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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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8.

In die Philosophie der Frau Knaut mußte auch der obige Satz aus der allgemeinen Landesphilosophie, ich weiß nicht, durch welchen Weg, gekommen sein; denn so unwillig sie auch aus andern Ursachen darüber war, so bewunderte sie doch die unglaubliche Emsigkeit, mit welcher ihr Tobias die leimerne Hinterwand der väterlichen Wohnung zerkratzte, um in einer nahgelegnen Pfütze Baumaterialien daraus zu verfertigen, und die unbeschreibliche Geduld, mit welcher er halbe Tage lang in jeder Witterung unter freiem Himmel sitzen und seinen gesammelten Vorrat zu Häusern, Kirchen und Palästen verarbeiten konnte. Ebensosehr erstaunte sie oft über den unaufhaltsamen Eifer, mit welchem er den Bänken der Schulstube predigte und, der Verfolgungen ungeachtet, die seine Predigt von ihr auszustehen hatte, als der unüberwindlichste Märtyrer in seinem Berufe fortfuhr. Sie sähe in allen diesen sonderbaren Äußerungen, die sie für Wirkungen der Natur hielt, nichts weiter, als was in dem engen Zirkel ihrer Begriffe, aber doch ganz am Ende der Peripherie lag, nämlich, daß die Natur von ihr verlange, ihren Sohn einen fetten Diener des göttlichen Worts werden zu lassen, ohngefähr wie der Herr Magister im Dorfe; die Ursache, die diese Wirkungen hervorbrachte und die eigentlich ihren Augen viel näher war, übersähe sie – ein gewöhnlicher Fehler der Sterblichen!

Indessen beging die gute Frau in ihrer ganzen Auslegung keinen andern Fehler, als den alle menschliche nomina Substantiva, utriusque generis et numeri zu begehen pflegen, die ihre Weisheit aus einem Kompendium mit der Frau Knaut gelernt haben. Insgesamt deuten sie die freiwilligen Beschäftigungen der Kindheit bloß auf die Wahl der Lebensart und des Standes – der moralische Charakter – ach, wer wird sich auf den besinnen? – Der Charakter als Hofrat, als Superintendent, als Leibmedikus, dergleichen Charakter fallen einem wohl ein – insgesamt halten sie diese Äußerungen der Kindheit für Winke der Natur, die den Eltern weisen, zu welchen unter der letzten Art von Charakteren sie das Kind geführt wissen will.

Das ist die Unsauberkeit, die sich während des Kurses an diese Meinung angehängt hat; dadurch sind etliche Buchstaben in der Aufschrift unleserlich und der Sinn zweideutig geworden. Wenn sich meine Leser oder Leserinnen, die ich etwa zufälligerweise haben könnte, die Mühe geben wollten, unter ihren Urteilen über ihre und ihrer Freunde junge Familie eine kleine Musterung anzustellen, so würden sie alle finden – Ausnahmen könnten wohl wider mein Wissen statthaben –, daß sie samt und sonders nach dem Muster der Frau Knaut, so gut und richtig als ihre Hauben und Schlafmützen nach dem papiernen Muster, zugeschnitten sind und daß bloß das Muster schuld daran ist, wenn sie einen Fehlschnitt getan haben.

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