt sind, auf welchen die Phantasie und die Empfindung unaufhörlich die wildesten rauschendsten Stücke spielen, verstimmen sich endlich oder springen gar; Lebensgeister und Blut, die beide nach jenem übertriebnen Tempo auf und nieder laufen müssen, ermüden endlich – besonders da Selmanns körperliche Kräfte schon vorher halb erschöpft waren.

Er verfiel in eine wirkliche Krankheit, die ihn etliche Wochen bettlägerig machte. Vielleicht war dies eine von den Kuren der Natur, die durch den Schmerz die Säfte der Seele und des Körpers läutert; wenigstens tat die Krankheit die Wirkung, daß sie den Flug seiner Schwärmerei vollends niederschlug und dadurch die angefangne Genesung der Vernunft vollendete.

Nun gute Nacht, fromme Gesellschaft! Emilie, mit allen deinen sinnreichen weithergeholten Entwürfen auf seine Tugend! Er besucht weder die eine noch die andre, und beide erscheinen ihm in dem verhaßtesten Lichte. Seine Unzufriedenheit mit der Welt wurde allmählich durch die Schwächungen der Krankheit in Gleichgültigkeit verwandelt, und alle Gegenstände, selbst solche, die vorhin seine ganze Begierde hinrissen, schienen ihm itzo tot, unkräftig, weder Haß noch Liebe zu erwecken. Seine denkenden Kräfte waren gesunken, und darum sank auch sein Selbstzutrauen, und seine ganze Art zu handeln verlor das Glänzende, die unterscheidende Lebhaftigkeit. Er sähe alles mit dem bloßen Auge der Vernunft und sah es vielleicht darum richtiger als jemals; aber die Vernunft begeistert nicht zur Tätigkeit: Das ist das Geschäfte der Phantasie.

Wenn ja zuweilen seine schnelle Tätigkeit wiederzukehren schien, so war dies mehr Wirkung einer mechanischen Gewohnheit als wirkliche Lebhaftigkeit. Der gelehrte Abenteurer, dessen oben Erwähnung geschehn ist, war nebst meinem Helden sein getreuer Freund und Gesellschafter; beide pflegten ihn mit einer Sorgfalt und Liebe, wie sie für dankbare Freunde sich gebührt. Der erste schwatzte ihm durch Erzählungen eigner und fremder Begebenheiten, durch Gespräche über Selmanns Lieblingsmaterien die langen Stunden hinweg und durfte keine einzige von seinen gewöhnlichen schwarzen Anmerkungen über Welt und Menschen einfließen lassen, ohne daß Selmann ihn nicht darüber tadelte und zur Duldsamkeit ermahnte.

Eines Tages erzählte er ihm die traurige Geschichte eines seiner Freunde, die des Kranken vorzügliche Aufmerksamkeit und Empfindung auf sich zu ziehen schien. Er berichtete ihm, da er dieses merkte, daß die Unglückliche, die der Hauptgegenstand der Geschichte war, in der Nachbarschaft lebe und – Doch ich will meinen Lesern erst die Geschichte erzählen; alsdann sollen sie erfahren, was für einen Einfluß sie auf Selmanns Ende haben konnte.

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