Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Richter >

Lebenserinnerungen eines deutschen Malers

Ludwig Richter: Lebenserinnerungen eines deutschen Malers - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/richterl/lebense/lebense.xml
typeautobiographie
authorLudwig Richter
titleLebenserinnerungen eines deutschen Malers
publisherDieterich'sche Verlagsbuchhandlung
year1960
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110113
Schließen

Navigation:

Civitella

Wie der Fischer am Lande sein Netz durchsucht, nachdem er einen Zug getan, die großen Fische von den kleinen sondert, so sieht der Landschafter nach einer Wanderung seine Bücher und Mappen durch und sortiert das Wertlose von dem Besseren. Ich fand, daß ich mit wenig Ausnahmen nur ganz Flüchtiges mitgebracht hatte, was kaum mehr als eine leise Erinnerung bedeuten konnte. Überraschen konnte mich dies bei der Kürze der Reisezeit nicht besonders; mehr aber fiel es mir auf, daß der Zauber dieses irdischen Paradieses keinen tieferen Eindruck auf mich gemacht hatte. Der Grund dieser Erscheinung war wohl in dem Beginn einer Krankheit zu suchen, die, von mir bisher nur wenig beachtet, die Stimmung drückte, den Reiz der äußeren Eindrücke abstumpfte und mich unempfänglicher für die Schönheit gemacht hatte, welche mich umgab.

Schon im Winter war ich von Brustschmerzen und einem anhaltenden Husten geplagt worden, und mein Aussehen wurde immer krankhafter. Dennoch wagte ich nicht, einen römischen Arzt zu befragen, weil sie bei uns Deutschen kein besonderes Vertrauen genossen. So ließ ich denn die Sache gehen und hoffte, der ruhige Aufenthalt in Civitella werde alles wieder in Ordnung bringen.

Es mochte wohl Ende Juli sein, als ich mit Maydell in unserem hochgelegenen Felsenstädtchen angelangt und wir uns bei dem phlegmatischen Don Vincenzo häuslich eingerichtet hatten. Hier lebten wir in beinahe völliger Abgeschiedenheit bis in den Herbst hinein, also volle drei Monate, arbeiteten und sammelten Studien, ohne jemals durch Besuche Bekannter oder Fremder darin gestört zu werden; denn höchst selten verstieg sich ein Maler bis zum Städtchen, man wußte, daß es darin nichts Bemerkenswertes zu sehen gab, und die Aussicht in den östlichen Teil des Sabinergebirges, welche durch die steilen Felsenmassen von Civitella verdeckt wurde, gewann man eine halbe Stunde unterhalb des Ortes und ersparte sich damit die Mühe eines immerhin noch beschwerlichen Steigens.

Wir beide aber waren die ersten Fremden, überhaupt die Entdecker und Begründer eines Asyls zum Unterkommen hier oben, welches später von Künstlern und Reisenden vielfach benutzt wurde.

Der kleine Ort mit seinem Kirchlein bedeckt den schmalen Felsenrücken, welcher sich nördlich senkrecht und auf den andern Seiten mehr oder weniger steil absenkt, bis sich das öde Kalkgestein in die grünen Waldgründe verliert.

Die Armut der Bewohner schaut aus jeder Haustür und jeder leeren Fensteröffnung heraus. Arm, sehr arm waren die Leute, aber nicht verkommen; ihre Bedürfnisse waren gering, und sie wußten sich nach der Decke zu strecken. Dabei zeigten sie sich gutmütig und überaus heiter. Sogleich beim Eintritt ins Städtchen, als wir von Olevano herauskamen, waren wir Zeugen einer Volksbelustigung, welche uns den Beweis gab, mit wieviel Humor und wenig Kosten sie dergleichen ins Werk zu setzen wußten. Es hatten sich fünf oder sechs Burschen in der Straße aufgestellt, welche ansteigend sich nach dem oberen Tore zieht und deren Grund und Boden der nackte, ganz unebene, zum Teil mit natürlichen Stufen und Absätzen versehene Fels war, auf den das ganze Nest gebaut ist. . .

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.